04.02.2017

FreiheitWas vom Bösen bleibt

Fast drei Jahre lang stand die irakische Stadt Mossul unter der Herrschaft des „Islamischen Staats“. Nun ist ein Teil der Stadt befreit. Ihre Menschen erzählen vom Alltag unter Barbaren – manche trauern ihnen sogar nach. Von Jonathan Stock und Christian Werner (Fotos)
Hinter den Lilien an der letzten Straßensperre, hinter dem Zeichen des "Islamischen Staats", hinter verlassenen Schützengräben, hinter den Schafen, die zwischen den ausgebrannten Panzern grasen, hängt ein Mann an einem Strommast. Ein Kabel ist um seinen Hals geschlungen, die Haare sind frisch geschnitten. Es ist staubig hier, und mit dem aufkommenden Smog sieht man nicht weit, Mossul ist nur ein Streifen am Horizont, man hört die Stadt, bevor man sie sieht, die Luftschläge der Kampfjets aus neun Ländern, das Granatfeuer, die Straßenbomben, die der IS zurückgelassen hat. Den Leichnam am Strommast bewacht ein junger Kämpfer der schiitischen Badr-Brigaden, konzentriert steht er mit seiner Kalaschnikow am Straßenrand, beobachtet den Verkehr. Kinder halten an, schauen kurz nach oben, gehen weiter. Ein irakischer Soldat kommt mit zwei Kameraden von der anderen Straßenseite heran, er ist älter, ein Familienvater aus Bagdad, es ist sein zweiter Tag hier vor der Front, er muss noch lernen.
"Warum hängt der Mann da oben?", fragt er.
"Als wir ihn gefunden haben, hat er noch gelebt. Also haben wir ihn getötet. Dann haben die Hunde angefangen, ihn zu essen."
"Und?"
"Und wir wollen keine Hunde hier. Also haben wir ihn an den Mast gehängt."
"Er gehört beerdigt. Er ist ein Geschöpf Gottes."
"Nein. Er ist Daisch."
Daisch, so nennen sie hier die Kämpfer des IS, verächtlich, mit einem scharfen Zischlaut am Ende, wie das Züngeln einer Schlange. Es erinnert an das arabische Wort für "zertreten" oder "Zwietracht säen". Und so wie es der Wächter sagt, klingt es, als wäre der Tote kein Geschöpf Gottes, als stünde er außerhalb der natürlichen Ordnung, als gälten für ihn nicht die Regeln, die für alle gelten, als könnte ein Mensch nicht gut genug sein, um als Mahl der Hunde zu enden. Der Wächter dreht sich um zu uns, die hier angehalten haben, deutet auf den toten Kämpfer und sagt ein paar der Wörter, die er auf Englisch kennt und die ihm passend erscheinen: "End of story."
Das Ende des IS im Irak, es ist noch nicht geschrieben, aber es entscheidet sich in Mossul, der zweitgrößten Stadt des Landes, 356 Kilometer nördlich von Bagdad, Heimat von über einer Million Menschen, fast drei Jahre regiert von Terroristen. In der zweiten Januarwoche erreichten nach Monaten heftiger Kämpfe irakische Spezialeinheiten den Fluss Tigris, der die Stadt teilt. Kurz danach sprengte der IS alle verbliebenen Brücken über den Fluss und harrt seitdem im Westteil Mossuls aus, mit etwa 750 000 Menschen in seiner Gewalt, umzingelt von kurdischer und irakischer Armee. Nur der Osten der Stadt ist weitgehend befreit. Fällt Mossul, so verliert der IS seine größte Stadt, mit geschätzt zehnmal so vielen Menschen wie im eingekesselten Aleppo. Deshalb bekämpfen sich die beiden Seiten so erbittert, beschießen sich mit Mörsergranaten und Raketen, französische und amerikanische Kampfjets lassen Bomben fallen, der IS steuert bewaffnete Drohnen, vor ein paar Tagen fanden die Iraker in Mossul Senfgas. Mitte Januar sagte Lise Grande, Uno-Koordinatorin für den Irak, man sei gerade "Zeuge einer der größten städtischen Militäroperationen seit dem Zweiten Weltkrieg". Der Anführer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, forderte in seiner jüngsten Nachricht an seine Kämpfer, dem Gegner erbittert Widerstand zu leisten, nicht zu flüchten, denn der Krieg, in dem sie sich derzeit befänden, sei ein Vorbote des Endsiegs.
