04.02.2017

Protest„Die Welt muss zittern“

Der Schriftsteller T. C. Boyle über Trumps Amerika
T. C. Boyle, 68, gilt als politischer Kämpfer unter den US-amerikanischen Schriftstellern. Er setzt sich vor allem für ökologische Belange ein. Seine Romane handeln von illegalen mexikanischen Einwanderern, die von Armut aus ihrer Heimat vertrieben werden ("América"), von den katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels ("Ein Freund der Erde") und Amerikas Gewaltkultur ("Hart auf Hart"). Boyles neuer Roman "Die Terranauten" erzählt von vier Männern und vier Frauen, die zwei Jahre lang in Arizona völlig abgeschlossen von der Außenwelt unter einer Glaskuppel leben(*). Das Experiment, das im Buch "Ecosphere 2" heißt, gab es Anfang der Neunzigerjahre unter dem Namen "Biosphere 2" tatsächlich. Es wurde von einem Milliardär finanziert und sollte ein Leben auf dem Mars simulieren.
SPIEGEL: Mr Boyle, Ihr neues Buch handelt wie andere Ihrer Romane zuvor von der Gefahr, dass die Menschen die Welt gründlich zerstören, bis ein Überleben auf der Erde nicht mehr möglich ist. Haben sich Ihre Sorgen um den Fortbestand der Menschheit durch die politischen Ereignisse der letzten Zeit verschlimmert?
Boyle: Unser Planet wird vermutlich noch 3,5 Milliarden Jahre existieren. Aber alle Voraussetzungen für den Erhalt des menschlichen Lebens werden konsequent und mit rasender Geschwindigkeit ausradiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Spezies nicht mehr lange fortbestehen wird.
SPIEGEL: Welchen Anteil hat die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten daran?
Boyle: Ich glaube, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir uns fragen müssen, ob die Errungenschaft der Demokratie mehr als eine kleine Episode in der Geschichte der Menschheit ist. Wird sich diese zerbrechliche Herrschaftsform, die sich in ein paar Ländern für einige Zeit durchgesetzt hat, als bleibender Fortschritt erweisen oder nur eine vorübergehende Verirrung der Geschichte bleiben, die in Wahrheit bestimmt wird von Raffgier und Mord und Totschlag? Im Grunde frage ich in all meinen Büchern stets aufs Neue, ob uns der Widerstreit zwischen unserer menschlichen und unserer animalischen Natur auf Dauer überhaupt eine Überlebenschance lässt. Und wenn ich mich heute umschaue, muss ich feststellen: Verbrecherbanden und Schurken kontrollieren den größten Teil der Welt. Zu denen zähle ich Mr Putin ebenso wie Mr Trump.
SPIEGEL: Wie bewerten Sie Trumps Ankündigungen und erste Amtshandlungen?
Boyle: Seine Losung heißt: Lasst uns den größtmöglichen Profit machen, lasst uns Mauern bauen. Es ist ein Bruch, wenn ein demokratischer Staat verkündet: zur Hölle mit den anderen. Wir werden in den nächsten vier Jahren eine Politik erleben ohne Rücksicht auf langfristige Folgen, ohne Rücksicht auf die Generationen nach uns. Alle Umweltgesetze, die in den USA bislang erlassen wurden, dürften in den kommenden vier Jahren abgeschafft werden. Es wird heißen: Zur Hölle mit den Eisbären, wir brauchen Öl aus Alaska. Selbst die Gesetze, die die Ausbeutung von Bodenschätzen in Naturschutzgebieten beschränken, wird man rücksichtslos zertrümmern. Es ist unhaltbar und verrückt.
SPIEGEL: In Ihrer ersten Reaktion nach Trumps Wahl zum Präsidenten wirkten Sie sehr überrascht.
Boyle: Sie machen Witze, ich war am Boden zerstört! Noch im vergangenen Mai habe ich bei einem Auftritt in Paris gesagt, dass Trump ein Clown sei, der es nicht mal schaffen werde, als Kandidat fürs Präsidentenamt nominiert zu werden. Und bis zum Tag der Wahl konnte ich mir nicht vorstellen, dass irgendwer diesen als Präsidenten völlig ungeeigneten Gameshow-Idioten wirklich wählt. Aber natürlich war ich mit dieser Haltung ein Teil des Problems. Wie viele Menschen in privilegierten Verhältnissen habe ich Trump nicht kommen sehen.
SPIEGEL: Immerhin äußern Sie sich oft zu politischen Fragen und müssen sich nicht vorwerfen, dass Sie Ihre Ansichten nicht klar genug formuliert haben.
