04.02.2017

LiteraturSchreiben, um gut zu sterben

Die australische Schriftstellerin Cory Taylor hat ein Buch über ihren eigenen nahenden Tod verfasst und dabei festgestellt: Am Ende sind wir alle Anfänger.
Cory Taylor starb am 5. Juli des vergangenen Jahres. Sie war 61 Jahre alt. Ihre Familie war an ihrer Seite, ihr Mann, ihre beiden Söhne, sie habe keine Schmerzen gehabt. So stand es auf der Internetseite der Australian Broadcasting Cooperation. Viele Sterbefälle werden mit ähnlichen Worten kundgetan, es sind oft benutzte Floskeln, die den Tod schon im Moment der Bekanntgabe von den Lebenden wegrücken. Der sprachliche Schleier soll dem Sterben die Schärfe, die Tiefe, das Erschütternde nehmen.
Taylor entschied wenige Monate vor ihrem Tod, die Geschichte ihres Sterbens aufzuschreiben. "Wir sterben, scharenweise, unaufhörlich", notierte sie, nachdem sie längere Zeit im Wartezimmer einer großen Onkologiestation verbracht hatte.
Dass der Tod ein Teil des Lebens sei, wird zwar leicht dahingesagt, doch es braucht einige Überwindung, ein Buch in die Hand zu nehmen, auf dessen schlichtem Cover "Sterben – Eine Erfahrung" steht. Die Schriftstellerin erzählt davon im Ton atemberaubender Selbstverständlichkeit, sie verknüpft ihr Sterben mit ihrem Leben und führt dem Leser vor Augen, wie groß der Sicherheitsabstand zwischen diesen beiden Welten normalerweise ist.
Neun Jahre lang hatte sie verhältnismäßig gut mit der Diagnose gelebt, an einem Melanom im vierten Stadium erkrankt zu sein. Ihre Söhne waren noch im Teenageralter, als sie 2005 davon erfuhr. Sie hat ihnen die Einzelheiten erspart "in dem Versuch, nehme ich an, sie vor allzu großem Schmerz zu schützen, denn das war mein Job als Mutter". Nur ihr Mann wusste die ganze Wahrheit. Die Krankheit schritt "barmherzig langsam" voran. So knapp wie möglich handelt Taylor ihre Krankheitsgeschichte auf den ersten Seiten ab. Ende 2014 verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch, sie muss an einem Hirntumor operiert werden, trotz aller Bemühungen gehen ihrem Onkologen schließlich die Behandlungsmöglichkeiten aus. "Da wurde mir klar, dass ich mich meinem Ende nähere."
Es ist wichtig zu betonen, dass Taylor kein Krebsbuch geschrieben hat. Die Krankheit betrachtet sie nicht als Ungerechtigkeit und erst recht nicht als Metapher, sie hält sich auch nicht damit auf zu hadern, dass es sie erwischt hat. Dass sie nicht rechtzeitig zu Vorsorgeuntersuchungen ging, ist ihr nur wenige Sätze wert. "Damit hätte ich mir viel Kummer erspart. Doch dann beschloss ich, dass es Zeitverschwendung ist, so zu denken."
Die Diagnose Krebs ist für sie nur der Auslöser, der sie zwingt, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Je länger sie sich damit beschäftigt, desto stärker ist sie davon überzeugt, dass eine Vorahnung sie seit ihrer frühesten Kindheit begleitet hat. Doch wie macht man das? Wie nähert man sich seinem Ende?
Cory Taylor, die in Australien zu Hause war, erhebt an keiner Stelle des Buchs einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sie kippt auch nie ins Esoterische, sie erzählt einfach von sich. Als sie von dem Tumor in ihrem Kopf erfährt, besorgt sie sich übers Internet ein Medikament aus China, mit dem sie ihrem Leben ein Ende setzen könnte. Sie nennt es ihr Marilyn-Monroe-Geschenkpaket, es vermittelt ihr ein Gefühl der Kontrolle, auch wenn sie es nie einnehmen wird. In Gedanken geht sie die Situationen durch, in die sie jene Menschen bringen würde, die sie tot auffinden müssten. Ihr Mann oder ihre Söhne, irgendein Zimmermädchen in irgendeinem Hotel, ein fremder Spaziergänger in einem Wald. Niemandem will sie das zumuten, es erscheint ihr zu egoistisch. Doch Kontrolle bleibt während der ganzen Zeit ein wichtiges Thema für Taylor, weil zu sterben einen fortschreitenden Kontrollverlust über den eigenen Körper bedeutet.
