11.02.2017

SyrienEs war einmal eine Nation

Das Regime von Baschar al-Assad beherrscht nach dem Fall Aleppos erstmals wieder alle großen Städte des Landes. Ist eine Versöhnung der Bürgerkriegsparteien möglich? Eine Reise durch den Rumpfstaat. Von Fritz Schaap (Text) und Christian Werner (Fotos)
Der Osten Aleppos ist eine groteske Trümmerlandschaft, in der an einem eisigen Januarabend fünf Männer um eine zerbeulte Ofentonne in einer Fleischerei stehen.
Ihre Hosen sind schmutzig, ihre Gesichter verrußt, schon lange gibt es kein fließendes Wasser mehr. Jeden Abend wärmen sich die Männer hier auf, verheizen Tischbeine und Stühle aus den Ruinen, denn in den Überresten ihrer Wohnungen gibt es keine Öfen.
Die Angst sei endlich weg, sagt Ahmed Tubal, der Besitzer der Fleischerei, nach über vier Jahren Herrschaft verschiedener Rebellengruppen über ihr Viertel Schaar. Nachdem die syrische und die russische Luftwaffe die halbe Stadt zu Schutt gebombt haben, um dem ein Ende zu bereiten.
Die Rebellen und ihre Unterstützer haben die Stadt verlassen, und nach dem Sieg des Regimes sind jene geblieben, die auf der Seite von Baschar al-Assad stehen. "Die Bombardierungen mussten sein, um die Islamisten zu vertreiben", sagt Tubal, ein kleiner Mann mit müden Augen. "Sonst wären die doch nicht gegangen." Die anderen Männer stimmen lautstark zu. "Wir waren so erschöpft. Es sollte einfach aufhören. Wenn dafür alles noch weiter zerstört werden musste, dann war das eben der Preis."
Wer Assads Syrien besucht, diesen Rumpfstaat um die großen Städte im Westen, den der Diktator dank russischer und iranischer Unterstützung wieder kontrolliert, der betritt eine apokalyptische Welt. Schwere Mercedes-Sattelschlepper fahren Wassertanks durch Aleppos Ruinen, in den Straßen patrouillieren leichte Panzer, auf denen russische Soldaten sitzen. Im Fernsehen ist oft Assad zu sehen, in den Augen vieler Menschen spiegelt sich Angst.
Die Reise führt in die drei großen Städte im Norden und Westen: Aleppo, Latakia, Homs. Aleppo, das zum Sinnbild des brutalen Bombenkriegs wurde. Latakia, die Regimehochburg am Mittelmeer, vom Krieg weitgehend unberührt und noch immer beliebtes Reiseziel im Sommer. Und Homs, das einst ein Zentrum des Aufstands war, zerstört wurde und nun zum Modell für den Wiederaufbau werden soll.
Wenn Journalisten durch Syrien reisen, können sie sich nicht frei bewegen. Offiziell dürfen nur Orte besucht werden, für die man aus Damaskus eine schriftliche Erlaubnis mitbringt. Man darf nur Menschen treffen, die dem Regime genehm sind. Sonstige Treffen müssen heimlich stattfinden. Meist werden Aufpasser abgestellt, die einen begleiten.
In Aleppo gibt es nur eine Aufpasserin für internationale Journalisten, fast immer redet man mit den Menschen unbeaufsichtigt. In Latakia dagegen hat man eine Militäreskorte und in Homs zwei Aufpasserinnen. Auch ohne direkte Überwachung stellt sich immer wieder die Frage, ob die Menschen sagen, was sie wirklich denken, oder ob Angst ihre Worte lenkt.
Nach dem Wunsch des Regimes sollen die Besucher wohl zu folgendem Ergebnis kommen: Baschar al-Assad ist der Einzige, der das Land wieder zusammenbringen kann. Aber was denken die Menschen wirklich? Welche Hindernisse stehen Versöhnung und Wiederaufbau im Weg? Und ist nicht Assad selbst das größte Hindernis?
1. Aleppo
"Das hier war ein sicheres Viertel", sagt Ahmed Tubal, der Fleischer. "Bis sie kamen." Er zertritt ein Stück Spanplatte, die er dann in die Ofentonne legt. Es war zu Beginn des Ramadan 2012, sagt er, als der Krieg zu ihm kam. Vor seinem Haus schoss ein vermummter Kämpfer mit einer Panzerfaust auf ein vorüberfahrendes Auto. Vier Menschen verbrannten darin. Tubal konnte ihre Gesichter noch erkennen, sie verfolgen ihn bis heute.
Er rannte in den nächsten Laden, kaufte Brot, Eier, Fett und Reis für sich, seine Frau und die zwei Kinder. Dann verließen sie ihre Wohnung 20 Tage lang nicht. Bis die Vorräte aufgezehrt waren und sie lernen mussten, mit dem Krieg zu leben.
Die Rebellen, die Teile Aleppos eroberten, stammten vor allem aus dem Umland, und sie bestanden aus verschiedensten Gruppierungen, manche moderat, andere extremistisch. Viele Gruppierungen wurden im Lauf der Jahre religiöser.
In seinem Viertel, sagt Tubal, hätten die Kämpfer bald den Alkohol verboten und später auch Zigaretten. Da er ein gläubiger Mensch sei, habe ihn das nicht gestört. Aber als der Anführer ein paar Wochen später zum Freitagsgebet mit einer Kalaschnikow erschien, da wurde es ihm zu viel. Tubal hörte auf, in die Moschee zu gehen. Seine Kinder nahm er aus der Schule. Die Gehirnwäsche der Islamisten, sagt er, bekomme man sonst nicht mehr aus ihren Köpfen.
Während Tubal und vier weitere Männer sich wärmen, dröhnt aus der Ferne das Grollen der Luftschläge. Ein Mann nähert sich dem Feuer. Klein, die Haut wie Leder. Erst lächelt er, dann weint er. Er stottert unverständliche Worte und starrt mit aufgerissenen Augen in die Glut. "Das ist Mohammed", sagt einer der Männer. "Er hat zwischen den Bomben den Verstand verloren." Der Mann weint, lacht, weint, dann läuft er weiter, bis er zwischen den dunklen Ruinen verschwindet.
Der Westen Aleppos, der die ganze Zeit in der Hand des Regimes war, liegt wenig beschädigt an den Hängen der Hügel. Der Osten, den die Rebellen kontrollierten, samt der Altstadt und den berühmten Märkten, ist ein Mahnmal des Kriegs. Dennoch kehren Menschen zurück in zerstörte Viertel, sie eröffnen Läden, tragen Matratzen in zerbombte, kalte Wohnungen.
Russische Soldaten räumen Minen der Rebellen aus den Häusern, demontieren riesige Wagenburgen aus aufgestapelten Bussen. In den Nebenstraßen liegen selbst gebaute Sprengfallen am Straßenrand, die die Rebellen bei ihrem Abzug zurückließen. Kinder spielen neben Gasflaschen, die zu Granaten umgebaut wurden.
Strom gibt es in der ganzen Stadt nur aus Generatoren. Die Straßen sind Schneisen durch den Schutt, auf allem liegt ein Schleier aus Asche und Staub. Gelegentlich stehen einzelne Menschen auf den Straßen, verloren, still und traurig, herumirrende Überlebende.
Das Viertel von Ahmed Tubal, dem Fleischer, kontrollierte bis zum Dezember die Miliz Dschabhat Fatah al-Scham, eine extremistische Rebellengruppe, die laut Uno etwa zehn Prozent der Kämpfer in Aleppo ausmachte. "Tritt der Fatah-Armee bei", steht in großen Lettern auf dem Fußboden einer Wohnung, der nun statt der Fassade des Hauses lotrecht nach unten hängt, als hätte ein wahnsinniger Gott mit einer Axt auf das oberste Stockwerk geschlagen.
