11.02.2017

SyrienZur Begrüßung 100 Schläge

Shappal Ibrahim, 39, ist einer von 84 Zeugen, die im Report von Amnesty International über Menschenrechtsverletzungen in Syrien berichten. Er leidet noch heute unter den Folgen der Folter, die er im Saidnaja-Gefängnis in der Nähe von Damaskus erlitten hat.
"Ich bin Kurde und komme aus dem Norden Syriens, aus der Stadt Kamischli. Zwei Monate nach Beginn der Revolution erschien mein Name auf einer Liste des Geheimdienstes. Im September 2011 stand eines Morgens ein Auto vor meiner Haustür. Steig ein, haben sie gesagt, wir müssen was mit dir klären. Ich wurde in verschiedenen Gefängnissen festgehalten, Anfang 2012 brachten sie mich nach Saidnaja. Dann kam, was die Wächter die Willkommensfeier nannten. Wir wurden mit Kabeln geschlagen, so lange, bis jeder 100 Schläge abbekommen hatte. Ich schätze, das hat vier Stunden gedauert.
Dann wurden wir in eine Zelle geführt, zwei Meter mal ein Meter, darin eine Toilette, sieben Personen, wir mussten uns nackt ausziehen. Es war sehr kalt. Saidnaja liegt in der Nähe des Libanon in einer Gebirgsregion. Wir hatten nur zwei Decken. Schlafen durften wir nur auf Befehl.
Zu essen bekamen wir eine kleine Portion pro Tag, die wir uns teilten, zum Beispiel Kartoffeln, zwei Eier und Fladenbrot. In meiner Zelle starb ein Mann, an Kälte oder an Nierenproblemen. Sogar die Leiche schlugen die Wärter noch. Einmal habe ich gesehen, wie sie vier Leichen an unserer Tür vorbeigeschleift haben. Vielleicht waren auch sie erfroren. Als ich einen Infekt hatte, wurde ich in ein Krankenhaus gebracht, dort schlugen sie mich mit dem Besenstiel oder dem Infusionsschlauch.
Nach einem halben Jahr im Knast wurde ich in einem Kühlwagen, in dem sonst Fleisch und Gemüse transportiert werden, zu einem Militärgericht gefahren. Die Anhörung dauerte etwa eine Minute. Du brauchst nichts zu sagen, du wirst verurteilt, weil du an den Unruhen mitgewirkt hast, haben sie gesagt. Später sah ich, dass ich zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war.
Eines Tages durfte mich mein Bruder besuchen. Er hatte irgendwen bestochen. Die Soldaten warfen mir vor, dass ich etwas auf Kurdisch gesagt habe. Dafür haben sie mir die Hand gebrochen. Ein paar Wochen später wurde ich dann am frühen Morgen, es war vielleicht vier Uhr, aus der Zelle geführt. Ich wurde wieder beschimpft. "Kurdischer Hurensohn", haben sie gesagt. Ich dachte, sie exekutieren mich. Stattdessen kam mein Bruder und hat mich abgeholt. "Leb dein Leben. Du bist frei", sagte der Gefängnisdirektor. Das war am 29. Mai 2013. Eine kurdische Delegation hatte sich für mich eingesetzt.
Ich gelangte nach Arbil im Irak und flog von dort nach Düsseldorf. Seit meiner Zeit im Gefängnis Saidnaja bin ich arbeitsunfähig und habe Angst, dass ich auch hier bedroht werde."
Von Susan Djahangard

DER SPIEGEL 7/2017
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