01.11.1999

FECHTENEmils Geisterbahn

Über Jahrzehnte hat Emil Beck seine Sportler und Trainer gefördert, ausgesaugt und fallen lassen. Jetzt geriet der Medaillenschmied selbst in die Kritik. Bei den Weltmeisterschaften in Seoul fehlt er erstmals an der Planche. Von Rücktritt will Beck jedoch nichts wissen.
Je älter das Jahrhundert wird, desto mehr bläht sich der Leib dieses kleinen runden Mannes auf den Fotos. Und je mehr er sich ausdehnt, desto besser klingen die Namen der vielen Menschen, die bei ihm zu Besuch waren.
Die Bilder, mit denen die Wände im Fechtzentrum von Tauberbischofsheim behangen sind, schrauben sich nach oben wie ein Wagnersches Crescendo: Emil Beck mit Lothar Späth, einst Landesvater in Baden-Württemberg; Emil Beck mit Richard von Weizsäcker, als der noch im Hubschrauber der Luftwaffe unterwegs war.
Und dann, fortissimo, Emil Beck mit Helmut Kohl, als der Chef in Deutschland war und die Gelenke noch geschmeidig - die Abbildung zeigt den frühen Kanzler bei einer Dehnübung auf dem Trimm-dichfit-durch-Sport-Gerät. Alle großen Christdemokraten waren bei ihm. Beim Emil, bei dem sich Leistung lohnt; der den verfetteten Deutschen gezeigt hat, wie ein Wirtschaftswunder geht: Emil, das letzte von 13 Kindern, das sich zum Friseur ausbilden ließ und anderen für 50 Pfennig die Haare schnitt; Emil, der in den fünfziger Jahren den Film "Die drei Musketiere" sah und bei sich dachte, dass es mit einem Degen in der Hand im Leben schneller vorangeht als mit einer Schere. Emil, der vor 47 Jahren einen Fechtclub gründete und viele Jahre später als "Medaillenschmied" Deutschlands bekannt wurde.
Die Galerie mit den Dokumenten klebriger Antrittsbesuche aus Bonn endet mit Helmut Kohl, als sei nach ihm die Welt untergegangen. Es ist, als müsse Emil Beck im Sog seines "lieben Helmut" gleich mit absaufen. Der Dicke aus Bonn gewann keine Wahlen mehr, der Dicke aus Tauberbischofsheim gewann keine Medaillen mehr.
Von Montag an müssen Emils Kämpfer, die in den letzten Jahren so oft ins Leere stießen, bei den Weltmeisterschaften in Seoul wieder auf die Planche. Beck, hauptberuflich Boss in Tauberbischofsheim und obendrein Chefbundestrainer aller deutschen Fechter, hat bis vor kurzem gehofft, dass nach diesem Turnier vielleicht noch mal ein Fluggerät aus der Hauptstadt bei ihm landen und einen dieser neuen Politiker ausspucken würde, was bestimmt ein schönes Foto hergäbe.
Aus. Vorbei. Emil Beck, 64, fehlt in Südkorea. Er hat sich eine Formel erdacht, nach der er sein Amt als Bundestrainer "vorerst ruhen" lasse. Die Wahrheit ist, dass Deutschlands oberster d''Artagnan als Führungskraft nicht mehr zumutbar ist.
Emil Beck ist Amok gelaufen. Es war, als habe er die Nation zum Tag der offenen Tür geladen und unfreiwillig vorgeführt, was sich hinter seinen Gemäuern in Wirklichkeit verbirgt: eine Geisterbahn. Am Kassenhäuschen sitzt Emil, und innen drin ziehen Gestalten Grimassen, die alle aussehen wie lauter kleine fiese Emils.
Vom Besuch des Kanzlers Kohl muss er behalten haben, dass an Niederlagen immer die anderen schuld sind. Schuld am Niedergang des Fechtzentrums von Tauberbischofsheim sind nach Ansicht seines Chefs die Angestellten Matthias Behr, 44, und Alexander Pusch, 44. Der eine ist Leiter des Sportinternats, der andere Bundestrainer für die Degenfechter, beide waren Weltmeister und Olympiasieger.
Behr und Pusch haben für Tauberbischofsheim die Trophäen gewonnen, auf die sich der kleine Mann gestellt hat, um immer noch ein Stück größer zu werden. Und als er wieder so klein war wie damals im Frisiersalon, wollte er sie aus ihren Posten jagen. Der vormalige Figaro hat die Ikonen des Taubertals gemobbt und sich damit gewissermaßen selbst rasiert - seine Opfer sind jetzt an seiner Stelle bei den Weltmeisterschaften im Einsatz.
Die Geschichte von Matthias Behr und Alexander Pusch zeigt, wie Tauberbischofsheim, diese vorbildliche Werkstatt des deutschen Sportwesens mit freundlicher Unterstützung von Mercedes und dem Bundesministerium des Inneren (siehe Kasten Seite 206), zu Ruhm kam.
Beck, ihr Erfinder, hat die Menschen um sich herum in ein subtiles Abhängigkeitsverhältnis manövriert; er hat Sportler zu Siegern gemacht und dafür das Recht auf ihre Persönlichkeit kassiert; er hat sich junge Menschen ausgesucht, denen er beibiegen konnte, dass sich die Welt in Leute teilt, die fechten, und andere, die nicht fechten. Und solche, die fechten, machen ihr ganzes Leben lang Überstunden.
"Mami", so will Beck einst zu seiner Gattin gesagt haben, "Mami, mach es dir gemütlich zu Hause, ich bin nie da." Er hat den eigenen Lebensentwurf auf andere projiziert, weil er sie dafür brauchte. Er selbst sagt: "Ich tue für meine Mitarbeiter - egal, zu welcher Zeit - alles, was mir möglich ist. Immer direkt, korrekt und geradeaus."
Am 6. Juli 1999 findet der Trainer Alexander Pusch in seinem Postfach einen drei Seiten langen Brief, in dem ihm angekündigt wird, dass er demnächst seinen Job los ist. Der Absender hält ihm gebremsten Arbeitseifer vor. Pusch, meint Beck, habe zu lange schon keine Sieger mehr produziert. Er schreibt:
"Und in diesem Punkt hast Du in allen Belangen versagt, Deinen Arbeitsauftrag keinesfalls erfüllt (...) Du hast nie begriffen, dass nur der Gesamterfolg letztendlich erst stark macht (...) Du stellst für leistungsorientierte Fechter keine Alternative dar. Man kann und muss es leider so deutlich sagen: Dies ist ein Armutszeugnis und der sportliche Offenbarungseid!"
Pusch sagt, er habe "Erleichterung empfunden", als er das las. Er lebt zwar von dem Moment an in fortwährender Existenzangst, aber hat endlich schriftlich, was er schon lange vermutet.
Seit Wochen hat er diffuse Rauchzeichen aus dem Taubertal empfangen. Einmal trifft er beim Waldspaziergang eine Bekannte, die ihn fragt: "Alex, stimmt es eigentlich, dass dein Vertrag nicht verlängert wird?"
Auf welchem Niveau es irgendwann enden wird, ahnt Puschs Ehefrau Ute schon seit zwei Jahren. Sie erinnert sich an einen Dialog, der sie in einen Nervenzusammenbruch treibt.
Bei der Ehrung der Sportler des Jahres sitzt Emil Beck an ihrem Tisch und klagt über "meine Trainer", die nicht mehr spuren. "Die arbeite nix, die schaffe nix. Die werde scho sehn, was sie davon haben." Ihr ist klar, dass der Tischherr damit ihren eigenen Mann meint. Die Bankkauffrau Ute Pusch ist eine selbstbewusste Frau, sie antwortet ihm: "Wenn ich das höre, bin ich froh, dass ich einen Job habe, der zur Not uns beide über Wasser hält."
Attacken dieser Art ist Beck im richtigen Leben nicht gewohnt. Er denkt einen Moment nach und sagt dann zu der Frau, die er gern als seine "Lieblingsschwiegertochter" bezeichnet: "Eh, wie läuft es eigentlich bei euch beiden? Wenn du nicht mehr zufrieden bist, brauchst du mir nur Bescheid zu sagen."
Na und? Beck findet: "Sicherlich war meine Äußerung unbedacht und zu vorgerückter Stunde ausgesprochen. Aber wenn man jedes Wort auf die Goldwaage gelegt bekommt - das ist ja furchtbar."