"Zu allem schrien sie Allahu akbar", sagt Tubal, "Gott ist groß". "Sie gingen in Läden, schrien Allahu akbar, nannten den Besitzer ungläubig und beschlagnahmten alles. Sie sagten: Du bist die Frau eines Polizisten, schrien Allahu akbar und nahmen sich die Frau. Und dann kamen immer mehr Ausländer, immer seltener waren die Kämpfer Syrer." Wer nicht regelmäßig in die Moschee ging, musste für 15 Tage ins Gefängnis. "Allahu akbar hier, Allahu akbar dort", sagt er verächtlich.
Einen seiner Bekannten hätten sie erschossen, als es zum Streit beim Zigarettenkauf kam. Einen jungen Verkäufer hätten sie hingerichtet, ein paar Hundert Meter die Straße hinunter, weil er gesagt habe, bei ihm könne nicht einmal der Prophet auf Kredit kaufen: Blasphemie.
Geschichte wird von Siegern geschrieben. Jeder im Viertel will nun gegen die Rebellen gewesen sein. Die, deren Meinung eine andere war, sind verstummt oder nicht mehr hier, um ihre Geschichten zu erzählen. Assad hatte in Aleppo aber stets auch viele Unterstützer. Das erklärt die Erleichterung, die aus vielen Men-schen spricht. Aus ihrer Sicht wurde der Krieg von außen in ihre Stadt hineingetragen. "Sie haben uns unser Viertel gestohlen", sagt Tubal.
In Syrien herrscht ein Bürgerkrieg, in dem eine mehrheitlich sunnitische Opposition einem Regime gegenübersteht, das alawitisch geprägt ist. Dessen Strategie lautete von Anfang an: Nur wenn man bis zum Äußersten geht, wird man gewinnen. Das zeigen die Hunderttausenden zivilen Opfer durch die Luftangriffe des Regimes, das zeigt aktuell ein Bericht, den Amnesty International veröffentlicht hat. Im Militärgefängnis Saidnaja bei Damaskus sind demnach seit 2011 bei Massenhinrichtungen bis zu 13 000 Menschen getötet worden, es komme dort zu systematischen Folterungen und Vergewaltigungen.
Das Regime setzt auf Vernichtung, nicht auf Versöhnung. Mithilfe seiner mächtigen Verbündeten gelingen Assad militärische Siege – aber eine Zukunft?
Auf einem Balkon gegenüber Tubals Fleischerei klimpern die Reste eines Kronleuchters im Wind. Dann kommt der kleine Hamzi, wie jeden Tag, ein Junge aus der Nachbarschaft. Jemand möge die Rakete aus seinem Kinderzimmer entfernen, die dort seit Wochen liege. Er habe Angst, traue sich nicht in das Haus. Wo seine Eltern sind, weiß er nicht.
Matt beleuchtet das Licht aus Tubals Laden die Straße, über der ansonsten tiefe Dunkelheit liegt. Jungs spielen Fangen, nicht mit einem Ball, sondern mit einer großkalibrigen Patronenhülse. "Eine ganze Generation", sagt Tubal, "ist verloren."
2. Latakia
Fünf Stunden dauert die Fahrt nach Latakia, dabei sind es nur 144 Kilometer, aber es ist eine Reise in eine andere Welt.
Busse, Autos, Panzer drängen sich auf der einzigen Straße, die Aleppo mit dem Rest von Assads Syrien verbindet. Nicht weit im Osten lauert der IS, im Westen herrschen Rebellen.
Die Straße passiert zerstörte, menschenleere Dörfer, dann führt sie am Dschabul-See vorbei nach Süden. Ausgebrannte Panzer und Busse flankieren den Weg. Vereinzelt ragen nicht explodierte Raketen wie Kakteen aus dem kargen braunen Boden. Auf den Hügelkuppen neben der Straße hat die Armee Festungen aus Geröll und Schrott errichtet.
Latakia liegt hinter dem Küstengebirge, und hier ist fast alles, wie es immer war. An der Corniche werfen die Männer noch immer jeden Morgen ihre Angeln ins Meer, selbst wenn die Winterbrandung auf die Küste drückt. Viele Ferienhäuser sind frisch gestrichen, die Geschäfte laufen, selbst die Ladenöffnungszeiten hat man verlängert, weil, so heißt es, die Besucher aus Aleppo gern spät einkaufen gehen.
Die bedeutendste Hafenstadt Syriens ist bekannt für ihre Strände und Luxushotels. Sie wird beschützt von den Russen, die seit 2015 hier einen Luftwaffenstützpunkt unterhalten. Der Krieg hat Latakia nur zu Beginn und nur kurz erreicht. Die Stadt gehört zum Kernland der Alawiten, jener religiösen Minderheit, der auch Präsident Baschar al-Assad angehört. Seine Familie beherrscht Wirtschaft und Schmuggelrouten. Es gibt große Armut in Latakia, aber auch unglaublichen Reichtum. Es werden neue Restaurants gebaut, Cafés eröffnet, Partys gefeiert.
Auf einem Barsessel in einem Fünf-Sterne-Hotel sitzt Ghaith Salman, hellblauer Adidas-Trainingsanzug, kurzes Haar, und er ist sauer. "Warum regt sich alle Welt über uns auf?", fragt er. "Dürfen wir nicht leben, nur weil in Aleppo Menschen sterben?" Während im vergangenen November Bomben auf Aleppo fielen, während dort Tausende ihre Häuser und ihr Leben verloren, veranstaltete Salman in Latakia die zweite syrische Fashion Week. Die einheimischen Models hatte er selbst ausgewählt, junge Designer stellten ihre Kollektionen vor: Hotpants, Overknee-Strümpfe und Jacketts mit Goldapplikationen. Das sei zynisch, hieß es in arabischen Medien. Der Vorwurf wurmt ihn noch immer.
"Was interessiert mich Aleppo", sagt er und streckt sich. Um sein Handgelenk baumelt eine Männerhandtasche. In der Hotellobby laufen Videos, die volle Strände zeigen, Kinder, die Sandburgen bauen, und Paare, die im Stroboskop-Licht tanzen. Aufnahmen aus dem letzten Sommer – gedreht in Latakia.
Am Tisch hinter Salman sitzen zwei lokale Aufseher, die vom Regime abgestellt wurden. Am Nebentisch macht sich die Aufpasserin vom Informationsministerium in Damaskus geflissentlich Notizen. Salman muss nicht eingeschüchtert werden. "Die Presse lügt", sagt er. Sie lüge über ihn und die Fashion Week und logischerweise auch bei anderen Dingen.
"Es wird gelogen, um Assad zu schaden!", sagt er. Die Gräuelgeschichten über die Bombardierung Aleppos seien Fake News, gestreut von Feinden der Regierung. Die Aufpasser nicken zustimmend. "Soldaten sterben, damit wir leben können", sagt Salman, "wenn wir ihnen eines schuldig sind, dann ist es zu leben."
Als es dunkel wird und der Wind vom Land aufs Meer dreht, zieht Salman weiter ins Cafe Moscow. Dort müssen die Russen nicht zahlen, weil ihnen der Inhaber so dankbar ist für den "Frieden", den sie bringen. Er hat den Laden nach dem ersten Veto der Russen gegen Uno-Sanktionen in Syrien 2011 so benannt. Die Militärs haben ihm dafür eine Uniform geschenkt, die er in dem kleinen Kabuff aufbewahrt, in dem er schläft und sich auf seine Juraprüfungen vorbereitet, die ihn später einmal nach Russland bringen sollen.
Die Kriegsverbrecher der einen sind die Helden der anderen. Auch Salman liebt die Russen. Ihretwegen werden seine Models dieses Jahr wieder laufen können. Wenn alles vorbei sei, sagt er, würden sich die Syrer schon wieder zusammenraufen. Wie das gehen soll, weiß er aber nicht.
3. Homs
Wie sich das Regime die Zukunft vorstellt, kann man in Homs sehen. Der Highway führt in Richtung Süden an der dicht besiedelten Küste entlang. Vorbei an unbeschädigten Dörfern, Orangenhainen, Gewächshäusern; auf Dächern schaukelt Wäsche im Mittelmeerwind. Vorbei an Tartus, wo die Flotte der Russen liegt und gerade ein Luxusresort eröffnet worden sein soll. Die Alawiten, die hier leben, haben viele Söhne in der Armee verloren. Sichtbare Schäden hat der Krieg nicht hinterlassen.
Die Straße führt nach Osten, auf die Berge zu, deren schneebedeckte Gipfel in der Ferne strahlen. Je näher man Homs kommt, desto mehr zieht es einen zurück in den Abgrund des Krieges.
Etwa zwei Drittel von Homs sind heute eine Ruinenlandschaft. Hier war einst das Zentrum der syrischen Revolte. Wenige Wochen nachdem im März 2011 in Daraa die friedlichen Proteste begannen, strömten in Homs, einer zur Hälfte sunnitischen Stadt, die Menschen auf die Straße. Das Regime antwortete mit brutaler Härte. Demonstranten wurden erschossen, Panzer fuhren auf. Drei Jahre lang war die Stadt heftig umkämpft, bis der größte Teil der Rebellen im Mai 2014 abziehen durfte. Homs ist seither unter Assads Kontrolle. Nur in einem Stadtteil haben sich einige Aufständische verschanzt, mit denen ein Waffenstillstand vereinbart wurde.
Wie später in Aleppo wurden ganze Viertel in die Unbewohnbarkeit gebombt. In den Gegenden, die in Rebellenhand waren, ragen Häuserskelette in die Luft, man wird sie nur noch abreißen können. Man denkt: Dresden 1945. Und: Stalingrad.
Die Stadt soll nun wiederaufgebaut werden. Die Uno hat dafür ein Programm aufgelegt, es ist das erste dieser Art in Syrien. Geleitet wird es von Ghassan Jansiz, unter den Beratern ist seine Frau, Marwa Al-Sabouni, eine 35-jährige Architektin. Sie läuft in schlanken Lederschuhen durch das historische Zentrum der Stadt, in dem sich einst die Bewohner drängten. Es ist menschenleer, es herrscht Friedhofsruhe.
Die mächtigen Kuppeln des Römischen Bads haben den Bombardements standgehalten. Sabouni betritt es vorsichtig, dann hält sie an, in einem kleinen Nebenraum. Am Boden liegt überall Asche, 30 Zentimeter hoch, es sind die verbrannten Überreste von Holzbänken und Tischen und Dutzenden Leichen, deren Reste hier gefunden wurden. Sabouni sagt dazu nichts. Stattdessen zeigt sie auf eine verkohlte Platte. "Ich denke, dieses Mosaik werden wir retten können."
Homs, so will es die Regierung, soll zu einem Symbol des Neuanfangs werden für Syrien. Auf der Asche der Toten soll neues Leben blühen.
Aber ob das gelingen kann? Selbst Sabouni ist skeptisch. "Die Stadt ist finanziell am Ende. Viele Familien sind schon zu lange weg, sie haben sich woanders ein neues Leben aufgebaut." Die Leute hätten Angst, hier neu anzufangen. Alles werde überwacht. Jeder sei misstrauisch und frage sich, was der andere wirklich im Schilde führe. Homs ist ein Symbol, aber nicht ganz so, wie es sich das Regime vorstellt.
Die Architektin geht aus der Altstadt hinüber nach Chalidija, ein Viertel, das Regierungstruppen im Juli 2013 nach heftigen Kämpfen zurückeroberten. Dabei erzählt sie von früher.
Als der Krieg sie vor fast fünf Jahren erreichte, sagt sie, habe sie mit ihren Kindern im Wohnzimmer gespielt. Sie lebte, wie heute, in einer kleinen Nebengasse der Midan-Straße, eines der wenigen halbwegs intakten Viertel. Gegenüber ein kleiner Gebäckladen, unten verkauft ein alter Mann Plastikteller und Becher. Dann schlug vor ihrem Haus eine Mörsergranate ein. Nachdem das Krachen verhallt war, blickte sie aus dem Fenster. Dort, wo vor zehn Minuten die Schulfreunde ihrer Tochter einen Ball gegen die Wand geschossen hatten, lagen jetzt die Leichen der Kinder.
