04.02.2017

American FootballFolge dem Geld

Vor dem Super Bowl wird die US-Profiliga durchgeschüttelt: Eigentümer verlagern aus Profitinteresse ihre Teams in lukrativere Städte und verärgern damit die Fans.
Philip Rivers, 35, kämpft gegen die Tränen. Die Sportreporterfrage "Wie fühlen Sie sich?" hat er schon so oft beantwortet. Heute fällt dem Quarterback der San Diego Chargers die Antwort schwer wie selten. "Ich fühle mich irgendwie taub an", sagt Rivers, "das Ganze ist bei mir noch nicht richtig angekommen."
Rivers' Körper, 196 Zentimeter groß und 103 Kilogramm schwer, sieht aus wie eine Schrankwand. Auf dem Spielfeld gilt er als Heißsporn, dort brüllt er, was er gerade denkt. Jetzt räuspert er sich mehrmals, dann spricht er von Erinnerungen, von Abschied. Es ist, als redete er vom Tod eines Familienangehörigen.
Rivers muss verkraften, dass sein Football-Team nach mehr als einem halben Jahrhundert seine Heimat verlässt. Die San Diego Chargers ziehen um, jetzt heißen sie Los Angeles Chargers. San Diego hat nun kein Team mehr in der National Football League (NFL).
Und Philip Rivers trägt daran eine gewisse Mitschuld. Der Kapitän spielt seit zwölf Jahren in San Diego. Die meiste Zeit davon krebsten die Chargers im Mittelfeld der Liga herum. Erfolg würde ihnen wohl mehr Fans bescheren, ausverkaufte Stadien, Sponsorengelder. Doch die Chargers haben keinen Erfolg. Jetzt will ihr Eigentümer, die Immobilienfamilie Spanos, einen Neustart.
Mehr als die Hälfte der Klub-Bosse in der NFL sind Milliardäre: Zu Microsoft-Mitgründer Paul Allen und Home-Depot-Anteilseigner Arthur Blank gesellen sich Rohstoffmogule und Investoren aus der Autobranche. Die Besitzer der 32 Teams kümmern sich nicht um enttäuschte Fans und kritische Experten. Die Football-Oligarchen eint ein Ziel: Sie sind stets auf der Suche nach dem besten Deal. Deshalb zogen jüngst zwei Teams nach Los Angeles, und die Oakland Raiders wollen künftig in Las Vegas spielen.
Einmal Reset drücken bitte, Ihre Klub-Tradition wird zurückgesetzt. In der NFL geht es um Touchdowns und Tackles, aber vor allem um die Vermarktung eines Spektakels. Die Liga ist ein Kartell ohne Auf- und Absteiger. Die Teameigentümer zahlen eine Mitgliedsgebühr und teilen sich die Einnahmen, etwa aus den rund sieben Milliarden Dollar teuren Fernsehrechten. Wenn ein Besitzer mit dem Wert seines Teams nicht zufrieden ist, kann er den Umzug seines Franchise an einen lukrativeren Standort beantragen. Wittern die übrigen Eigentümer dadurch auch für sich höhere Einnahmen, lassen sie ihn gewähren. Follow the money – folge dem Geld – lautet die Devise. Europäische Sportmanager wie Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga, halten das Konzept für "dramatisch überkommerzialisiert".
Am Sonntag werden allein in den USA wieder über 110 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher sitzen, wenn die New England Patriots und die Atlanta Falcons im Super Bowl gegeneinander spielen. In der Halbzeit wird sich das Spielfeld in eine Popbühne für Lady Gaga verwandeln, zwischen den Spielzügen werden im TV Werbespots laufen, die fünf Millionen Dollar pro 30 Sekunden kosten. Noch vor sechs Jahren waren es drei Millionen. Ligachef Roger Goodell will den Wert der NFL jedes Jahr um etwa eine Milliarde Dollar steigern.
In der Metropolregion Los Angeles, dem zweitgrößten US-Markt nach New York, liegt besonders viel Geld. Deshalb verließen im vergangenen Jahr die St. Louis Rams ihren Bundesstaat Missouri und wurden zu den Los Angeles Rams. Nach einer "Forbes"-Schätzung ist das Franchise seitdem von Platz 28 auf Platz 6 der wertvollsten NFL-Teams aufgestiegen – und alle anderen Teams haben durchschnittlich ein Fünftel an Wert zugelegt. Eine Win-win-Situation. Nun sind auch die San Diego Chargers auf den LA-Zug aufgesprungen. Ab 2019 werden sie mit den Rams sogar in einem neuen Stadion zusammenziehen.