Alexander Pusch verbringt sein Leben bei Emil Beck, seit er elf Jahre alt ist. Er ist der talentierteste Sportler, den Beck jemals zu fassen bekam, aber er fühlt sich 33 Jahre lang ununterbrochen gegängelt. Pusch ist Becks Gegenentwurf: Er muss sich den Erfolg nicht mit Zusatzstunden erarbeiten und lebt sein Leben mit einer Leichtigkeit, die Emil Beck suspekt ist. Alles, was Pusch macht, macht er mit einem schlechten Gewissen. "Man lebt hier in ständiger Angst", sagt er.
Pusch spielt nebenher Golf, und Beck wirft ihm vor, er stecke zu viel Energie in sein Privatvergnügen. Mit 20 wird er Einzel-Weltmeister mit dem Degen, im Mann-
* Sabine Bau, Anja Fichtel, Zita Funkenhauser bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul.
schaftswettbewerb verliert er ein Gefecht, Deutschland gewinnt nur Silber. Pusch erinnert sich, dass ihm Beck später Absicht unterstellt habe: Er sei ein "Egoist", er habe vorsätzlich schlecht gefochten, um seine Einzelmedaille aufzuwerten. Beck bestreitet das. "Ich habe nur gesagt: Alexander, wenn man Weltmeister im Einzel wird, dann sollte man auch in der Mannschaft eine entsprechende Leistung bringen."
Pusch macht neben seinem Sport eine Lehre als Bauzeichner und lässt sich zum Diplom-Fechttrainer ausbilden. 1980 arbeitet er in Tauberbischofsheim zudem als Koordinator und Trainer. Er erteilt einem jungen Mädchen "Lektionen", wie Übungsstunden in dieser Sportart genannt werden: Es ist Anja Fichtel, die später die erfolgreichste deutsche Fechterin aller Zeiten sein wird.
Aber das reicht nicht. "Mach deine minimale Arbeit wenigstens richtig", hört er von Beck. Am 20. Dezember 1980 kündigt Pusch. Er schreibt, er sei "diesen psychischen Belastungen nicht mehr gewachsen". Beck fängt ihn ein, aber erwachsen darf Pusch auch danach nicht werden. 1983 schreibt sein Aufpasser einen Vermerk:
"E. Beck hat am 14. April 1983 mit Alexander Pusch ein Gespräch geführt: es wurde vereinbart, dass A. Pusch ab sofort nur noch dann Prämien vom Fecht-Club annimmt, wenn er das Rauchen einstellt."
Zwei Jahre später scheint es, als würden sich die Dinge zum Guten fügen: Beck hat sich aus dem täglichen Geschäft an der Planche zurückgezogen, und Pusch wird in den nächsten Jahren von dem Diplom-Fechtmeister Berndt Peltzer trainiert.
Peltzer hat mit dem Fechten begonnen, als er zur Hitlerjugend kam. 1971 lotste ihn Beck nach Tauberbischofsheim, die Arbeit an den Waffen wurde damals noch im Heizungskeller der örtlichen Festhalle verrichtet. Beck und Peltzer wirkten hier in symbiotischer Beziehung miteinander. "Er war fanatisch, ich war fanatisch", sagt Peltzer.
Er arbeitete als Trainer und war nebenher für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Er bediente die Lokalredaktionen mit Fotos und selbst abgefassten Artikeln. Mit den Jahren, sagt Peltzer, habe er gemerkt, dass der Emil eklig werden kann. "Wenn wir Erfolg hatten, sagte er: Ich habe Medaillen geholt. Er sagte nie: wir."
Damals war noch eine Frau im Zentrum angestellt, die man die gute Seele des Hauses nannte: Marga Hein, die Mutter des Fechters Harald Hein, kochte für die Belegschaft das Essen. Eines Tages war sie weg. "Dem Emil", sagt Peltzer, "hat ihre Nase nicht mehr gepasst." Je mehr Erfolg er gehabt habe, "desto größenwahnsinniger wurde er".
Auffällig ist, dass Beck so gut wie jeden Gedanken, der ihm durch den Kopf zuckt, schriftlich festhalten lässt. Wo immer er ist, trägt er ein Diktiergerät bei sich, dem er sich anvertraut. Wenn ein Band voll ist, muss die Sekretärin ran. Sie soll alles so abschreiben, wie es Emil gesagt hat.