Sie wird den Tag nie vergessen, sagt sie. Die Leute begannen aus ihrem Viertel zu fliehen. Aber Sabouni wollte nicht gehen. Die Front verlief zweieinhalb Jahre lang nur ein paar Straßen weiter. Sie verließen das Haus fast nie. Sie erklärte den Kindern, wie die Anflugrouten der Jagdbomber verliefen und wer von wo nach wo schoss, um ihnen die Angst zu nehmen. Sie lasen bei Kerzenlicht, während die Explosionen vor der Tür alltäglicher wurden. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über die Stereotypisierung islamischer Architektur. Sie studierte, was vor ihrem Fenster zu Schutt zerbombt wurde. "Es war natürlich nicht so schlimm wie hier", sagt sie und schaut fassungslos auf den alten Platz von Chalidija.
Sträucher wachsen zwischen dem aufgesprengten Asphalt. Wo einst Häuser standen, liegen Geröllhaufen. Es herrscht fast vollkommene Stille.
Ein paar Straßen weiter ist Hissam Jabour wieder in sein altes Haus gezogen. Zwei kleine Räume im Erdgeschoss, zusammen zwölf Quadratmeter, konnte er wieder herrichten. Sofas, vier schmale Matratzen, ein Gaskocher. In den Trümmern des ersten Obergeschosses füttern seine Kinder ein weißes Kaninchen. Die Aufpasserin vom Informationsministerium kennt ihn und seine Frau, sie kommt gern mit Journalisten hierher.
Das Ehepaar erzählt brav, dass es froh über den sogenannten Versöhnungsdeal sei, der dazu führte, dass die Rebellen im Mai 2014 aus der Stadt abzogen. Aber Jabour sagt auch: "Sie haben unser Land zerstört. Das kann man nicht verzeihen."
In Syrien seien doch alle glücklich gewesen vor dem Krieg. Es habe gar keinen Grund gegeben zu kämpfen.
"Die Menschen glauben, was sie glauben wollen", sagt die Architektin Sabouni ein paar Straßen weiter, als gerade keiner der Aufpasser hinhört. Ihre eigenen Erinnerungen an früher seien verschwommen. "Als liege ein Nebel über allem, was vor dem Krieg war." Natürlich sei nicht alles gut gewesen vor dem Krieg. Sie wolle jene Jahre nicht verklären. So, wie es immer mehr Syrer machten.
Es gibt eine Fraktion in der Stadtregierung, die dafür ist, die Altstadt so zu belassen, wie sie jetzt ist. Die Steine, die Asche, die Patronenhülsen, die Knochensplitter, das Trümmerfeld. Als Mahnung: Ihr habt den Rebellen eure Stadt gegeben, nun lebt mit den Konsequenzen. Sabouni aber ist überzeugt, dass der Wiederaufbau ein wichtiger Schritt zur Versöhnung sei. Man müsse die Wunden schließen, die der Krieg in die Städte gerissen hat, dann könnten auch andere Wunden heilen. Die Architektur müsse dazu beitragen, sagt sie, die Bruchlinien zu kitten zwischen den Religionen und Schichten.
Doch kann Architektur eine Gesellschaft versöhnen, die gewaltsam auseinandergebrochen ist? Sabouni zögert einen Moment. "In Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es einen gemeinschaftlichen Geist", sagt sie, "einen kollektiven Willen, das Land wiederaufzubauen." Dieser Gemeinschaftssinn fehle hier. "Es gab schon vor dem Krieg keine gemeinsame syrische Identität."
Homs war immer konservativer als Damaskus. Die Anhänger der verschiedenen Religionen waren oft unterschiedlicher Meinung. Doch was ihnen gelang und worauf sie in Homs und in ganz Syrien immer stolz waren: Die Menschen lebten friedlich nebeneinander.
