25.02.2017

Markus Feldenkirchen Der gesunde MenschenverstandVom Ende einer Geschichte

Der Held meiner Jugend war Bodo, der alte Schulfreund meines Vaters. Ende der Fünfziger hatten sie gemeinsam in Köln die Volksschule besucht. Mit 18 war Bodo dann ausgebrochen, er hatte die Muffigkeit der nazidurchtränkten Rosenzüchterrepublik Konrad Adenauers nicht länger ertragen. Wollte ihren spießigen Regeln und Konventionen entkommen. Frei reden. Frei atmen. Frei leben. Er flüchtete ins Land der Lässigkeit.
Die USA enttäuschten ihn nicht. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er mir von damals erzählt hat, muss es eine verdammt geile Zeit gewesen sein. Er schwärmte von der Musik, die im Adenauer-Land unerhört war, von Drogen, Frauen und interessanten Menschen, die, anders als in Köln, nicht nur aus Köln kamen, sondern aus allen Ecken der Welt. Sex, Drugs & Rock 'n' Roll war für Bodo keine abgenudelte Sehnsuchtsphrase, sondern Alltag.
In den Siebzigern bezog er eine winzige Wohnung in Manhattan, in der er bis heute lebt. Jeden Montag fuhr er zur Grand Central Station, um sich am Kiosk den neuen SPIEGEL zu kaufen. Der war für ihn das einzig Erfrischende an Deutschland gewesen, er blieb seine Verbindung zur Heimat – auch wenn ihn oft ärgerte, wie hochnäsig dort über seine USA geurteilt wurde.
Am 11. September 2001 stand Bodo auf dem Dach seines Hauses und sah den Qualm in der Ferne. Als die Türme stürzten, weinte er. Er ahnte wohl, dass das, was da in sich zusammenfiel, nicht nur Gebäude waren, sondern sein alter Traum. Das freie, lässige Leben. Oft hat er mich mit aufs Dach genommen. Immer wieder zeigte er mir, wo er stand, als es geschah.
In der Folge registrierte er genau, wie immer mehr von dem verschwand, weshalb er einst von zu Hause geflüchtet war. Im Sommer vor Trump standen wir in einer Bar im East Village und tranken Bier. Während Bodo wieder mal von damals erzählte, vom wilden Leben in Amerika, wies ihn ein Kellner darauf hin, dass sein rechter Fuß zur Hälfte auf dem Bürgersteig stehe, was mit einem Bier in der Hand gesetzlich verboten sei. Alkohol dürfe nur eingenommen werden, wenn sich der gesamte Körper im Inneren des Gebäudes befinde. Ob das ein Witz sei, fragte Bodo. Nein, das Gesetz, sagte der Kellner.
Als Antwort auf den Terror hatte der amerikanische Staat seine Polizisten mit schwerem Kriegsgerät nachgerüstet. Zugleich merkte Bodo, wie Regeln und Vorschriften immer engstirniger ausgelegt wurden. Selbst Biertrinken auf dem Bürgersteig wurde irgendwann zum verdächtigen Akt. Die Wahl Donald Trumps ist wohl die logische Folge dieses Abdriftens ins Paranoide. All die Jahre hatte ich Bodos Geschichten aus dem Land der Lässigkeit geliebt. Für ihn gebe es kein Zurück, hatte er stets betont. Fast 50 Jahre nachdem er der Enge der Adenauer-Republik entfloh, überlegt er nun, der Enge der Trump-Republik zu entfliehen. Zurück nach Hause. Ins Land der Freiheit.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 9/2017
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