04.02.2017

Elke SchmitterBesser weiß ich es nichtKörpersache

Ja, es werden auch andere Zeiten kommen. In denen der unruhige Schlaf, das nölige Kind oder der dysfunktionale Chef der Startaufreger des Tages sind. Es werden auch selige Zeiten wie diese wieder der mittelgraue Standard sein. Sie kommen, aber sie kommen nicht von selbst.
Zu den eher putzigen Reaktionen, wenn jemand tut, was er genau so angekündigt hat, gehört die Überraschung. Nun will dieser Mann also wirklich die Mauer bauen. Nun gibt es tatsächlich einen Einreisestopp für Muslime (zumindest aus jenen Ländern, in denen er keine geschäftlichen Interessen hat). Nun setzt er seine Verachtung von Frauen, von Demokratie und Prinzipien des Rechts, von Fairness oder auch nur sinnvoller Folgenabschätzung wirklich in Taten um – ja, ist denn das zu fassen? Da kann man sich, wie Siemens-Chef Joe Kaeser, doch nur sehr wundern und vor der weiteren Entwicklung warnen. Sehr schade, so gesehen, dass der Konzern unter Kaesers Führung mehr als zwei Drittel seiner Zuwendungen im Wahlkampf der Trump-Truppe zukommen ließ, so wie andere deutsche Großkonzerne auch, BASF: 72 Prozent, Bayer: 80 Prozent, Allianz: 72 Prozent, Deutsche Bank: 86 Prozent (allerdings ist der Mann ja auch ein wichtiger Kunde). Mit alldem konnte niemand rechnen, und dann hat man in so einer Position ja auch so viel anderes zu tun.
Eine zweite, eher unerwartete Entwicklung: die Renaissance des Körpers. Es waren immer die Ärmsten und die vom Glück restlos Verlassenen, die sich leiblich auf den Weg machen mussten. Die langen Märsche der Flüchtlinge aus Afrika, aus Syrien und dem Jemen, die Boatpeople, die ihr Leben auf dem Mittelmeer riskieren, die Hunderttausenden, die jedes Jahr auf immer gefährlicheren Wegen aus Zentralamerika und Mexiko in die Vereinigten Staaten zu kommen versuchen: Menschen, aber keine politischen Subjekte, denn sie sind ohne Rechte und staatlichen Schutz.
Nun aber gehen auch wieder die anderen auf die Straße, die mit Papieren, mit Kühlschrank und WLAN in der geheizten Wohnung, sie fahren lange Strecken, um sich zu zeigen, um mit nichts als ihrem Körper zu demonstrieren: Wir sind da. Siri Hustvedt auf dem Women's March in Washington, das ist, wie Heinrich Böll in Mutlangen, eine kalkulierte, wirksame Asymmetrie. Da steht eine, die ihre Stimme mit einem Text zigtausendfach vervielfältigen kann, und nutzt die älteste, grunddemokratische Währung: one man, one vote, one body. Dass der Widerstand durch den Körper geht, als eine martialische, aber auch euphorisierende Erfahrung, ist für viele sehr lange her (das Weggetragenwerden von den Gleisen, die brummenden Hubschrauber über dem Kopf, die Wasserwerfer in ihrer brutalen, gleichgültigen Wucht), für andere das erste Mal. Bisher in fast bukolischen Szenarien, mit ironischen Mützen, untergehakt und mit Gesang. Es ist eine archaisch anmutende Antwort auf die elektronischen Ströme des Geldes, auf die lautlosen, berührungsfreien sozialen Netzwerke, auf die Medien. Ein Atavismus in der Theorie, in der Praxis, weil sie gelingt: eine Zeitgenossenschaft.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 6/2017
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