04.02.2017

MedizingeschichteSchrecken der Weite

Im Berlin des 19. Jahrhunderts entstanden Prachtalleen, großräumige Plätze – und eine merkwürdige neue Störung: die Angst davor.
Der Anlass für den Besuch beim Psychiater war recht ungewöhnlich: Der 32-jährige Handlungsreisende C. beklagte seine Unfähigkeit, "über freie Plätze zu gehen". Ein "Angstgefühl" befalle ihn schon bei dem Versuch, auf freiem Gelände einen Fuß vor den anderen zu setzen. "Herzklopfen" und ein "allgemeines Zittern" verschlimmere seine Not noch.
Um überhaupt nach Hause zu kommen, behelfe sich der Geschäftsmann "in Berlin in eigenthümlicher Weise", notierte 1872 Carl Westphal, damals Direktor der Klinik für Nervenkranke an der Charité in der Hauptstadt: Um den Platz bloß nicht allein überqueren zu müssen, nähere er sich einer "Dame der demi-monde, lässt sich in ein Gespräch mit ihr ein und nimmt sie so eine Strecke mit, bis er eine andere ähnliche Gelegenheit findet und so allmälig seine Wohnung erreicht", berichtete Westphal.
Die Leiden des jungen C. entsprangen offenbar nicht nur der Hypochondrie eines Einzelnen. Reihenweise wurden bei Westphal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Patienten vorstellig, die auf den Fußwegen der aufstrebenden Metropole urplötzlich zurückschreckten wie scheuende Pferde im Straßenverkehr.
Westphal ersann einen Namen für das kuriose Leiden: Agoraphobie – Platzangst – nannte er die Störung treffend; über eine befriedigende Erklärung für die "sonderbare Erscheinung" rätselte er aber vergebens.
Zwei Autoren der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins "History of Psychiatry" haben nun die Ausbreitung der merkwürdigen Großstadtseuche rekonstruiert. Es sei auffällig, dass die Angst vor Plätzen ausgerechnet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer der meistbevölkerten Städte Europas erstmals beschrieben worden sei, resümieren der Medizinhistoriker Yazan Abu Ghazal und der Bostoner Psychiater Devon Hinton.
Innerhalb weniger Jahre, so die Autoren, seien "die sichtbaren Grenzen der alten preußischen Residenzstadt" verschwunden; zwischen 1800 und 1871 verfünffachte sich die Bevölkerung auf über 800 000 Einwohner. Orchestriert wurde das Wachstum Berlins von dem ambitionierten Städteplaner James Hobrecht. Dessen Name ist an der Spree bis heute mit dem Bau miefiger Mietskasernen verbunden.
Bereits 1862 hatte Hobrecht einen Plan vorgelegt, mit dem Berlin zur Megacity ausgebaut wurde; nur etwa zehn Jahre später behandelte Westphal seinen ersten Agoraphobie-Patienten.
Inmitten neuer Großbauten entstanden Plätze, auf denen die Menschen umherhuschten wie Ameisen. Empfindsame Bürger gerieten auf Großflächen wie dem Gendarmenmarkt, dem Platz am Opernhaus gegenüber der Humboldt-Universität oder dem Dönhoffplatz an der Leipziger Straße ins Schwitzen und Keuchen. Kurz: in Panik.
Diverse Kapazitäten versuchten sich an einer Deutung der bizarren Anwandlung – und ersannen dabei allerlei kuriose Hypothesen. Lag ihr eine Epilepsie zugrunde oder womöglich doch eher eine Gleichgewichtsstörung infolge von Onanie, wie der österreichische Neurologe Moritz Benedikt vermutete?
Einzig der hellsichtige Nervenarzt Westphal ahnte, dass es sich um eine Angststörung handelte. Der Mediziner hatte sich zuvor bereits eingehend mit Menschen befasst, die – bei im Übrigen "intacter Intelligenz" – von dem zwanghaften inneren Drang getrieben wurden, einen bestimmten Gedanken immer wieder aufs Neue zu denken. Dazu zählten harmlose Fälle wie der jenes Kassierers, der immerzu fürchtete, sich verzählt zu haben; aber auch beunruhigende Darstellungen wie die eines Mannes, den die Vorstellung quälte, er könne "seine verstorbene Großmutter im Sarge gemissbraucht haben" (Westphal).
Nun konsultierte den Berliner Chefarzt ein 24-jähriger Kaufmann, der darüber klagte, es sei "oft im höchsten Grade unangenehm, sich in den Straßen zu bewegen, namentlich Sonntags, wenn die Läden geschlossen sind".
Der Betroffene selbst könne sich keinen Reim auf diese Art Leiden machen – "trotz aller Raisonnements über das Lächerliche desselben", wie Westphal festhielt. Der Arzt erkannte immerhin die Furcht vor der "monströsen Weite" öffentlicher Plätze als gemeinsames Motiv seiner Agoraphobie-Patienten.
Und so empfahl Westphal den Hilfesuchenden eine Therapieform, die ihrer Zeit damals weit voraus war: Systematisch sollten die Platzphobiker jene Orte aufsuchen, von denen sie in Schrecken versetzt wurden. Die Ergebnisse dieser Konfrontationstherapie schienen dem Mediziner allerdings wenig aussichtsreich.
Auch deshalb mussten Agoraphobiker noch lange warten, bis ihnen Hilfe zuteilwurde. So blieben sie in Krisensituationen zunächst ihrer eigenen Kreativität überlassen. Wie etwa der Historiker und Literatenspross Golo Mann, der einst in München vor der Überquerung der Max-Joseph-Brücke jäh von einer Angststarre befallen wurde – unfähig, auch nur einen weiteren Schritt nach vorn zu gehen.
Findig trotzte Mann der plötzlichen Nervenkrise: Er rief kurzerhand ein Taxi herbei und ließ sich einfach über die Brücke hinwegchauffieren.

Mail: frank.thadeusz@spiegel.de
* Aufnahme des Gendarmenmarkts von 1912.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 6/2017
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