04.02.2017

ArchäologieAtlantis in der Marsch

Taucher haben am Nildelta einen fantastischen Hafen entdeckt. Im Schlick lagen 72 Wracks – der größte Schiffsfriedhof der Antike.
Wer im Reich der Mumien viel zu schleppen hatte, ging selten zu Fuß. Es gab ja den Nil.
Mit geblähten Segeln glitten Schilfflöße, Frachter oder Lastenkatamarane den Strom hinauf. Ägypten war eine Flussoase – wichtigstes Verkehrsmittel: das Schiff. Schon König Cheops, der vor 4600 Jahren lebte, besaß eine Art Luxusjacht, 43 Meter lang, aus libanesischer Zeder.
Solch feinste Details der Binnenschifffahrt sind wohlüberliefert – doch die Gottkönige sparten sich die Worte, wenn es ums Salzwasser ging, um das Befahren des Ozeans. Wo "Peru nefer" lag, der Stützpunkt der Kriegsflotte, wird in keinem Papyrus erwähnt.
Auch der zentrale Überseehafen der Spätzeit (664 bis 332 vor Christus) schien lange unauffindbar. Erst dem französischen Unterwasserausgräber Franck Goddio ist es gelungen, das Rätsel in unzähligen Tauchgängen zu lösen. Nahe Alexandria, sieben Kilometer von der Küste entfernt, stieß sein Team in den vergangenen Jahren auf eine versunkene Landschaft aus Häfen und Kanälen, die infolge einer tektonischen Senkung im Ozean verschwand.
Fast 110 Quadratkilometer Meeresgrund hat der Schnorchler mittlerweile mit Kernspinresonanz-Magnetometern und Echoloten abgesucht. In dieser untergegangenen Welt lag, verteilt auf mehrere Inseln, die Hafenstadt Thonis.
Die Taucher entdeckten mit Muscheln bewachsene Piers, sie orteten Reste von Lagerhäusern und Molen sowie mehr als 700 Anker aus Blei und Stein. Ein "wahres Atlantis", so die britische "Daily Mail".
Und immer wieder Bootsgerippe. "Bei unserer letzten Mission im Herbst kam das 72. Wrack zutage", erzählt Goddio.
Die Forscher sind sicher, dass die marinen Trümmer aus Thonis stammen. Im Zentrum der Metropole stand ein bunt bemalter Amun-Tempel, den die Pharaonen nach der Amtseinführung besuchten, auch Kleopatra. Selbst die schöne Griechin Helena, Zankapfel im Trojanischen Krieg, soll dem Mythos zufolge dort Schutz gesucht haben.
Goddios Taucher konnten die Tempelreste nun am Meeresgrund freilegen. In der Umgebung lagen goldene Münzen, ein kaputter Kriegshelm und kleine Sarkophage für mumifizierte Falken.
Rund 250 der spannenden Unterwasser-funde zeigt das Zürcher Museum Rietberg nun in einer Ausstellung, die am kommenden Freitag beginnt. Das schwerste Exponat, eine 5,4 Meter große Granitstatue, wurde mithilfe von mit Pressluft aufgeblasenen Hebesäcken an die Oberfläche des Mittelmeers gewuchtet. Die Skulptur zeigt Hapi, den Gott der Nil-Überschwemmung. Dargestellt wurde das Wesen als Mann – mit Brüsten und blauer Haut.
Der Aufschwung von Thonis, so viel ist sicher, begann etwa um 700 vor Christus. Anfangs war der Ort nur ein Wachposten auf einer vorgelagerten Insel. Doch schnell wuchs er zu einer Polizei-, Grenz- und Zollstation heran. Der Ort wurde des Pharaos Tor zur Welt, seine Eingangspforte und der Angelpunkt für die Import-Export-Geschäfte.
Fremde Matrosen, die von Kreta oder Zypern heransegelten, mussten allerdings aufpassen. Ägypten bot sich den Reisenden als spröde Schönheit dar. Vor dem westlichen Nilarm lagen Dünen. Hinzu kamen tückische Winde. Durch eine enge Passage führte der Weg an Sandbänken vorbei nach Thonis.
Dort angelangt, durchfuhren die Schiffe lange Kanäle und gelangten in geschützte Hafenbecken.
Der eigentliche Horror wartete bei der Weiterfahrt. Das 24 000 Quadratkilometer große Flussdelta glich einer grünen Hölle aus Schilfgürteln und sumpfigen Sackgassen. Es gab Entwässerungskanäle, Süßwassergolfe und Lagunen voller Reet und Gestrüpp. Der Nil selbst war im Winter nur ein Rinnsal.
Um in diesem Marschland manövrieren zu können, hatten die Ägypter einen Schiffstyp mit besonders flachem Rumpf ersonnen: die Baris. Fischer und Papyrusbauern nutzten diese Barke, sie kam bei der Lotosblütenernte zum Einsatz und beim Binnenhandel.
Die von Goddio entdeckten Wasserfahrzeuge messen im Schnitt 20 bis 26 Meter in der Länge; sie besaßen Segel aus Leinen oder Papyrus. Die Rümpfe sind zu 70 Prozent aus dem harten Holz der Akazien gefertigt. Der Baum wächst in Ägypten, es lassen sich daraus aber nur kurze Bretter herstellen. Entsprechend stoppelig gestaltete sich der Bootsbau.
Bei weiteren 20 Prozent wurden für die Planken Maulbeerfeigen ("Sykomoren") verwendet, die ebenfalls am Nil gedeihen. Vier Boote sind aus – importierter – Eiche gezimmert. Und nur zwei bestehen aus Kiefer. Sie stammen von ausländischen Werften.
Das Übergewicht an heimischen Kähnen lässt sich leicht erklären: Thonis war zwar ein internationaler Knotenpunkt, doch das morastige Delta wirkte wie ein Sperrriegel. Großschiffe aus der Fremde konnten kaum in die Nilmündung fahren, ohne dass ihnen der Kiel barst.
Der Ägyptologe David Fabre vermutet, dass alle Güter in Thonis umgeladen und in den flachen Baris-Schiffen verstaut wurden.
Auch die stolzen Griechen mussten sich offenbar auf die rustikalen Flussboote einlassen. Im 8. Jahrhundert vor Christus war das Volk der Hellenen zwar zur wichtigen Seemacht im Mittelmeer aufgestiegen. Es gelang ihm sogar, den xenophoben und auf Abschottung bedachten Pharaonen eine Handelsniederlassung abzutrotzen. Naukratis lag rund 70 Kilometer stromaufwärts im Nildelta.
Dort verkauften die tüchtigen Krämer aus Milet oder Athen Metallbarren, Olivenöl und Wein. Im Gegenzug besorgten sie sich Getreide, Papyrus, Elfenbein und Ebenholz. Doch ohne das umständliche Umladen gingen die Geschäfte offenbar nicht vonstatten. Am Meeresgrund entdeckte Gewichte legen zudem nahe, dass die Güter in Thonis auch taxiert und verzollt wurden. Aufs offene Meer mit seinen Stürmen trauten sich Ägyptens Kaufleute dagegen nicht. Keines der 72 Wracks weise "Spuren des Schiffsbohrwurms auf", so Fabre. Der Schädling kommt ausschließlich im Salzwasser vor.
Das bedeutet: Pharao war weise und stark, ein strahlender König und Gott. Aber kein guter Kapitän. Die Baris-Frachter pendelten nur auf dem Nil.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 6/2017
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