04.03.2017

EuropaAuf der Putin-Allee

Eine Reise durch den Osten des Kontinents. Siebte Etappe: von der Krim bis Tschetschenien. Von Navid Kermani
Kermanis Reise (VII) Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte der SPIEGEL eine vierteilige Reportage des Kölner Schriftstellers Navid Kermani über seine Exkursion in den Osten Europas. Sie begann in Schwerin und führte bis in die Ukraine. Im Januar nun setzte er seine Expedition entlang des Risses fort, der sich dort zwischen Ost und West auftut: von der Krim bis in den Kaukasus.
Fünfter Tag
Das Erste, was wirklich anders in Russland ist, sind die Radarkontrollen. Die flache Landschaft ohne jeden Hügel oder Baum, die Gesichter, die Schriftzeichen und Leuchtreklamen, die Kriegsdenkmäler, Fahnen und Putin-Plakate, die Automarken, Nummernschilder und selbst die patriotischen Aufkleber – "Danke, Opa, für den Sieg!" –, das ist alles gleich geblieben, seit wir aufs Festland übergesetzt sind. Doch plötzlich hält sich unser Fahrer Ernes an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die in kurzem Abstand angezeigt werden. Auf der Krim ist er unbesorgt gerast. Nach der Annexion seien zwar die Hauptstraßen auf der Krim saniert, aber keine Starenköpfe aufgestellt worden, erklärt er; so gut funktioniere der Staat zum Glück noch nicht.
"Und in Russland funktioniert er?", frage ich.
"Besser jedenfalls als in der Ukraine", antwortet Ernes, der die Annexion wie fast alle Krimtataren ablehnt.
Kaum gesagt, winkt uns ein Polizist zur Seite, der eine astronautendicke Uniform mit Fellmütze, Ohrenschützern und signalgelber Weste trägt. Im russischen Winter fühlt man mit jedem mit, der im Freien arbeiten muss.
"Du bist doch gar nicht zu schnell gefahren", sehe ich bereits das Unrecht herrschen, als unser Wagen auf den Standstreifen rollt.
"Ich habe beim Überholen eine durchgezogene Linie überquert", beteuert Ernes seine Schuld, als ob's ein Schauprozess wäre: "Das wird noch teurer."
Als er wieder einsteigt, hat Ernes 3000 Rubel bezahlt, umgerechnet 50 Euro, ein Sechstel seines Monatseinkommens. Dennoch ist er erleichtert, weil der Polizist zunächst den Führerschein einziehen wollte. Das sei allerdings nur eine Drohung gewesen, um ins Geschäft zu kommen, meint Ernes.
"Woran hast du das gemerkt?", frage ich.
"Er hat sich in aller Ruhe meine Papiere angesehen, während er mit mir sprach, erst den Führerschein, dann den Fahrzeugschein, schließlich den Personalausweis. Spätestens dann weiß man, dass man fragen muss, ob es noch eine andere Lösung gibt. Wenn er gleich das Formular herausholt, ist nichts zu machen."
"Ich dachte, das gäb's nur in der Ukraine."
"In der Ukraine kannst du über den Betrag verhandeln, das ist der Unterschied. In Russland musst du ihn einfach akzeptieren."
Gegen Mittag erreichen wir die Stadt Krasnodar, in der die Kornkammer Russlands verwaltet wird. Auf der schnurgeraden Einfallstraße fahren wir lange Zeit an Plattenbauten und hohen Wohnblocks vorbei. Zum Zentrum hin werden die Häuser kleiner und ärmlicher; offenbar wurden sie vor dem sozialistischen Menschentraum gebaut. Der Hauptplatz ist neu gestaltet mit einem gewaltigen Denkmal für Katharina die Große und dem Nachbau der Kathedrale, die während des Menschentraums an anderer Stelle abgerissen worden war. Zarentum und Orthodoxie, das soll der Platz wohl signalisieren, bilden Russlands neue, alte Welt.
Von den Sanktionen habe Russland eher profitiert, meint Tatjana, die für eine deutsche Firma Kältetechnik für die Landwirtschaft verkauft. So würden die Geräte, die sie anbietet, inzwischen in Russland hergestellt, weil sie sonst unbezahlbar wären, und für die Lebensmittel gelte das erst recht. Parmesan sei nun wirklich nicht existenziell und der russische Käse genauso gut, für den es viele neue Kühlhallen braucht, sodass Tatjanas Geschäft brummt. Dass die Preise steigen, lasteten die Menschen nicht der eigenen, sondern jenen Regierungen an, die Russland mit einem Wirtschaftskrieg überziehen – wie die früheren Angriffe werde ihr Land auch den jetzigen überstehen. Den Krieg im nahen Donbass hält Tatjana für eine ukrainische Aggression gegen die russischsprachige Bevölkerung, der Russland beistehen müsse, das Eingreifen in Syrien für eine humanitäre Aktion und die Krim für einen integralen Bestandteil Russlands. Deutschland hingegen werde von Flüchtlingen überschwemmt.
So geht das den restlichen Tag. Ich spreche noch mit einer Deutschlehrerin, dem Inhaber einer großen Bäckerei, einer Jurastudentin und einem Taxifahrer, Zufallsbekanntschaften, gut, und doch scheint es mir kein Zufall zu sein, dass sie alle die Welt von heute ziemlich genau wie ihr Präsident sehen. Entsprechend vermissen sie keine Freiheit, weil die Russen in aller Freiheit ohnehin Wladimir Putin wählen würden. Deshalb diskutiere man auch nicht viel über Politik.
"Nein, auch nicht in der Universität", versichert Alexandra, die Studentin, und wundert sich, dass Studenten in anderen Ländern oder zu anderen Zeiten rebellisch seien, in Russland sicher nicht. Als Juristin stehe sie vor einer relativ sicheren Zukunft – das sei ihr wichtig und alles andere als selbstverständlich, wenn sie von ihren Eltern höre, welches Chaos noch unter Jelzin geherrscht habe. Und Gorbatschow erst – ein Verbrecher. Putin habe wieder Ordnung hergestellt, das wiege seine Nachteile auf, die es natürlich auch gebe. Von Wirtschaft etwa, meint Tatjana, verstehe der Präsident leider nicht viel. Putins Mission sei eine andere, nämlich Russlands Größe und Stabilität. Was wir erlebt hätten, sei leider typisch, räumt Wiktor ein, der Inhaber der Bäckerei, dem ich von der Verkehrskontrolle erzähle; die Korruption auch in der Wirtschaft, in den Ämtern und erst recht in den höchsten Etagen der Gesellschaft ein Geschwür. Doch müsse man zugleich die Maßnahmen anerkennen, die die Regierung ergriffen habe, die vielen Gerichtsprozesse etwa, vor denen nicht einmal die Oligarchen mehr sicher seien. Und in den Polizeiautos würden seit Neuestem kleine Videokameras angebracht, damit keine Schweinerei verborgen bleibt. Ach, deshalb wickelte der Polizist das Geschäft trotz der Kälte im Freien ab.
Es sind keine Wutbürger, die sich gegen ein System auflehnen oder der Lügenpresse misstrauen; sie stehen nicht am Rande, wirken weder aufgebracht noch radikal, blicken freundlich auf den Fremden, der sie besucht, selbst wenn er einer Religion angehört, die, um das Mindeste zu sagen, "problematisch" ist. Nach Tschetschenien, meinem nächsten Ziel, würden Tatjana und Alexandra niemals reisen, weil sie sich als Frau in einem muslimischen Land nicht frei bewegen könnten. Die Haltung, die im Westen der Rechtspopulismus vertritt, zum Primat der Nation und zu abendländischer Identität, zu autoritärer Demokratie und Islam, zu Homosexualität und Genderwahn, zur Weltherrschaft Amerikas und dem Ende der Europäischen Union, scheint mindestens in der russischen Mittelklasse Mainstream zu sein.