Die religiösen Spannungen sind heute stark wie nie zuvor. Nicht jeder darf in die zerstörte Stadt zurückkommen. Den Sunniten, die mehrheitlich den Aufstand gegen Assad unterstützten, wird die Rückkehr in ihre alten Wohnungen schwer gemacht. Die Beamten des Regimes, die regierungstreuen Milizen, die in einzelnen Vierteln das Sagen haben, wollen sie fernhalten.
Wer zurückkommen will, muss sich überprüfen lassen. Oft reicht es, dass ein Verwandter mit den Rebellen sympathisiert hat, um jemandem die Rückkehr zu verweigern. "Viele trauen sich gar nicht erst, den Antrag zu stellen, sie befürchten, verfolgt zu werden", sagt ein Mann, der anonym bleiben möchte. Der Vorwurf religiöser Säuberungen und Umsiedlungen steht im Raum.
Im Wiederaufbauplan von Homs ist kein Platz für jene, die einst auf die Straße gingen, um ihre Rechte einzufordern. Sunniten sehen darin eine erneute Bestrafung durch das Assad-Regime.
Für Talal al-Barazi, den Gouverneur von Homs, ist das alles kein Problem. Er ist ein treuer Anhänger Assads, ein Mann mit mildem Lächeln. Er lädt zur Audienz in sein mit Holz ausgekleidetes Büro. "Die Leute geben die Waffen ab, werden überprüft, und wer sich nicht strafbar gemacht hat, darf zurück", sagt er.
Aber was heißt: nicht strafbar gemacht? Die Kämpfer und Sympathisanten der Opposition fürchten Gefängnis, Folter und Tod. Im besten Fall müssen sie damit rechnen, gegen ihren Willen in Assads Armee eingezogen zu werden.
Während der Gouverneur erzählt, wie geschickt er den "Versöhnungsdeal" – den freien Abzug für die Rebellen – in Homs eingefädelt hat, offenbart er das militärische Kalkül, das dahintersteht: "Es ist besser, den Feind an einem Ort zu konzentrieren und ihn dann effektiv zu bekämpfen." Wie im Nordwesten des Landes, um die Stadt Idlib, wo nun die meisten Rebellen versammelt sind und sich die Luftangriffe der Russen konzentrieren.
In der Logik des syrischen Regimes hängen Versöhnung und Vernichtung eng zusammen – erst wenn die Feinde getötet sind, kann das Land befriedet werden. Der Aufstand gegen Assad kam dieser Vorstellung nach nicht aus dem Innern der Gesellschaft, verantwortlich sind "Terroristen".
Ein syrisches Sprichwort besagt: Wenn man eine Lüge nur oft genug wiederholt, wird sie zur Wahrheit. Eine Reise durch Syrien, begleitet von Baschar al-Assads Aufpassern, zeigt, dass sich die wahre Meinung vieler Syrer hinter Angst verbirgt, dass das Leid der anderen Seite ausgeblendet wird. Sie zeigt, dass Assads Regime womöglich den Krieg gewinnen kann, aber wenig Raum für Versöhnung schafft. Es hat keinen Platz vorgesehen für jene Bürger, die vor bald sechs Jahren auf die Straße gingen und gegen einen Herrscher aufstanden, der seine Gegner systematisch foltert und den Bürgern keine Stimme gibt.
Viele Anhänger des Regimes trauern nostalgisch einer Koexistenz nach, die aus ihrer Sicht funktioniert hat. Aber den Rebellen bietet die Regierung wenig mehr als Unterwerfung.
Zehn Jahre Krieg, sagt der Gouverneur von Homs, Talal al-Barazi, könnten ein Volk nicht entzweien, das Tausende Jahre lang mit all seinen religiösen Gruppen friedlich funktioniert habe. Es werde bald alles wieder so wunderbar werden wie vor dem Krieg: ein friedvolles Miteinander, in dem alle glücklich seien. ■
Von Fritz Schaap

DER SPIEGEL 7/2017
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