Seit Beginn des Krieges war Mossul das größte Pfand des IS. Hier überrannten im Juni 2014 ein paar Hundert ihrer Kämpfer innerhalb von vier Tagen eine jahrtausendealte Stadt, mit Gerichten, Behörden, Banken und Krankenhäusern, bewacht von 60 000 Soldaten und Polizisten. Hier erklärte sich Abu Bakr al-Baghdadi bei seiner einzigen öffentlichen Rede zum Kalifen aller Muslime. Von hier aus eroberten seine Kämpfer ein Gebiet von der Größe Großbritanniens, das vom Nordwesten Syriens bis südlich von Bagdad reichte, das über Ölquellen verfügte, Sklaven, Geiseln, Gold, antike Schätze, Steuereinnahmen. Und Mossul war auch ein Versprechen des IS: Seht her, wir können nicht nur erobern, sondern auch eine Millionenstadt regieren, wir schaffen hier eine neue Welt, unsere Welt.
Wie sah sie aus, diese Welt, die vor dem Ende steht? Was erzählen deren Bewohner, die wieder frei sprechen können? Wie sah sie aus für einen Vater, dem hier ein Sohn geboren wurde? Für eine Mutter, die hier ihr Kind verlor? Für ein Kind, das lernte zu töten?
Langsam drehen die Räder der Kolonne durch den Schlamm, kriechen die sechs Humvees und Transporter der irakischen Polizei den Feldweg nach Mossul hinauf, vorbei an abgeernteten Weizenfeldern und ockerfarbenen Hügeln. Sie umkurven vorsichtig die mit Wasser gefüllten Krater, die die Bomben gerissen haben. Nach Sonnenaufgang haben sich die Polizisten an der Stadtgrenze gesammelt, die letzten Gefahrenmeldungen per Funk empfangen. 120 Mann habe er in den letzten Wochen verloren, sagt der rauchende Polizeichef, er wollte nicht noch mehr verlieren. Seine Leute wurden in den Jahren unter dem IS gejagt, der Stadt verwiesen oder exekutiert. Und noch immer sind sie ein beliebtes Ziel der Terroristen, weil sie eine staatliche Ordnung symbolisieren und keine göttliche.
Jetzt hat der Polizeichef 70 Mann versammelt, alle mit Kalaschnikows bewaffnet, die Humvees, gepanzerte Geländewagen, mit schweren Maschinengewehren aufgerüstet. Sie sind hier, um Wasser zu transportieren und notfalls auch zu verteidigen. Luftschläge haben die Leitungen in der Stadt zerstört, seit Monaten gibt es kein fließendes Trinkwasser mehr, Kinder stehen Schlange an den wenigen Quellen, tragen es kilometerweit nach Hause oder fangen Regenwasser auf. Zum ersten Mal fährt der Konvoi heute in den befreiten Südosten Mossuls, in das Viertel Dschudaida al-Mufti. Die Menschen haben weiße Fahnen aus den Häusern gehängt, sie haben Angst vor den Fremden in den neuen Uniformen, noch ist an den Wänden das Graffito der alten Besatzer zu sehen: "Der Islamische Staat bleibt".
Das Erste, was man in der Stadt wahrnimmt, ist der Geruch nach brennendem Müll und Benzin. Dann die Trümmer und Gräben, die Straßensperren, vor niedrigen Häusern, aus schiefen, grauen, unverputzten Steinen. Auf allen Bildern in der Stadt sind Gesichter von Menschen und Tieren übermalt, selbst das Lächeln der Delfine auf den Mauern eines Kindergartens ist ausradiert, Freiwillige haben allen Statuen in den Parks, Museen und Plätzen die Köpfe abgeschlagen. Nur Gott soll die Macht zur Schöpfung haben, kein Abbild diese Macht anzweifeln. Auf den erdigen Straßen sind meist nur Kinder zu sehen, manche halten sich beim Anblick der Waffen die Ohren zu, andere sammeln auf Müllbergen nach Alteisen, verkaufen am Wegesrand Benzin aus Plastikflaschen, spielen mit Patronengurten. Kinder waren unter dem IS Zigarettenschmuggler und Boten, Horchposten und Spione, in der Kampfgruppe Aschbal, "Löwenjungen", wurden sie für den Krieg trainiert. Jetzt werden sie von ihren Eltern wieder vorgeschickt, als Test im Umgang mit den neuen Befreiern, von denen man noch nicht weiß, was sie bringen werden. Im Schritttempo fährt die Kolonne voran. Bei einer Schule befiehlt der Polizeichef anzuhalten.
"Bildet Reihen", sagt er. "Sichert das Wasser." Er hofft, dass er hier für ein paar Stunden außer Gefahr ist. Immer noch nehmen sie jeden Tag in der Stadt IS-Kämpfer fest, die sich versteckt halten, kilometerlange Tunnel ziehen sich unter der Stadt entlang, aus der Luft fürchtet er die Drohnen. Es ist, als teilte man die Stadt mit einem Feind, der immer da ist, aber sich nie zeigt. Der IS warnte die Bewohner, wenn das irakische Militär zurückkäme, würden sie alle sterben. Das Militär dagegen ließ Flugblätter abwerfen, alle sollten während der Befreiung in ihren Häusern warten, dort seien sie sicherer. Ein Irrtum. Viele starben durch die Luftschläge der letzten Monate. Jedes Haus wurde umkämpft, zahlreiche zerstört. Auch deshalb versuchen die Polizisten, mit Wasser Vertrauen zu gewinnen. Kinder kommen angerannt, vorsichtig nähern sich ein paar Alte und Frauen, schnell spricht sich die Nachricht vom Wasser in den Straßen herum, mehr drängen heran. "Stopp!", ruft der Polizeichef, "langsam, lasst immer nur eine Person zum Wagen."
In der Schlange wartet Jassim al-Kuraifi, ein ruhiger Mann mit heller Haut und rotem Haar. Jassim ist Elektroingenieur, seine Frau Biologielehrerin, sein Vater Leiter der örtlichen Grundschule. Zu Hause wartet sein zweijähriger Sohn auf ihn, Abdallah. Er erzählt, am Anfang, als der IS gekommen sei, habe er gedacht, diese Männer seien ein Witz, sie würden sich nur ein paar Tage halten. Bald habe er gemerkt, dass die Männer blieben. Drei Monate später wurde sein Sohn geboren. Jassim überlegte zu fliehen, aber das hätte bedeutet, alles zurückzulassen, seinen Sohn im Zelt eines Flüchtlingslagers aufwachsen zu sehen, sein Haus geplündert zu wissen, Verwandte in der Stadt in Gefahr zu wähnen. Denn wer das "Kalifat" verließ, der war ein Ungläubiger, ein Verräter, ein Spion. Also blieb er, wie die meisten, in Mossul, versuchte durchzukommen, nicht aufzufallen. Mossul, sagt er, sei immer noch seine Heimat, er kenne nichts anderes. "Im ersten Jahr versuchten wir also mitzumachen", sagt er, "im zweiten Jahr wurden wir Heuchler, im dritten Jahr zu Abtrünnigen."
Jassim erzählt von den Vorschriften und den Strafen. War der Bart nicht lang genug: 10 000 irakische Dinar, fast 8 Euro. War die Hose nicht kurz genug: 10 Peitschenschläge. Kein Internet, keine Zigaretten, keine Spiele, keine Wasserpfeifen, keine Fotos, keine Mobiltelefone, keine Tiefkühlkost, kein Satellitenfernsehen, keine Musik, mehr als zwei Jahre lang. Ausnahmen gab es nur für die ausländischen IS-Kämpfer, für die Internetcafés offen waren. Und Fußball, das hätte der IS nicht verbieten können. Auf alles erhoben die neuen Behörden Steuern, auf jeden Laden, jede Ware, selbst auf Bananen. Wer reich war, musste zahlen, wer arm war, musste mitkämpfen, das schien die Strategie der Terroristen zu sein. Dazu gab es kein Gehalt mehr von der irakischen Regierung. Seit 14 Monaten lebt Jassims Familie vom Geld der Verwandten. Am ersten Tag der Freiheit hätten sich alle Männer in der Straße die Bärte abrasiert, sagt er, aus Erleichterung, aber auch aus der Vorsicht, nicht für einen Islamisten gehalten zu werden. Noch immer liegen die Haarbüschel auf den Straßen. Während er erzählt, hat sich die Schlange nur wenig vorwärts bewegt, Kinder und Frauen haben etwas von dem Wasser abbekommen, nur wenige Männer. Die Polizisten steigen in ihre Wagen und fahren davon. Jassim geht nach Hause zu seiner Familie, er hat nichts mitgebracht.
An seinem Straßentor steht noch in weißer Kreide die Mahnung des Steuereintreibers des IS, dass sie bald wieder Abgaben für Wasser bezahlen müssten. Jassims Vater öffnet das Tor, zeigt im Garten die Verstecke für ihre Mobiltelefone, bittet einzutreten in einen kleinen Raum, mit Teppichen ausgelegt, lässt süßen Tee servieren, holt die Biologiebücher, die sie im Haus verwahrten, mit den verbotenen Zeichnungen. Seht her, soll das heißen, wir haben doch Widerstand geleistet. Drinnen kommt Jassims Sohn Abdallah angelaufen, lugt vorsichtig durch die Tür, mustert schweigend die Fremden.
Als die Bomben fielen, haben sie gesungen, sagt Jassim, unter der Treppe in ihrem Haus. Es war das Lied vom Wettrennen zwischen Schildkröte und Hase, erzählt er, um die Kinder zu beruhigen. Die Schildkröte ist schneller als der Hase, weil sie mehr Ausdauer hat, der Hase schläft unterwegs ein. Irgendwann habe er nicht mehr singen müssen, sagt er, die Kinder hätten sich an den Krieg gewöhnt. Abdallahs erstes Wort war: Flugzeug.
Jassims Vater, der Schulleiter, sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, seine Söhne schauen ihn an, er sagt, sie hatten mal Ärzte werden wollen. Jetzt sehe er diese Zukunft nicht mehr. Als die Vertreter des IS sein Büro besuchten, sagten sie ihm, dass er weiter Schulleiter bleiben, aber ihren Weisungen folgen müsse. Sie seien freundlich gewesen, am Anfang. Aber dann nahmen sie die Lehrbücher und verbrannten sie. In den neuen Büchern stand: "Eine Patrone plus eine Patrone macht wie viel?" Sie brachten Filme mit, die Enthauptungen zeigten, schließlich enthaupteten sie selbst, auf dem Platz vor der Moschee. Sie erklärten, wie man ein Gewehr auseinandernimmt, wie man schießt, wie man einen Panzer fährt. Die meisten Eltern nahmen ihre Kinder nach einem Jahr von der Schule, erzählt der Vater, das sei möglich gewesen, wenn man bezahlte. So blieben nur die Armen und die Kinder der Fanatiker. Manchmal sah er in ihre Augen und schämte sich. Er hätte gern etwas getan, sagt er, aber man müsse ihn verstehen, er habe auch an seine eigene Familie denken müssen. Dann schweigt er.
Es geht ein Riss durch Mossul, er trennt Verwandte, Nachbarn und Freunde. Viele haben noch Angehörige im Westen der Stadt, manche sind Gefangene des IS, andere sind ihre Wärter. Nur wenige sprechen frei auf den Straßen. Jassim sagt, er habe gute Freunde gehabt, 20 Jahre lang gekannt, aber nachdem sie zum IS gewechselt sind, hätten sie ihn nicht mehr gegrüßt. Wenn er nach draußen gehe, müsse er jetzt aufpassen, was er sage, denn manche Familien seien immer noch da. Jassim sagt, Kinder sollten nicht mit Waffen in Berührung kommen, das verbiete das Gesetz. Das Gesetz sei das Fundament des Staats, aber was ist, wenn jemand das Gesetz verbiete?
