11.02.2017

KarrierenHerr Pofalla wird Mensch

Ronald Pofalla, einst Spitzenpolitiker, hat sich als Manager neu erfunden. Mit neuer Brille, Frau, Hund und Charity. Bei der Bahn hat er gelernt, dass das Leben manchmal unberechenbar ist. Von Alexander Osang
Für einen Mann, der als unverbindlich und glatt gilt, erzählt Ronald Pofalla gleich am Anfang ziemlich viel persönliche Sachen. Zum Beispiel, dass er morgens um sechs aufsteht. Immer. Er macht sich dann einen Kaffee und liest die Zeitung. Er kann so früh nichts essen. Dann: zweiter Kaffee. Meist trinkt er drei, bevor er im Büro ist. Zwischendurch macht er sich eine Stulle. Die nimmt er mit ins Büro und isst sie am späten Vormittag. Er sagt "Stulle". Er sagt das ganz bewusst, weil es bodenständig klingt. Heute allerdings, am Montag, ist er früh mit dem Zug von zu Hause gekommen, aus dem Ruhrgebiet, wo er mit seiner Frau die Wochenenden verbringt. Er reist ohne Stulle. Es ist eins, und er hat noch gar nix gegessen.
Pofalla erzählt das alles im Penthouse des Bahn-Turms am Potsdamer Platz, während die Kellnerin, die hier oben nur für uns da ist, die Vorspeise aufträgt. Einen Salat mit Roastbeef. Draußen liegt Berlin im Winterdunst, ein milchiges Licht hüllt die Turmspitze ein wie ein dickes Badetuch. Es ist ganz still. An den Wänden hängt eine Ahnengalerie der Bahn. Mehdorn, halslos, schaut zufrieden und bockig zugleich, der Waldschrat unter den deutschen Managern. Ein Gemälde von Grube gibt es noch nicht, er ist zu diesem Zeitpunkt noch im Amt, sieben Tage noch. Sein Büro befindet sich direkt unter dem Klub.
Es gibt nur einen Fahrstuhl, der ganz nach oben fährt. Es gibt nur einen Tisch, der im Himmel gedeckt ist. Pofallas. Höher speist keine Führungskraft in Berlin. Man kann die Macht und die Leere mit den Händen greifen.
Pofalla redet gegen diesen Eindruck an. Er will ein Mensch werden, wie Pinocchio.
Seitdem er bei der Bahn sei, genieße er die Wochenenden wieder, sagt er. Er verbringe viel Zeit mit seiner Frau, die er im vorigen Sommer geheiratet hat. Es ist die dritte. Er geht mit dem Hund am Fluss joggen. Der Hund ist auch neu, er heißt Konrad. Ein ungarischer Vizsla. Am Sonnabend hatten sie Freunde zum Abendessen da, ganz spontan. Früher, als Spitzenpolitiker, hat er praktisch jedes Wochenende gearbeitet, er hat jeden Urlaub abgebrochen. Am vergangenen Wochenende hat er höchstens zwei Dienstgespräche geführt, vielleicht drei. Die Arbeit fing erst wieder kurz nach Hannover an, als ein Sprecher der Grünen in den Zug stieg.
Wie heißt der denn?
Och, sagt Pofalla. Den Namen hab ich vergessen.
Er schmiert sich Butter aufs Gebäck.
Wenn er verlegen ist, kann er das gut verbergen. Der grüne Zuggast war nur eine rhetorische Figur. Er sollte beweisen, dass Pofalla nicht allein und gut vernetzt ist, dass die Bahn grün ist und er auch. Irgend so was. Was auch wichtig ist: Wegen der ganzen Schnackerei hat er es erst kurz nach Spandau zum Klo geschafft, und da blockierten schon die nervösen Berlin-Reisenden die Bordtoilette. Pofalla musste auf die Toiletten am Hauptbahnhof. Da hat ihn eine Reisegruppe erkannt und wollte Handyfotos. So Leute, sagte er irgendwann, jetzt ist aber mal gut, ich muss pinkeln. Er sagt "pinkeln". Und als er rauskam, stand schon die nächste Reisegruppe da und wollte Fotos.
