25.10.1999

POPKlangzauber aus dem Kino

Musikmarkt und Filmgeschäft stützen sich gegenseitig: Soundtrack-CDs sind mittlerweile oft erfolgreicher als die zugehörigen Filme oder frei produzierte Pop-Alben.
Wo bitte geht's nach Hollywood? Das fragen sich seit einiger Zeit nicht nur aufstrebende Schauspieler, sondern auch die Agenten der US-Popmusiker. "Ein Blutbad", so sagte einer von ihnen der "Los Angeles Times", lieferten sich die Musik-Manager jüngst um das Privileg, auf der Filmmusik-CD zu der Agentenparodie "Austin Powers - Spion in geheimer Missionarsstellung" vertreten zu sein. Denn "Austin Powers" versprach einer der Kinoerfolge dieses Jahres in den USA zu werden. Was auch eintraf: Der Film, seit 14. Oktober auch in den deutschen Kinos, spielte in Amerika über 200 Millionen Dollar ein.
Beim Kampf um einen Sonnenplatz auf der Soundtrack-CD zu diesem Film "ging es hart zur Sache", sagt Danny Bramson, "aber es war sofort klar, dass wir Madonnas Song ,Beautiful Stranger' zur Zugnummer der Filmmusik machen".
Bramson, 45, gilt schon seit einiger Zeit als wichtiger Mann im US-Unterhaltungsgeschäft. Er ist einer der Chefs der Soundtrack-Abteilung des Entertainment-Konzerns Warner und kann sich mit etlichen Filmmusik-Erfolgen brüsten, darunter die CDs zu "Singles", "City of Angels", "The Nutty Professor" und "Batman and Robin". Zuletzt war er mit "Austin Powers" (verkaufte US-Auflage bislang: 1,2 Millionen) in den Charts, und auch die Musik zu Stanley Kubricks letztem Film "Eyes Wide Shut" wurde unter Bramsons Aufsicht produziert.
Soundtrack-CDs sind derzeit hoch beliebt, nicht selten beliebter als die zugehörigen Filme selbst - eine Erfolgsgeschichte, die auch deshalb bemerkenswert ist, weil das Musikgeschäft insgesamt eher stagniert. In den USA, dem größten Musikmarkt der Welt, waren im Sommer 1998 10 der 40 erfolgreichsten Alben Filmmusiken, in Deutschland stehen derzeit die Song-Sammlungen zu Wim Wenders' "Buena Vista Social Club" und zu den Liebesdramen "Eiskalte Engel" und "Notting Hill" weit vorn in der Hitparade; auch zu eher kleinen heimischen Produktionen wie dem Hamburg-Jungsfilm "Absolute Giganten" werden sogleich Filmmusik-CDs aufgelegt.
Kinoerfolge wie "Men in Black", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Robin Hood" und "Trainspotting" verschafften in den vergangenen Jahren bewährten Pop-Helden wie U2, Will Smith, Bryan Adams und Wet Wet Wet Millionenerfolge; vorher fast unbekannte Szene-Größen wie Underworld brachten es zu Weltruhm.
Viele Popstars spielen deshalb direkt im Auftrag der Kinoproduzenten neue Songs - und weil das Geschäft so gut läuft, ist den Kinomachern diese Extraarbeit Honorare von bis zu 500 000 Dollar pro Song wert, wie sie Elton John für den Song "Can You Feel the Love Tonight" zum Film "König der Löwen" erhielt.
Der Erfolg der Soundtrack-Alben hat mehrere Gründe: Den treuen Fans großer Stars ist oft ein einziger Song ihrer Idole Anreiz genug, gleich die ganze Filmmusik mitzukaufen; und in die von den TV-Musiksendern verbreiteten Videoclips zu den Songs sind so viele Filmszenen einmontiert, dass die Zuschauer sowohl in die Plattenläden als auch ins Kino gelockt werden; und die Zweit- und Drittverwertung der Kinowerke auf Video und im Fernsehen animiert Zuschauer ein weiteres Mal zum Kauf der Film-Erkennungsmelodien.