In der Bibliothek der Universität sind die Buchseiten zu schwarzer Asche verkohlt. Die Kirchen sind zerstört, manche dienten als Munitionslager und Trainingscamps für den IS. Seit Jahrhunderten war Mossul eine Stadt der vielen. Hier gab es einige der ältesten und schönsten Kirchen des Ostens, Sitz mehrerer Erzbischöfe, hier lebten Jesiden, Araber, Kurden, Schiiten, Sunniten, Christen. Dann vertrieb Saddam Hussein die Kurden und siedelte Sunniten an. Nach Husseins Tod rächten sich schiitische Milizen an den Bewohnern. Unter dem IS wurden Jesidinnen als Sklavinnen verkauft, die Christen hatten die Wahl: 48 Stunden, um die Stadt zu verlassen oder zu sterben. Abu Bakr al-Baghdadi sagte, er wolle eine Welt schaffen, in der alle Brüder sein könnten: Weiße, Schwarze, Araber und Nichtaraber, Menschen aus dem Osten und aus dem Westen. Aber wer Bruder war, das bestimmte er. Und aus seinen Brüdern wurden Mörder und Opfer, Plünderer und Heimatlose.
Bei den Ruinen von Ninive, der alten biblischen Stadt im Herzen von Mossul, ist an den Mauern noch die Propaganda des IS zu sehen. Detailreiche Bilder, Hunderte Meter weit. Ein vermummter Kämpfer, der mit seinem Dolch zum Kolosseum deutet, dazu der Satz: "Wir werden Rom erobern, mit Gottes Hilfe." Das Bild der Aksa-Moschee auf dem Tempelberg: "Wir kämpfen im Irak, aber unser Ziel ist Jerusalem." Ein Bild von amerikanischen Kampfjets: "Wir werden siegen, trotz der Kreuzzügler." Rom, Jerusalem, die USA. Es ist das Versprechen einer großen Welt, die Beschwörung, dass etwas Neues entstehen sollte. Tatsächlich aber waren die neuen Propheten nur Meister der Zerstörung.
Auf einem Hügel unweit des Tigris, hoch über der Stadt, liegen die Trümmer von Jonas Moschee und seinem Grab, des biblischen Jona, der im Bauch des Walfischs reiste und von Gott den Auftrag erhielt, nach Ninive zu reisen, um der Stadt ihren Untergang vorherzusagen. Für Jonas Moschee war Mossul berühmt, sein Grab lockte Touristen aus dem ganzen Land, auch von Muslimen wurde es verehrt. Die Moschee war eine der schönsten des Landes, von ihren Terrassen konnte man das grüne Wasser des Tigris sehen und unter den vom Abendlicht angestrahlten Bogen sein Gebet verrichten.
Zwischen den Ruinen streift nun Nawal Hashem Qasim umher, eine alte Frau mit schmaler Brille, die schnell spricht und deren Lachfalten zeigen, dass sie mal fröhlich war. Nawal sagt, sie sei 1945 in Mossul geboren worden, sie habe den König erlebt, die Revolution, den Militärputsch, die Kämpfe gegen die Kurden, Saddam Hussein, den Krieg gegen den Iran, gegen Kuwait, gegen die USA, die Besatzungszeit, die schiitischen Soldaten. Aber der IS, die letzten Jahre, sagt sie, seien die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Mit ihnen kam das Böse in die Stadt.
Sie streicht über die Steine, die früher Wege waren, wischt den Staub von den zerbrochenen Säulen, 200 Jahre lang hat ihre Familie Jonas Grab bewacht, die Schlüssel verwahrt, und sie kann sich auch jetzt nicht trennen. Ihr Vater hat ihr zum ersten Mal Jonas Grab gezeigt, als sie noch ein Kind war, fast 70 Jahre ist das jetzt her. Sie hat hier zwischen den Säulen Verstecken gespielt, naschte im Sommer kurdischen Honig und im Frühling gekochte Weinblätter, gefüllt mit Reis, die ihre Mutter zubereitet hatte. Vorsichtig hebt sie nun ihre Plastiksandalen über die zerborstenen Stufen, ihre Hände ruhen beim Gehen auf dem Patronengurt, der ihr Gewand zusammenschnürt. Früher, erzählt sie, lagen hier auf sieben Stockwerken persische Teppiche aus Seide und Silber, große Kupferleuchter mit Wachskerzen strahlten im Raum, und Straußeneierschalen hingen vom Dach herunter. Und in der Mitte, im Grab von Jona, so habe ihr Vater gesagt, habe noch ein Zahn des berühmten Walfischs gelegen. Es war einer dieser magischen Orte, für die Mossul berühmt war, ein Ort, an dem sich Menschen und Geschichten trafen, Walfischzahn und Straußeneier.