Mit der Geschichte will er vielleicht beweisen, dass sein Image nicht so schlecht ist. Oder das der Bahn. Oder beides. Es ist alles Teil des neuen Pofalla, den es seit etwa zwei Jahren gibt.
Das Problem mit Pofallas Erzählungen ist älter, es stammt noch aus den Politikertagen. Man fürchtet, dass er von etwas ablenken will, während er von seiner Blase redet. Von etwas Wichtigem. Das hat mit der asymmetrischen Demobilisierung zu tun, die sich Pofalla einst für Angela Merkel ausgedacht hat. Das ist eine politische Strategie, bei der man das Volk so lange mit Unverbindlichkeiten einlullt, bis es vergessen hat, worum es überhaupt geht. Mit der asymmetrischen Demobilisierung habe er die Wahl 2009 geholt, glaubt Pofalla. Er war jahrelang Merkels Generalsekretär und Kanzleramtsminister, einer der wenigen Menschen, dem sie wirklich vertraute.
Zwischenzeitlich schien seine Demobilisierung das ganze Land lahmzulegen.
Sie funktioniert auch im Interview mit dem Bahn-Mann Pofalla. Man merkt das später, wenn man die Aufzeichnungen liest. Die Schrift wird nachlässig, weil der Schreiber weiß, dass er seine Notizen nie brauchen wird. Es ist alles umsonst.
Der Hauptgang kommt, Lamm mit Rosenkohl. Pofalla redet über Ostkorridor und Westanbindung der Bahn, darüber, wie er den Gewinn im "C-Ressort" steigerte, wie er die CO²-Reduktion weiter "anschärfen" will und über das "Spitzengespräch", das er gleich über den Ausbau der ICE-Strecke von Berlin nach Dresden führen wird. Die Volkstümlichkeit ist mit dem Vorspeisenteller verschwunden, Pofalla benutzt Fachwörter und Abkürzungen, er ist jetzt Experte. Bahner. Man versteht kaum noch was. Seine Rede hüllt einen ein wie der Berliner Nebel den Turm.
Pofalla könnte jetzt auch den Christian-Anders-Schlager singen: "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Mit mir allein als Passagier", ohne Autorität einzubüßen. Es ist Januar 2017. Man erlebt gerade die Karriere des Bahn-Managers Pofalla auf ihrem vorläufigen Höhepunkt.
Vor gut zwei Jahren ist er unter einigem öffentlichen Gepolter aus der Politik in die Wirtschaft gewechselt, eine Bewegung, die in Deutschland selten ist und misstrauisch beobachtet wird. Er verließ zunächst das Kanzleramt und dann auch das Parlament, er wurde erst Generalbevollmächtigter der Bahn für die Verbindungen zur Politik, dann Vorstand in einem kleineren Ressort, gerade übernahm er die Abteilung Infrastruktur, die größte, die es bei der Deutschen Bahn gibt, 80 000 Mitarbeiter. Er ist nun der zweite Mann hinter Rüdiger Grube, der ihn in den Konzern holte und seine schützende Hand über Pofalla hält. Grube hat mit dem Bund, dem einzigen Aktionär bei der Deutschen Bahn, einen letzten Dreijahresvertrag ausgehandelt, der in wenigen Tagen vom Aufsichtsrat abgesegnet werden soll. Drei Jahre, in denen Pofalla zum Bahn-Chef reifen soll.
Zum Dessert raucht Pofalla eine Zigarette. Er traut sich den Job zu. Er hat die größte Partei einer politischen Weltmacht gemanagt, er hat deutsche Wahlen gewonnen, das Parteiprogramm einer Volkspartei geschrieben und den Euro gerettet, er hat keine Angst vor der Bahn. Er ist ein Selfmademan. Er kennt das Unternehmen inzwischen, er weiß, was er kann, er weiß, was ihn erwartet. Er drückt die Zigarette aus und brennt sich gleich noch eine an. Er muss dazu nicht auf die Terrasse. Pofalla darf auch drinnen rauchen.
Eine Woche später verhindert der Aufsichtsrat der Bahn AG Rüdiger Grubes Vertragsverlängerung. Ein paar Aufsichtsratsmitglieder hatten sich über die Form geärgert, mit der sie mitgeteilt bekamen, dass Grube drei weitere Jahre bleibe. In letzter Minute, per Fax oder Mail. Utz-Hellmuth Felcht, der den Aufsichtsrat und die Sitzung leitete, hätte die Diskussion mit einem Satz beenden können, schließlich war die Personalie längst durch die Bundespolitik abgesegnet. Stattdessen ließ Felcht zu, dass sich die Stimmung hochschaukelte.
Grube fühlte sich gedemütigt und legte sein Amt nieder. Die schützende Hand über Pofalla war weg.
Utz-Hellmuth Felcht ist ein 70-jähriger Chemiker und ehemaliger Reserveoffizier, er wird von Leuten, die ihn erlebt haben, als wunderlich beschrieben. Schön, dass ausgerechnet so jemand Pofalla in die Quere kam. Pofalla ist ja ein Meister im Erfühlen und Drehen von Stimmungen. Aber er musste mit Grube vor der Tür warten, als Utz-Hellmuth Felcht die Zügel aus der Hand fielen.
Der Vorstand Pofalla ist nun wieder ein Expolitiker, der erst seit zwei Jahren bei der Bahn arbeitet. Seine Vergangenheit schimmert durch die Managerhaut. Die alten Kritiker wachen auf. Die Aktion heißt: "Nofalla". Er sei noch nicht so weit. Er habe nicht den Sachverstand. Er habe nicht die Fähigkeiten, ein so großes Unternehmen zu leiten. Er neige zur Tobsucht. Er hat sich die meisten Montblanc-Kugelschreiber im Bundestag bestellt. Er hat dem CDU-Abgeordneten Bosbach einst zugerufen: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen."
Es sind Vorwürfe aus seiner Zeit als Politiker. Pofalla war nicht sonderlich beliebt damals. Er behauptet, es liege daran, dass er sich mit niemandem gemeingemacht habe. Er fraternisierte weder mit Politikern noch mit Journalisten. Er gehörte zum kleinen Kreis um Angela Merkel. Ein geschützter Raum, den er verteidigte. Das habe ihm nicht nur Freunde gemacht.
"Aber ich bin doch kein Politiker mehr", sagt er.
Er hat jetzt die neue Brille. Früher hätte man Schwierigkeiten gehabt, Ronald Pofallas Fahndungsporträt zu zeichnen. Jetzt, mit der Brille, ist das anders. Sie ist von Campbell am Kurfürstendamm und macht was mit dem Gesicht. Steinmeiers neue Brille hat den uhuhaften Eindruck seines Auftretens nur verstärkt, Wulffs neue Brille sieht aus, als versteckte er sich dahinter, Pofalla aber schaut aus dem Gestell wie ein neuer Mensch.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Ronald Pofalla neu erfindet. Eigentlich geht das sein ganzes Leben lang so. Pofalla kommt aus sehr einfachen Verhältnissen. Seine Mutter war Putzfrau, der Vater Feldarbeiter. Die Mutter starb früh. Er hat eine Zwillingsschwester und einen Bruder. In Pofallas ersten Lebensjahren wohnte die gesamte Familie in einer 48-Quadratmeter-Wohnung. Erst als er fünf war, zog sie in ein kleines Haus ein. Pofalla hat das Haus später von seinem Vater übernommen und bis vor zweieinhalb Jahren behalten. Ein Reihenhaus in Weeze, einem Kaff an der niederländischen Grenze. Ein Anker, der ihn an seine Anfänge erinnern sollte.
Im Herbst, als bei der Bahn das neue Lehrjahr begann, versammelten sich die Berliner Neulinge im großen Saal eines Kinos am Alexanderplatz zu einer Feierstunde. Auszubildende aus höheren Lehrjahren führten ein Programm auf, in dem sie den Konzern ein wenig vorstellten. Irgendwann baten sie Ronald Pofalla auf die Bühne und fragten, was er den Neuen mit auf den Weg geben könne.
Pofalla nahm das Mikrofon zwischen die Finger wie ein Schlagersänger, lief in die Bühnenmitte und erzählte von seinem Berufsanfang. Er habe die Hauptschule abgeschlossen und auf den Wunsch seines Vaters hin eine Lehre als Autoschlosser begonnen. Er quälte sich ein paar Monate und bat dann seinen Meister, den Lehrvertrag aufzuheben. Er habe das Abitur nachgemacht und studiert.
"Meine Karriere war geprägt von Talfahrten und Aufstiegen", sagt Pofalla. "Man muss den richtigen Weg finden für sich. Jeder hat seinen."
Pofalla nahm den Schülern für einen Moment den bleiernen Druck des Anfangs. Er hat ein gutes Gefühl dafür, wie man einen Saal bearbeitet. Seine Stimme knattert und kräht zu sehr für die große Rede an die Nation, aber er kann Menschen fangen.
Pofalla hat erst Sozialpädagogik studiert, mit Diplom, und weil das auch nichts war, gleich hinterher noch Jura, erstes und zweites Staatsexamen. Da war er längst CDU-Mitglied. Er hat sich die Ausbildung von einem Klever Unternehmer namens Schönmackers sponsern lassen, der sich dafür Unterstützung von der CDU für seine Firmen erhoffte.
Was wollte er damals? Was trieb ihn an?
Er wollte eigentlich nur aus diesem frühen Leben fliehen, erzählt Pofalla bei einem Abendessen in einem Charlottenburger Italiener. Aus der Enge.
Das Restaurant sei in seinen Zeiten als Politiker mal quasi sein Wohnzimmer gewesen, sagt Pofalla. Der Wirt kennt ihn. So was zählt für den Mann aus der Provinz. Er erzählt von seinen Anfängen in der Bundespolitik, Kohl mochte ihn zunächst nicht, vielleicht weil er in der falschen Kirche war. "Ich war ja der einzige Evangelische in der CDU", sagt er. Bis Merkel kam. Sie verstanden sich sofort. Er lebte seine Ambitionen in ihrer Karriere aus.
Wollte er selbst nie ganz nach oben? Kanzler werden?
Pofalla schweigt fünf Sekunden. Dann sagt er: "Ein Geheimnis der politischen Karriere ist, dass du deine Grenzen kennst. Wo es aufhört. Ich hatte meine erreicht."
Er steht auf der Straße und raucht. Es ist die Straße, in der er gewohnt hat, damals im letzten Leben. Im selben Haus wie Guido Westerwelle. Pofalla sagt, dass er Westerwelle von dem Posten als Außenminister abgeraten habe. Das Guidomobil. Die 18 Prozent auf der Schuhsohle. Guido wäre bestimmt ein guter Innenminister gewesen. Pofalla bläst Rauch in die Nacht. Es ist ein berührender, erhellender Moment über Inszenierung in der Politik.
Leider zerstört er ihn gleich wieder. Er erwähnt zwei soziale Projekte, in denen er sich engagiert. Dafür habe er früher gar keine Zeit gehabt. Wenn man den neuen Ronald Pofalla kennenlernen wolle, solle man die Projekte besuchen.
Am nächsten Morgen mailt sein Sprecher die Kontakte.
Eines der Projekte heißt "Bolle" und hilft Straßenkindern in Berlin-Marzahn. Man fährt wie auf Schienen dort raus in das endlose Plattenbaumeer im Nordosten der Stadt. Schienen, die Ronald Pofalla verlegt hat. Man trifft einen Sozialarbeiter, der schon auf einen wartet. Er heißt Eckhard Baumann. Vor drei Jahren bekam er einen Anruf von Pofalla. Er hatte bei seinen Läufen durch die Berliner Mitte immer wieder obdachlose Mädchen und Jungen gesehen, einmal musste er den Krankenwagen rufen, um ein bewusstloses Mädchen zu retten.
"Wir brauchten 1,5 Millionen Euro, steckten aber bei 300 000 fest. Die Differenz hat Herr Pofalla aufgetrieben", sagt Baumann. "Er hat uns gerettet."
Sie kümmern sich um Jugendliche, die zu Hause keinen Halt finden. Pofalla war vier- oder fünfmal hier, beim letzten Mal hat er seine Frau mitgebracht.
Baumann sagt: "Es gibt den Menschen Pofalla."
Es ist der Satz, für den man gekommen ist. Der Satz, der den ehemaligen Politiker Pofalla erlösen soll. Der Kuss, der den Frosch zum Prinzen macht.
Pofalla, der Mensch, engagiert sich auch noch weiter im Osten. Vor anderthalb Jahren übernahm er die Leitung des Petersburger Dialogs, eines informellen deutsch-russischen Länderbündnisses. Sein Vorgänger war zehn Jahre lang Lothar de Maizière gewesen, der letzte DDR-Ministerpräsident. Angela Merkel wollte lieber Pofalla, weil die russisch-deutschen Beziehungen zu wichtig geworden waren für den sentimentalen Schostakowitsch-Liebhaber de Maizière.
Für de Maizière ist der Petersburger Dialog eine Herzenssache, für Pofalla ist er ein "Format". Er leitet die Organisation zusammen mit Wiktor Subkow, der eine ähnliche Laufbahn eingeschlagen hat wie Pofalla. Er war mal für ein paar Monate Ministerpräsident Russlands und ist heute Aufsichtsratschef des Staatskonzerns Gazprom. Sie sind ein interessantes Paar. Beim letztjährigen Dialog besuchten die beiden die verschiedenen Arbeitsgruppen, die in Konferenzräumen eines Petersburger Hotels diskutierten. Subkow erzählt den Experten, wie er das Müll- beziehungsweise das Terrorismusproblem der Welt lösen würde, wie Kim Il Sung und Donald Trump kennt sich Subkow mit fast allem aus. Der Arbeitsgruppe Medizin, die gerade über die Zusammenarbeit bei der Krebsbekämpfung diskutierte, riet er in einer feurigen Rede, die Arzneikosten für Rheumamittel zu senken. Pofalla hielt sich zurück, hörte den Experten zu und versprach hier und da Hilfe.
Neben dem entfesselten Russen wirkte der Deutsche wie ein Weiser aus dem Abendland.
Erst bei der Abschlussfeier näherte sich Pofalla der russischen Seele. Es gab jede Menge Toasts, jede Menge Wodka. Die Krimkrise, die Nato-Truppen im Baltikum, die Behinderung des deutschen Hansebüros in Kaliningrad verloren im Ballsaal etwas von ihrem Schrecken. Subkow, der Pofalla zwei Tage lang attackiert hatte, schien ihn zum allerersten Mal als Partner ernst zu nehmen. Es lag sicher auch an Pofallas junger Frau, die so selbstverständlich mitfeierte, als wäre sie einem Tschechow-Stück entsprungen. Aber auch am Wodka. Na sdorowje.
Viele von Pofallas Politikgeschichten haben mit Alkohol zu tun. Als er das erste Mal für den Bundestag kandidierte, musste er zum Bischof von Münster. Antrittsbesuch bei der katholischen Kirche. Sie hätten die ganze Nacht durchgesoffen, sagt Pofalla. Dann hatte er den Segen des Bischofs. Er kriegt sie alle. Bischöfe und russische Funktionäre.
An einem kalten Dezembertag bricht Ronald Pofalla mit ein paar Öffentlichkeitsarbeitern der Deutschen Bahn nach Lutherstadt Wittenberg auf, um einen neuen "Grünen Bahnhof" zu eröffnen. Er nimmt den ICE nach München, Gleis 2 auf dem Berliner Hauptbahnhof. Es dauert normalerweise nur eine Dreiviertelstunde bis Wittenberg.
Der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung, die Wagenfolge wurde verändert, und ein paar Wagen wurden ausgetauscht. Die Öffentlichkeitsarbeiter erobern vier Sitze in der ersten Klasse, im Waggon drängen sich Reisende, die Platzkarten für Sitze haben, die es nicht mehr gibt. Manche starren Pofalla an, aber niemand scheint ihn zu erkennen.
Eine ältere Dame fragt: Hält der Zug in Naumburg?
Pofalla sieht seine Pressesprecher an.
Ich glaube schon, sagt einer.
Die Dame schüttelt den Kopf. Ein Sprecher geht Kaffee holen, für alle. Der Zug bewegt sich nicht.
Pofalla redet gegen den Stillstand an. Er erzählt, wie ihn die CDU für seinen ersten Wahlkampf ausgerechnet nach Gelsenkirchen schickte, ins Königreich der SPD, regiert von seinem Gegenkandidaten Norbert Formanski. Pofalla hatte keine Chance, und das war wohl die Lehre. Er habe zum ersten Mal in seinem Leben die Karte des Arbeiterkindes gespielt, sagt Pofalla. Sie hat ihm ein wenig Respekt verschafft, gewinnen konnte er nicht. Er ist über die Liste in den Bundestag gekommen. Es könnte eine Metapher sein, auch wenn man nicht weiß, wofür.
Wenigstens fährt der Zug los.
Der Grüne Bahnhof entpuppt sich als Bungalow. Er sieht schön aus, aber irgendwie zu klein für den Auflauf. Während alle auf die Eröffnungsreden warten, erzählt ein Sprecher, wie sehr Ronald Pofalla die Atmosphäre bei der Bahn verändert habe. Er sei ein großartiger Manager, der Dinge in Tagen erledige, für die man früher Monate gebraucht habe. Er kenne ja überall Leute. Wo die Bahn-Verantwortlichen vor ihm den Streit gesucht hätten, suche Pofalla den Konsens. Sie mögen ihn bei der Bahn, sagt der Sprecher.
Der Ministerpräsident hält eine Rede, in der er den kleinen Bahnhof mit der Schöpfung vergleicht. Pofalla redet über Pferdekutschen, Luther und die Rezeptur für einen CO²-reduzierten Beton, mit dem der Bahnhof gebaut wurde. Während die Ehrengäste die Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Bungalows inspizieren, verkünden die Nachrichtenagenturen, dass Ronald Pofalla zum Vorstand für Infrastruktur befördert worden ist. Es passiert wirklich zeitgleich, als säße irgendwo ein Regisseur, der das zweite Leben von Ronald Pofalla inszeniert. Man steht in der Halle des zweiten Grünen Bahnhofs Deutschlands, sieht in das verzückte Gesicht des Pressesprechers und glaubt zu spüren, wie einem die asymmetrische Demobilisierung am Mantel zerrt.
Die Neuerfindung von Ronald Pofalla ist fast abgeschlossen, als Hellmuth-Utz Felcht ins Bild läuft, ehemaliger Chemiker, Reserveoffizier und Aufsichtsratschef der Bahn.
Eine Woche nachdem Rüdiger Grube die Brocken hingeworfen hat, tagt im Bahntower der Personalausschuss des Aufsichtsrats. Es ist der erste Montag im Februar, und es ist immer noch diesig und kalt. Es gibt Meldungen, die voraussagen, dass heute eine Entscheidung über die Nachfolge falle. Manche Kommentatoren schreiben, Pofallas Chancen stünden 50:50, manche sehen sie schlechter, manche besser. Sein Charakter liegt auf dem Prüfstand. Manche warnen vor Pofalla, sie warnen vor dem Politiker. Ein Kollege schreibt: Es wäre besser, einen Ingenieur zu holen.
Wenn es um die Bahn geht, kann jeder mitreden. Deutscher Bahn-Chef ist so was wie deutscher Fußballnationaltrainer. Emotional. Heikel. Man fragt sich, woher die hohen moralischen Ansprüche kommen. Hartmut Mehdorn hat aus seinem Büro gern den Lokführer eines rasenden ICEs angerufen, um seine Macht zu demonstrieren. Rüdiger Grube schmiss hin, weil sein Vertrag nicht um drei, sondern nur um zwei Jahre verlängert wurde. Mit 65. Beide waren übrigens Ingenieure. Genau wie Reichsbahn-Chef Albert Ganzenmüller, der die Transporte in die deutschen Vernichtungslager und den Waffennachschub für die Ostfront organisierte.
So was denkt man, wenn man in der Sitzecke vor Pofallas Zimmer darauf wartet, dass die Tür aufgeht. An der Wand zieht die Namensliste der Bahnhöfe vorbei, die es in Deutschland gibt. 5700 Bahnhofsnamen, eine endlose Kette, die sich durch alle Etagen windet. Meckenheim. Wüstmark. Langenorla. Emskirchen. Kerkerbach. Draußen wird es dunkel. Irgendwann geht die Tür auf, und Pofalla bittet in sein Büro.
Er hat ein Pflaster am Daumen. Am Wochenende habe sein Hund, Konrad, nach ihm geschnappt, sagt er. Pofalla hat die Kaffeetasse fallen lassen und sich dann an den Scherben geschnitten. Ansonsten wirkt er unversehrt. Er war mit seiner Frau spazieren. Sie haben darüber geredet, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn der Kelch an ihm vorbeiginge. Für ihre Beziehung.
Ist er nicht nervös, dass gerade der Personalausschuss tagt?
"Ach", sagt Pofalla, "die entscheiden doch nichts. Das wird doch alles in der Politik entschieden."
Ist es für seine Chancen eher gut oder eher schlecht, dass es ein Wahljahr ist? "Schlecht", sagt er schnell, aber unbesorgt.
Er kann die politische Situation bis ins Detail sezieren. Den plötzlichen Aufstieg von Martin Schulz, die aufgepumpten Sozialdemokraten. Wäre Grube zwei Wochen früher zurückgetreten, hätte man sich auf ihn einigen können. Die neue, selbstbewusste SPD aber bestehe womöglich auf einem Kompensationsgeschäft, das man vor den Bundestagswahlen nicht mehr hinbekommt. Und wie die Wahlen ausgehen, steht in den Sternen. Er weiß, wie schnell Stimmungen kommen und gehen, er hat sie selbst erzeugt. Er analysiert die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel, er beschreibt, wie man mit der AfD umgehen muss, wie man die Luft aus Schulz ablassen kann. Um am Ende politische Verhältnisse zu haben, die ihm nützen könnten. Die Personalentscheidung an der Spitze der Deutschen Bahn findet – wie es aussieht – im Auge des Sturms statt. Er scheint sich dort wohlzufühlen.
Pofalla ist so lange vor der Politik weggelaufen, bis er wieder bei ihr ankam.
"Ach wissen Sie, die Geschichte von meinem unaufhaltsamen Aufstieg, ich als Machtmaschine, ist doch Quatsch", sagt er. "Ich komme aus einem kleinen Nest an der holländischen Grenze. Ich war der Erste in meiner Familie, der überhaupt studiert hat. Als ich da im Weeze-Ortsverband saß, hätte ich mir nicht träumen lassen, jemals Chef des Kanzleramts in Berlin zu werden."
Ihm kann überhaupt nichts mehr passieren.
Sein Lachen wirkt nicht gequält. Es wirkt ansteckend.
Am Ende dreht er noch an der Bosbach-Geschichte. Wolfgang Bosbach ist ein alter Kumpel, sie haben Anfang der Achtzigerjahre zusammen studiert. Römische Rechtsgeschichte. Er hat nicht den Abgeordneten Bosbach beschimpft, sondern seinem alten Studienfreund die Meinung gesagt.
Dann ist auch das gut. Der Menschwerdung steht nichts mehr im Weg.
Ronald Pofalla ist bei der Bahn, er weiß, dass Pläne so unberechenbar sein können wie das Leben. Er könnte sich als Bahn-Chef erfinden, aber genauso gut als einen Mann, der kein Bahn-Chef geworden ist. Man kann das beunruhigend finden, aber auch beruhigend. Wir erleben gerade die erste richtige Bewährungsprobe für den neuen Menschen Pofalla.
Er wird sie bestehen. So oder so.
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Pofalla will ein Mensch werden, wie Pinocchio.

Als säße irgendwo ein Regisseur, der das zweite Leben von Ronald Pofalla inszeniert.

Über den Autor

Alexander Osang, Jahrgang 1962, traf Ronald Pofalla im vergangenen halben Jahr mehrfach und an verschiedenen Orten. Osang genießt die guten Recherchebedingungen beim SPIEGEL, bedauert aber, dass es immer wieder Szenen gibt, die es am Ende nicht in den Text schaffen. Hier ist eine: Im vorigen Sommer nahm Pofalla am "Petersburger Dialog" in Russland teil. In der Arbeitsgruppe Wirtschaft konnte der Bahnmanager keine kritische Frage stellen, weil ein stiernackiger Gazprom-Funktionär eine halbe Stunde lang über die Abmessungen eines Messestands sprach. So lange und so detailliert, bis die Fragezeit abgelaufen war. Pofalla lächelte, amüsiert und bewundernd.
* Rechts: Westerwelles Partner Michael Mronz.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 7/2017
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