Zuschauerzahlen, TV-Einnahmen, Sponsoring: Das sind die Werte, die wirklich zählen. Nicht etwa die sportlichen Rekorde von Spielern wie Philip Rivers. 97 Spiele hat er mit San Diego gewonnen, 314 Pässe zum Touchdown geworfen. Rivers, ein "good old boy" aus Alabama, bestritt das Halbfinale 2008 mit gerissenem Kreuzband. San Diego ist seine Heimat, sieben seiner acht Kinder sind hier geboren. Jetzt ist er plötzlich Quarterback in Los Angeles. Rivers sagt, dass die Zeit die Abschiedsschmerzen lindere, "aber die Wunde nie ganz heilen" werde.
Auch für seine Fans war der Wegzug ein Schock. In wenigen guten und vielen schlechten Zeiten haben sie zu ihrem Team gehalten. Sie tanzten zum Vereinssong "San Diego Super Chargers", der mit Disco-Beats und knallenden Bässen von der elektrisierenden Spielweise ihrer Stars kündete: "Wir entzünden euch, erregen euch mit unserem Hochspannungsspiel."
Jetzt kursieren Videos, in denen Anhänger ihre Fanutensilien verbrennen, in den Mülleimer stopfen, vor der Vereinszentrale abladen. 28 Umzugsunternehmen aus San Diego weigerten sich, für die Chargers den Transport nach Los Angeles zu übernehmen. "Teamumzüge in der NFL haben etwas von einem Sorgerechtsstreit bei einem hässlichen Scheidungskrieg", sagt US-Sportökonom John Vrooman von der Vanderbilt University in Tennessee.
Derweil kommt auch in der neuen Heimat keine rechte Freude über den Marktneuling auf. Schließlich gibt es schon die LA Lakers und Clippers in der Basketball-Profiliga, die Dodgers und Angels im Baseball, die Kings und Anaheim Ducks im Eishockey, seit einem Jahr die Rams beim Football. Nun also auch noch die Chargers. Dass gleich zwei Teams ins hart umkämpfte LA ziehen, hält Vrooman für widersinnig: "Der Wert zweier Monopolmärkte ist immer größer, als wenn sich zwei Teams einen Markt teilen müssen."
Wären solche Wanderbewegungen auch in Deutschland vorstellbar? Anders als bei den meisten NFL-Teams sind Bundesligaklubs untrennbar mit ihrer Stadt verbunden. Die Heimat gehört zur Identität eines Vereins. Hier stützen sich Klubs auf ihre Tradition als Malocherteam, hier steckt das Mia-san-Mia tief im weiß-blauen Herzen, hier werden Tore im Weserstadion mit einem Nebelhorn gefeiert.
Doch womöglich ist die Multimilliardenwelt der amerikanischen Profiligen gar nicht mehr so weit vom deutschen Fußball entfernt. John Vrooman weist darauf hin, dass sich eine europäische Superliga – wie sie Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge ins Spiel gebracht hat – sehr wohl am geschlossenen System der USA orientieren könnte. Und bereits heute spielt ein Bundesligist ganz oben mit, der sich bewusst aus Profitstreben in einem lukrativen Markt eingenistet hat: Leipzig ist das Los Angeles der Bundesliga. Und von der vollständigen Kontrolle im amerikanischen Stil trennen Red Bull und ihr "RasenBallsport"-Verein nur noch verbogene Alibi-Paragrafen.
Bei den NFL-Teams geht es meist um die Spielstätten, wenn sie ihren Standort wechseln. Die Teameigentümer verlangen die modernsten, größten, profitabelsten Arenen. Allein seit 1995 ließen sie 28 NFL-Stadien neu bauen oder renovieren – meist mit Unterstützung der Steuerzahler. Mehr als vier Milliarden Dollar öffentliche Gelder haben die Teamchefs nach Berechnungen von Ökonomieprofessor Vrooman in den vergangenen 20 Jahren unter Androhung eines Umzugs kassiert. Die Milliardäre argumentieren, ein Football-Stadion beschere den Städten Jobs und eine bessere Infrastruktur. Dabei haben zahlreiche Wissenschaftler diese Behauptungen längst entkräftet: Finanziell lohnt sich für eine Stadt die Investition nicht. Vielmehr lautet die entscheidende Frage: Ist der Steuerzahler bereit, für sein Hobby höhere Abgaben zu leisten?
Auch beim jetzt geplanten Umzug der Oakland Raiders nach Las Vegas dreht sich alles um eine neue Spielstätte. Die Kasinostadt ist bereit, Raiders-Besitzer Mark Davis 750 Millionen Dollar aus Hotelsteuereinnahmen für ein neues Stadion beizusteuern.
Football in Las Vegas? Diese Vorstellung lässt bei einigen Teamchefs die Augen funkeln. "Las Vegas ist ein Juwel unseres Landes", schwärmt etwa Jerry Jones, Boss der Dallas Cowboys: Ein NFL-Team in Nevada könne "den 'Wow-Faktor' unserer Liga noch weiter befeuern".
Von Christoph Henrichs

DER SPIEGEL 6/2017
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