04.02.2017

Eine Meldung und ihre GeschichteAuf die Fakten!

Wie Dresdner Studenten mit Bierdeckeln politische Aufklärung betreiben
Eine zierliche, blonde Studentin geht am helllichten Tag in eine Dresdner Kneipe, dorthin, wo Dunkeldeutschland vielleicht am dunkelsten ist, so vermutet sie es jedenfalls. Sie heißt Janina Dreier, 27, geboren im Jahr der Wende in Niedersachsen. Sie betritt Acki's Sportsbar, die wegen rechter Krawalle berüchtigte Kneipe des Fanklubs von Dynamo Dresden. Das Stadion und ein paar Plattenbauten liegen nebenan, Aldi gegenüber, Spielautomaten dudeln, über dem Tresen hängt kalter Rauch.
"Sie sind doch eine Bierkneipe", beginnt Janina leise und kramt in ihrem Rucksack. "Nu", sagt Rainer, der Wirt. "Und da dachten wir, äh, also ich dachte", sagt Janina und lächelt schüchtern, während sie einen Stapel Bierdeckel vor ihn auf den Tresen legt. "Würden Sie die hier vielleicht bitte auslegen? Ginge das?"
Der Wirt schaut skeptisch unter buschigen Brauen hervor, nimmt einen Deckel und liest: "Flüchtlinge kriegen mehr Geld als einer mit Hartz IV". Rainer nickt, bemerkt das Wort "Vorurteil", dreht den Deckel, liest: "Nach Asylbewerberleistungsgesetz erhält ein Asylbewerber 354 Euro im Monat. Der Hartz-IV-Satz beträgt 404 Euro."
Der Wirt rechnet, 50 Euro weniger als die meisten seiner Kunden. "Das sind ja mal Fakten", sagt er, da könne man was lernen. "Nu", sagt er, "dann lassen Sie die hier. Damit wir was zu reden haben nach dem Spiel, so unverbesserlich sind wir ja gar nicht."
Janina hatte mit Pöbeleien gerechnet, mit Rauswurf. Aber dieser Tag räumt auf mit Vorurteilen und Schubladendenken, auf beiden Seiten. "Krass", findet Janina. Seit drei Jahren lebt sie in Dresden, nur hier wollte sie hin: "Wegen der Dynamik, der Möglichkeiten", Janina studiert Raumentwicklung und Naturressourcen-Management im siebten Semester.
Die Idee mit den Bierdeckeln kam ihr und Kommilitonen, "als die mit dem Laufen anfingen". Die, Pegida, Dresdner Wutbürger, die jeden Montag im beleidigten Ton der Zukurzgekommenen Stammtischparolen rufen.
Bis zum letzten Sommer stand Janina auf der Gegenseite, im schwarzen Block, ließ sich als "faules Pack" beschimpfen. Irgendwann sah sie keinen Sinn mehr in ihrem Protest. Sie wollte dorthin, wo die Parolen entstehen – ins Herz der schunkelnden Rudelbildung, ins schnaps-trunkene Delirium: in Sachsens Kneipen.
Also entwarfen die Kommilitonen sechs verschiedene Bierdeckelmotive. Auf die eine Seite druckten sie das Vorurteil, auf die andere die Fakten. "Politische Bildung auf Pappquadraten" nennen sie das, oder "Faktencheck am Zapfhahn". Im August ließen sie 120 000 Deckel drucken, Geld kam vom sächsischen Staatsministerium für Soziales und vom Gaststättenverband, nur 13 000 Euro kostete die Aktion. Es gab viel Lob, Kritik kam auch: Eine "Umerziehungskampagne" wie zu DDR-Zeiten, befand die AfD.
Jenseits des Pegida-Aufmarschgebiets, auf der anderen Elbseite, liegt Dresdens Neustadt, hier betritt Janina Hebeda's Familieneinkehr, ein Heimspiel, alles Studenten, denkt sie und hält dem Barmann zwei Deckel hin: "Flüchtlinge kosten uns doch nur Geld" und "Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg". Warum Deutschland ohne Zuwanderung in 20 Jahren Millionen Arbeitskräfte fehlen, erklärt die Rückseite, als Quellen dienen der Internationale Währungsfonds und das Institut der deutschen Wirtschaft. "Kapitalistische Scheißquellen", ruft der Barmann, "das wolln wir hier nich!" Janina wundert sich, vor ein paar Monaten war die Kneipe noch ganz scharf auf die Bierdeckel.
In der Szenebrauerei gegenüber das gleiche Spiel: Die Kellnerin fürchtet ihren Chef. Der wolle einen "neutralen Laden", bloß keine Politik zu Bier und Burgern. Es sieht so aus, als wären ihre Fakten auf der linken Seite des Gesellschaftsspektrums schwieriger zu vermitteln als auf der rechten.
Letzte Verteilstation ist Leo's Bierstube, eine dieser tristen Kiezkneipen, Auffangbecken der Gestrauchelten, die sich bei Feldschlösschen ihr Leben erzählen; aus der Jukebox klingt Roland Kaiser.
An diesem Abend aber hören sie einander zu, und schuld daran sind Janinas Bierdeckel. "Deutschland nimmt doch die ganze Welt auf" legt sie auf den Tresen und wartet. Eine füllige Dresdnerin rückt ihren Stuhl heran, lässt sich alle Deckel zeigen, sagt, das sei ja wie bei den Quizfragen von Günther Jauch, und schmeißt eine Runde "Pfeffi", grünen Minzlikör, der nicht nur wie Geschirrspülmittel aussieht.
Als sich der Wirt dazustellt und weitere Gäste mit am Tisch Platz nehmen, wird diese kleine Welt plötzlich ganz weit, er liest: "Lediglich 0,7 Prozent der weltweit vertriebenen 65 Millionen Menschen haben einen Asylantrag in Deutschland gestellt." Aha, wusste er ja gar nicht. Und kommt ins Quatschen, erzählt, wie fremdenfreundlich er eigentlich sei, von seiner Tochter, die in Paris studierte.
Und Janina berichtet von den Nomaden am Hindukusch, die sie mal besucht hat, und vergisst für eine Nacht dieses Deutschland, in dem man um so vieles ringen muss und stets beweisen, was wahr ist und was falsch. Und ist einfach eine Studentin, die Minzlikör trinkt und auf die erst am nächsten Morgen wieder eine Masterarbeit wartet, die längst fertig sein müsste.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 6/2017
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