Als die Sprengmeister des IS kamen und die Türen schlossen, weil keiner außer Gott angebetet werden sollte, weil auch das Verehren von Walfischzähnen in ihrer Welt verboten war, lief Nawal angsterfüllt hin. "Ich konnte sie nicht aufhalten", sagt sie, als hätte sie eine Chance gehabt. Sie hörte das Dröhnen, spürte die Druckwelle und sah die graue Staubwolke, dann brach sie zusammen und weinte. Mit Jonas Grab, sagt sie, verlor sie ihre Heimat, aber besaß noch eine Familie. Dann verlor Nawal auch die.
Zuerst plünderten die Männer das Haus ihrer Cousinen, dann klauten sie ihren Schmuck, dann steckten sie ihren Enkel ins Gefängnis, weil sein Bart nur ein Flaum war. Als er die Nachricht hörte, starb kurz darauf dessen Vater, ihr einziger Sohn, an einem Herzinfarkt. Sie bleibt stehen, hebt die Hände erst an ihr Gesicht, dann in den Himmel. Jetzt sei sie allein. Ihr Mann sei schon lange tot, er habe ihr nicht helfen können. Früher, sagt sie, sei sie schön gewesen und frei. Sie habe mit ihrem Mann getanzt und Musik gehört, die Haare offen getragen. Nun frage sie sich, was passiert sei, woher das Böse kam. Sie bedeckt die Augen vor der Sonne, schaut hinüber auf das andere Flussufer. Es könne nicht aus Mossul kommen, sagt sie, sie kenne ihre Stadt, das Böse müsse aus der Fremde kommen, und sie zeigt weit hinter Mossul, an den Horizont, in den Dunst.
Hinter ihr, bei den Ruinen, liegt der Friedhof, wo die Leiche eines IS-Kämpfers liegt, die keiner begraben will, wo die Kinder spielen, die auf Süßigkeiten warten, wenn neue Tote kommen, wie es der Brauch ist. Dort sagt der Friedhofswärter, dass sie schon neue Gräber ausgehoben haben. Er sagt, er müsse vorbereitet sein, tagsüber sei Mossul sicher, aber nachts würden die Kämpfer heimlich übersetzen über den Fluss, würden versuchen, verloren gegangene Stadtteile zurückzuerobern. Noch immer haben sie hier ihre Spione, ihre Augen, bald schon, so glaubt er, würden sie die ersten Geiseln verschleppen.
Folgt man dem Friedhof nach Osten, gelangt man in die Kuwar-Straße, dort hat vor zwei Tagen der alte Friseur wieder aufgemacht. Barbier ist ein komplizierter Beruf, wenn die Machthaber verlangen, dass jeder Bart trägt. Gegenüber seinem Laden liegt ein umgedrehter Kochtopf, aus dem noch schwarze Drähte lugen. Eine Sprengfalle, die der IS zurückgelassen hat, sie soll erst am nächsten Tag entschärft werden. Daneben arbeitet Abdul Rahman. Er arbeitet hier sechs Tage in der Woche, am Freitag geht er in die Moschee. Morgens öffnet er den Laden um 8.30 Uhr, bis Sonnenuntergang füllt er mit bloßen Händen Heizungsöl und Benzin aus großen Kanistern in die Flaschen und Tanks seiner Kunden und steckt die wenigen Scheine in die Taschen seines Kapuzenpullovers. Er sagt, er mag den Job, weil er Geld für seine Familie verdiene, lieber würde er aber schwimmen oder wieder zur Schule gehen. Abdul Rahman ist zwölf Jahre alt.
