01.11.1999

RUMÄNIEN„Nur der Knochen bleibt stehen“

Am Rand des Donaudeltas liegt die Leprakolonie Tichilesti. Seit dem Ende des Kommunismus steht es den Aussätzigen frei zu gehen. Doch sie bleiben - aus Altersschwäche, Scham oder Angst vor der draußen drohenden Not.
Vorbei an Pferdewagen und Ochsenkarren führt der Weg durchs Grenzland zur Leprakolonie. Im Dunst drüben, am anderen Ufer der Donau, sind die ersten Weiler der Ukraine zu erkennen. Auf rumänischer Seite mühen sich Bauern um Wein, Mais und Sonnenblumen. Bei Kilometer 132 weist ein Straßenschild nach rechts: Tichilesti Hospital.
Am Talschluss taucht im Mischwald ein Häuflein gekalkter Häuser auf. Die Eisentore am Eingang zum Gelände stehen offen, das Wächterhäuschen ist verwaist. Ein massiger Mann im Arztkittel kommt näher:
* Mit dem Kind einer Krankenschwester.
Barbu Ignatescu, Direktor der Leprakolonie Tichilesti.
Seit 1929 leben hier Aussätzige aus ganz Rumänien und dem angrenzenden, heute ukrainischen Bessarabien. Beinahe 200 Insassen waren es anfangs. Auf umgestürzten Holzkreuzen oben am Friedhofshügel verwittern die Namen der Toten. Drunten, in der Glasvitrine von Doktor Ignatescu, sind 27 Dossiers verblieben - die Akten der letzten Überlebenden.
Tichilesti ist ein Museum der alten Aussätzigenkolonien auf dem Kontinent: streng abgeschieden, mit gepflegten Alleen und Greisen auf schattigen Holzbänken, ist hier durch erzwungenen Weltverzicht ein Gemeinwesen entstanden.
Es gibt eine Kirche, eine Kapelle und eine Art Dorfplatz. Das Regiment führen ein Arzt und Krankenschwestern in weißen Kitteln. Im fahlen Licht des frühen Morgens balsamieren sie offene Wunden und die Seelen der Kranken.
Vasile ist 68 und 1945 in einem Viehwaggon nach Tichilesti gebracht worden. Gekrümmt, mit Hut und dunkler Brille, setzt er Langmut gegen das Leiden: "Glaubst du", fragt er und reckt Stümpfe empor, die einmal Hände waren, "diese Finger sind von heute auf morgen abgefallen? Nein. Einer nach dem anderen. Stück für Stück."
Außer den Fingern hat Vasile der Lepra einen Unterschenkel geopfert und den Großteil seines Augenlichts - nicht aber das Gedächtnis. Er ist die Datenbank der Kolonie. Seine Mitinsassen nennen ihn "Bürgermeister".
Vasile kennt alle, die nun nach und nach über den Hauptplatz geschlendert kommen, ihre Lebensgeschichte, ihre Krankengeschichte, ihre Kose- und Spottnamen. Die wahre Identität wollen die Aussätzigen gehütet sehen - aus Angst, ihre Verwandten draußen könnten Nachteile erleiden. Vasile stellt vor: "Kunta" Kinte, bürgerlich Christachi, seiner Arbeitswut und verschmutzten Kleider wegen nach dem TV-Sklaven gleichen Namens benannt; der "Barsch", bürgerlich Grigore, ein noch junger und trinkfester Zimmermann aus dem nahen Donaudelta; die "Baptistinnen" Iufimia und Ustina, zwei fromme Alte; und "die Mandoline", wortreich klagend Vasiles Nachbarin am Hang.
Sie alle gelten fachsprachlich als "ausgebrannte Fälle" - nicht mehr ansteckend, weil mit einer Mischung aus Antibiotika behandelt. Doch ihre zuvor vom Erreger befallenen Nervenzellen sind tot, Tastsinn und Schmerzgefühl verschwunden. Die geringste Verletzung, Erfrierung oder Verbrennung genügt, und das Fleisch verfault ihnen am lebendigen Leib.