"Hier ist man für Putin", bestätigt der Taxifahrer, der als einzige meiner Zufallsbekanntschaften einer anderen Klasse angehört, und fügt selbst hinzu, dass man mit den Verhältnissen nicht überall so einverstanden sei. Der Region Krasnodar mit ihrer starken Landwirtschaft und der Ölpipeline, die zum Schwarzen Meer führt, gehe es vergleichsweise gut. Aber auch die anderen Gesprächspartner beurteilen die gesellschaftliche Realität durchaus differenziert und finden am Westen Europas, den sie von Reisen kennen, vieles vorbildlich – das Gesundheitssystem etwa, überhaupt die bessere Infrastruktur.
Das Weltbild ist nicht so geschlossen, dass alles, was ihm widerspricht, deshalb schon eine Lüge sein muss. Dass Donald Trump sich damit gebrüstet hat, Frauen zwischen die Beine zu greifen, hört Tatjana zum ersten Mal, obwohl sie sich jeden Tag in den russischen Medien informiert. Eigentlich findet sie Trump einen guten Mann, der eine klare Sprache spricht und etwas von Wirtschaft versteht, sonst hätte er es nicht zu so viel Geld gebracht. Aber solcher Sexismus, nein, der wäre natürlich ekelhaft, sofern er keine Fake News ist. Alexandra, die nicht viel über Politik nachdenkt, hält Trump ohnehin für einen "Clown". Nur was Syrien betrifft, da ist sie, sind alle Gesprächspartner entschieden: Russen würden niemals Zivilisten bombardieren. Da platzt dem Fotografen Dmitrij Leltschuk, der aus Weißrussland stammt, der Kragen, so dass er von den Verbrechen der russischen Fürsten und später der Sowjets in seiner Heimat erzählt. Das glaubt Tatjana wiederum. Niemand wolle zurück, höchstens unter Älteren gebe es so etwas wie eine Sowjetnostalgie; die jüngere Generation hingegen sei europäisch ausgerichtet.
"Europäisch?", frage ich verblüfft.
"Also modern, meine ich", antwortet Marina, die Deutschlehrerin, und findet Russland auf einem guten Weg.
Sechster Tag
Auf der langen Fahrt nach Grosny staune ich über die Helden, die in Tschetschenien jedes Kind kennt. Der größte ist Scheich Kunta Hadschi, der im 19. Jahrhundert die Liebe zu allen Geschöpfen predigte, Freunden wie Feinden, Tieren wie Pflanzen. Ein regelrechter Naturschützer war der Scheich, mahnte dazu, keinen Müll zu hinterlassen und stets mehr Bäume zu pflanzen als zu fällen. Als Mystiker und Begründer des Kadirija-Ordens, der heute noch bedeutendsten religiösen Organisation Tschetscheniens, wetterte er gegen eine Frömmigkeit, die sich an äußeren Formen und Praktiken festmacht: "Habt keine Eile beim Wickeln des Turbans – umwickelt zuerst euer Herz." Vor allem aber war der Scheich ein radikaler Pazifist und hat als solcher einen tiefen Eindruck bei Leo Tolstoi hinterlassen, der als Soldat in den Kaukasus kam und im Alter selbst zum Kriegsgegner und Naturschützer wurde. "Eure Waffen sollen eure Wangen sein, nicht Gewehr und Dolche", verbot Kunta Hadschi den Gläubigen, Gewehre oder Dolche zu tragen: "Sterben im Kampf mit einem Feind, der um vieles stärker ist, gleicht Selbstmord, und Selbstmord ist die größte aller Sünden."
