04.02.2017

KommentarRollender Bummelstreik

Bürokraten träumen vom vollautomatischen Straßenverkehr.
Bei der EU denken sie über eine Pflicht zum zwangsgebremsten Auto nach: Es hält von selbst jedes Tempolimit ein. Das Navi weiß ja bereits jetzt die meiste Zeit, was wo erlaubt ist. Dazu noch eine Kamera, die Verkehrszeichen erkennt – und schon macht das alte Vehikel der Freiheit nur noch Dienst nach Vorschrift. Vorerst sind das bloß Planspiele, aber in ein paar Jahren könnte es losgehen. Noch am gleichen Tag träte natürlich die Autonation Deutschland aus der EU aus.
Aber ach, es wäre ein Traum! Unsere lieben Raser und Drängler, wie sie plötzlich mit 70 Sachen im Gänsemarsch über verkehrsberuhigte Landstraßen schnurren, weiß vor Wut. Außerhalb der notorischen Autobahnrennstrecken wird Überholen praktisch sinnlos; Spötter fordern bereits im Gegenzug die Zwangsbeschleunigung der Schleicher. Dann geht es auf den Straßen so gemächlich voran wie auf Gepäckförderbändern: dicke Protze, kleine Wusler, alle hintereinander, egalitär vereint in einem rollenden Bummelstreik der Technik. Irgendwann werden die letzten Temporebellen dann Mondpreise zahlen für herkömmliche Gebrauchtwagen ohne eingebaute Gesetzestreue. Sie werden ihre alternden Raserkisten mit Panzerband flicken, bis sie vollends zerbröseln – Fossile aus einer Zeit, da der Straßenverkehr noch wild und gefährlich war.
So weit wird es wohl in Wahrheit nicht kommen. Doch wir lernen: Alles, was digital und vernetzt ist, weckt Gelüste nach Kontrolle. Die Politik träumt schon vom Staatsvolk, das vollautomatisch allen Regeln folgt. Keine Sorge, die Technik ist dafür noch lange zu dumm. Der Verkehrszeichenassistent im Auto soll entscheiden, wie schnell wir fahren? Viel Glück dabei. Dann stellen sich ein paar Kindsköpfe mit selbst ausgedruckten Tempo-30-Schildern ans Kamener Kreuz, und schon gibt es Stau bis nach Polen.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 6/2017
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