Taylor spekuliert darüber, ob Sterbehilfe in Australien vielleicht auch deshalb verboten ist, weil die Kontrolle über den Zeitpunkt des eigenen Todes dadurch in die Hände des Sterbenden gelegt würde. "Ich frage mich, ob die Aversion vielleicht in dem Glauben der Ärzte wurzelt, der Tod sei eine Art Versagen. Und ich frage mich, ob dieser Glaube nicht weiter in die Welt gesickert ist und dort die Gestalt einer Aversion gegen das Thema Tod als solches angenommen hat, als ob die nackte Tatsache der Sterblichkeit aus unserem Bewusstsein verbannt werden könnte."
Obwohl Taylor nicht ernsthaft in Erwägung zieht, sich das Leben zu nehmen, beschreibt sie in dem Buch auch ihren Wunschtod, eine Party, bei der es Drinks gäbe, Musik aus ihrer Jugend, Abschied, Tränen, hoffentlich auch ein wenig Gelächter und das Wissen darum, dass die Party nach ihrem Tod ohne sie weiterginge. Weil auf diese Weise zu sterben strafbar wäre, berührt einen die Szene besonders.
Nachdem Taylor das Krankenhaus als einen Ort erlebt hat, in dem nicht über den Tod, sondern nur über Behandlungen gesprochen wird, schließt sie sich einer "Exit"-Gruppe an, 40 Menschen, viele von ihnen älter, aber auch ein paar jüngere. Die Stimmung bei den Treffen beschreibt Taylor als optimistisch. Hier, aber auch nur hier, erfüllt sich ihr Wunsch, über den Tod als einen Teil des Lebens reden zu können. "Es könnte ein Treffen jeder beliebigen Interessengruppe sein, ein Kegelklub oder die Freunde der heimischen Vogelwelt – abgesehen davon, dass es nach der Kaffeepause wieder darum geht, was leichter anzuwenden ist und schneller wirkt, Zyanid oder Stickstoffgas."
Zu sterben ist bei Cory Taylor keine durchgehend finstere Angelegenheit; wie sie davon erzählt, erscheint es einem eher als ein Kondensat des Lebens. Alle Gefühle kommen vor: Freundschaft, als der Heimpflegedienst ihr Susan schickt, eine Frau, mit der sie viel gemeinsam hat. Neid, als sie Spaziergänger beobachtet, die an ihrem Haus vorbei einen Weg zum Fluss einschlagen, der für sie zu anstrengend geworden ist. Freude, wenn es ihr gelingt, die Gedanken an den Tod in den Hintergrund zu drängen. Wut, als sie einer deutlich jüngeren Therapeutin gegenübersitzt, die sie fragt, ob sie es schon mal mit ,Achtsamkeit' probiert habe. Angst, selbstverständlich, aber je weiter das Sterben voranschreitet, desto geringer wird Taylors Angst. Und Liebe für ihren Mann Shin, ohne den sie verloren wäre, wie sie schreibt. Taylor ist präzise in ihren Schilderungen und kommt ohne Selbstgerechtigkeit aus, das macht ihr Buch besonders.
Über ihr Sterben zu schreiben war nicht von Anfang an Taylors Vorsatz. Es ist herauszulesen, dass sie in der Zeit nach ihrer Tumoroperation nach Orientierung sucht, in Gesprächen und in Begegnungen. Religion würde ihr keinen Trost bieten, das wusste sie von Anfang an, weil man nicht vermissen kann, was man nicht kennt. Sie war nicht religiös erzogen worden.
