04.02.2017

KommentarDeutscher Konsens

Der Rapper Kollegah darf nicht beim Hessentag auftreten.
Eigentlich war es das, was die Rüsselsheimer Jugendlichen wollen. Der Oberbürgermeister hatte sie befragen lassen, wer im Rahmenprogramm des sogenannten Hessentags im Juni auftreten soll. Ergebnis: der Rapper Kollegah und einige andere. Nun wird das Konzert abgesagt. Der Zentralrat der Juden, die Grünen und die hessische Staatskanzlei opponierten gegen den Auftritt. Kollegah sei antisemitisch. Zwar sind keine direkt judenfeindlichen Zeilen von ihm bekannt, dass er den Staat Israel ablehnt, ist aber kein Geheimnis, und er hat den Rapper Favorite in seinem Stück "Sanduhr" als Gast – "Ich leih' dir Geld, doch nicht ohne 'nen jüdischen Zinssatz, äh Zündsatz" – rappen lassen.
Offenbar muss sich jede Generation aufs Neue mit dem Antisemitismus auseinandersetzen. Für die Kinder und Enkel der Nazis war dies vor allem ein Kampf um die Familiengeschichte. Ohne diesen Streit, der oft schmerzhaft war, wäre Israels Sicherheit nie Teil der "deutschen Staatsräson" geworden, wie Angela Merkel es formuliert hat. Dass diese Debatte lange nicht zu Ende ist, haben die Äußerungen des AfD-Politikers Björn Höcke zum Holocaustmahnmal gezeigt. Deutschland ist mittlerweile ein Einwanderungsland, und die Familien, die gekommen sind, haben ihre Geschichten mitgebracht. Manchmal, wie bei den Juden aus Osteuropa, sind diese Geschichten mit den deutschen Verbrechen verbunden. Oft aber nicht, wie bei den Arabern und Türken. Einige Deutschpalästinenser haben Vorfahren, die aus Israel vertrieben worden sind. Viele arabische Jugendliche identifizieren sich mit dem Kampf gegen Israel, sie sehen die Palästinenser als Underdogs, wie sich selbst. Doch hinter Kritik am Staat Israel verbirgt sich häufig Judenhass. Auch im Hip-Hop, wie ein Blick in die Internetforen der Szene belegt. Die Diskussion darüber gibt es längst. Wenn die Konzertabsage sie befördert, umso besser.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 6/2017
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