18.02.2017

BestattungenMarias Müll

Wurden im Regensburger Krematorium heimlich Organe und Gliedmaßen entsorgt? Zeugen berichten von illegaler Leichenverbrennung.
Immer dienstags zwischen 10.30 Uhr und 11.30 Uhr fuhr die ominöse Unbekannte in einem schwarzen Honda am Regensburger Krematorium vor. Aus dem Kofferraum entlud sie heikle Fracht: jeweils zwei bis vier Müllbeutel, gefüllt mit menschlichen Organen – Herzen, Lungen, Nieren und Lebern. Auch abgetrennte Füße und Arme lieferte die Fremde immer wieder ab. Mitarbeiter des Krematoriums verteilten die Körperteile auf die vorhandenen Särge und verbrannten sie sodann mit den darin liegenden Verstorbenen.
Was klingt wie der Plot eines billigen Horrorfilms, war in der Oberpfalz offenbar blutige Realität. Wenn stimmt, was ehemalige Mitarbeiter des Krematoriums gegenüber der örtlichen Staatsanwaltschaft zu Protokoll gaben, dann wurde in Regensburg über viele Jahre eine recht unappetitliche Form der Einäscherung betrieben. Nach den bisherigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Regensburg bleibt rätselhaft, woher die Müllsäcke mit den Organen und Gliedmaßen stammten. Es besteht der Verdacht, dass die Körperteile bei medizinischen Eingriffen wie Amputationen angefallen sind. Unerklärlich ist bislang auch, warum sich Mitarbeiter des Krematoriums an der mutmaßlich illegalen Organentsorgung beteiligt haben sollten.
Schon in der Vergangenheit gerieten Krematorien gelegentlich ins Zwielicht. So wurden Mitarbeiter des Hamburger Krematoriums Öjendorf vor einigen Jahren verurteilt, weil sie Zahngold aus der Asche von Verstorbenen geklaubt hatten. Aus dem Krematorium auf dem Kölner Westfriedhof verschwand vor drei Jahren die Urne mit der Asche eines Verstorbenen – knapp ein Jahr später tauchte sie in einer Mülltonne wieder auf.
Die gruseligen Vorgänge in Regensburg aber wären wohl ohne Vorbild: Nach Schätzungen von Ermittlern sollen am Dreifaltigkeitsberg über die Jahre weit mehr als 1000 Müllsäcke mit menschlichen Körperteilen entsorgt worden sein. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, müssten etliche Angehörige damit rechnen, dass ihre Verstorbenen nicht allein die letzte Ruhe gefunden haben.
Schon seit vorigem Sommer ermittelt die Staatsanwaltschaft unter dem Aktenzeichen 110 UJs 68780/16 mit bayerischer Gemütlichkeit "wegen Vorfällen im Regensburger Krematorium" gegen Unbekannt. Auch gut ein halbes Jahr nach Beginn der Untersuchungen wurde einer von womöglich mehreren Verdächtigen noch immer nicht zu den Vorwürfen befragt, obwohl er in Zeugenvernehmungen schwer belastet worden sein soll: Armin Walling, der Leiter der Abteilung für Bestattungswesen in Regensburg.
Auf Nachfrage lässt Walling von der Pressestelle der Stadt Regensburg lediglich mitteilen, er habe "nichts von den jetzt behaupteten Unregelmäßigkeiten" gewusst. Zeugen berichten hingegen, auf den Beginn der Ermittlungen habe er ausgesprochen dünnhäutig reagiert. "Wenn ich rauskriege, dass hier einer Interna ausgeplaudert hat, dann setzt es was!", habe Walling gedroht. Wenig später sei der Abteilungsleiter noch deutlicher geworden: "Wenn das rauskommt, müssen wir das Krematorium zusperren", habe Walling gepoltert. Er selbst äußert sich dazu nicht.