Lepra in Europa? Seit Mitte der achtziger Jahre ist die Zahl der Kranken weltweit von sieben Millionen auf eine Million zurückgegangen. Nur einige hundert davon sind auf dem Kontinent gemeldet. Die Aussätzigen von Tichilesti sind hoch betagt oder stammen aus abgelegenen Dörfern, in denen die Scham vor Entdeckung den zeitigen Gang zum Arzt verhindert hat.
Ein Serum, mit dem das "Mycobacterium leprae" prophylaktisch bekämpft werden könnte, ist bis heute nicht gefunden. Der Lepra-Erreger breitet sich bevorzugt unter Armutsbedingungen aus und bei 33 Grad Wärme - was dem sommerlichen Normalwert im Donaudelta entspricht.
In dessen oft nur wasserseitig zugänglichen Dörfern sind viele der Patienten geboren. Die Baptistinnen in ihren mit Heiligenbildern geschmückten Häusern am Hügel sind als Kinder im Delta erkrankt und in Tichilesti, wie sie sagen, durch gottgefälligen Lebenswandel alt geworden: "Die Lepra ist wie ein verwöhntes Weib", sagt Iufimia: "Sie will, dass du gut isst, auf dich achtest, dich nicht gehen lässt."
Folgerichtig waren die Aussätzigen im öffentlichen Leben Rumäniens bis 1989 nicht existent. Mit karpatenkommunistischer Beharrlichkeit meldete das Regime von Nicolae Ceausescu Jahr für Jahr an die Statistiker der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Lepra-Quote Null.
Denn die biblische Geißel der Sünder, in Wahrheit eine Krankheit der Armen, der Mangelernährten, der auf engem Raum von verschmutztem Wasser Lebenden, hätte schlecht zur Propaganda vom sozialistischen Paradies im Reich Ceausescus gepasst. Sie wurde totgeschwiegen, versteckt und bekämpft.
Nur Professor Pavel Vulcan, der jetzt, knapp 80-jährig, noch immer in seinem winzigen Bukarester Kabinett residiert, kennt die Kranken von Tichilesti beim Namen und ihre Geschichte. Von 1950 an, sagt er, "bin ich mit dem Pferdewagen ausgerückt". Er habe in abgelegenen Dörfern Lepraverdächtige getestet und, im Fall des Falles, einweisen lassen. Worum es ging, erfuhren fast alle Neuankömmlinge erst in Tichilesti.
"Warum bringt ihr mich in den Wald wie einen Wolf?", hat Iufimia ihren Eltern geschrieben. Und der Bürgermeister erinnert sich: "Als ich das Lager sah, war mir klar, dass ich hier für den Rest meines Lebens bleiben würde. Natürlich habe ich geweint. Nicht einmal meine Mutter wusste, wo ich bin."
"Ich war gegen die Isolation", sagt Professor Vulcan heute: "Die Menschen hätten zu Hause behandelt werden können." Aber Leprakranke seien damals wie Vogelscheuchen betrachtet worden.
Die Patientendaten kamen im rumänischen Gesundheitsministerium unter Verschluss. Noch nach 40 Jahren Kommunismus soll die Sache so geheim gewesen sein, dass der neurotisch Ansteckung fürchtende Staats- und Parteichef nicht im Bilde war: "Ceausescu hat nichts davon gewusst", sagt Victor Ciobanu, bis 1989 Gesundheitsminister im Reich des "Conducators".
Grigore, mit 34 Jahren jüngster Bewohner der Leprakolonie, hat seinen großen Führer trotzdem persönlich gesehen. 1978 war''s, zur Werfteröffnung in Sulina am Schwarzen Meer. Ceausescu kam, das Volk stand Spalier, und mittendrin er, Grigore, der begeistert mit seiner verkrüppelten linken Hand winkte und klatschte.
Keiner habe etwas bemerkt damals, sagt er. Die Furcht, entdeckt zu werden, hat er erst später verspürt und ins neue Rumänien mitgenommen. Fährt Grigore heim nach Sulina, wie neulich zum Flottenfest im August, dann erzählt er Freunden von früher, er arbeite das Jahr über auswärts als Zimmermann. Und die verkrüppelte Hand? "Arbeitsunfall", antworte er meistens.