Galt es früher als Sensation, wenn ein Popstar einen Anruf aus Hollywood bekam, so "haben heute all jene Depressionen, die nicht angerufen werden", sagt Bramson. "Jeder halbwegs erfolgreiche Musiker erhält mittlerweile rund 20 Angebote pro Woche", behauptet er - zumal heute auch "jedes neue Videospiel einen Soundtrack verpasst bekommt". Sogar Porno-Produzenten lassen ihre Werke neuerdings von Pop-Größen wie Massive Attack veredeln.
Die Musikerwahl für einen Erfolgs-Soundtrack bleibt trotzdem, so Bramson, ein "schwieriges Geschäft". Die Namen einiger Stars allein garantierten noch lange keinen Hit: "Es gibt eine Menge Leute, die einmal einen Bestseller zusammenstellen und dann in der Versenkung verschwinden."
Besonders stolz ist der Manager Bramson auf den Soundtrack zu dem Film "City of Angels" (1998), dem US-Remake des Wim-Wenders-Werks "Der Himmel über Berlin" (1987). Nur weil er den Titel der Hollywood-Version toll fand, drängte er den "City of Angels"-Machern seine Hilfe auf - leider war der Film fast schon fertig, samt elegischer Orchesterbegleitung. Doch Bramson insistierte auf einem neuen Soundtrack: "Es war ein Kampf zwischen dem Regisseur und mir um jeden Ton Popmusik."
Am Ende schaffte die Soundtrack-CD mit Songs von den Goo Goo Dolls und Alanis Morissette eine Auflage, die etwa der Hälfte der Zahl der Kinobesucher entsprach. Bis heute hat sich die CD weltweit fast sieben Millionen Mal verkauft, drei ausgekoppelte Singles erreichten die Spitzenposition der US-Charts.
In Deutschland gelang mit der CD zu Katja von Garniers "Bandits" Ähnliches: Knapp eine Million Kinobesucher wollten den Film sehen, 300 000-mal ging das "Bandits"-Album weg. Besonders durchtrieben: Im Film selbst wurde gezeigt, wie die CD der fiktiven Bandits-Band von begeisterten Käufern aus den Regalen gerissen wurde - dreiste Leinwand-Reklame für den eigenen Soundtrack.
Bramsons Geschäftsgebaren bei "City of Angels" erklärt auch, warum auf vielen Soundtrack-CDs Songs erklingen, die im Film allenfalls ein paar Sekunden oder überhaupt nicht zu hören sind. "Inspired by the Movie" nennen die Verkaufsstrategen diese Produkte.
Inzwischen ist ein einziger Kinoerfolg auch schon mal für drei Soundtracks gut, so etwa der Zeichentrick-Hit "Prinz von Ägypten": Um möglichst alle Zielgruppen einzufangen, gab es eine Gospel-Platte zum Film fürs schwarze Publikum, eine Country-Platte für die Weißen und für Deutsche einen Mix von beiden in ihrer Muttersprache. Für den diesjährigen Disney-Weihnachtsfilm "Tarzan" hat Phil Collins fünf Songs beigesteuert - und diese gleich in fünf Sprachen aufgenommen.
Diese Art von Vermarktung ist dem Puristen Bramson, der oft wochenlang über seinen Vorschlägen für die musikalische Ausstattung eines Films brütet, ein Gräuel. Er selber gründete im Alter von 22 Jahren seine eigene Plattenfirma und war dank seiner Entdeckung, Tom Petty, bereits mit 30 Millionär - und er schwört bis heute auf Kino-Klassiker wie den Beatles-Film "A Hard Day's Night" und "Die Reifeprüfung", zu dem Simon & Garfunkel die Songs beisteuerten. Musik und Film müssten in direktem Bezug stehen, so sein Credo, "wenn die Songs nur Untermalung sind, dann ist der Soundtrack Schrott".
Mit der Musik zu Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" wird Bramson vermutlich nicht allzu viel Kasse machen: Komponisten wie Schostakowitsch und Franz Liszt, deren Stücke Kubrick vor seinem Tod selbst für den Film ausgewählt hatte, taugen kaum für die Charts.
CHRISTOPH DALLACH, JÖRG BÖCKEM
Von Christoph Dallach und Jörg Böckem

DER SPIEGEL 43/1999
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