Das letzte Mal, dass er in die Schule ging, ist nur wenige Wochen her. Er nuschelt eines der Lieder, die er dort gesungen hat, mit dem heimlichen Stolz des Lernenden: "Herrlich, das Lager der Helden! Immerfort erreichen ihre Kugeln den Feind, wir feuerten auf sie, bis ihre Humvees voll mit Löchern waren, wie ein Sieb." Auf der Verkehrsinsel, die Straße herunter, hätten die Männer, die in seine Schule gekommen seien, in den letzten Monaten drei Leute exekutiert. Einem hätten sie den Kopf abgehackt, einen mit dem Schwert zerteilt, der dritte habe sich gewehrt und sei dann von einer Kugel getroffen worden. Abdul Rahman sagt, er wisse nicht, warum und ob das richtig gewesen sei. Die Männer hätten gesagt, es sei richtig, aber er sei sich nicht sicher.
Die Umstehenden, auch Abdul Rahmans Vater, wiegen die Köpfe. Keiner will viel dazu sagen. Die Blicke sind nicht freundlich. Ein ehemaliger Englischlehrer kommt vorbei, schreibt hastig seinen Kontakt auf, dann verschwindet er wieder. Später erzählt er, über Facebook, er hätte sich gern unterhalten, aber in der Menge seien auch Anhänger des IS gewesen, es sei gefährlich, mit Journalisten zu sprechen. Er schreibt, die Menschen in der Straße seien arm. Der IS habe ihnen die Sakat spendiert, Almosen, die jeder Muslim entrichten muss. Viele hier haben nach dem Irakkrieg unter der Herrschaft der Schiiten gelitten, viele vermissen die Zeit unter Saddam Hussein, als die Sunniten noch die Stadt regierten. Man erzählt sich jetzt, dass schon wieder schiitische Milizen wahllos Sunniten gefangen nehmen, verschleppen, töten. Der Englischlehrer schreibt, er sei ganz ehrlich, das Leben unter dem IS habe auch Vorteile gehabt. Die Todesstrafe gegen Homosexuelle hätten alle begrüßt. Die Preise für Autos seien günstiger gewesen. Und es sei gut gewesen, dass jemand die Kriminalität bekämpft habe. Unter dem IS habe sich niemand getraut zu klauen, außer der IS selbst. Dann setzt er einen Smiley.
Mossul war in den letzten Jahren eine Stadt, in der Fanatiker mit Hunderttausenden experimentierten, um ihre Fantasien von Himmel und Hölle Wirklichkeit werden zu lassen. Hier ließen Terroristen Ballons steigen, zur Feier neu eröffneter Luxushotels, filmten sie freundliche Werbevideos mit Gebärdendolmetschern, luden Kinder in Vergnügungsparks ein und erklärten lächelnd, Mossul sei die sicherste Stadt der Erde. Gleichzeitig war es die Stadt, in der sie jesidische Frauen bei lebendigem Leib verbrannten, Homosexuelle von Gebäuden stießen, Menschen beim Ertrinken mit Unterwasserkameras filmten und im Radio Interviews mit Eltern von Selbstmordattentätern sendeten.
Die Toten von Mossul, sie sind noch nicht gezählt. Bei der Belagerung Sarajevos starben in vier Jahren über 10 000 Menschen, während der Belagerung von Grosny mehr als 5000. Gut möglich, dass es in Mossul mehr werden, denn der IS verhandelt nicht, er gibt nicht auf, er tötet die Fliehenden und benutzt die Lebenden als Schutzschilde.
Silvester sollte schon die ganze Stadt befreit sein, die Glocken sollten läuten, damit die Christen zurückkehren konnten. Doch die Christen weigern sich zurückzukehren, die Glocken läuten nicht, und der Kampf wird noch Monate dauern.