Splitter sorgsam verdrängter Wirklichkeit kommen zum Vorschein, wenn die Kranken sich öffnen. Sie erzählen dann Geschichten, die von der Angst handeln, in der neuen, marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft Ballast zu sein, ein Stigma gar für den Ehepartner oder die Kinder draußen.
Die Mandoline, eine ausgezehrte Frau von Ende sechzig, ist nach langen Jahren draußen bei ihren Töchtern zurück in die Kolonie gekommen, weil die Krankheit wieder aufbrach: "Es frisst meine Gelenke", sagt sie: "Das Fleisch fällt einfach ab. Nur der Knochen bleibt stehen. Dann kommt der Doktor und schneidet ihn ab."
Letzteres sei Einbildung, sagt eine der Krankenschwestern. Der Knochen lasse sich am Ende "einfach so herausziehen". Auch wenn die Mandoline verkünde, ihr einziges Glück seien die gesunden Kinder, verweigere sie die Wahrheit. Eine der Töchter sei gleichfalls an Lepra erkrankt.
Nicht die alten Fälle seien das Problem in Ländern wie Rumänien, sagen westliche Experten. Die Neuerkrankungen würden weder registriert noch der WHO gemeldet; das "Case-finding", die präventive Reihenuntersuchung, sei unterentwickelt. Die Botschaft aus Europas Osten laute: "Das kriegen wir schon selbst in den Griff."
Weil seriöse Zahlen fehlen, bleibt das Bild von der hartnäckig verschwiegenen Seuche im Land. "Es gibt viele Lepröse in Rumänien. Wenn sie alle eingesammelt würden, wäre das Krankenhaus hier nicht groß genug", sagt Gheorghe Panait, der alte Parteisekretär der Kolonie.
Oben am Hügel von Tichilesti steht Kunta Kinte, der mächtige Malocher. Vera, die zweite Leidensgenossin, die er sich ins Haus geholt hat, ist im Sommer gestorben. Geblieben sind Erinnerungsfotos im Haus, die der Halbblinde nicht mehr erkennt.
Hinzugekommen ist Veras Sohn aus erster Ehe. Nach der Wende aufgetaucht, sitzt er nun bisweilen mit Kunta Kinte am Fuß des Weinbergs. Der Junge war jahrzehnte- lang verschollen. Geboren in Tichilesti, musste er auf Druck der Herrscher zur Zwangsadoption freigegeben werden.
"1959 dürfte das gewesen sein", sagt der alte Professor Vulcan in Bukarest: "Ich war zuständig für den Beschluss, die Kranken sollten künftig keine Kinder mehr haben." Er habe das damals so formuliert: "Wenn ihr weiter Kinder kriegen wollt, gut. Aber dann nehmen wir sie euch weg."
Von etwaigen Zwangsabtreibungen aber wisse er nichts, sagt Professor Vulcan. "Das war Anfang der Siebziger", rechnet hingegen Florusa vor, die in der Kolonie mit dem Bürgermeister lebt. Ihr zweites Kind sei damals unterwegs und die Verordnung gerade erlassen gewesen - Kinder von Leprakranken müssten abgetrieben werden: "Ich bin dann nach Tulcea ins Krankenhaus gefahren. Dort ist es passiert."
Sagt''s, verschwindet und serviert Hühnersuppe für die Arbeiter vor ihrem Haus. Es ist Weinlese in der Leprakolonie, und der Bürgermeister hat den größten Hang von allen. Aurel, seines Mundwerks wegen "die Kettensäge" genannt, schneidet die Trauben. Der Barsch steht an der Kurbelpresse. Der Bürgermeister, obwohl beinahe blind, verzeichnet jeden Kübel frisch gepressten Mosts penibel in seiner Kladde. Während die Männer sich im eigenen Weinberg mühen, werkeln in jenem des Herrn die frommen Baptistinnen vom gegenüberliegenden Hügel. "Ich habe mit denen drüben nichts gemein", sagt Iufimia. Den Bürgermeister hat sie für die Sache der Täufer zu gewinnen versucht, einmal und nie wieder. Er versprach, sich bekehren zu lassen, wenn vorher gemeinsam noch ein wenig Sünde möglich sei.
