11.03.2017

EssayAlles bleibt in der Familie

Das Personal ist frisch, aber die Probleme riechen schon lange streng: Warum die französische Politik an eine böse Fernsehserie erinnert. Von Nils Minkmar
Im Andenkenladen des französischen Parlaments, der Assemblée Nationale, gibt es Ofenhandschuhe: einen für die linke Hand, in Rot, mit der Aufschrift "gauche" und einen blauen, für die rechte, darauf steht "droite". Die Aufteilung in der parlamentarischen Sitzordnung und dann der politischen Welt in links und rechts ist in Frankreich erfunden worden. Sie strukturiert aber weit mehr als die parlamentarische Arbeit. Die Botschaft dieses Souvenirs: Letztlich ist auch die Organisation der Handgriffe in der Küche, der Arbeitsverteilung der Geschlechter und der ganzen Familie eine politische Angelegenheit. Doch seit Kurzem hört man aus der französischen Großküche Geklirre, Geklapper und das Sausen tieffliegenden Geschirrs. Es wird immer lauter, immer unheimlicher, man verfolgt es mit einer Mischung aus Faszination und Sorge.
Die Dynamik des Geschehens ist atemberaubend. Innerhalb kürzester Zeit ging der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy als Verlierer aus den Vorwahlen hervor, dann verzichtete der amtierende Präsident auf eine erneute Kandidatur. Beide Männer waren über Jahrzehnte nahezu täglich im Fernsehen aufgetreten, sie gehörten zu den Veteranen der französischen Politfamilien. Aber dann ging es weiter: der ehemalige Premierminister Manuel Valls, der einstige Stardissident der Sozialisten Arnaud Montebourg, der Literat unter den Politikern Bruno Le Maire – alle ohne Applaus von der Bühne gescheucht. Das ist völlig neu, denn die französische Öffentlichkeit war bislang über alle Maßen anhänglich. Jedem noch so abgerockten Politiker, Showstar, Moderator wird mindestens ein Comeback ermöglicht, gern aber auch ein zweites.
Inmitten des rasanten Geschehens, das man verfolgt wie ein von David Lynch inszeniertes "House of Cards", treten die tiefen und komplizierten Probleme der französischen Gesellschaft zutage. Denn Politik ist in Frankreich weniger eine Disziplin der Öffentlichkeit als vielmehr eine Familienangelegenheit. Wenn wir im Deutschen Parteien in umfassendere ideologische Gruppen einordnen, sprechen wir von den politischen Lagern. Franzosen benutzen den Begriff der politischen Familie. Und weil in einer Familie ja nicht abgestimmt wird, gibt es innerhalb einer solchen französischen politischen Großfamilie auch keine Fraktionen, Flügel oder Strömungen, sondern "des sensibilités" – Empfindsamkeiten. Mit Austausch und Abwägen rationaler Argumente hat ein Familienkonflikt wenig zu tun.
Man kann ein französisches Essen im Familienkreise nicht wirksamer ins Chaos befördern als durch das Aussprechen des Stichworts Algerien. Dann wird es bald sehr laut oder sehr still. In meiner Familie hatte dann immer ein lieber angeheirateter Großonkel seinen großen Auftritt. Er kam aus Algerien, war von dort, mit allen anderen Franzosen, vertrieben worden. Ihn packte nach einigen Gläsern Wein die Sehnsucht nach seinem arabischen Jugendfreund Mamounette. Dann weinte er und rief dessen Namen. Es dauerte Jahre, bis ich einmal meinen Mut zusammennahm und mich bei seiner Frau diskret nach dem Schicksal Mamounettes erkundigte. So dramatisch waren diese Szenen, dass ich mir nur ein herzzerreißendes Kriegsschicksal vorstellen konnte. Meine Großtante belehrte mich wie einen, der wirklich nichts kapiert: Mamounette wohne doch schon seit Jahrzehnten in Bordeaux, wie mein Onkel auch. Sie träfen ihn regelmäßig samstags zum Großeinkauf im Supermarkt. Warum all die Tränen? Algerien – da geht es drunter und drüber.
