04.02.2017

HomestoryEine Frage der Ehre

Warum es manchmal befreiend sein kann, als Vorbild zu versagen
Vergangenen Sommer machten wir mit unseren vier Kindern eine Radtour. Der Jüngste war 8, meine Tochter 11, die Jungs 15 Jahre alt, die Zeit schien uns reif für ein Abenteuer. Von München nach Venedig, rauf zum Brennerpass und vom Brennerpass wieder hinunter, viel Natur, ein bisschen Bewegung, das war die Idee. Ganz wichtig, erklärten wir: Alle müssten mit Helm fahren.
Ich selbst fahre nie mit Helm. Ich habe irgendwie kein Helmgesicht, vielleicht, ich halte das für möglich, bin ich gar kein Helmtyp; ich finde, mit einem Fahrradhelm auf dem Kopf sehe ich aus wie ein Depp. Meine Frau findet das auch, sie sagt, sie liebe mich trotzdem, es störe sie nicht.
Die Angst, als Depp zu erscheinen, geht möglicherweise zurück bis in meine Kindheit. Unsere Grundschule feierte Fasching, alle Kinder verkleideten sich, die meisten gingen als Cowboy oder als Indianer. Weil meine Mutter das langweilig fand, gab sie bei meiner kostümbildnerisch begabten Großmutter einen Pelzhut, eine grüne Filzhose und ein rotes Wams in Auftrag; mein Vater fertigte aus Klebefolie und einem Stock eine Flöte. Auf den Fotos von damals bin ich leicht zu erkennen: In einer Gruppe von Cowboys und Indianern hocke ich als Rattenfänger von Hameln, fassungslos und ein wenig beschämt blicke ich in die Kamera.
Seither geht es mir nicht allein darum, meinen Kopf zu schützen. Ich will auch auf meinen Ruf achten.
Die Kinder akzeptierten die Helmpflicht sofort. Mein jüngster Sohn machte eine kleine Pause, dann wollte er wissen, ob das auch für uns, die Erwachsenen, gelte.
"Natürlich", sagte meine Frau. Wir Eltern würden als Vorbilder vorangehen. Dabei sah sie zu mir herüber.
Ich bin, im Prinzip, gern Vorbild, besonders, wenn es wenig Mühe bereitet. Ich stelle, aus Rücksicht auf die Nachbarn, die Musik leise, ich trenne den Müll in graue, gelbe und blaue Tonnen, und wenn die Kinder dabei sind, warte ich geduldig an jeder roten Ampel.
Dann holte meine Frau einen Helm aus dem Keller, er war offenbar für mich. Ich fand ihn hässlich. Ich probierte ihn vor dem Spiegel, meine Kinder kicherten. Ich dachte an mein Rattenfänger-Kostüm. Mit dem Helm, sagten sie fröhlich, sähe ich aus wie ein Depp.
Kinder brauchen Vorbilder, das ist mir klar. Für Söhne, so steht es bei Sigmund Freud, ist meist der Vater Vorbild: erst unreflektiert, was auch eine Erleichterung sein kann, später reflektiert. "Der kleine Knabe", schrieb Freud, "nimmt den Vater zu seinem Ideal."
In den Alpen war es zunächst so, dass ich den Helm, solange es einigermaßen eben voranging, an meinem Gepäckträger befestigte. Vor Abfahrten setzte ich ihn auf, im Tal nahm ich ihn wieder ab. Sicherheitstechnisch, redete ich mir ein, wirkte ich als Vorbild, lässigkeitsmäßig verlor ich spürbar an Boden. Mein Problem war, dass ich zwei Vorbilder gleichzeitig sein wollte, die einander widersprachen.
Gegen Ende des Urlaubs, wir waren längst aus den Alpen heraus, stürzte ich. Vor einem Hindernis zog ich viel zu heftig an der Vorderradbremse und flog in hohem Bogen in den Staub. Den Helm hatte ich an diesem Tag am Lenker befestigt, warum auch immer. Als ich mich aufrichtete, hatte ich Schürfwunden an den Händen und am Kopf eine Beule. Der Helm lag glänzend, ohne einen Kratzer, im Staub.
Ich starrte auf die schmerzende Hand, sah zu meinen Kindern hinüber, blickte auf das verzogene Fahrrad, befühlte meine Beule. Die Kinder standen stumm. Dann sagte eines: "Siehste, mit Helm wäre dir das nicht passiert." Ich ließ das einen Moment wirken, griff dann nach dem Helm, betrachtete ihn – und warf ihn, schwungvoll, in einer einzigen fließenden Bewegung, über einen Weidezaun.
Selten habe ich mit einer einzigen Geste größeren Eindruck gemacht. Meine Kinder lachten. Sie hatten einen Vater, der Gefühle zeigte. Der Prioritäten setzen konnte. Der, vor die Wahl gestellt, ein sicherer Trottel oder ein lässiger Abenteurer zu sein, eine Entscheidung getroffen hatte.
Manchmal gelingt Erziehung, weil wir uns Mühe geben, manchmal gelingt sie, obwohl wir beim Mühegeben Fehler machen. Vielleicht gelingt sie am Ende, eben weil wir Fehler machen: weil Fehler zum Leben gehören; weil mitunter nur Umwege zum Ziel führen. Insgesamt, darin liegt ein ungeheurer Trost, gelingt Erziehung häufiger, als man denkt.
Der Helm war weg, das fühlte sich gut an. Ich bin jetzt, hoffe ich, ein gebrochener Held.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 6/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Homestory:
Eine Frage der Ehre

Video 00:54

Surfvideo aus China Ritt auf der Gezeitenwelle

  • Video "David Cameron im Interview: Bereue ich es? Ja!" Video 01:42
    David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Video "Klippenspringerin Anna Bader: Da oben bin ich unantastbar" Video 04:39
    Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Video "Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz" Video 01:01
    Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Video "Umweltschützer in Wales: Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch" Video 06:29
    Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"
  • Video "Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: Es kann die gesamte Region anzünden" Video 03:36
    Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Video "Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel" Video 01:08
    Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Video "Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer" Video 00:44
    Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Video "Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten" Video 15:18
    Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Video "Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt" Video 01:07
    Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Video "Videoreportage zu Mobbing: Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt" Video 08:28
    Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"
  • Video "Videoumfrage zu Mobbing: Die haben mich bis nach Hause verfolgt" Video 03:43
    Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • Video "US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer" Video 01:11
    US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer
  • Video "Unwetter in Spanien: Es war plötzlich alles überflutet" Video 01:32
    Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet"
  • Video "Erosion an der Elfenbeinküste: Unsere Toten verlassen uns schon" Video 03:44
    Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Video "Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg" Video 02:13
    Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Video "Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle" Video 00:54
    Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle