11.02.2017

ManagerDer entzauberte Vollstrecker

Carsten Kengeter will aus den Börsen in Frankfurt und London einen Weltmarktführer bauen. Doch er steht vor dem Scheitern – aus Hybris und wegen handwerklicher Fehler.
Ich weiß, wie es ausgehen wird", sagt Carsten Kengeter beiläufig. Es ist Spätherbst, der Börsenchef hat zum Abendessen in ein trendiges Lokal am Main geladen, auf dessen Oberfläche sich die Lichter der Frankfurter Skyline spiegeln.
Kengeter schaut amüsiert in die Runde. Er weiß natürlich nicht, wie es ausgehen wird, das Ringen um das Projekt seines Lebens: die Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange zu einem Weltmarktführer.
Aber er ahnt es vermutlich. Und er kokettiert damit. Sein großer Deal fährt gerade gegen die Wand.
Drei Monate nach dem Dinner geht es nicht mehr nur darum, wie es um die Fusion bestellt ist, sondern um Kengeter selbst. Wann wusste er was, das ist die entscheidende Frage. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen den Börsenchef wegen des Verdachts des Insiderhandels. Die Strafverfolger haben den Börsensitz in der Frankfurter Trabantenstadt Eschborn und Kengeters Privatwohnung gefilzt.
Als Kengeter am 14. Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Aktien der Börse erwirbt und zusätzlich den Anspruch auf einen weiteren Erfolgsbonus von seinem Arbeitgeber, soll er bereits sehr genau wissen, dass die Deutsche Börse auf einen Zusammenschluss mit der London Stock Exchange (LSE) zusteuert. Doch erst am 23. Februar 2016 machen die Börsenbetreiber aus London und Frankfurt ihren Fusionsplan öffentlich. Kengeter und die Börse weisen die Vorwürfe zurück.
Die Razzia ist der Höhepunkt eines Wirtschaftskrimis. Es geht um Männer, die den ganz großen Deal wollen, vielleicht, um noch ein paar Millionen mehr zu verdienen, vielleicht, um sich ein Denkmal zu setzen, und vielleicht auch, weil sie wirklich glauben, Europa damit einen Gefallen zu tun, wie Kengeter mit geradezu missionarischem Eifer verbreitet.
Der Streit um die Fusion und den Sitz der Superbörse – er soll in London sein – ist die erste große Schlacht auf dem Feld, das der anstehende Brexit geöffnet hat und auf dem es in den nächsten Jahren darum gehen wird, welche wirtschaftliche Zukunft Großbritannien und Resteuropa haben.
Und immer wieder ist die Frage, was Kengeter wann wusste.
Als der Börsenchef die Fusion ankündigt, weiß er, dass die Briten über den Brexit abstimmen werden. Doch weder Kengeter noch all die Investmentbanken und Rechtsanwaltskanzleien – die für ihre Expertise 350 Millionen Euro bekommen – bauen in den Fusionsvertrag eine Klausel ein, die den Plan unter den Vorbehalt stellen, dass Großbritannien in der EU bleibt. Dass der Brexit auch die Konditionen der Fusion beeinflussen könnte – egal.
Schon damals entsteht der Eindruck, dass Kengeter den Deal um jeden Preis will. Er wird später behaupten, man habe den Brexit kommen sehen, und er verstärke nur die Argumente für die Fusion. Wenn Großbritannien die EU verlasse, sei es umso wichtiger, eine "Liquiditätsbrücke" zu bauen, wie Kengeter das nennt. Wenn die Politik nicht mehr wolle, müsse die Wirtschaft Europa zusammenhalten. Dass es aber diese Brücke nicht geben wird, wenn die Politik nicht mitspielt, blendete Kengeter zu lange aus.
Mag sein, dass die EU-Kommission die Fusion unter Auflagen durchwinkt, sie will bis Anfang April entscheiden.
Danach ist der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Zug: Bei ihm liegt die Aufsicht über die Börse. Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) hat bereits klargestellt, die Fusion komme nur mit einem Hauptsitz in Frankfurt infrage. Die britische Regierung wiederum will nicht vom Standort London abrücken.
Zwar heißt es aus dem Umfeld der Börse, Aufsichtsratschef Joachim Faber und Kengeter seien zu Zugeständnissen bereit, um doch noch die politische Zustimmung zu der Fusion zu bekommen. Doch wie eine Lösung aussehen könnte, etwa mit einem Doppelsitz, erklären sie bisher nicht.
"Kengeter und Faber können gar nicht von dem abrücken, was im Fusionsvertrag festgeschrieben und von den Aktionären verabschiedet wurde", sagt Ulrich Burgard, Professor für Handels- und Wirtschaftsrecht, der für die hessische Landtagsfraktion der FDP ein Gutachten zu der börsenrechtlichen Bewertung des Fusionsvorhabens erarbeitet. Jede andere Vereinbarung mit der Aufsicht würde juristisch auf dünnem Eis stehen und müsste von den Aktionären nachträglich genehmigt werden.
Kengeter aber scheint noch immer auf einen politischen Kompromiss zu hoffen.
Wer ist dieser Mann, der sich so vehement gegen den Lauf der Geschichte stemmt?
Carsten Kengeter, 49, ist in Heilbronn geboren. Doch einen großen Teil seines Lebens verbringt er außerhalb Deutschlands. London wird seine Wahlheimat. Später wird man ihm vorhalten, dass er vor allem deshalb den Sitz der Börse an der Themse ansiedeln wolle.
Kengeter arbeitet zunächst bei Barclays, dann bei Goldman Sachs. Bis 2008 geht es für den Bergmarathonläufer nur aufwärts. Mitten in der Finanzkrise wechselt Kengeter zur schwer gebeutelten Schweizer UBS und schafft es bis in den Vorstand. 2011 fliegt der UBS-Händler Kweku Adoboli auf, der Milliarden verzockte – unter Kengeter. Der bietet seinen Rücktritt an, soll aber bleiben und seinen Geschäftsbereich zurechtstutzen, erst dann trennt man sich.
Die Jahre bei Goldman und der UBS machen Kengeter reich, er verdient allein 2009 und 2010 insgesamt 22 Millionen Euro. Geld allein dürfte denn auch kaum das sein, was Kengeter bei der Börse antreibt. Vielleicht will er seinen Ehrgeiz stillen, weil ihm der Schritt an die Spitze in der Schweiz verwehrt geblieben ist.
Nach seinem Abgang bei der UBS 2013 genießt Kengeter erst einmal die Freiheit, er treibt Extremsport, forscht und lässt sein Geld arbeiten. Bis ein Münchner Headhunter anruft: Der Aufsichtsratsvorsitzende Faber sucht einen Vorstandschef, der die Börse wieder auf Wachstum trimmt.
Wenn es stimmt, was man sich in Frankfurt erzählt, dann ist Faber nicht der Einzige, der sich zu der Zeit Gedanken über die Zukunft der Börse macht. In einem Stadtpalais hinter der Münchner Feldherrnhalle hat er eine Bürogemeinschaft mit seiner heutigen Aufsichtsratskollegin Ann-Kristin Achleitner und ihrem Mann Paul, dem Chefkontrolleur der Deutschen Bank. Im Jahr 2014 soll die beiden Männer die Vorstellung einen, man müsse die Deutsche Börse zu neuem Leben erwecken.
Warum nicht einen neuen Anlauf auf die Londoner Börse unternehmen? Zweimal waren solche Versuche gescheitert. Ob Faber schon 2014 das Interesse der LSE und mögliche politische Unterstützung sondiert, dazu gibt es unterschiedliche Versionen. Jedenfalls sucht er nach einem Exekutor für seine Wachstumspläne und findet ihn im Oktober 2014 in Carsten Kengeter.
Im April 2015 rückt dieser in den Vorstand, im Juni übernimmt er die Chefrolle. Schnell schafft Kengeter das Bild vom Macher, schon nach wenigen Monaten hat er die Übernahme der Devisenhandelsplattform 360T und andere Zukäufe eingefädelt.
So weit, so gut. Aber es geht um den ganz großen Deal. Im Juli verabschiedet der Aufsichtsrat Kengeters Wachstumsprogramm Accelerate, in dem außer der LSE die Namen etlicher potenzieller Partner stehen. Doch laut Staatsanwaltschaft soll die Deutsche Börse bereits ab Juli oder August konkret mit der LSE über eine Fusion verhandelt haben.
Im September beschließt der Aufsichtsrat um Faber ein neues Vergütungsmodell. Oder besser gesagt, zwei: eines für den gesamten Vorstand, das am 1. Januar 2016 in Kraft tritt. Und eines für Kengeter, das ihm die Möglichkeit gibt, bis Ende Dezember 2015 Aktien für bis zu 4,5 Millionen Euro zu kaufen. Lesart des Unternehmens: Man wollte sein Interesse mit dem der Aktionäre gleichschalten.
Problematisch ist nicht das Paket an sich. Kritisch ist der Zeitpunkt, zu dem es gewährt wird. Es habe 2015 keine Verhandlungen mit der LSE gegeben, gibt Faber nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen Kengeter zu Protokoll.
Ist das nur spitzfindig – weil man zwar mit den Londonern sondierte, aber nicht im aufsichtsrechtlich relevanten Sinn verhandelte –, oder waren die Gespräche schon viel weiter gediehen, als die Börse suggeriert? Im November 2015, also vor Kengeters Aktienkauf, soll es im Bundeskanzleramt ein Gespräch zwischen dem Börsenchef und Lars-Hendrik Röller gegeben haben, dem Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel.
In diesem Gespräch soll Kengeter erklärt haben, man sei sich mit der LSE im Grundsatz einig. Allerdings werde die britische Regierung nur zustimmen, wenn der Sitz der fusionierten Börse in London angesiedelt werde. Röller soll signalisiert haben, dass man dem Deal wohlwollend gegenüberstehe, wenn das Finanzministerium mit einem Sitz in London leben könne.
Wenn es so war wie geschildert, wäre kaum zu erklären, warum Kengeter kurz darauf Aktien kauft und weder der Aufsichtsrat noch die Compliance-Abteilung ihm in den Arm fallen.
Ein Regierungssprecher sagt dazu, der Berater der Bundeskanzlerin führe "zahlreiche Gespräche mit Wirtschaftsvertretern. Zu einzelnen konkreten Terminen wird aber grundsätzlich keine Auskunft gegeben". Die Deutsche Börse erklärt mit Blick auf alle für den Insiderverdacht relevanten Fragen, sie arbeite mit ihren Anwälten an der Aufarbeitung und kooperiere eng mit der Staatsanwaltschaft. Sie lege alle Erkenntnisse ausschließlich gegenüber den Ermittlungsbehörden offen.
Für das große Ziel Kengeters, Fabers und Achleitners könnten die Ermittlungen der Todesstoß sein. Es ist einsam geworden um den Börsenchef. Die Frankfurter Finanz-Community hat von Beginn an mit dem Mann aus London gefremdelt. Mittlerweile rücken auch Aktionäre von Kengeter ab. Wenn der Deal scheitere, seien er und Faber nicht zu halten, heißt es bei einem Großaktionär. Auch zwischen den Fusionspartnern ist das Klima abgekühlt. Dem Neujahrsempfang der Deutschen Börse blieb die Führung der LSE fern, obwohl sie am Tag darauf gemeinsam mit Kengeter und Faber einen Termin bei der hessischen Landesregierung hatte.
Ja, Kengeter ahnt sicher, wie es ausgeht. Aufgeben aber wird er nicht, ist ein Frankfurter Investmentbanker überzeugt: "Faber und Kengeter wollen mit dem Schwert in der Hand sterben."
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

Mail: martin.hesse@spiegel.de

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Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 7/2017
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