Der konservative Kandidat Fillon hatte aus der kolonialen Vergangenheit Frankreichs einen Eckpunkt seines Programms gemacht: Es müsse Schluss sein mit den dauernden Entschuldigungen, vielmehr müsse anerkannt werden, welche zivilisatorische und kulturelle Arbeit von den Franzosen geleistet worden sei. Eine solche Erklärung ist das programmatische Äquivalent zum Faustschlag auf den Esstisch: nun mal Schluss mit dem Gemecker über den hart arbeitenden weißen Mann! Das griff der linksliberale Hoffnungsträger Emmanuel Macron dankbar auf. In einem Interview mit dem algerischen Fernsehen nannte er die Kolonisierung Algeriens ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Beide Äußerungen sorgten in der jeweils anderen Politfamilie für spitze Schreie der Empörung.
Beide sind allzu schlicht: Kolonialismus bedeutet Ausbeutung und Demütigung, dafür kann man keinen Dank erwarten. Und die französische Kolonialherrschaft Algeriens umfasste allerdings Verbrechen gegen die Menschlichkeit – aber ein solcher Vorwurf kann nur Konsequenzen zeitigen, wenn Vorfälle präzise benannt werden, anstatt eine gesamte Epoche darunter zu subsumieren. Wieder einmal zeigte sich, dass Algerien vor allem als Projektionsfläche dient, zum Kampf um moralische Überlegenheit, ohne großes Interesse an historischen Erkenntnissen oder der Sichtweise der Algerier.
Es würde sich lohnen, sich in dieser Frage auf Albert Camus zu besinnen, statt den Philosophen immer nur als kleinen Prinzen der Alltagsphilosophie zu zitieren. Der in Algerien geborene Camus gehörte damals zu einer Gruppe, die eine politische Lösung im Algerienkonflikt anstrebte und vorsah, dass Algerier und Franzosen zusammen das Land verwalten. Camus sprach sich gegen Folter und Kolonialgewalt ebenso aus wie gegen den Terror als Mittel im Befreiungskampf. Doch diese Differenzierung hatte es damals so schwer wie heute, es ist bei den fiebrig wiederholten gegensätzlichen Positionen geblieben. Weil sie beide fehlerhaft sind und immer ein nicht zu schlichtender Streit ausbricht, wird das Thema gemieden. Kein Museum nimmt sich der Sache an, es gab keine öffentliche Aufarbeitung nach dem Vorbild der Wehrmachtsausstellung oder der Stasi-Aufarbeitungsbehörde. Der Front National rekrutiert unterdessen seine Stammwähler unter den aus Algerien vertriebenen Franzosen. Schlimmer noch: Die verdrängte Geschichte beeinflusst die Bewertung der heutigen Konflikte zwischen den jungen Franzosen dunklerer Hautfarbe und den älteren, wohlhabenderen Bewohnern in den gepflegteren Straßenzügen. Darum sehen auch die neuen Probleme der französischen Gesellschaft aus wie die uralten und werden ebenso wenig gelöst.
Doch die Familien werden noch von einem anderen Konflikt umgetrieben. Der berührt das Familienmodell selbst, genauer gesagt, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Die beiden letzten Präsidenten, Nicolas Sarkozy und François Hollande, verdanken ihr Scheitern und ihre anhaltende Unbeliebtheit den symbolischen Implikationen ihres exzessiv publizierten Privatlebens. In diesem Fall stimmt Tolstois berühmter Satz: Jeder war da auf seine eigene Art unglücklich. Hollande zog mit seiner damaligen Lebensgefährtin Valérie Trierweiler in den Élysée-Palast ein. Sie erwies sich allerdings als wenig populär. Er trennte sich, allerdings auf eine demütigende und sehr feige Art. Trierweiler schrieb daraufhin ein Enthüllungsbuch, von dem sich Hollande nicht mehr erholte. Er erschien darin wie ein selbstbezogener Mann, den nicht einmal die Frau an seiner Seite wirklich interessierte. Die Kritik von Trierweiler wurde zum Muster, mit dem seine gesamte weitere Amtszeit gedeutet wurde. Ebenso erging es Nicolas Sarkozy, nur aus anderen Gründen. Er hatte die notorisch diskreten, ja scheuen Franzosen mit Details seines Beziehungslebens genervt. So viel wollte man gar nicht wissen, wie der Präsident selbst erzählte und schrieb. Seine Ehe mit dem singenden Model Carla Bruni schnitt ihn endgültig von seiner Stammwählerschaft ab: Eine Frau, die jedermann nackt sehen kann, das war den konservativen Landbewohnern zu heftig.
Gegen dieses Modell eines glamourösen und prominenten Paars hielt sein innerparteilicher Rivale François Fillon das Bild seiner eigenen Familie: Seine Ehefrau kümmerte sich zu Hause um Kinder und Pferde – die Manufactum-Version der politischen Familie. Es wurde Fillon aber beinahe zum Verhängnis, als sich herausstellte, dass dieses Modell mit Steuergeldern finanziert wurde. Die Hausfrau und Mutter blieb zu Hause, in der Provinz, aber mit einem schönen Gehalt aus Paris versehen. Sogar das wäre in der Familie noch nachgesehen worden, hätte Fillon nicht die besondere Neigung, anderen Menschen Lektionen in gutem Benehmen zu erteilen. Der beliebte Expräsident Jacques Chirac etwa war nie ein Anwärter auf die Unbestechlichkeitsmedaille von Transparency International – aber er enthielt sich aller Moralpredigten.
Macron ist auch in diesem Punkt ganz anders: Er hat seine einstige Lehrerin geheiratet. Diese Beziehung zu einer berufstätigen Mutter wurde zum Sinnbild einer modernen Familie, in der sogar die Frauen etwas zu sagen haben. Penelope Fillon schwieg während langer Wochen, als sie doch schwerer finanzieller Untreue beschuldigt wurde – weil ihr Mann und sein Team es nicht für angebracht hielten, dass sie sprach. Als sei es ihr nicht zuzutrauen, sich selbst zu verteidigen, beschwor ihr Gatte, man wolle die Ehre seiner Frau beschädigen, und gefiel sich in der Rolle des Beschützers. Aber konnte sie nicht selbst sagen, wofür sie das ganze Geld bekommen hatte? Das tat sie erst Wochen nach Beginn des Skandals.
Brigitte Macron hingegen ist oft in den Medien, Illustrierten vor allem, präsent. Ein Titelbild mit ihr sorgt für hohe Kioskverkäufe. Manchen ist das schon zu viel: Wer sich so ausstellt, hat doch etwas zu verbergen. So kamen Gerüchte auf, Macron sei "in Wahrheit" schwul – die erwartbare Familiengemeinheit einer sexistischen Kultur.
Algerien, die Rolle der Frau und Politik als Familienangelegenheit – die verdrängten Themen Frankreichs begünstigen Marine Le Pen. Sie ist nun schon lange so prominent, dass sie derzeit wie die perfekte Vertreterin der französischen politischen Kultur wirkt. Sie hat die Politik übernommen, wie man einen Familienbetrieb übernimmt, hat leicht modernisiert und einfach weitergemacht. Zur Rolle ihres Vaters in Algerien, seinen Positionen überhaupt schweigt sie und behandelt diese mit persönlicher Ausgrenzung – dem klassischen Mittel des verschärften Familienkrachs. Bald schon werden die anderen beiden Großfamilien ihr Fortkommen blockieren, wie bisher immer. Sie endet zuverlässig – und zum Glück – immer wie der Troubadour im kleinen gallischen Dorf der Abenteuer des Asterix: im letzten Bild abseits und durch Knebel am Singen gehindert.
Es wäre zu wünschen, die derzeitige Krise würde besser genutzt. Viele Franzosen sind es leid, Politik als Familienangelegenheit zu betrachten. Denn die bringt es auch mit sich, dass jede Zusammenarbeit mit den anderen Clans als Verrat verurteilt wird, Loyalität über Zweckmäßigkeit steht und heikle Themen beschwiegen werden. Während nach Jahren der Großen Koalition in Deutschland die Zeichen wieder auf eine deutlichere Antagonisierung der Lager stehen, bewältigt Frankreich gerade das gegenteilige Problem: eine politische Kultur, in der die Öffentlichkeit in immer mehr ebenso unter- wie miteinander verfeindete Clans zerfallen ist. Diese Dysfunktionalität ist unerträglich geworden. So kommt es in diesem Jahr zu weit mehr als einer Wahl. Was wir da an Tohuwabohu vernehmen, ist nicht der kommende Aufstand. Wohl aber der entnervte Versuch, nach zehn unglücklichen Jahren eine politische Kultur zu schaffen, die jene Eleganz, Klarheit und Freiheitsliebe aufweist, wie sie die Franzosen auch in ihrem Alltag suchen und pflegen. ■
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 11/2017
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