04.02.2017

FilmkritikDroge Nostalgie

„Trainspotting“ war der beste britische Film der Neunzigerjahre. Jetzt kommt die Fortsetzung.
Als wir ihn das letzte Mal sahen, im Jahr 1996 am Ende von "Trainspotting", war er ein junger Mann auf der Flucht vor seiner Vergangenheit. Mark Renton, ein Junkie, gespielt von Ewan McGregor, hatte gerade seine besten Freunde beklaut, Beute mehr als 10 000 britische Pfund, der Erlös eines Drogendeals.
"Ich bin ein schlechter Mensch", kommentierte Renton die Szene aus dem Off, "aber das wird sich ändern, ich werde mich ändern. Bald bin ich genauso wie ihr."
Das Versprechen hat er gebrochen. Renton ist nicht so geworden wie wir, die "Trainspotting"-Fans von damals: In "T2 Trainspotting", der Fortsetzung des alten Films, sieht er nämlich noch immer unverschämt jung aus. Vielleicht auch, weil sein Darsteller McGregor, 45, schon lange keinen Alkohol mehr trinkt und in Kalifornien lebt.
"Trainspotting", das Original, spielte unter Heroinabhängigen in Edinburgh. Trotzdem war der Film kein Sozialporno wie "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", sondern eine Tragikomödie, düster und komisch zugleich. Auf der Suche nach dem nächsten Kick tauchte Renton ins schmutzigste Klo von Schottland; sein Freund Spud (Ewen Bremner) ging auf Speed zum Vorstellungsgespräch. Eine Glorifizierung der Sucht? Eher nicht: Es gab mehrere Tote in "Trainspotting", sogar das Baby eines Junkie-Paares starb.
John Hodge, der Drehbuchautor, hatte als Arzt selbst Heroinabhängige behandelt. Und Danny Boyle, der Regisseur, zeigte ihr Leben als Achterbahnfahrt in der Hölle, angetrieben von einem grandiosen Soundtrack, Britpop, aber auch Klassiker von Lou Reed oder Iggy Pop.
Für jene Zuschauer, die so jung waren wie die Hauptdarsteller – fast alle geboren Anfang, Mitte der Siebzigerjahre –, wurde "Trainspotting" zu einem Schlüsselwerk ihrer Generation. Rentons Aufbruch in ein neues Leben markierte auch für sie die Grenze zwischen Jugend und Erwachsenenwelt, zwischen Exzess und Verantwortung. In Schottland wurde der Film auch als patriotisches Manifest gefeiert, weil McGregor in einer Szene den ewigen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Engländern auf eine griffige Formel brachte: "Das sind ja nur Wichser. Wir dagegen haben uns von Wichsern kolonialisieren lassen."
Längst gilt "Trainspotting" als der beste britische Film der Neunzigerjahre. Fast alle, die daran beteiligt waren, haben Karriere gemacht. Regisseur Boyle gewann einen Oscar (für "Slumdog Millionär"), 2012 inszenierte er in London die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Ewan McGregor wurde zum Jedi in "Star Wars" befördert. Mit Boyle hatte er sich zerstritten, weil der Regisseur bei "The Beach" Leonardo DiCaprio den Vorzug gegeben hatte.
Mittlerweile haben sie sich wieder versöhnt. Auch deshalb gibt es jetzt "T2 Trainspotting", der am 10. Februar auf der Berlinale präsentiert wird. Alle Hauptdarsteller aus dem ersten Teil sind wieder mit dabei. Fans des Originals dürften der Fortsetzung dennoch mit gemischten Gefühlen entgegensehen: Wird das Ganze so seltsam wie ein Klassentreffen, Jahrzehnte nach der letzten Begegnung?
Im neuen Film kehrt Renton zum ersten Mal nach 20 Jahren wieder zurück nach Edinburgh, auch in sein altes Kinderzimmer, es sieht noch so aus wie früher. Sogar ein Heroinpäckchen, das er einst dort versteckt hatte, ist noch da. Doch Renton hat inzwischen eine neue Sucht: Sport. Er läuft, wie besessen, keine Sprints mehr auf der Flucht vor der Polizei, sondern Ausdauer auf dem Laufband. Er sagt, es gehe ihm gut.
"Nostalgie, darum bist du hier. Als Tourist in deiner Jugend", vermutet Sick Boy (Jonny Lee Miller), einer der Kumpel, die Renton damals betrogen hat. Sick Boy betreibt einen Pub, in dem ein paar Greise vor ihren Gläsern hocken; seine junge bulgarische Geliebte und sein Kokain finanziert er mit Erpressungen. Spud, der andere Kumpel, nimmt noch immer Heroin, "mein einziger Freund", wie er in seiner Selbsthilfegruppe erzählt. Und Begbie (Robert Carlyle), der Psychopath der Clique, sitzt wegen des alten Drogendeals und anderer Verbrechen im Knast. Er träumt davon, sich an Renton zu rächen.
Was dann passiert, ist nicht wirklich überraschend, entscheidend ist die Perspektive: Die Männer fliehen nicht mehr vor ihrer Vergangenheit, sondern fürchten sich vor der Zukunft. Sie reden nicht viel, und wenn, dann von früher, von verpassten Chancen, von Frauen, die längst weg sind, so wie Rentons große Liebe (diesmal leider nur ein Kurzauftritt: Kelly Macdonald). Oder von der heutigen Jugend, die natürlich nichts taugt.
Diese ironisch gebrochene Melancholie wirkt ansteckend, sofern man den ersten Film kennt: wie ein Abend mit alten Freunden, bei dem man erst am nächsten Morgen merkt, dass man zu viel getrunken hat. Zuschauer unter vierzig dürften dagegen trotz einiger Rückblenden eher ratlos bleiben: Worüber lachen die Alten bloß?
Die gute Nachricht für alle: Es gibt ein Leben nach der Midlife-Crisis. Danny Boyle, der Regisseur, ist voriges Jahr sechzig geworden und offensichtlich noch immer gut in Form.
Kinostart: 16. Februar
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 6/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Filmkritik:
Droge Nostalgie

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser
  • Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien
  • Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer