04.02.2017

SpirituosenStatus-Saufen

Wir waren Weltmeister! Nicht im Fußball, da waren die Deutschen in Wembley gerade knapp an England gescheitert, auch noch nicht Exportweltmeister, aber in Sachen Spirituosen waren wir allen voraus! Selbst die Russen konnten da nicht mithalten. Nur die deutsche Sprit-Industrie konnte – auch aufgrund der bizarren Gesetzeslage – von dem deutschen Rausch nicht so recht profitieren.
Mehr als 500 Millionen Flaschen Spirituosen leerten die Westdeutschen 1966, neun Flaschen "pro Kopf, Säuglinge und Abstinenzler inbegriffen", das war "internationaler Schnapsrekord". Nach dem Krieg hatte jeder Deutsche im Schnitt nur zwei Flaschen Klaren geleert, doch parallel zum Wirtschaftswunder wuchs die "Spritwelle". 3,6 Milliarden Mark gaben Deutschlands Trinker aus, fast so viel wie für Milch.
Der Trend ging zur Markenware, bei der Auswahl wurde weniger auf "Promille-Potenz" als auf Geschmacksrichtungen und sozialen Status geachtet. In den Sechzigern wurde nicht mehr "des Lebens Jammer" ertränkt, man trank mit Niveau – oder was man dafür hielt. Wer imagemäßig nur halbwegs mithalten wollte, musste in seinem hauseigenen Barschrank eine breite Auswahl an Hochprozentigem vorweisen können. Immer öfter wurde daher nach schottischem Whisky oder amerikanischem Bourbon gegriffen. Der Kenner von Welt entdeckte, dass man sich auch mit Armagnac oder Jamaica-Rum betrinken konnte. Pernot und Calvados konkurrierten mit Tequila und Jugoslawiens Slibowitz.
Angefeuert von Whiskytrinker Ludwig Erhard und Cognacgenießer Willy Brandt stieg allein 1965 der Konsum der beiden Getränke um die Hälfte. Blended Whisky à la Johnnie Walker und Vat 69 war angesagt, für Single-Malt-Befindlichkeiten war die Zeit noch nicht reif. Entsprechend tief steckte "Deutschlands internationale Sauf-Bilanz" im Defizit. Doch auch bei den einheimischen Destillaten setzte man auf Qualität. Auch wenn uns heute Asbach Uralt, Chantré und Doornkaat nicht unbedingt als der Gipfel des Alkoholgenusses in den Sinn kommen: Im Vergleich zum Weinbrandverschnitt und dem "wohlfeilen Volkskorn" – einst Deutschlands Nationalgetränke – war das schon "Edel-Sprit".
Trotz des Rekordbesäufnisses ist es Deutschland bis heute nicht gelungen, eine marktfähige Nationalspirituose hervorzubringen, und schuld daran war – natürlich – der Staat. Denn der hatte 1922 das Branntweinmonopol eingeführt: Was einst dazu gedacht war, möglichst viele ländliche Brennereien zu schaffen, um verarmten Bauern mehr Einkommen zu bescheren, führte noch immer dazu, dass der hierzulande gebrannte Alkohol größtenteils zu Festpreisen an die Monopolverwaltung abgegeben wurde. Die schüttete die unterschiedlichsten Grundstoffe in großen Tanks zu "Monopolsprit" zusammen – der berüchtigte Verschnitt, der dann an die Schnapshersteller ging. Deren Verschnittprodukte eigneten sich wunderbar zum Betrinken, das große Geschmackserlebnis blieb freilich aus.
Doch auch wenn das längst aufgeweichte Branntweingesetz Ende 2017 endgültig ausläuft, ist kaum mit einer Blüte der deutschen Spirituosenbranche zu rechnen: Die deutschen Hardcore-Trinker sind auf Platz 51 des internationalen Schnapsrankings zurückgefallen, zwischen Griechenland und Albanien.

DER SPIEGEL 6/2017
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