25.02.2017

Der Zerstörung des Verstandes

Trump und Erdoğan fordern Ehrfurcht statt Aufklärung und greifen die freie Presse an.
Die unmittelbaren Ursachen der Unruhen in Berlin hängen mit der jüngsten Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik zusammen. Die Feinde der Deutschen Demokratischen Republik in Westdeutschland begreifen, daß die praktische Durchführung des neuen Kurses unserer Partei und Regierung – des Kurses auf Hebung des Lebensstandards der breitesten Massen und Stärkung der Rechtssicherheit – zu schweren Rückschlägen für sie, zu ihrer Katastrophe führen muß. Das haben sie selber zugegeben.
So begann am 18. Juni 1953 der Leitartikel des "Neuen Deutschland" über den Volksaufstand in der DDR. Der Westen verursache den Widerstand im Osten, weil der Westen den Erfolg des Ostens nicht ertrage – so verdreht können Journalisten schreiben: wenn Tatsachen zu ihrem Gegenteil verbogen werden; wenn das Wort nicht mehr aufklären, sondern manipulieren, denunzieren, destabilisieren will; wenn die Freiheit der Presse endet.
Sie ist wieder in Gefahr, und wir alle, Journalisten und Leser, vor allem jene Bürger, die den Westen und seine liberalen Demokratien für schützenswert halten, sollten sie verteidigen, denn mehrere Dinge geschehen zur selben Zeit.
Das Grandiose: Die Digitalisierung ermöglicht Aufklärung ohne finanzielle Mittel. Kosten für Personal, Druck und Vertrieb, für Studios und Ü-Wagen lassen sich umgehen, ein Smartphone kann genügen; kein Despot, kein Steuerhinterzieher kann sich mehr ganz und gar sicher sein, da die Wahrheit doch stets herauskommen und Wucht entfalten kann.
Die Lüge aber auch, und das ist das Traurige. Erfindungen und Propaganda sind kinderleicht auf den Weg zu bringen, da sich auch Recherche und Verifikation, Sachkenntnis und sprachliche Sorgfalt vermeiden lassen; jeder kann alles behaupten und online stellen, Verschwörungstheorien, Beleidigungen, Hetze, und all das wirkt, da es Verbreitung findet und aussieht wie Journalismus.
Und da passiert noch mehr. Ganze Gesellschaften sind ins Rutschen gekommen, eben weil die Digitalisierung so rasant das Leben verändert; und weil die Chancengleichheit schwindet; und weil das Scheitern einzelner Staaten, der Klimawandel und die Globalisierung Massenmigration und ständig neue Unsicherheiten entfachen.
Nun geschieht dies: Machthaber wie Recep Tayyip Erdoğan, Viktor Orbán, Wladimir Putin und Donald Trump attackieren die Medien. Erdoğan hat rund 150 Journalisten verhaften und 170 Medienunternehmen schließen lassen; Can Dündar, einst Chefredakteur der "Cumhuriyet", musste nach Deutschland fliehen, während seine Ehefrau die Türkei nicht verlassen darf; Deniz Yücel, Korrespondent der "Welt", sitzt in Polizeigewahrsam, weil er das getan hat, was gute Reporter tun: reisen, fragen, Antworten erhalten, analysieren, bewerten, aufschreiben.
In Putins Russland werden kritische Journalisten ermordet. In Orbáns Ungarn werden sie arbeitslos und arm.
Und in Trumps Amerika ist die Presse durch den Präsidenten zum "Feind des amerikanischen Volkes" erklärt worden. "You are fake news", sagt der Präsident, wenn er einen CNN-Reporter erblickt. Ein Kollege von der "Washington Post" erzählt, dass das Weiße Haus keine Anfrage mehr beantworte, aber nach jeder Veröffentlichung eine Lawine der Beschimpfungen in Gang bringe; dann erst rufe der Sprecher des Präsidenten zurück und sage: "Fuck you, Arschloch. Wir machen dein Leben zur Hölle." Der Effekt: Wahrheit und Lüge verschwimmen, das Publikum verliert die Orientierung und schaltet ermattet ab.
Das hilft den Falschen. Erdoğan und Trump inszenieren sich als einzige Versteher und Stimme des Volkes. Aus ihrer Sicht stützt Pressefreiheit ja nicht die Demokratie; aus ihrer Sicht ist die Presse zu wenig ehrfürchtig und deshalb unnütz. Medien lügen, das Wort des weisen Herrschers ist die Wahrheit: Dies ist autokratisches Denken, so erhalten sich Diktaturen.
Erfunden wurde die Pressefreiheit vor Jahrhunderten. 1644 plädierte der Dichter John Milton für die Freiheit des "unlizenzierten Druckens": "Ein gutes Buch zu unterdrücken bedeutet, den Verstand selbst zu zerstören." Das war die Saat. 1695 schaffte England die Zensur ab; 1776 rief der US-Bundesstaat Virginia die Pressefreiheit aus. So fulminant, so aufklärerisch, so kostbar. Und so erstaunlich, dass sich heute manche Türken und Amerikaner willig belügen lassen oder mindestens denkfaul sind.
Journalisten und Verleger dürfen es nicht sein. Ob die Presse ihre Bedeutung täglich aufs Neue gewinnen kann, darüber werden die Ernsthaftigkeit und die Qualität ihrer Arbeit entscheiden: Wahrhaftigkeit, Furchtlosigkeit, Erzählkunst. Beleidigt sollten wir Journalisten nicht sein, Gelassenheit steht uns besser, aber wir müssen die Lage so ernst nehmen, wie sie ist. Wenn selbst Medien lieber andere Medien beschimpfen oder bespötteln, als das zu recherchieren, worum es geht, und wenn sie lieber Opfer wie Yücel als Täter wie Erdoğan kritisieren, dann machen sie es den Autokraten leicht.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 9/2017
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