04.02.2017

Der Augenzeuge„Es geht ums Kindeswohl“

Polizeihauptkommissar Matthias Schneider, 36, überprüft am Münchner Flughafen unter anderem, ob Kinder, die nur mit Vater oder Mutter reisen, bloß in den Urlaub fliegen oder dem daheimgebliebenen Elternteil entzogen werden. Kürzlich stoppte sein Team einen gebürtigen Tunesier mit österreichischem Pass, der mit seinen zwei Kindern ausreisen wollte.
"Ich arbeite seit 2002 am Münchner Flughafen im Terminal 1, seit einigen Jahren als Dienstgruppenleiter. Meine Kollegen stehen bei der Passkontrolle sehr häufig vor der Situation, in der man konkret nachfragen muss, warum Vater oder Mutter ohne den zweiten Elternteil mit Kindern verreisen. Unsere Grenzpolizisten haben natürlich ein Gespür dafür entwickelt. Die Antwort ist manchmal nicht zufriedenstellend, wie etwa bei dem Mann aus Österreich vorletzte Woche, einem gebürtigen Tunesier. Die Mutter der beiden Kinder sei angeblich schon vorgereist nach Tunis. Es gab keine Flugnummer, die wir abgleichen konnten. Wir konnten die Mutter auch nicht erreichen. Ein Anruf bei unserer Österreich-Kontaktdienststelle in Passau hat dann rasch ergeben, dass es sich hier offensichtlich um Kindesentziehung handelte. Die Mutter hatte die Kinder gerade vermisst gemeldet. Wir werden schnell hellhörig, wenn etwas bei den Antworten nicht stimmig ist. In den allermeisten Fällen klärt es sich auf. Aber wir müssen gründlich sein, es geht ums Kindeswohl, und es ist unser gesetzlicher Auftrag. Denn wenn ein Kind erst mal im Ausland ist, ist es sehr schwer, es wieder zurückzuholen. Auch nach Deutschland werden Kinder entführt, da erwischen wir so manchen Täter bei der Einreise. Es geht dann um Menschenhandel, Prostitution oder sexuellen Missbrauch von Minderjährigen aus Krisenregionen etwa, deren schutzlose Lage von Pädophilen ausgenutzt wird. Der Fall des Österreichers bestätigt unser Vorgehen. Wir müssen allerdings vermehrt um Verständnis werben, denn wir bekommen hier auch die eine oder andere Beschwerde, wenn Reisende, die überprüft werden, ihren Flug verpassen. Deshalb kann ich Vätern oder Müttern, übrigens auch Großeltern, die allein mit Kindern reisen, nur raten, eine Einverständniserklärung des nicht anwesenden Elternteils mitzubringen. Und eine Passkopie. Dazu sollte die Person für uns unbedingt telefonisch erreichbar sein. Das erspart Zeit und Ärger."
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 6/2017
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