Kann das sein, frage ich mich auf der Rückbank, während am Fenster Russlands schneebedeckte Kornkammer vorbeirauscht: Tschetscheniens berühmtester Religionsgelehrter ein früher Ökologe und Pazifist? Schließlich sind Tschetschenen heute mehr als Kämpfer, wenn nicht als Terroristen bekannt. Ja, kann sein, versichern Achmet und Magomet, die mich in Krasnodar abgeholt haben, und gehen zum nächsten Helden über: Der Wanderprediger Mansur Uschurma lehrte im 18. Jahrhundert die Gleichheit aller Menschen, verurteilte die Blutrache und rief zur Unterstützung der Kranken, Waisen, Hilfsbedürftigen auf. Die Russen sandten Soldaten, um den "Lügenpropheten" zu stoppen, brannten sein Dorf mit 400 Gehöften ab und töteten seinen Bruder. Daraufhin rief Scheich Uschurma zu den Waffen und schlug 1785 in einer legendären Schlacht die russischen Truppen. Fürst Pjotr Bagration, der spätere Held des Krieges gegen Napoleon, wurde verwundet und gefangen genommen. Der Scheich befahl, den Fürsten zu versorgen und ins russische Lager zu tragen. Gerührt vom Großmut des Feindes, wollten die Offiziere sich bei den Trägern erkenntlich zeigen. Die jedoch lehnten den Lohn ab: Gäste freundlich zu behandeln verstehe sich für Tschetschenen von selbst. Nach weiteren siegreichen Schlachten unterlag Scheich Uschurma 1791 schließlich doch der Übermacht. Er wurde gefangen genommen, nach Sankt Petersburg gebracht und für sein restliches Leben in die Schlüsselburg gesteckt. Gastfreundschaft war seinen Wärtern fremd.
Achmet und Magomet haben sich ihre Pseudonyme selbst ausgesucht. Kein Tschetschene, so haben sie uns bereits in Krasnodar angekündigt, würde mit mir frei reden, wenn er befürchten müsse, dass sein wirklicher Name in einer Zeitung steht. Ich müsse mir noch viele Pseudonyme und auch abweichende Umstände, erfundene Berufe, Orte, Jahreszahlen ausdenken, wolle ich die Wahrheit über Tschetschenien schreiben. Immerhin lebten sie in einem Land, dem vielleicht einzigen Land der Welt, in dem der Präsident noch persönlich Hand an Gefangene legt. Ob das stimmt? In Berichten über Tschetschenien ist immer wieder zu lesen, dass der junge Ramsan Kadyrow, der als Nachfolger seines ermordeten Vaters seit 2007 regiert, persönlich an Folterungen teilnimmt. Achmet und Magomet sagen, dass sie Leute kennen, die im Keller des Präsidenten einsaßen; Tschetschenien sei so klein, das Vertrauen innerhalb der Sippen trotz Geheimpolizei immer noch groß, da spreche sich so etwas schnell herum. Eben deshalb – damit es sich nicht herumspreche –, verschwänden auch so viele Menschen spurlos. Tatsächlich haben Menschenrechtsorganisationen in den vergangenen 15 Jahren an die 10 000 Fälle dokumentiert. Offiziell liebten alle Tschetschenen ihren Präsidenten; inoffiziell wisse jeder, dass er nur ein Lakai Russlands sei.
Ausgerechnet Russlands: Da ist das Massaker von Dadi-Jurt am 15. September 1819, um nur die nächste Geschichte zu nehmen, die ich auf der Rückbank notiere: eine der furchtbarsten Strafaktionen der zaristischen Armee. Bis auf 140 junge Mädchen wurden alle Dorfbewohner getötet. Um sich einem Leben in Knechtschaft, vermutlich auch den Vergewaltigungen zu entziehen, stürzten sich 46 dieser Mädchen von einer hohen Brücke in den schäumenden Fluss und rissen ihre Bewacher mit.