Zwar liegt die Zeit lange zurück, als im alten Sanatorium noch Bälle veranstaltet wurden, im Kinosaal indische Schnulzen zu sehen waren und in der Kolonie Kinder geboren wurden, doch hat die Lust am Leben in Tichilesti nicht wirklich gelitten. Jetzt, wo die Trauben gepresst sind und der trübe Most fließt, der "turbule", der schnell zu Kopf steigt, kämpfen sich selbst Beinamputierte wie der Bürgermeister vor Richtung Rachelu, ins nächste Dorf an der Straße nach Isaccea.
"Wären wir ansteckend", sagt er und schmunzelt wie ein Junger, "müsste halb Rachelu die Lepra haben." An Verkehr zwischen Kolonie und Außenwelt fehle es nicht, in keiner Hinsicht.
Als unter Ceausescu Wahnsinn noch als Normalfall galt, taugte die vorgebliche Abnormität den Leprakranken als Schutzschild. Rund um die Kolonie sind damals Wälder gerodet, Seen trockengelegt und Kolchosen geschaffen worden. In Tichilesti nichts von alledem, stattdessen: Eigenheim, Federvieh, Brennholzklau.
Wie durch eine Milchglasscheibe haben die Insassen der Kolonie jahrzehntelang verfolgt, was draußen vorging. Den Kommunismus, sagt der Bürgermeister, habe er daran erkennen gelernt, dass die Bewohner des nächsten Dorfs eines Tages begannen, die eigenen Lämmer für Ostern hinter zugezogenen Vorhängen zu schlachten.
Noch heute gilt die Leprakolonie als Sonderfall - als Basisstation in unwirtlicher Gegend, durch staatliche und karitative, westliche Hilfe. Brot, Arznei, Gemüse, Eier, Wein und Geld gehen von hier aus hinaus ins Land, zu Verwandten und Not leidenden Freunden.
"Bleibe ich hier, bekomme ich 400 000 Lei Invalidenrente, und das Essen ist frei", sagt der junge Grigore. "Draußen kostet schon ein einziges Brot 2000 Lei. Warum sollte ich gehen?" Auch die Krankenschwestern und der Arzt, entschädigt mit doppeltem Gehalt dank Gefahrenzulage, können die Kolonie gebrauchen.
Und so sind die geächteten Aussätzigen von gestern die Mächtigen von heute. "Sie werfen mit Schuhen nach uns und schlagen zu", sagen die Krankenschwestern, "aber was sollen wir tun?" Eine Ansammlung von "Primadonnen" konstatiert Doktor Ignatescu: "Vergleichbares habe ich in 35 Jahren als Arzt noch nicht erlebt."
Vielleicht aber macht auch Einsamkeit verrückt. Der Doktor, früher immerhin medizinischer Chef der Flotte unter dem Oberbefehlshaber Ceausescu, berichtet von seiner Vision, er müsse hier Sünden abbüßen, und von "negativen Energien, da, wo die orthodoxe Kirche steht". Die Krankenschwestern tuscheln von einer Patientin, die einen Sohn geboren habe und sich im Tod als Mann entpuppte.
Ungerührt wie Wärter in der Nervenheilklinik sitzen derweil abends die Leprakranken auf ihren Bänken am Dorfplatz. Einer klaut dem Bürgermeister, der das nicht mehr sehen kann, drei Viertel der Zigaretten. Auf den Hügeln liegt golden das Herbstlicht. Libellen schwirren, Grillen zirpen, in der Ferne grunzt eine Sau.
Ansonsten herrscht Stille. Sie macht die Tage hier gleich und verschmilzt die Jahre zu Klumpen. Am Morgen, bei der Messe, haben sich einige der Alten auf den ochsenblutroten Bänken die Augen gewischt, als der Prediger Roman Nedelcu vom Tod, vom Vergehen und vom letzten Vaterunser sprach.
Nur Kunta Kinte, der zwei Frauen zu Grabe getragen hat, ist bei Laune. "Wer schneller sterben will, muss zu mir ziehen", sagt er, grinst und ahnt nichts Böses. Oben, am Friedhofshügel aber, wo Kunta Kintes letzter Platz in der Leprakolonie sein soll, ist inzwischen von unbekannter Hand sein Sterbedatum vermerkt worden: "Dezember 2000". WALTER MAYR
* Mit dem Kind einer Krankenschwester.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 44/1999
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