Boyle: Meine Haltung ist sehr entschieden, aber was nützt es? Ich bin für Frauenrechte. Ich bin für Umweltschutz. Ich bin für Multikulturalismus. Ich bin für Bildung. Die vielen Menschen aus der Arbeiterklasse, die ich kenne, sind politisch radikal anderer Ansicht als ich. Die USA sind ein gespaltenes Land. Ich komme selbst aus der Arbeiterklasse, und ich lebe einen großen Teil meiner Zeit in den kalifornischen Bergen, wo viele sogenannte Rednecks leben. Ich liebe diese Menschen, viele von ihnen sind intelligent und einfühlsam. Aber in politischen Fragen haben sie sich traurigerweise ganz und gar manipulieren lassen. Dabei werden gerade sie die Opfer von Trumps Politik sein und am meisten unter ihr zu leiden haben. Wenn privilegierte Amerikaner wie ich nur gemäß ihren wirtschaftlichen Interessen gewählt hätten, dann hätten wir Trump gewählt, weil er die Steuern senken will und dafür sorgt, dass wir unser Geld behalten. Aber ich wähle den Kandidaten, dessen Haltung ich für richtig halte, und nicht den, der mir Profit bringt. Ich bin Patriot.
SPIEGEL: Sie nennen Trumps Wähler "Opfer". Warum?
Boyle: Weil sie keine Vorstellung davon haben, was in der Welt passiert. Weil sie nichts lesen. Weil sie sich, wie viele Menschen in den unteren sozialen Klassen in anderen Ländern auch, von rechtslastigen Medien und Politikern mit Propaganda manipulieren lassen. Sie glauben, was ihnen auf Fox News erzählt wird. Nun haben sie traurigerweise diesen Mann als Präsidenten installiert. Und die Welt muss zittern.
SPIEGEL: Ist der Protest, an dem sich viele Künstler und Intellektuelle beteiligen, für Sie ein Anlass zur Hoffnung?
Boyle: Man kann sich damit trösten, dass es in vier Jahren vorbei sein wird. Vielleicht erleben wir bis dahin wirklich die Geburt einer neuen Gegenkultur. Aber was für eine kleine, mickrige Hoffnung! Natürlich werden wir kämpfen. Noch sind die USA unser Land, auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein hat. Noch können wir Amerikaner sagen, was wir wollen und was wir nicht wollen. Noch kann ich sagen, dass ich Trumps Pläne für kriminell halte. Aber vier Jahre sind eine schrecklich lange Zeit. In der wird eine Menge Schaden angerichtet werden. Wir werden erleben, wie dieser Präsident nicht bloß das Land, sondern den ganzen Erdball um 50 Jahre zurückwirft: Wie er dafür sorgt, dass wieder mehr Kohle verbrannt wird, im Schelfeis nach Öl gebohrt wird, die Umwelt zerstört wird.
SPIEGEL: Wird der Riss in der amerikanischen Gesellschaft, von dem Sie sprechen, wieder heilen?
Boyle: Wie wollen Sie den heilen? Viele von Trumps Wählern bekommen ihre Nachrichten nur aus dem Fernsehen und hören Hass-Radio. Aber vielleicht hilft es, dass diese Menschen trotzdem bald merken könnten, dass Trump seine Versprechungen nicht einhält. Dann werden sie sich von ihm abwenden. Zu spät.
SPIEGEL: Ihre Grundstimmung ist nicht bloß pessimistisch, sondern apokalyptisch.
Boyle: Ich fürchte, da haben Sie recht. Ich kenne die Fakten, und sie erlauben keine wirklich erfreulichen Schlüsse. Es gibt heute 7,4 Milliarden Menschen auf der Welt, die Erde erwärmt sich, der Meeresspiegel steigt, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen häufen sich. Wir sind mit Kriegen konfrontiert, die um Ressourcen geführt werden. In meinen Augen ist auch der Krieg in Syrien ein Krieg um Ressourcen. Er ist ebenso wie der Krieg im Irak ein Krieg um Öl. Der IS ist bloß eine von vielen Gangs, die in diesem Krieg gegen andere Gangs kämpft, gegen Assad und russisches und amerikanisches Militär.
SPIEGEL: Begreifen Sie Ihre literarische Arbeit als politischen Aufruf an Ihre Leser und Zuhörer, ihr Verhalten zu ändern?
Boyle: Ich glaube nicht, dass Literatur und Politik sich vertragen. Wenn man als Schriftsteller und Künstler eine politische Botschaft hat, dann sollte man eine Zeitung oder ein Mikrofon benutzen. Aber die Kunst selbst, die Literatur sollte man davon frei halten. Kunst ist Verführung. Ich habe 27 Bücher geschrieben, ich möchte niemandem meine politische Meinung aufzwingen. Trotzdem weiß jeder Leser hoffentlich, wofür meine Bücher stehen und wofür ich stehe. Und wenn mir ein Leser nach einem Auftritt erzählt, dass eines meiner Bücher seinen Blick auf die Welt verändert hat, dann finde ich das toll. Das ist die Kraft, die einem die Kunst verleiht.
Interview: Wolfgang Höbel
* T. C. Boyle: "Die Terranauten". Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser; 608 Seiten; 26 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 6/2017
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