Auch die übrigen Geschichten handeln vom Widerstand gegen Fremdherrscher, vormals Chasaren, Hunnen, Araber, Perser oder Mongolen, seit dem 18. Jahrhundert Russen beziehungsweise Sowjets. Tschetschenien ist das einzige Land des Kaukasus, das nie feudale Strukturen noch Leibeigenschaft kannte, weder Fürsten noch Könige, keine Steuern, keine Zentralgewalt. Tschetschenen definierten sich geradezu dadurch, dass sie freie Bauern auf eigenem Grund waren, keinem Herrscher, sondern ausschließlich ihrer Sippe verpflichtet. So begreife ich auf der langen Fahrt nach Grosny, warum ausgerechnet derjenige Rebell, der durch Tolstois "Hadschi Murat" in die Weltliteratur eingegangen ist, aus tschetschenischer Sicht gar kein Held ist: weil er nicht nur ein Befreier, sondern zugleich ein Usurpator war. Mit seinen Anhängern bestand Imam Schamil in mehreren Schlachten gegen die russische Übermacht und errichtete eine Theokratie, die sich 1845 zu einem nordkaukasischen Emirat ausweitete. Doch immer mehr Sippen lehnten sich gegen Schamils brutales Regime auf und schlossen einen Separatfrieden mit den Russen. Als er schwach genug schien, zogen die Russen mit einer Armee von 240 000 Mann in einen neuen Feldzug. Kampflos gab Imam Schamil auf. Als Ehrengefangener des Zaren starb er 1871 in Medina, nachdem ihm der Hadsch gestattet worden war.
"Kein Wunder, dass er sich ergeben hat", murmelt Achmet verächtlich und verweist darauf, dass der Imam kein echter Tschetschene war, sondern gebürtig aus Dagestan. Da soll Schamils engster Mitstreiter Beisungur von anderem Blut gewesen sein: Bei den Siegen über die Russen verlor er zuerst den linken Arm, dann das linke Auge, bei einer weiteren Schlacht das linke Bein. Die Wunden waren kaum verheilt, da ließ sich Beisungur einarmig, einbeinig und einäugig aufs Pferd binden und führte seine Männer in die nächste Schlacht. Als sich die feindlichen Truppen gegenüberstanden, schlug ein Hüne von Kosak einen Zweikampf vor. Sofort meldete sich Beisungur und ritt dem Kosaken entgegen. Als er mit einer Wunde in der Brust ins Lager zurückkam, fragte Schamil aufgebracht:
"Warum bringst du Schande über uns? Du bist verwundet, der Kosak sitzt im Sattel."
"Warte, bis sich sein Pferd bewegt", antwortete Beisungur.
Als das Pferd einen Schritt nach vorn tat, rollte der Kopf des Kosaken zu Boden.
Beisungur kämpfte weiter, als der Imam Schamil das Leben gegen die Knechtschaft eintauschte. Noch einmal gelang es ihm, einen Aufstand zu organisieren, doch dann geriet er am 17. Februar 1861 in einen Hinterhalt, wurde gefangen genommen und zum Tode durch Erhängen verurteilt. Um ihn zu erniedrigen, lobten die Russen eine Belohnung für den aus, der das Urteil vollstreckt. Niemand aus der Menge, die sich vor der Kirche in Chasaw-Jurt versammelt hatte, meldete sich, bis schließlich ein Dagestaner nach vorn trat, wer sonst? Da stieß Beisungur den Schemel weg und erhängte sich lieber selbst.
Dass Achmet und Magomet von rustikaler Erscheinung sind, breitschultrig, bärtig, mit großen Händen, darf ich erwähnen, weil ihre Physiognomie ziemlich typisch für Tschetschenen mittleren Alters ist; auch der Präsident sieht wie ein Ringer aus. Ich darf auch schreiben, dass der eine vom Handel lebt, der andere von der Hand in den Mund. Er hätte die familiären Verbindungen, die es brauche, um Lehrer oder Angestellter zu werden, meint Magomet. Allein, er verstehe es nicht, sich anzubiedern, freundlich zu tun und die Bestechung auszuhandeln, die es in Tschetschenien selbst mit Verbindungen für egal welchen Posten brauche. Und einmal angestellt, müsse er von jedem Monatsgehalt 10 oder 20 Prozent der Kadyrow-Stiftung "spenden", die den pompösen Lebensstil der Herrscherfamilie bis hin zum Privatzoo mit Raubkatzen finanziere. Damit nicht genug, würde auch noch erwartet, dass er dem Präsidenten auf Instagram folge – täglich Ramsans Heldengeschichte zu lesen sei echt zu viel. 2,4 Millionen Follower hat Ramsan Kadyrow, doppelt so viele wie Untertanen. Statt begeisterte Kommentare unter Bilder zu tippen, auf denen der Präsident teuer eingekaufte Pop- und Sportsternchen aus dem Westen begrüßt, furchtlos einen Python hochhält oder freudestrahlend Wladimir Putin umarmt, bleibt Magomet lieber ein freier Bauer auf eigenem, und sei es noch so kargem, Grund. Nüchterner gesagt: Magomet hangelt sich von Job zu Job durch. Jetzt gerade begleitet er seinen Freund Achmet, der lange Strecken nicht gern allein fährt.
