04.02.2017

AutorenDas autoritäre Drehbuch

Ein Treffen mit dem Schriftsteller Dave Eggers. Der fragt sich, wie schnell die USA sich unter Trump in eine Diktatur verwandeln könnten.
Vor Kurzem hat Dave Eggers einen Essay über das Leben im neuen Trump-Amerika mit der Aufforderung beendet: "Haltet die Augen offen, bleibt im Herzen tapfer, und seid bereit für den Kampf."
Das klang erst mal spektakulär, doch es kam von einem Schriftsteller. Literatur (oder Kunst allgemein) und politischer Aktivismus galten bisher als keine besonders fruchtbare Verbindung. Das Ideologische kompromittiere automatisch das Künstlerische, so die Befürchtung, und wahrscheinlich ist an ihr etwas dran.
Aber zählen solche Überlegungen jetzt noch? Diese Frage wälzt Dave Eggers, Amerikas prominentester schriftstellerischer Aktivist, an diesem Abend hin und her, es ist der Mittwoch in der zweiten Trump-Woche, Eggers steht am Flughafen von Los Angeles genau dort, wo ein paar Tage zuvor Tausende gegen das Einreiseverbot für Muslime demonstriert haben.
"Dass wir solche Worte überhaupt aussprechen", sagt Eggers. Er hat nicht viel Zeit, in einer Stunde geht sein Heimflug nach San Francisco. "Dass dies nun zu unserer Sprache gehört: der Muslim-Bann." Das Einreiseverbot, die Demonstrationen an den Flughäfen, der einsame Herrscher, der mit seiner exaltierten Unterschrift eine Executive Order nach der anderen unterschreibt – viele fühlen sich im neuen Trump-Amerika wie in einer Dystopie. Sogar von Faschismus ist die Rede.
Eggers hat in seinem Weltbestseller "Der Circle" beschrieben, wie eine Dystopie entstehen kann. Wie Menschen sich freiwillig autoritären Strukturen unterwerfen und sich überwachen lassen. Der Roman behandelt die Entstehung eines neuartigen autoritären Systems, bloß hat Eggers ihn in die Welt eines globalen Apple- oder Google-ähnlichen Technologiekonzerns verlegt. Bis vor Kurzem schien die Gefahr leise in den Zentralen der digitalen Konzerne zu schlummern.
"Was wir jetzt von Trump sehen, ist das komplette autoritäre Drehbuch. Schritt für Schritt", sagt Eggers. Es erinnere ihn an den Roman "Das ist bei uns nicht möglich" von Sinclair Lewis, der 1935 die Möglichkeit faschistischer USA durchspielte. Der Protagonist, sagt Eggers, habe frappierende Ähnlichkeit mit Donald Trump.
Eggers sieht erschöpft aus. "Niemand, den ich kenne, kann noch arbeiten, denken oder schlafen." Er kommt gerade von einem College in Los Angeles, wo er sich darum kümmert, dass Schüler aus Brennpunkten auch an Stipendien kommen.
"Die Kids haben Angst", sagt Eggers. "Neulich haben wir sie ihre Sorgen aufschreiben lassen. In fast allen Texten kam Trump vor. Dass ihre Nachbarn abgeholt werden, dass der Mutter, die mit einer Frau zusammenlebt, etwas passieren könnte, dass Trump einen Krieg beginnt."
Auch er, sagt Eggers, schlafe schlecht.
Eggers ist 1970 geboren. Für ihn bedeuten diese ersten Trump-Wochen die erste wirklich existenzielle Krise, mit der westliche Schriftsteller, Autoren und Intellektuelle dieser Generation konfrontiert sind. Und die Frage, die sich ihnen stellt, ist grausam: Kann es sein, dass es gar keine Mittel gibt, sich zu wehren?
In dreien seiner letzten Romane (neben "Der Circle" von 2013 noch "Ein Hologramm für den König", 2012, und "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?", 2014) hat Eggers davon erzählt, wie die Dinge schiefliefen in den USA und dass dies irgendwann zu einer Implosion führen müsste. Er hat die Romane den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Missständen gewidmet, die mit dafür gesorgt haben, dass 63 Millionen Amerikaner Trump gewählt haben.
Ob das immer zu guter Literatur geführt hat, ist eine zweite Frage. Sie scheint indes zweitrangig in einer Woche wie dieser, in der ein neu eingeführter Präsident im Alleingang Muslime an Flughäfen festsetzen lässt und anderen Ländern droht.
Erschwerend kommen die nachrichtlichen und faktischen Parallelwelten hinzu, die Filterblasen, die Bubbles: Niemand, der Donald Trump gewählt hat, würde wohl je einen Roman von Dave Eggers lesen – was soll's also?
Eggers ist sich nicht sicher. 25 Prozent der Trump-Wähler seien vielleicht wirklich böse, rechtsradikal und voller Hass. "Ansonsten aber sind wir keine hasserfüllte Nation. Viele Menschen wollten Veränderung. Leider haben sie von all den 325 Millionen Amerikanern den Unberechenbarsten ausgesucht, dieses Land zu verändern. Ein Kind, das vor einem Fahrstuhl steht und alle Knöpfe drückt. Dieses tägliche Chaos, dieser Erregungszustand: Das ist für eine Nation nicht lange durchzuhalten. Viele bereuen wohl ihre Wahl schon nach den ersten zehn Tagen. So haben sie sich ihr Leben nicht vorgestellt."
In seinem Roman "Ein Hologramm für den König" hat sich Eggers schon 2012 den Prototyp eines Trump-Wählers vorgestellt, lange bevor es Trump als Kandidat überhaupt gegeben hat: Alan Clay, ein Mann aus dem inzwischen berüchtigten "Rust Belt", dem erst sein Job in der Fahrradindustrie, dann seine Frau und schließlich sein Stolz und seine Würde abhandenkommen, bis er schließlich nicht einmal mehr das College seiner Tochter bezahlen kann. Eggers habe Verständnis für solche Leute und ihre Sorgen, sagt er. Deswegen stellt er sie auch in das Zentrum seines Romans. Hat er auch Verständnis, dass sie seinem Land jetzt den politischen Ausnahmezustand beschert haben?
Der Schauspieler Tom Hanks, wie Eggers ein anderer großer Linksliberaler, hat diesen Alan Clay in der letztjährigen Verfilmung des Romans gespielt. Am Rande eines SPIEGEL-Gespräch im vergangenen Frühjahr war Hanks sich nicht sicher: Ob seine Figur Clay so ein Trump-Wähler sei? Clay wäre vielleicht empfänglich für den Hass von Trump, sagte Hanks. Doch er hätte ihn sicher nicht gewählt. Allein schon weil er, Hanks, niemals einen Trump-Wähler spielen würde.
Genau da liegt das Problem. Man hat die Trump-Wähler vor der Wahl nicht wahrhaben wollen. Hunderttausende in Washington beim Frauenmarsch, Demonstrationen an vielen Flughäfen: Das sieht im Fernsehen beeindruckend aus, beeindruckender jedenfalls als Trumps armselige Amtseinführungszeremonie, was aber nicht heißt, dass Trumps Wähler plötzlich alle verschwunden sind.
Der Schriftsteller Eggers hat früh begriffen, dass Schreiben allein nicht ausreicht. Dass man auch etwas tun muss. Dass er die Menschen, um die es ihm geht, die Menschen außerhalb der Bubbles, auf anderem Weg erreichen muss. Vor 15 Jahren hat er die Wohltätigkeitseinrichtung 826 Valencia gegründet, in der er Literaturkurse für sozialschwache Kids anbietet oder bei Universitätsbewerbungen hilft.
Bereit sein für den Kampf. Das hat Eggers in seinem Essay zum Wahlsieg Trumps geschrieben. Aber wie sähe dieser Kampf aus? Ziviler Ungehorsam? Aufstände? Müsste nicht, wer ernsthaft von Faschismus spricht, auch über Tyrannenmord nachdenken? Das sind ungemütliche Fragen. Aber: Ist Trump wirklich ein Faschist? Und woran erkennt man das? Dave Eggers, der sich für "Der Circle" mit den Merkmalen faschistischer Herrschaftsformen befasst hat, sieht fast alle Anzeichen: die Lügen, die Desinformationen, die Isolation des Herrschers in einem engsten Zirkel.
Antworten könne er daraus noch nicht ableiten, noch nicht, sagt er. Er spricht sich gegen Gewalt aus. Aber er kann sich vorstellen, dass es zu Gewalt kommt: "Das ist ein Blitzkrieg. Alles auf einmal – das ist ihr Plan: Macht den Pöbel sprachlos, verwirrt ihn. Es wird Chaos geben auf unseren Straßen."
Eric Garcetti, der Bürgermeister von Los Angeles, hatte wenige Tage zuvor, ähnlich wie seine Kollegen in Chicago oder New York City, angekündigt, dass er nicht registrierte Migranten in Los Angeles vor Deportation schützen werde. Wird der Präsident sie trotzdem durchdrücken, wie er bisher alles durchgedrückt hat? Das könnte schnell passieren, sagt Eggers, wie bisher mit dem Präsidenten Trump alles schneller gegangen ist, als man es erwartet hatte. Es geht so schnell, dass Menschen, die sich bisher nicht für Nachrichten interessiert haben, plötzlich alle zwei Minuten auf ihr Telefon gucken.
Er mache "America great again", hatte Donald Trump angekündigt. Eggers sagt, das sei ihm gelungen, allerdings anders, als Trump es erwartete habe. Amerika sei tatsächlich "great", sagt Eggers, so viele Menschen, die nun beginnen, sich zu wehren.
Der Essay, in dem Eggers die Leute auffordert, bereit zu sein für den Kampf, ist in einer Anthologie erschienen, die den Titel "What we do now" trägt.
Doch was genau nun zu tun wäre, das ist die Frage, auf die bisher niemand eine Antwort kennt.

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Twitter: @oehmke
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 6/2017
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