Doch je weiter ihr Sterben voranschreitet, desto stärker zieht sie sich in sich selbst zurück. Sie unterscheidet den schnellen und den langsamen Tod – dazwischen haben die wenigsten eine Wahl – das schlechte und das gute Sterben. Beide Wege seien unsagbar traurig, der Unterschied liegt für sie in der Akzeptanz der Tatsache, dass niemand dem Tod entkommt.
Für Taylor entpuppt sich das Schreiben als ihr Weg zum guten Sterben. "Ich weiß nicht, wo ich wäre, könnte ich diese seltsame Arbeit nicht verrichten. Sie hat mir im Laufe der Jahre schon viele Male das Leben gerettet und tut es auch jetzt. Denn während mein Körper auf eine Katastrophe zusteuert, ist mein Geist ganz woanders, auf diese andere lebenswichtige Aufgabe konzentriert."
Das Buch ist in drei Teile gegliedert, während der erste Teil "Kalte Füße" sich unmittelbar mit dem Sterben beschäftigt, führen der zweite und dritte Teil weit zurück in Taylors Lebenserinnerungen in die Zeit ihrer Kindheit und Jugend. Als sie noch ein Mädchen war, verbrachte sie einige Zeit auf den Fidschi-Inseln. Sie erinnert sich an einen Wirbelsturm, eine Wand aus Wasser, allein mit ihrer Mutter musste sie die Situation meistern. "Warum erzähle ich diese kleinen Geschichten jetzt? Sie vermitteln ein Gefühl davon, wie es damals war, ich zu sein, die Gleiche und doch anders. Mein Körper wuchs noch in die Welt hinein, statt sich zusammen- und aus der Welt zurückzuziehen."
Zu wissen, dass sie vermutlich nicht viel älter als 60 werden würde, hat nach der ersten Diagnose im Jahr 2005 Taylors Produktivität befeuert. 2011 veröffentlichte sie ihren ersten Roman "Me and Mr. Booker", der als bestes Debüt im pazifischen Raum ausgezeichnet wurde, 2013 folgte "My beautiful enemy". Das Buch, das sie nun auch in Europa bekannt machen wird ("Sterben" erschien bereits in England und wurde ins Niederländische übersetzt), hat sie in nur sechs Wochen geschrieben. In Australien kam es im Mai vergangenen Jahres in die Buchhandlungen, knapp zwei Monate vor ihrem Tod.
Manches an ihrer Biografie erinnert an den deutschen Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der nach einer Krebsdiagnose alle Zweifel an der eigenen Arbeit überwand und in kurzer Zeit zwei Romane schrieb, darunter den großen Erfolg "Tschick". Sein Tagebuch "Arbeit und Struktur" gewährt durch die Zeit seiner Krankheit hindurch intensive Einblicke in das persönliche Glück und Unglück des Schriftstellers. Es ist eine Erzählung vom Sterben, die in ergreifender Klarheit verfasst ist. Darin liegt die Verbindung zu Taylors Buch. Dieses Thema, das jeden betreffen wird, ist doch so schwer zu fassen.
Mehrfach formuliert die australische Schriftstellerin den Gedanken, dass sie beim Sterben Anfängerin sei. "Es ist das erste Mal, dass ich sterbe, deshalb gehen mir als Anfängerin hin und wieder die Nerven durch; doch das geht schnell vorbei." In einem letzten Interview vor ihrem Tod hat sie gesagt: "Ich wünschte, ich hätte vorher viel mehr darüber gewusst." Ihr Buch ist ein Angebot an all jene, die diesen Wunsch teilen.

Taylor hat das Buch in nur sechs Wochen geschrieben, es erschien kurz vor ihrem Tod.

Die Stimmung in der "Exit"-Gruppe ist optimistisch, es könnte auch ein Kegelklub sein.

Cory Taylor: "Sterben". Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Allegria; 176 Seiten; 18 Euro. Erscheint am 10. Februar.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 6/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Literatur:
Schreiben, um gut zu sterben

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt