25.10.1999

REPARATIONENSühne für „schwarzen Holocaust“

Ermutigt durch deutsche Zahlungen an Zwangsarbeiter, fordern Afrikaner und Afroamerikaner jetzt Entschädigung für die Zeit der Sklaverei.
Der Name des Unternehmens erinnert an ein Versprechen: "Fourty Acres and a Mule" nennt Spike Lee, der Filmemacher der Rap-Generation, seine Produktionsfirma: Mit 40 Morgen Land und einem Maulesel pro Familie wollte der US-Kongress nach dem amerikanischen Bürgerkrieg die Schwarzen für die Leiden der Sklavenzeit entschädigen.
Die Zusage von 1865 wurde nicht erfüllt. Weil das entsprechende Gesetz nicht durchkam, erhielten die befreiten Sklaven keine Hilfe; und die Schwarzen haften bis heute am Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft. Doch seit damals lebt die Idee, dass die Weißen dieser Welt den Schwarzen etwas schulden.
Amerika verdanke seinen Wohlstand auch der unbezahlten Arbeit der Sklaven; und die Verschleppung von Millionen Menschen aus Afrika sei mitverantwortlich für die andauernde Unterentwicklung des Schwarzen Kontinents, argumentieren politische Aktivisten in den USA und in Afrika. Sie fordern Sühne für das "Verbrechen des Jahrtausends".
Ihr Ruf nach Reparationen wird gegenwärtig durch die Sammelklagen von Opfern des Nationalsozialismus beflügelt: Wenn Firmen Entschädigung für Sklavenarbeit in Nazi-Deutschland leisten, müsse auch Wiedergutmachung für die fürchterlichen Menschenrechtsverletzungen an den Schwarzen möglich sein.
"Die Zahlungen der Deutschen sind ein Präzedenzfall, der uns enorm hilft", sagt der kenianische Professor Ali Mazrui. Der in den USA lehrende Politologe will die "Kommission bedeutender Persönlichkeiten" beleben, die sich Anfang der neunziger Jahre im Namen der Organisation Afrikanischer Einheit mit der Reparationsfrage beschäftigte.
* Szene aus dem Steven-Spielberg-Film "Amistad".
Unter der Leitung des inzwischen verstorbenen nigerianischen Großunternehmers und Politikers Moshood Abiola wollte die Kommission die Forderung nach Reparationszahlungen einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. Deshalb wurde neben namhaften Historikern auch die weltweit beliebte südafrikanische Sängerin Miriam Makeba in das Gremium berufen. Das Anliegen der Schwarzen ist dennoch über Afrika und die afrikanische Diaspora hinaus kaum bekannt geworden.
In diesem Jahr sollte nun am 23. August ein "Internationaler Gedenktag an den Sklavenhandel" die Menschen aufrütteln; die Unesco hatte dazu aufgerufen. In den Vereinigten Staaten und in Großbritannien liefen Fernsehdokumentationen. New Yorker Afroamerikaner versenkten ein Denkmal im Meer zur Erinnerung an die "Middle Passage", die grauenhafte Überfahrt ihrer Vorfahren nach Amerika. In Li-
verpool enthüllte der schwarze Unterhaus-Abgeordnete Bernie Grant eine Gedenktafel.
Reeder aus der englischen Hafenstadt hatten allein zwischen 1783 und 1793 über 300 000 Sklaven transportiert und dabei zwölf Millionen Pfund verdient. Grant, der dem "African Reparations Movement" angehört, verwies darauf, dass Traditionsbanken wie Barclays ihre frühen Profite dem Geschäft mit dem Menschenhandel verdanken. Auf englischen Plantagen in der Karibik, so berichtete die TV-Serie "Totgeschwiegen: Britannien und der Sklavenhandel", leisteten die aus Afrika Verschleppten pro Jahr drei Milliarden Arbeitsstunden.
Solche Zahlen schreien nach Kompensation. "Wir sind weltweit die einzige Gruppe, die noch keine Entschädigungszahlungen erhielt", protestiert in Ghana die "African World Reparations and Repatriation Truth Commission", die erst in diesem Jahr gegründet wurde. Ihre Vorsitzende Debra Kofie sieht die erfolgreichen Bemühungen von Juden und Indianern.
Die Gruppe in Accra möchte die Nachkommen der Nutznießer von Sklaverei und Kolonialismus vor ein Uno-Tribunal oder vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag bringen. Sie fordert von westlichen Regierungen und Unternehmen die Irrsinnssumme von 777 Billionen Dollar - und entwertet sich so gegenüber anderen Initiativen.
Ernst zu nehmende Advokaten der Wiedergutmachung für die schwarze Rasse wissen nämlich, dass sich das historische Unrecht weder finanziell erfassen noch juristisch aufarbeiten lässt. Denn anders als die Verbrechen Hitler-Deutschlands liegen die Untaten der Sklavenzeit mindestens 130 Jahre zurück. Überlebende kann es deshalb nicht geben; und die Zahlen über die größte Zwangsmigration der Weltgeschichte gehen weit auseinander.
Nach neuesten Recherchen des britischen Historikers Hugh Thomas wurden zwischen 1440 und 1870 nachweislich 13 Millionen Afrikaner aus dem Schwarzen Kontinent verschifft (SPIEGEL 8/1998). Kollege Basil Davidson kommt dagegen auf über 50 Millionen Opfer der Sklaverei, weil er zur Verschleppung die Toten aus Kriegen und Hungersnöten hinzurechnet. In der Black-Power-Bewegung engagierte Politiker beziffern die Opfer des "schwarzen Holocaust" gar auf 100 Millionen.
Nur: Die auf hohe Zahlen fixierten Radikalen verdrängen meist, dass die Masse der Sklaven von Afrikanern gefangen und verkauft wurde. Die weißen Händler errichteten in der Regel nur Forts entlang der Küste und erwarben ihre menschliche Ware im Tausch gegen Waffen, Stoffe, Branntwein und andere westliche Produkte. Allerdings schufen Europäer und Amerikaner eben eine Nachfrage, die weite Teile Afrikas ihrer leistungsfähigsten Menschen beraubte und dabei Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen zerstörte.
Den horrenden Schaden suchte eine Minderheit aufgeklärter Weißer schon im vorigen Jahrhundert zu begrenzen: Amerikaner schafften befreite Sklaven zurück nach Afrika und halfen ihnen bei der Gründung des Staates Liberia. Britische Abolitionisten siedelten ehemalige Sklaven in Freetown (Sierra Leone) an. Heute sehen westliche Politiker in der Entwicklungshilfe für Afrika, Amerikaner in den Fördermaßnahmen für ihre schwarzen Mitbürger eine Wiedergutmachung für die Sklaverei.
Doch statt Stipendien und Krediten verlangen Gruppen wie die Washingtoner "National Coalition of Blacks for Reparations in America" (N''Cobra) Sühnezahlungen. Im Kongress bringt John Conyers, ein schwarzer Demokrat aus Michigan, seit
* Kolorierter Holzstich vom Anfang des 19. Jahrhunderts.
1989 Jahr für Jahr eine Gesetzesvorlage ein: Die Volksvertreter sollen die Sklaverei als Unmenschlichkeit anerkennen und Vorschläge für die Entschädigung der Opfer erarbeiten. Bislang fand Conyers keine Mehrheit.
Conyers und N''Cobra berufen sich auf die deutschen Zahlungen an Israel und Holocaust-Überlebende und nennen zudem ein amerikanisches Vorbild: Als Entschädigung für ihre Internierung im Zweiten Weltkrieg erhielten 60 000 US-Bürger japanischer Herkunft 1988 je 20 000 Dollar. Der damalige Präsident Ronald Reagan entschuldigte sich zudem bei den Japan-Amerikanern, weil sie zu Unrecht als Feinde verfolgt wurden. Bei den Schwarzen hat sich bislang noch kein US-Präsident offiziell entschuldigt.
Auf seiner Afrika-Reise 1998 bedauerte Bill Clinton zwar den Sklavenhandel. Er hatte Tränen in den Augen, als er auf der berüchtigten Insel Goreé vor Dakar das "Tor ohne Wiederkehr" besuchte, durch das unzählige Afrikaner wie Vieh auf Schiffe getrieben wurden. Doch eine formelle Entschuldigung vermied Clinton. Eine solche Geste würde die lästige Diskussion um Reparationen vehement vorantreiben.
Europäer werfen denn auch Washington vor, Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit mit zweierlei Maß zu messen:
Als die US-Regierung im vergangenen Jahr die Schweizer Banken unter Druck setzte, Holocaust-Opfer und deren Erben zu entschädigen, blaffte der Berner Diplomat Thomas Borer: "Wie kommen die Amerikaner dazu, uns zu verurteilen? Wessen Reichtum gründet sich denn auf Sklaverei?" HANS HIELSCHER, CHRISTOPH PLATE
* Szene aus dem Steven-Spielberg-Film "Amistad". * Kolorierter Holzstich vom Anfang des 19. Jahrhunderts.
Von Hans Hielscher und Christoph Plate

DER SPIEGEL 43/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

REPARATIONEN:
Sühne für „schwarzen Holocaust“

  • Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Mein Schottland: Zwischen Brexit und Unabhängigkeit