04.02.2017

Magische Momente„Die Energie kam aus dem Frust“

Vor der Ski-WM: Frank Wörndl, 57, aus Sonthofen über seinen unerwarteten Weltmeistertitel vor 30 Jahren
SPIEGEL: Sie gewannen in zwölf Jahren nicht ein einziges Weltcup-Rennen ...
Wörndl: ... Entschuldigung, das nervt mich bis heute. Ehrlich gesagt: Ich fuhr nicht einmal unter die besten drei.
SPIEGEL: Wie konnten Sie 1987 in Crans-Montana Weltmeister werden?
Wörndl: Genau genommen kam die Energie dafür aus dem Frust des Riesenslaloms vier Tage zuvor.
SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.
Wörndl: Ich war in optimaler Verfassung und wollte unbedingt gewinnen. Wegen eines saudummen Fehlers reichte es nur für Platz sieben. Ich war so gefrustet – im Hotel zertrümmerte ich einen Stuhl. Danach erklärte ich meinem Trainer, dass ich meine Karriere beende.
SPIEGEL: Und dann?
Wörndl: Dann fuhr ich nach Zürich zu meiner damaligen Freundin Maggie. Erst fluchte ich weiter über meine Blödheit, dann verbrachten wir einen schönen Abend, und am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Mein Trainer fragte, ob ich mir einen Rücktritt vom Rücktritt vorstellen könnte.
SPIEGEL: Offenbar konnten Sie.
Wörndl: Ich fuhr zurück nach Crans-Montana und erlebte ein fast perfektes Rennen. Nach dem ersten Lauf lag ich eine Hundertstel hinter Armin Bittner. Zwei Deutsche an der Spitze – das war eine Sensation.
SPIEGEL: Bittner wurde am Ende Dritter – Sie triumphierten.
Wörndl: Wir hatten eine föhnige Wetterlage, und die Piste wurde immer weicher. Das kam mir zugute, denn wegen meiner miserablen Resultate aus der Vorsaison war ich immer mit sehr hohen Startnummern unterwegs. Dadurch war ich ein Spezialist für schlechte Pisten.
SPIEGEL: Sie haben die Sensation sicher zünftig gefeiert.
Wörndl: Überhaupt nicht. Der Slalomfahrer ist doch immer der Arsch. Bei uns geht es erst um die Wurst, wenn alle anderen schon nach Hause wollen. Während ich damals Siegerinterviews gab, hatte ein Kollege schon meine Sachen gepackt. Das Auto wartete quasi mit laufendem Motor auf mich. Na ja – ich hatte trotzdem noch einen schönen Abend.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an die Siegerehrung?
Wörndl: Wichtiger als die Medaillenübergabe war der Moment, als mir Ingemar Stenmark, der beste Skifahrer aller Zeiten, gratulierte. Er zog seinen Handschuh aus, schaute mir in die Augen und sagte: "Klasse gefahren!" Das werde ich nie vergessen.
SPIEGEL: Am 19. Februar will Felix Neureuther in St. Moritz Slalomweltmeister werden. Hat er eine Chance?
Wörndl: Er hat zwei geniale Fahrer vor der Nase, aber Marcel Hirscher und Henrik Kristoffersen sind nicht unschlagbar.
Von Pk

DER SPIEGEL 6/2017
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