"Weil die Landschaft so eintönig ist?", frage ich Achmet.
"Nein, wegen der Kriminalität."
Eintönig ist die Landschaft dennoch, flach bis zum Horizont, sodass ich froh über die Geschichten bin, die Tschetschenien auch im 20. Jahrhundert geschrieben hat: Da ist Chassucha Magomadow, der letzte Abreke, wie man im Kaukasus die Mischung aus Che Guevara und Robin Hood nennt. Während des stalinistischen Terrors kämpfte er gegen die Geheimpolizei, blieb im Untergrund, als sein Volk 1944 nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurde, und durchkämmte die menschenleeren Dörfer. Als Erster betrat er das Dorf Chaibach, nachdem alle 700 Bewohner in einem Pferdestall verbrannt worden waren. Aus einem Hinterhalt befreite er sich, indem er unbemerkt einen Oberstleutnant erstach und sich blitzschnell dessen Uniform anlegte. Ein anderes Mal sollte ein Kamerad, der von den Russen angeworben worden war, ihn im Schlaf töten. Chassucha jedoch ahnte die Gefahr, kroch aus seinem Mantel und wartete an der Wand. Der Kamerad stand auf und schoss auf den Mantel, bevor er von Chassucha selbst erschossen wurde. 71-jährig und erschöpft von einem bitterkalten Winter, wurde Chassucha am 28. März 1976 gefasst und auf der Stelle von zahlreichen Kugeln durchsiebt. Bis zum Abend des nächsten Tages wagte niemand, die Leiche wegzuschaffen oder auch nur umzudrehen, so groß war die Angst vor dem toten Abreken, der nur noch 36 Kilogramm wog.
"Und die beiden letzten Kriege?", frage ich: "Haben die auch noch Helden hervorgebracht?" Magomet hat im ersten Krieg für Tschetschenien gekämpft. Achmet hingegen war gegen den Krieg, überhaupt gegen die staatliche Unabhängigkeit, weil er es für tollkühn hielt, sich gegen das große Russland aufzulehnen. Für beide aber ist Dschochar Dudajew der letzte tschetschenische Held. Als General der sowjetischen Luftstreitkräfte verweigerte Dudajew 1990 den Befehl, in Estland gegen Demonstranten vorzugehen, quittierte den Dienst und kehrte nach Tschetschenien zurück, um sein eigenes Land in die Unabhängigkeit zu führen. Nachdem Dudajew mit 85 Prozent der Stimmen in den Präsidentenpalast eingezogen war, trat 1992 eine demokratische Verfassung in Kraft, die mithilfe der dankbaren baltischen Staaten erarbeitet worden war. Seinen Eigensinn verlor er nicht. Nicht nur, dass er in seinem Dorf außerhalb von Grosny wohnen blieb und im Privatauto zu Staatsempfängen fuhr; früher als andere erkannte er die Gefahr des islamischen Fundamentalismus: "Wenn sich die negativen äußeren Faktoren verstärken, wird der Islam immer stärker", sagte er 1992 voraus: "Gibt es hingegen die Möglichkeit für eine selbstständige Wahl, für eine selbstständige Entwicklung, dann wird sich auch ein selbstständiger weltlicher Staat herausbilden." Alle Versuche Moskaus misslangen, Dudajews Regierung mit einer Wirtschaftsblockade und der Sperrung aller Verkehrswege in die Knie zu zwingen. Schließlich folgte am 11. Dezember 1994 der Krieg. Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung überzog Russland das Land mit Vakuumbomben, Splitterbomben und Entlaubungsgiften. Dudajew bewies außerordentliche militärische Fähigkeiten und starb dennoch an Leichtsinn. Als er am 21. April 1996 auf einer Fahrt übers Land telefonieren musste, schickte er zwar seine Frau in sichere Entfernung, da das Satellitentelefon von den Russen geortet werden konnte. Den Anruf tätigte er dennoch und wurde währenddessen von einer Cruise-Missile-Rakete getroffen. Der russische Präsident Boris Jelzin verkündete bereits in Grosny den Sieg, da formierten sich die Tschetschenen in den Bergen neu, marschierten auf die Hauptstadt und triumphierten über eine der modernsten Armeen der Welt. Mit dem Friedensvertrag von 1997 erkannte Russland de facto die Souveränität Tschetscheniens an.
Der Zweite Tschetschenienkrieg hat keine Heldengeschichten mehr geschrieben. Statt sich, wie im Friedensvertrag vereinbart, am Wiederaufbau zu beteiligen, sabotierte Russland die neue, noch säkulare Regierung, nicht zuletzt durch die Unterstützung der religiösen Opposition, in der zunehmend Wahhabiten aus dem arabischen Raum den Ton angaben. Der Einmarsch des radikalen tschetschenischen Feldkommandeurs Schamil Bassajew in Dagestan im August 1999 bot den Anlass für eine militärische Operation. Die Schmach der vorherigen Niederlage zu tilgen bedeute in den Worten des neuen russischen Premierministers Wladimir Putin die Wiedergeburt der russischen Armee und des Nationalgefühls. Zugleich ebnete der Krieg den Weg Putins ins Amt des Präsidenten. "Man muss die Tschetschenen wie Ungeziefer vernichten", forderte Putin damals und kündigte an: "Wir werden sie in allen Ecken der Welt verfolgen und sie sogar in den Toiletten ertränken."
Am Abend fahren wir in Grosny ein, das zum Ende des Zweiten Tschetschenienkriegs "die am meisten zerstörte Stadt der Welt" war, wie es in einem Bericht der Vereinten Nationen heißt. Grosny gab es 2001 praktisch nicht mehr. Auch viele andere Städte waren dem Erdboden gleichgemacht, etliche Fabriken ausgebombt, die gesamte Infrastruktur vernichtet worden, 200 000 Zivilisten tot, damit ein Fünftel der gesamten Bevölkerung, weitere 570 000 Tschetschenen geflohen. Der Widerstand hatte sich in seine einzelnen Bestandteile aufgelöst, in Säkulare, Traditionalisten, Überläufer, viele Kriminelle und nicht zuletzt Dschihadisten.
"Besiegt haben wir uns selbst", meint Magomet und erzählt die Geschichte der Familie im Dorf Alchan-Kala, die seinerzeit auch durch die westliche Presse ging. Als die dritte Tochter ins heiratsfähige Alter kam, verlangte der Sohn, dass sie ihn heiraten müsse. Ob er verrückt geworden sei, herrschte der Vater den Sohn an. Der Sohn jedoch berief sich auf ein angebliches Wort Gottes, wonach ein guter Muslim seine dritte Schwester heiraten müsse; dies habe ihm sein Emir erklärt; deshalb werde er es nicht zulassen, dass die Schwester aus dem Haus gehe.
"Wir kannten das nicht, dass ein Sohn seinem Vater widerspricht", meint Achmet, "so etwas gab es in unserer Geschichte nie."
Der Vater packte den Sohn am Kragen, schleppte ihn in den Schuppen und erschoss ihn. Niemand im Dorf verurteilte den Vater. Die Ordnung war wiederhergestellt und doch für immer zerbrochen.
Heute ist in Grosny keine Spur des Krieges mehr zu sehen. Mit gewaltigen Devisentransfers will Russland den Beweis erbringen, dass die Föderation für Tschetschenien die beste aller möglichen Welten ist. Wolkenkratzer, die großflächig mit einer Art Discobeleuchtung behängt sind, klassizistische Fantasiegebäude, das Theater eine Mischung aus Taj Mahal und Petersdom, der Präsidentenpalast mit mehr Säulen als das alte Rom, die große Moschee, erbaut mit Tonnen von Gold und Marmor und Kronleuchtern so schwer, dass allein ihre Anbringung eine Ingenieursleistung war. Entlang der achtspurigen Hauptstraßen stehen Wohn- und Geschäftshäuser mit Stuck, der die europäische Gründerzeit imitiert. An jeder zweiten Ecke hängen Fotos von Wladimir Putin und den beiden Kadyrows, Vater und Sohn.
Nach einer strengen Sicherheitskontrolle fahren wir auf das Gelände ein, auf dem die Wolkenkratzer abgeschirmt vom Rest der Stadt stehen. Der schmächtige Portier des Fünfsternehotels, das einen der Türme belegt, trägt eine viel zu große Schirmmütze sowie Turnschuhe unter dem roten Mantel, der eher für einen Ringer geschnitten ist. In der Lobby verteilt, vor den Boutiquen und auch an der Bar sitzen Angestellte ohne Beschäftigung, die sämtlich der Mode ihres Präsidenten folgen: der eng anliegende Anzug, dessen Sakko nur bis zum Becken reicht, die schmale Krawatte demonstrativ lose gebunden, die Haare in die Stirn gekämmt, die Wangen rasiert, aber unter dem Kinn der Bart einige Zentimeter lang. Andere Gäste sehen wir in dem Hotel nicht.
Nach dem Einchecken vertrete ich mir noch die Beine auf der neuen Prachtmeile, die selbstverständlich Putin-Allee heißt. Ich bin der einzige Fußgänger; nur gelegentlich fährt ein Auto an mir vorbei. Sorgen müsse ich mir keine machen, haben Achmet und Magomet versichert und ihrem Präsidenten immerhin zugestanden, dass Tschetschenien heute sicher sei. Die Gebäude sind von außen hell erleuchtet, in den Fenstern jedoch brennt nirgends ein Licht. Auch die Wolkenkratzer scheinen größtenteils unbewohnt. Lebt hier überhaupt jemand, oder ist ganz Grosny nur ein Potemkinsches Dorf? Die letzte Geschichte, die Achmet erzählt hat, handelt von einer alten Frau: Als er mit seiner Familie nach dem Zweiten Krieg zurückkehrte, saß sie vor seinem zerstörten Haus.
"Was machen Sie hier?", fragte Achmets Mutter.
"Ich überlebe", sagte die Frau.
"Sie überleben?"
"Ja, ich überlebe", wiederholte die Frau und zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo einmal ein Hochhaus gestanden hatte: "Dort habe ich gewohnt."
Als Grosny bombardiert wurde, suchte die Frau Zuflucht im Keller. Der Keller jedoch war bereits überfüllt, sodass man sie nicht mehr hereinlassen wollte. Die Frau schlug mit den Fäusten an die Eisentür, nur um ein ums andere Mal jemanden rufen zu hören, dass sich hier bereits 100 Leute zusammendrängten, sie hätten kaum Luft zum Atmen. Vergebens bettelte die Frau, die 101. sein zu dürfen. Endlich trat sie auf die Straße, um irgendwo anders unterzukommen. Kaum war sie ein paar Schritte gegangen, schlug eine Bombe in dem Hochhaus ein. Alle 100 Menschen im Keller waren tot. Seitdem überlebt die alte Frau.
Im nächsten Heft: Von Grosny Richtung Georgien
Von Navid Kermani

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