An diesem Freitag, zum Mittagsgebet, soll Mossul trotzdem die Stadt des Sieges sein. Auf einem Podest vor der Universität sichert Mamdouh Lafta mit einem amerikanischen Sturmgewehr den Platz, dort, wo einst die riesige Flagge des IS wehte und die Terroristen ihr Hauptquartier hatten. Mamdouh ist Leutnant der Goldenen Division, der Eliteeinheit der irakischen Armee, Vater von vier Kindern, seit 21 Jahren im Krieg. Er überschaut von hier die Ruinen von Ninive, auf der jetzt nur noch die Schafe grasen, nachdem der IS das Weltkulturerbe unter anderem mit einem Presslufthammer bearbeitet hat. Heute sind Mamdouhs Generäle gekommen, sie haben am Fahnenmast des IS eine riesige irakische Flagge hochgezogen. Die Soldaten singen "O Irak, o Iraker, du Land der Freiheit", sie haben ihre Humvees mit Blumen geschmückt, sie schießen mit Signalpistolen in die Luft, was vielleicht keine gute Idee ist, da man so die Stelle vom anderen Flussufer her noch besser ausmachen kann. Mamdouh singt nicht.
Er habe in Falludscha gekämpft, erzählt er, in Samarra, in Bagdad. 2003 hat er sich den Amerikanern angeschlossen, wurde von ihnen im Häuserkampf ausgebildet. Am schlimmsten seien immer die Hinterhalte bei Fahrten im Konvoi gewesen, sagt er, wenn sie von beiden Seiten beschossen wurden, wenn er die Granaten über sich vorbeizischen hörte, dann habe er sich Sorgen um seine Kameraden gemacht, denn er sei meist gefahren. Wenn er gestorben wäre, wären alle gestorben.
Mamdouh sagt, er kämpfe hier, weil es das Einzige sei, was er kann. Er hat ein Tattoo auf dem rechten Arm, es zeigt ein Schiff auf dem Meer. Wir seien alle wie das Schiff, sagt er, wir müssen uns vom Wind und den Wellen treiben lassen. Und ihn habe es nach Mossul getrieben. Wenn er an den Irak denkt, den sie hier besingen, dann denkt er an seine jüngste Tochter, Fatema, die zu Hause in Bagdad auf ihn wartet. Kinder, sagt er, machen glücklich. Er denkt an das Kreuz unter seinem Kopfkissen, obwohl er Muslim sei. Er denkt an seine Tanten, die ihm gesagt hätten, wenn man sich etwas wünsche, dann dürfe man nicht nur in der Moschee beten, man könne ruhig auch zur Kirche gehen, denn die heilige Maria könne bei Allah sicher ein gutes Wort einlegen.
Während die Generäle sich beklatschen lassen, sagt Mamdouh, der größte Kampf stehe noch bevor. Auf der anderen Seite des Flusses seien mehr Menschen, die Gassen schmaler, die Häuser älter, dort werde der Widerstand heftiger sein, dort sind die fanatischsten Anhänger des IS. Aber manchmal schaue er abends mit seinen Kameraden im Fernsehen alte Kriegsdokumentationen, daraus könne man viel lernen. Ihr hattet doch diesen Hitler, sagt er, der wollte die ganze Welt erobern. Und er hat es auch nicht geschafft, oder? Dann explodiert eine Mörsergranate 200 Meter hinter ihm, Menschen laufen schreiend auseinander, suchen Deckung. "Keine Sorge", sagt Mamdouh, "es ist alles unter Kontrolle." Mail: jonathan.stock@spiegel.de
Lesen Sie auch auf Seite 87 Gespräch mit dem Terrorexperten David Thomson über die Gefahr von IS-Rückkehrern

In den neuen Schulbüchern stand: Eine Patrone plus eine Patrone macht wie viel?

Ihr hattet doch diesen Hitler, sagt er, der wollte die ganze Welt erobern. Und er hat es auch nicht geschafft.

Über den Autor

Jonathan Stock ist seit 2013 Redakteur des SPIEGEL im Ressort Gesellschaft. Seit Beginn des Arabischen Frühlings bereiste Stock Syrien, Libyen und den Irak. Während der Belagerung des Sindschar-Bergs durch Truppen des "Islamischen Staats" flog Stock mit einem Hubschrauber auf den Berg, um von der Situation der eingekesselten Jesiden zu berichten. Für die Recherche im umkämpften Mossul bereisten er und Fotograf Christian Werner vier Tage lang die Stadt. Stock wurde für seine Arbeit mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Axel-Springer-Preis sowie dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Mail: jonathan.stock@spiegel.de, Twitter: @jonathanstock
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 6/2017
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