25.10.1999

„Für Gott und Adenauer“

Schutzraum Gotteshaus: In den DDR-Kirchen keimte die Wende - trotz Überwachung, Mordkomplotten und Schikanen
Der 7. Mai 1953 war einer der Höhepunkte im Leben des Walter Ulbricht. An jenem Tag, wenige Wochen nach dem Tode Josef Stalins, reiste der DDR-Führer an die Oder, um eine neu erbaute Stadt zu weihen - Stalinstadt sollte sie fortan heißen.
Mit der Kommune, in unmittelbarer Nähe eines soeben aus dem Boden gestampften Stahlwerkes, sollte die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden verwirklicht werden - ein Gemeinwesen, in dem die "historische Mission" der Arbeiterklasse Gestalt annehmen und kein Platz für andere Missionare sein sollte.
Er sei gefragt worden, erklärte Ulbricht zur "Namensweihe", ob die Stadt Türme erhalten werde. Antwort: "Jawohl, das Gebäude, das die neue Volksmacht repräsentiert, das Rathaus, wird selbstverständlich einen schönen Turm bekommen. Im Stadtplan ist ein schönes Kulturgebäude vorgesehen. Das wird einen noch schöneren Turm erhalten." Andere Türme brauche die Stadt nicht, jedenfalls "keine Türme bürgerlich-kapitalistischer Verdummungsanstalten" - zu Deutsch: keine Kirchen.
Jahrzehntelang wurde der kleinen Christenschar in Stalinstadt (später Eisenhüttenstadt) der Bau einer Kirche verwehrt. Zum Gottesdienst trafen sich die wenigen Frommen in einer Holzbaracke, ohne dass eine Glocke zum Gebet rufen durfte. Erst 1977 willigte die SED in den Bau eines Gemeindezentrums ein - als der Wunsch nach Devisen den nach ideologischer Reinheit zurücktreten ließ. Gegen Westgeld durfte die evangelische Kirche ein Gotteshaus in Eisenhüttenstadt errichten.
Der Kampf gegen die Kirche war für Ulbricht eine Herzenssache. "Die ,Junge Gemeinde'' in Berlin gehört zu den ärgsten konterrevolutionären Kräften", schimpfte er im Politbüro, schlimmer als die Sozialdemokratie: "Sie sind Anhänger der Nato und des Klerikalismus. Sozialdemokratische Funktionäre sind oft feige, aber die von der ,Jungen Gemeinde'' sind fanatisch. Sie sterben für Gott und Adenauer."
Der sozialistische Jugendverband FDJ, den Erich Honecker von 1946 bis 1955 führte, fürchtete die fromme Konkurrenz. "Es ist der ,Jungen Gemeinde'' gelungen, innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von 50 Prozent Mitgliedern zu erhalten", notierte Stasi-Chef Erich Mielke bereits im
* Landesbischof Werner Leich (4. v. r.) und Konsistorialpräsident Manfred Stolpe (3. v. r.) bei Honeckers 75. Geburtstag.
November 1952. Beispiel: "Dem Pfarrer G. in Karbe ist es gelungen, die gesamte FDJ-Gruppe für die ,Junge Gemeinde'' zu gewinnen. Große Zugkraft besitzt hier der Sänger- und Bläserchor."
Bei harten Worten beließen es die Parteioberen nicht. In den Fünfzigern führten SED und Stasi einen offenen, brutalen Kampf gegen die Kirche - mit Verhaftungen, Brandstiftungen und Schikanen.
Um die Kirche zu schwächen, schuf Ulbricht eigene Glaubensinhalte: Er setzte 1955 der Konfirmation die atheistische Jugendweihe entgegen, ließ später die "Zehn Gebote der sozialistischen Moral" sowie die "Gebote der Jungpioniere" verkünden. Die Folgen der konzertierten Aktion aus brutaler Gewalt und atheistischen Gegenangeboten waren verheerend: Weite Teile des Bürgertums verließen die DDR gen Westen, darunter tausende Kirchgänger.
Der Umgang von SED und Stasi mit den Kirchen hat sich immer wieder geändert, die Grundeinstellung aber nicht. "Allein durch ihre Existenz", bilanziert der Historiker Stefan Wolle, "untergruben die Kirchen das ideologische Wahrheitsmonopol, forderten die Staatsmacht an ihrer empfindlichsten Stelle heraus und wurden damit, ob sie es wollten oder nicht, zur ,offenen Tür'' in einer geschlossenen Gesellschaft, hinter der die Macht der SED nur sehr eingeschränkt galt."
Nach der Aus- und Gleichschaltung der politischen Parteien und Massenorganisationen blieben als selbständige gesellschaftliche Instanzen nur die Kirchen. Gefürchtet war vor allem die evangelische Kirche, die in beinahe jedem Dorf mit Räumen und Mitarbeitern präsent war.
Zwar haben die Kirchenoberen niemals eine Strategie entwickelt, ihre Institution zur Operationsbasis für die Opposition zu machen. Dennoch glaubte die Stasi in ihrem Verschwörungswahn jahrzehntelang daran, die Geistlichen wirkten gezielt darauf hin, den SED-Staat von innen auszuhöhlen. In Wahrheit waren die Oberhirten, geprägt von den Erfahrungen der fünfziger Jahre, vorwiegend auf die Erhaltung der eigenen Institution aus. Viele passten sich an, schwiegen zu Mauer-Schüssen und Stasi-Terror. Nicht wenige ließen sich mit Privilegien ködern. Für die Genehmigung von Westreisen oder die Erlaubnis zum Import von Luxuslimousinen dankten Bischöfe bisweilen gar mit Lobeshymnen auf Erich Honecker.
Trotz aller Schikanen ließ sich die Masse der Jüngeren auf Dauer weder von den leidvollen Erfahrungen der Älteren einschüchtern noch von den Privilegien korrumpieren. Sie nutzten den Freiraum Kirche und öffneten ihre Räume zunehmend für offene Jugendarbeit, Friedenskreise oder die Beratung von Wehrdienstverweigerern.
Gegen renitente Gemeindepfarrer oder Kirchenhelfer ging die Stasi häufig brutal vor: Es wurde verprügelt, denunziert und drangsaliert, selbst vor Mordplänen schreckten Mielkes Helfer nicht zurück.
Dem Ost-Berliner Dissidenten Ralf Hirsch etwa sollte, so hatten sich kranke Hirne in der Bezirksfiliale Berlin des MfS ausgedacht, eine Vergewaltigung im Vollrausch untergeschoben werden. Der junge Mann, der gute Kontakte zu westlichen Korrespondenten hielt und zum engsten Kreis um den Pfarrer Rainer Eppelmann von der Ost-Berliner Samaritergemeinde gehörte, schien den Mielke-Leuten so gefährlich, dass sie sogar erwogen, ihn betrunken zu machen und dann "in einer strengen Winternacht" (Stasi-Akten) erfrieren zu lassen.
Die Ost-Berliner Pfarrerin Ruth Misselwitz, die zusammen mit ihrem Mann, dem Pfarrer Hans-Jürgen Misselwitz, ebenfalls zur kirchlichen Kern-Opposition gegen das Regime gehörte, sollte bei einem Fahrradunfall zu Tode kommen. "Der Plan", heißt es in den Stasi-Unterlagen lapidar, "wurde abgelehnt, da der Aufwand zu hoch und das Ergebnis nicht kalkulierbar" war.
Ein Mordkomplott gegen Pfarrer Eppelmann wurde abgeblasen, weil "das zu Schaden kommen von unbeteiligten Personen nicht ausgeschlossen werden konnte". Eppelmann sollte laut Stasi-Bericht spätabends in seinem Trabi sterben. "Hierzu wurden mehrere Varianten geprüft (Radmuttern lockern, in der Kurve Scheibe zerstören, vor der Kurve Spiegel aufstellen)."
Ein öffentliches Konzert 1976 in der Nikolaikirche von Prenzlau, bei dem Wolf Biermann sang, wurde für oppositionelle Gruppen und Pastoren zur Initialzündung. Überall im Land öffneten sich nun Kirchentore für kritische Schriftsteller wie Stefan Heym, Günter de Bruyn und Rolf Schneider.
Nachdem die SED-Führung, auf internationale Anerkennung bedacht, 1975 die KSZE-Schlussakte von Helsinki unterzeichnet hatte, verzichtete sie weitgehend auf offene Konfrontation mit den Kirchen; Strafverfolgung kritischer Pfarrer und Dissidenten wurde selten.
Umso mehr agierte die Stasi im Verborgenen. Das Spitzelsystem, mit dem der Staatssicherheitsdienst vor allem die evangelische Kirche durchdrang, wurde ausgebaut. Ende der achtziger Jahre waren allein 3000 Inoffizielle Mitarbeiter gegen die Protestanten im Einsatz.
"Unser Ziel", so Klaus Roßberg, langjähriger Chef der Stasi-Kirchenabteilung, "war die Lagebeherrschung." Zumindest in den Chefetagen hatte die Mielke-Truppe Erfolg: Durch Spitzeldienste Inoffizieller Mitarbeiter wie Konsistorialpräsident Martin Kirchner (IM "Küster") und durch Offiziere im besonderen Einsatz wie Kirchenjurist Detlef Hammer (OibE "Günter") war Mielke stets im Bilde.
Doch die Kirche war nie so autoritär und zentralistisch aufgebaut wie SED und Stasi. Weder Spitzel noch Einflussagenten bekamen die zunehmend rebellische Basis der Kirche in den Griff.
Nahezu zeitgleich mit der Friedens- und Ökologiebewegung im Westen erfasste auch im Osten Deutschlands die Angst vor Hochrüstung und Umweltverschmutzung weite Teile der Jugend. Blues-Messen und Friedenswerkstätten wurden von jungen Männern und Frauen, die sich mit den platten Parteiparolen nicht länger abspeisen lassen wollten, regelrecht gestürmt.
Der Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" wurde zum Symbol der DDR-Friedensbewegung - und von den "Organen" als böse Provokation empfunden. Weil das Friedenszeichen nur schwer zu entfernen war, beschlagnahmte die Polizei oft gleich die ganze Jeans-Jacke.
Hart ging die Stasi gegen Pfarrer und Gläubige vor, die sich den Protest der rebellischen Generation zu Eigen machten und selbst in Umwelt- und Menschenrechtsgruppen mitwirkten. In der Nacht vom 24. zum 25. November 1987 stürmten Stasi-Männer gar die Räume der Zionsgemeinde in Berlin, in denen eine kirchliche "Umweltbibliothek" untergebracht war. Doch solche Aktionen konnten die Opposition nicht mehr zerschlagen. Im Gegenteil: Sie schweißten die Szene zusammen.
Die SED-Propaganda verfiel daraufhin wieder in den Tonfall der fünfziger Jahre. So schrieb ein Hans-Dieter Schütt 1987 im FDJ-Blatt "Junge Welt": "Der Feind, ob er nun mit missionarischem Eifer junge Literaten gegen uns losschickt, ob er nun in der Pose des Mahnwächters, stets pünktlich auf Bestellung mit Fernsehkameras, vor Kirchentore zieht, oder ob er Rowdys mit faschistischem Vokabular und Schlagwaffen ausrüstet - er hat bei uns keine Chance." Die Genossen sollten sich täuschen. Schritt für Schritt wagten Oppositionelle den Weg aus dem Schutzraum Kirche.
Landesweit organisierten kirchliche und nichtkirchliche Oppositionsgruppen im Frühjahr 1989 eine Aktion, die auch vielen treuen Genossen die Augen öffnete: Sie kontrollierten am 7. Mai die Stimmenauszählung der Kommunalwahlen - und kamen so den Fälschern auf die Schliche.
Dass es hunderten DDR-Bürgern auf diese Weise gelang, der Staatsführung Wahlbetrug nachzuweisen, läutete die letzte Runde im Konflikt zwischen Regierenden und Regierten ein. STEFAN BERG
Im nächsten Heft
"Schnitzler in die Muppet-Show!" - Offenbarungseid in Moskau - Millionen-Demo auf dem Alex - "Jetzt hilft nur noch Modrow"
* Landesbischof Werner Leich (4. v. r.) und Konsistorialpräsident Manfred Stolpe (3. v. r.) bei Honeckers 75. Geburtstag.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 43/1999
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