Eindrucksvoll ist beispielsweise, was ihm während eines Turniers zu einem Psychologen mit dem Namen S. einfiel, der zum ersten Mal dabei war:
"Vermerk: S., wer auch immer das Band abschreibt, bitte das ist ein vertraulicher Vermerk (...) Liegt irgendwo in der Halle oben rum, in der Halle rum und pennt und schläft beim Europa-Cup (...) Entweder er ist frech (1.), 2. er ist so dumm, dass er eben nichts dafür kann, 3. oder er hat einfach Komplexe und ist ein Psychopath, was auch mein Eindruck ist, dass er einfach Komplexe hat und selbst ein Psychopath ist, wie soll so ein Psychopath unseren ,wenn wir welche haben'' Psychopathen helfen (...) Jetzt kommt S. auf uns zu. Irrtum, Irrtum, er dreht ab und geht jetzt rüber."
Ende 1994 hat Berndt Peltzer das Pensionsalter erreicht. Er möchte im Retiro freiberuflich weiterarbeiten. Beck bietet ihm 20 Mark die Stunde oder eine Anstellung "zum so genannten Hausfrauentarif". Peltzer schreibt ihm, mit diesem Angebot sei sein "Wertigkeitsgefühl im höchsten Maße verletzt", er sei doch "keine Putzfrau" und verlangt 25 Mark. Im März 1995 bekommt er einen Antwortbrief. Beck schreibt:
"Bin aber auch mit 25,- DM einverstanden, wenn Dein Glück bzw. Dein sozialer Status davon abhängt." Am 15. Mai hat Berndt Peltzer Geburtstag. Emil Beck gratuliert ihm am Telefon und schreibt auch noch einen Glückwunschbrief, in dem er auf künftige Zusammenarbeit hofft. Dann ruft Becks Sekretärin an und bittet Peltzer für den nächsten Morgen, 7.45 Uhr, ins Fechtzentrum.
Berndt Pelzer ist schon um 7.20 Uhr in seinem alten Arbeitszimmer. Er sucht noch etwas in seinem Schreibtisch, als Emil Beck durch die Tür tritt. Beck hat seinen Geschäftsführer Emil Kappus ("Emil 2") und den Betriebsratsvorsitzenden Peter Märtsch im Schlepp. Die beiden Aufpasser bleiben stehen, Beck sitzt Peltzer gegenüber und sagt: "Von dieser Sekunde an ist unsere Zusammenarbeit beendet. Bitte räume deinen Schreibtisch. Herr Kappus und Herr Märtsch werden warten, bis du fertig bist." Dann verlässt er den Raum. Kappus und Märtsch warten, bis der Pensionär seine letzte Schublade geleert hat.
Beck sagt, sein verblüffender Stimmungswandel sei als Akt menschlicher Fairness zu verstehen. "So etwas sagt man jemandem ja nicht an seinem Geburtstag. Da wartet man wenigstens, bis der vorbei ist." Und: "In Bezug auf Berndt Peltzer habe ich mir wirklich nichts vorzuwerfen."
Seit er von Peltzer betreut wird, findet Alexander Pusch aus dem Tal. Sein Sport geht ihm wieder leichter von der Hand, er gewinnt den Weltcup und wird zweimal hintereinander Weltmeister mit der Mannschaft. Aber Emil Beck hält weiter den Daumen drauf.
Als Pusch ihm 1987 eröffnet, dass er bei einer Deutschen Meisterschaft nicht antreten will, weil er an einer Grippe mit Hautausschlag und Atemnot leide und seit Tagen keinen richtigen Schlaf mehr gefunden habe, nennt Beck ihn einen "Feigling". Denn: "Der Arzt hat gesagt, dass er fechten kann. Und wenn der Arzt das sagt, dann sollte er auch fechten. Die Entscheidung liegt jedoch beim Athleten."
Pusch nimmt gegen seinen Willen am Turnier teil und verliert in der ersten Runde. Weil er sich rechtfertigen will, erzählt er einem Journalisten vom Dialog mit Beck, und das rächt sich.
Journalisten nennt Emil Beck gern - angeblich nur im Spaß - "Ratten" oder "kleine Stinker", weil sie ihm nach seiner Auffassung den Erfolg neiden. Alexander Pusch bekommt eine schriftliche Verwarnung und einen Brief hinterher, in dem Beck "Dankbarkeit" einfordert:
"Vielleicht erinnerst Du Dich, dass ich Dir in der Trainersitzung bereits gesagt habe, dass Du möglicherweise heute auch an einem 2. oder 3. Zeichenbrett in einem Büro als Technischer Zeichner bei einem Monatsgehalt von vielleicht 2000,- DM brutto arbeiten könntest. Stattdessen hast du ,nur'' mit der Mittleren Reife eine tolle Karriere gemacht."
Als Pusch 1989 mit der Firma "Musketier" einen Werbevertrag abschließen will, wird ihm der Deal verboten, weil das Fechtzentrum Verträge mit anderen Ausrüstern hat. In einem Vermerk liest Pusch:
"Du hast ein Daimler-Benz-Fahrzeug kostenlos gefahren, hast eine wunderschöne Wohnung, trägst sehr gute Kleidung und kannst es Dir leisten, in sehr guten Lokalen essen zu gehen. Du siehst, es geht Dir glänzend, und darauf bin ich stolz und glücklich darüber, dass ich einiges dazu beitragen konnte."
Längst ist Pusch zum Outcast von Tauberbischofsheim geworden. Dass er gelegentlich mit der Hausordnung über Kreuz gerät, weiß Beck auch von Menschen, die ihm als Zuträger behilflich sind. Emils Detektive. Einer von ihnen hat zu dieser Zeit den Beinamen "das Auge": Matthias Behr ist ein erfolgreicher Fechter und leitet zudem das hauseigene Internat.
Auch Behr war elf Jahre alt, als er Emil Beck zum ersten Mal begegnete. Der Junge, der ohne Vater aufwuchs, sah seinen beiden Brüdern beim Fechten zu. Beck fragte ihn, warum er nicht auch Sport treibe, gab ihm einen Schlag auf den Hinterkopf und sagte: "Nächste Woche fängst du an."
Matthias Behr hat Emil Beck fast zwei Jahrzehnte seines Lebens bewundert. Beck war Behrs Vaterersatz. Behr erzählte Beck, was er wusste, etwa, wenn ihm auffiel, dass Alexander Pusch weniger trainierte als die anderen. Über Jahre verband Behr und Pusch Misstrauen.
Behr heiratete zum ersten Mal, als er 22 war. Seine Ehe war wie bei Emil und Mami: Er war nie da. Mit 31 erfuhr er von Beck, dass er mal dessen Nachfolger werden soll. Mit 34 ließ er sich scheiden, wichtig war ihm nur sein Sport.
Das ändert sich, als er Zita Funkenhauser näher kennen lernt. Sie ficht ebenfalls in Tauberbischofsheim und verhilft Beck zu jenem Moment während der Olympischen Spiele 1988 in Seoul, den er "wie eine Reise in den Himmel" empfindet: Drei seiner Fechterinnen gewannen Gold, Silber und Bronze. Zita Funkenhauser wurde Dritte, fanatisch war sie nie.
1993 führt Matthias Behr ein Gespräch mit Emil Beck, das ihrem Verhältnis eine Wendung gibt. Behr möchte noch einmal heiraten und hat sich entschlossen, die Nachfolge von Beck abzulehnen, "weil sonst die nächste Scheidung programmiert ist". Er möchte mehr Zeit in seine Familie investieren und riskiert, dass er damit Eingang findet in eine Kladde, die Beck "Handicap-Akte" nennt. Er vermerkte darin die aus seiner Sicht negativen Eigenschaften aller Mitarbeiter.
1996 will Emil Beck noch einmal auf den Gipfel, es ist das Jahr der Olympischen Spiele in Atlanta. Zita Funkenhauser bringt per Kaiserschnitt Zwillinge zur Welt. Einen Tag bevor Matthias Behr als Betreuer der deutschen Fechter nach Amerika fliegen soll, wird sie aus dem Krankenhaus entlassen. Sie ist pflegebedürftig, und Behr beschließt, bei seiner Frau zu bleiben.
Atlanta wird zum Desaster für Tauberbischofsheim. Eine einzige müde Bronzemedaille bringt die Entourage mit nach Hause - und Emil schreitet zur Abrechnung.
Matthias Behr bekommt weniger Gehalt, Beck entzieht ihm die Leitung des Ressorts "Soziales" und erklärt ihn zur unerwünschten Person bei Führungskonferenzen. In einem Brief legt er nach:
"Obwohl sodann die Niederkunft zeitgerecht erfolgte, die Zwillinge und Mutter wohlauf waren (...) hast Du damals auf eine Teilnahme verzichtet (...) Dein ,öffentlicher Feldzug für Familie und Freizeit'' ist daher ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die Woche für Woche und Jahr für Jahr erhebliche persönliche Opfer bringen. In Atlanta, als es um die Existenz des Fechtzentrums ging, hast Du Deine Trainerkollegen und mich ganz persönlich im Stich gelassen."
Zita Funkenhauser hat sich inzwischen in Tauberbischofsheim als Zahnärztin niedergelassen. In ihr erkennt Beck eine Art subversives Element, das den Gatten von der Arbeit abhält und so allmählich das schöne Sportzentrum zersetzt:
"Richtig ist, dass Du nicht in Not geraten bist, sondern Deine beruflichen Ambitionen den beruflichen und privaten Wünschen von Zita untergeordnet hast. Diese hätte nach meinem Dafürhalten zunächst durchaus als Assistentin arbeiten und das Investitionsrisiko, das unweigerlich mit der Einrichtung einer neuen Praxis verbunden ist, sowie die zeitliche Belastung verringern können. Leidtragender ist - wie so oft - der Olympiastützpunkt."
Nur so kann es gehen, findet der Absender. "Wie soll man zu Leistung kommen in unserer heutigen Zeit, wenn ich nicht ständig motivierend tätig bin?"
Emil Beck hat den Gipfel nicht wieder erreicht. Der Zeitgeist der Neunziger hat sich seinen Weg sogar bis nach Tauberbischofsheim gebahnt. Auch im toten Winkel von Baden-Württemberg gibt es Internet und Ecstasy, und Fechten ist wieder das, was es vor Emil Beck war: eine Angelegenheit für Liebhaber.
Am 29. Juni 1999 tritt Beck zu seinem letzten Gefecht an. Er fürchtet, dass seinem Lebenswerk wegen des anhaltenden Misserfolgs die Fördergelder gekürzt werden. Er will seinen Lebensfilm noch mal an den Anfang spulen.
Um elf Uhr ruft er 39 Trainer und Mitarbeiter zu einer Sitzung zusammen. Darin erklärt er, die Schuld am Niedergang trügen Matthias Behr und Alexander Pusch. Behr hat zuletzt 350 Überstunden im Jahr geleistet, Pusch kam auf 500. "Hiermit fordere ich dich auf zu gehen", sagt Beck zu Behr. Pusch gibt er eine Frist bis zum nächsten Jahr.
Neben Behr sitzt Ute Vahid. Sie ist seit 21 Jahren Behrs Stellvertreterin im Internat. In den letzten zehn Jahren ist Behr bei Beck mehrfach wegen einer Gehaltserhöhung für sie vorstellig geworden. Vergebens, Ute Vahid musste zum Tarif weiterarbeiten. Jetzt sagt Beck zu ihr: "Und wenn der Behr weg ist, kriegen Sie 1000 Mark mehr." Beck sagt heute: "Ich bedaure diese Äußerung. Das ist mir leider so rausgerutscht."
Behr und Pusch werden wegen "psychischer Überforderung" krank geschrieben. Nach Wochen kehren sie auf ihre Planstellen zurück. Funktionäre, Trainer und Sportler haben sie ihrer Solidarität versichert und Beck zum Rücktritt gedrängt.
Rücktritt? Er denkt nicht dran. Emil Beck sitzt in seinem Büro und hat die Jalousien runtergelassen. Er befindet sich zurzeit generell zwischen Licht und Schatten.
Einerseits, meint er, sei ja für die Angestellten inzwischen wieder alles gut. "Es läuft optimal. Wir arbeiten gut zusammen, denn wir haben ein gemeinsames Ziel."
Andererseits gehe es ihm jetzt persönlich ziemlich schlecht. Die Zeitungen trieben ein böses Spiel mit ihm. "Ich bin weich, viel zu weich", sagt Emil Beck. "Glauben Sie mir, ich bin nicht der Feldwebel, zu dem mich einige machen wollen." Das tut ihm weh. Im Stillen habe er deshalb schon oft geweint. MATTHIAS GEYER
* Sabine Bau, Anja Fichtel, Zita Funkenhauser bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 44/1999
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