25.10.1999

„Filmmusik braucht keinen Rap“

Der Italiener Ennio Morricone lieferte Kompositionen für viele Kinoklassiker - und zürnt den Hit-Mixern von heute.
Eine Schande, womit Hollywood-Produzenten heutzutage ihre Filme zukleistern und dabei noch viel Geld verdienen - denn: "Ein Lied wird noch lange nicht zu Filmmusik, weil es in einem Film auftaucht." Der Römer Ennio Morricone, 71, redet sich in Rage, wenn er über die aktuellen Erfolge von flugs zusammengestellten Filmmusik-CDs spricht.
Natürlich hat Morricones Zorn damit zu tun, dass er selbst eine legendäre Figur aus dem Berufsstand der klassischen Filmkomponisten ist. Der Italiener hat in seiner Karriere nach eigener Auskunft für mehr als 400 Filme Soundtracks maßgeschneidert - und muss neuerdings bei Werken wie Warren Beattys "Bulworth" sein Terrain schon mal mit HipHop-Hits teilen.
"Irgendein Rap-Song, der auf der Leinwand aus einem Autoradio dröhnt, taugt vielleicht als Spezialeffekt", klagt Morricone, "aber er verleiht dem Film keinen Charakter wie meine Arbeit."
Der Maestro hält seine Kompositionen ohne falsche Bescheidenheit für die wahren Stars vieler Filme, darunter Klassiker wie Bernardo Bertoluccis "1900" und grandiose Spaghetti-Western von Sergio Leone wie "Spiel mir das Lied vom Tod". Sein jüngstes Werk, die Musik für Giuseppe Tornatores "Die Legende vom Ozeanpianisten" (derzeit in den deutschen Kinos), ist eine Produktion ganz nach Morricones Geschmack.
Die Vorlage zum Film stammt von dem italienischen Bestsellerautor Alessandro Baricco. Erzählt wird die Geschichte eines Findelkinds, das am ersten Tag dieses Jahrhunderts auf einem Passagierdampfer gefunden wird. Der Knabe, genannt "Novecento", verfügt über ein märchenhaftes Talent fürs Piano und eine tiefe Abneigung gegen die Idee, seine Gabe auf dem Festland zu vergeuden.
Ennio Morricone durfte die Musik komponieren, um die herum dann der Film gedreht wurde. Ähnlich respektvoll ist Morricone auch von seinem Schulfreund Sergio Leone behandelt worden - mit dessen Italo-Western wurde nicht nur der Schauspieler Clint Eastwood, sondern auch Morricone international berühmt. Stilbildend kombinierte der Komponist wehmütige Melodien mit Pfiffen, Peitschenknallen und Ambossschlägen.
Gleichwohl betont Morricone, dass Western-Soundtracks höchstens zehn Prozent seines Gesamtwerks ausmachen; ihm selbst seien die Arbeiten für Pasolini und Bertolucci, Polanski und De Palma mindestens ebenso wichtig.
Aber so wie der Wunderpianist Novecento nie sein sicheres Schiff verlässt, hat Morricone seine Altbauwohnung in Rom nie für einen Palast in Hollywood eingetauscht: "Es gab mehr als genug Angebote, tolle Häuser, irres Geld, aber warum sollte ich deswegen meiner Heimat den Rücken kehren?"
So recht konnte sich der Italiener mit Hollywood ohnehin nie anfreunden. In den Achtzigern stellte er eine Zeit lang die Arbeit für die Amerikaner nahezu ein: Zu schlechte Filme, zu wenig Geld, behauptet er. Und Englisch spricht er sowieso nicht. "Ich habe es probiert, aber ich kann mir die Worte einfach nicht merken."
Besonders bitter: Bis heute verweigert Hollywood dem Italiener den wohlverdienten Oscar. "Ich wundere mich auch, aber beklage mich nicht", sagt der Künstler. Noch immer steht er jeden Morgen um fünf auf und arbeitet bis in den Abend am Schreibtisch - "im Urlaub nur vormittags". Seine Arbeit, so sagt er, habe mindestens so viel mit Technik wie mit Inspiration zu tun. Er höre fast immer Melodien, wenn er Bilder sehe, fast so wie der Ozeanpianist. "Wenn mir ein Regisseur einen Rohschnitt vorführt, kann ich die Musik direkt nach dem Abspann zu Papier bringen."
Doch manche aufregenden Filmmomente funktionieren auch ohne begleitende Musik, findet Morricone: "Ein guter Kuss benötigt keine Melodie." CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 43/1999
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