Die Zeugen berichten über weitere unappetitliche Vorkommnisse. So seien während der Trauerfeiern in einem Korb Kollekten gesammelt worden, die ihre Adressaten aber nur selten erreichten. Wenn der Pfarrer das Geld nicht schnell genug eingesammelt habe, hätten Mitarbeiter des Krematoriums zugegriffen. 5000 bis 6000 Euro seien jährlich zusammengekommen und auf ein Konto der Raiffeisenbank in Regensburg eingezahlt worden. Gegen Ende des Jahres sei die Beute dann von Walling an Kollegen ausgeschüttet worden, berichtet ein Mitarbeiter des Krematoriums. "Dieser Vorwurf ist abwegig", lässt Walling ausrichten.
Bei anderer Gelegenheit sollen im Regensburger Krematorium auf höchst kreative Weise Transportkosten reduziert worden sein. Als das Unternehmen DHL ab Mai 2016 einen Spezialtarif für den Versand von Urnen einführte, so berichten Mitarbeiter des Krematoriums, habe Walling angeordnet, Urnen nicht mehr als solche zu deklarieren. Statt der für Urnenversand nun fälligen Gebühr von 42,54 Euro pro Sendung seien die Gefäße mit den sterblichen Überresten weiter als einfaches Paket für wenige Euro in den Versand gegangen. Die Stadt Regensburg teilt dazu mit: "Diesbezüglich hat es noch nie irgendeine Auffälligkeit oder Beschwerde gegeben."
Angesichts der angeblich in Müllsäcken angelieferten Leichenteile geraten solche Unregelmäßigkeiten ohnehin fast zur Petitesse. Als Schlüsselfigur der Ermittlungen könnte sich jene ominöse Botin erweisen, die Zeugen aus dem Krematorium nur als "Maria" kennengelernt haben wollen. In wessen Auftrag war die Unbekannte unterwegs? Eine mögliche Erklärung bietet die Pressestelle der Stadt an: Eine Anlieferung von Leichenteilen sei "in unregelmäßigen Abständen durch das anatomische Institut der Universität Regensburg" erfolgt.
Die Darstellung der Stadt sei "nicht korrekt", sagt hingegen Ernst Tamm, Chef des Instituts für Humananatomie und Embryologie der Universität Regensburg. "Die Abholung und der Transport zur Kremation erfolgt durch die städtische Bestattung der Stadt Regensburg." Zuvor würden Leichname "von Mitarbeitern des Instituts für Anatomie in Holzsärge eingesargt". Tamm: "Müllsäcke kommen selbstverständlich nicht zum Einsatz!"
Im Übrigen, so der Institutschef, führe man über jeden Vorgang "genau Buch". Dass seine Mitarbeiter im Krematorium Leichenteile aus der Anatomie der Universität verschwinden ließen, sei "völlig ausgeschlossen".
Auch Eingeweihten in Regensburg erscheint es plausibler, dass die geheimnisvolle Maria im Auftrag einer Fachfirma tätig war, die sich um die Entsorgung menschlicher Organabfälle kümmert. Solche Spezialfirmen werden etwa von Krankenhäusern gebucht, um bei Operationen entnommene Organe oder amputierte Gliedmaßen abtransportieren zu lassen.
Der Umgang mit derart hochsensiblem Material ist streng geregelt. Verstaut in schwarzen Kunststofffässern, werden die Körperteile in eine Verbrennungsanlage gebracht, die für die Beseitigung dieses besonderen Abfalls zugelassen ist. In Regensburg wäre aber nicht etwa das ortsansässige Krematorium zuständig, sondern die Abfallverwertung Augsburg GmbH.
Klinikmüll zu entsorgen ist teuer. Ließ eine Fachfirma heimlich Organe und Körperteile kostengünstig im Regensburger Krematorium verbrennen?
Laut der Zeugen endeten die wöchentlichen Müllsacklieferungen im Mai 2015, seinerzeit gab es einen Wechsel in der technischen Leitung. Anfang der Woche ließ die Staatsanwaltschaft, womöglich aufgeschreckt durch die SPIEGEL-Recherchen, die Räume des Krematoriums durchsuchen und Akten sowie Datenträger beschlagnahmen – mit fraglichen Erfolgsaussichten.
Die echten Beweisstücke sind längst verbrannt.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 8/2017
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