01.11.1999

SPRACHE„Die Deutschen schimpfen anders“

Der Freiburger Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger über fundamentale Unterschiede zwischen deutschen, französischen und britischen Flüchen und die letzten Tabus in unserer redseligen Gesellschaft
Gauger, 64, lehrt in Freiburg Romanistik und veröffentlichte zuletzt das Buch "Über Sprache und Stil". -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Professor Gauger, in Ihrem Aufsatz "Sprache und Sexualität" vergleichen Sie das Schimpfverhalten in Europa*. Was treibt einen unbescholtenen Gelehrten zum Vulgären?
Gauger: Mir ist aufgefallen, dass in romanischen Sprachen sexuelle Dinge herangezogen werden, um etwas Negatives zu bezeichnen. Im Deutschen ist es vollkommen anders. Das fand ich faszinierend. Ich werde meine Beobachtungen bald auch als Buch herausbringen.
SPIEGEL: Als Beweis für eine kulturelle Wasserscheide quer durch Europa?
Gauger: Ja, ein Beispiel: "Joder" ist im Spanischen der vulgäre Ausdruck für "Geschlechtsverkehr haben", heißt aber auch "belästigen". "No jodas" meint "belästige mich nicht", wörtlich übersetzt heißt es aber: "Vögle mich nicht." Das
* Hans-Martin Gauger: "Sprache und Sexualität". Erschienen in "Merkur", Nr. 598, 1/99. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart.
ist uns Deutschen - als Ausdruck - ja völlig fremd.
SPIEGEL: Wie schimpft es sich teutonisch?
Gauger: Wir nehmen unsere entsprechenden Ausdrücke aus einer anderen Sphäre, dem Exkrementellen. Unsere Sprachbilder hängen fast ausschließlich mit den Ausscheidungen zusammen, mit Kot und Urin. Das scheint durch, wenn wir sagen, jemand sei angeschmiert worden. Wir schimpfen mit Ausdrücken wie "Arsch", "Arschloch", die, so gebraucht, den romanischen Völkern wiederum eher fremd sind. Die kennen zwar auch vereinzelte Ausdrücke aus dem Exkrementellen, wir Deutschen beschränken uns aber eigenartigerweise darauf.
SPIEGEL: Wie deuten Sie diesen Wertewandel unterhalb der Gürtellinie?
Gauger: Ich habe noch keine Erklärung dafür gefunden, warum in den romanischen Sprachen Sexuelles für die Bezeichnung von Negativem benützt wird. Warum wir Deutsche das nicht machen? Auch keine Ahnung. Mit dem Protestantismus hängt es nicht zusammen.
SPIEGEL: Die puritanischen Angelsachsen verwenden ja ungeniert sexuelle Formulierungen wie "fuck off".
Gauger: Stimmt, die schimpfen romanisch. Ich würde Ihr Beispiel mit "verpiss dich" übersetzen - sexuell geprägt im Englischen, exkrementell bei uns. Ein anderes Paar wäre "fucking rain" und "Scheiß-Regen".
SPIEGEL: Sind die offenbar unrettbar analfixierten Deutschen eine Ausnahme?
Gauger: Scheint so zu sein. Selbst bei unseren Nachbarn, den Niederländern, wimmelt es von Ausdrücken der sexuell orientierten Art. Das Deutsche ist eine Art Insel.
SPIEGEL: Ein weites Feld für Psychologen.
Gauger: Ja, das wird aber nicht einfach. Es gibt ein Buch von dem amerikanischen Volkskundler Alan Dundes, das bei uns den hübschen Titel hat "Sie mich auch!". Der kritisiert die Deutschen wegen ihrer Fixierung auf das Anale.
SPIEGEL: Womit will er uns anschmieren?
Gauger: Er hält uns für zurückgeblieben, historisch und überhaupt. Er denkt, dass unsere Fixierung auf die Ausscheidungen mit der Art zusammenhängt, wie die Kinder seit dem frühen Mittelalter gewickelt wurden. Eher unwahrscheinlich.
SPIEGEL: Und diese windelweiche Theorie soll nun unser sprachliches Desaster sein?
Gauger: Das denkt sich Kollege Dundes so. Dabei finde ich unsere Art zu schimpfen gar nicht verwerflich. Wir bezeichnen etwas Negatives mit Negativem. Das mag bieder, brav und phantasielos sein. Aber moralisch zu kritisieren ist das nicht.
SPIEGEL: Vielleicht haben Völker, die das Sexuelle im Munde führen, ein ungezwungeneres Verhältnis zum Geschlechtlichen.
Gauger: Vermutlich. Wir stehen mit dem Exkrementellen im vorsexuellen Raum.
SPIEGEL: Liegt das daran, dass in Deutschland der Einfluss der Kirche geringer war als in den romanischen Ländern?
Gauger: Kaum. So gering war er ja nicht. Aber in einem katholisch bestimmten Land ist der Tabubruch beim Sexuellen größer, besonders, wenn man noch die Jungfrau Maria mit ins Spiel bringt. Wie es etwa die Italiener machen, die sie in einem Fluch als Dirne beschimpfen: "Porca Maria". Das hat für Protestanten weniger Dramatik, für Katholiken ist es ein enormer Tabubruch.
SPIEGEL: Den aber durch häufigen Gebrauch niemand mehr wahrnimmt.
Gauger: Das ist bei Tabubrüchen so. Außerdem kann man solche Ausdrücke eben nicht in jeder Situation anwenden. Wir haben ein Gefühl dafür, wann man es sagen kann, ja sagen muss.
SPIEGEL: Gibt es Situationen, in denen man "verpiss dich" sagen muss?
Gauger: Sicher, unter Kumpeln. Da wäre die Hochsprache dann die Abweichung. In Spanien gibt es ein interessantes Phänomen. Da hält sich eine drastische Männersprache, die auch sehr vornehme Señores benutzen, aber nur, wenn sie unter sich sind. Wir wären da schockiert.
SPIEGEL: Was führen die Señoras im Munde?
Gauger: Als Ergebnis der Emanzipation bedienen sich heute überall immer mehr Frauen dieser Ausdrücke. Denken Sie nur an die Show-Diva Madonna. Mich schockiert es aber, wenn ich aus dem Mund einer Studentin Ausdrücke wie "Scheiße" oder gar "Arschloch" höre.
SPIEGEL: Flucht und schimpft die Jugend denn anders?
Gauger: Kann man wohl sagen. Da ist neuerdings eine ganz deutliche Entwicklung vom Exkrementellen zum Sexuellen zu beobachten. Man hört jetzt immer öfter von jungen Leuten: "Die haben uns ganz schön gefickt." Oder auch die Aufforderung: "Fick dich ins Knie." Das ist sprachgeschichtlich neu. Dabei haben die Deutschen doch immer ins Exkrementelle transformiert. Nehmen Sie den ausgestreckten Mittelfinger ...
SPIEGEL: ... Sie meinen den beleidigenden Stinkefinger à la Effenberg.
Gauger: Ja, wir nennen diese Geste bezeichnenderweise so und schieben sie ins Exkrementelle ab. Aber in ihrem Ursprung in den romanischen Ländern ist sie rein sexuell. Der phallische Finger ist eine Androhung der Penetration. Außerdem spielt die Geste auch, weil sie ja besonders unter Männern gebraucht wird, mit dem Homosexualitätstabu. Wie auch diese spanischen Männerzirkel, von denen ich sprach.
SPIEGEL: Abgründe in Macho-Clubs?
Gauger: Wer so stark das Heterosexuelle betont wie diese Männer in ihren drastischen Redensarten, der will sich ja wohl auch vor dem Homosexualitätsverdacht schützen. Das ist genauso bei der Bundeswehr, wo die Soldaten ihre Spinde mit Pinup-Girls schmücken. Das ist weniger ein erotischer Stimulus als eine deutliche Klarstellung, ein Ausweis der Heterosexualität.
SPIEGEL: Frauen haben das offenbar nicht nötig. Was sagt die feministische Linguistik zum Thema Sexualität und Sprache?
Gauger: Die ist komischerweise nicht darauf gekommen. Die Frauen, denen ich meinen Aufsatz geschickt habe, haben letztlich genau so reagiert wie meine männlichen Kollegen. Die fanden das Thema nicht wichtig.
SPIEGEL: Was hatten Sie denn erwartet?
Gauger: Ich hatte gedacht, dass sie es bemerkenswert finden, wenn im Deutschen das Wort für das weibliche Geschlechtsorgan nicht zu einem gängigen Schimpfwort wird, wie es im Französischen mit "con" geschehen ist. Dieser Wortstamm hat sich weiterentwickelt; "déconner" heißt durchdrehen und "connerie" Blödsinn. Aber die Kolleginnen wollten wohl unsere Sprache nicht loben müssen.
SPIEGEL: Haben Sprachen ein Wesen?
Gauger: Es ist normal, dass man es sucht, und auch in Ordnung, aber wir Sprachwissenschaftler sind sehr vorsichtig. Diese nationalpsychologischen Ableitungen haben sich als nicht haltbar erwiesen. Eines ist aber komisch: Über 90 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen sind auf Englisch, nur noch gut zwei Prozent auf Deutsch. Und jetzt behaupten einige Angelsachsen, ihre Sprache sei auch besonders gut geeignet. Das ist Quatsch. Englisch ist nicht geeigneter als jede andere Sprache auch.
SPIEGEL: Also könnte man internationale Konferenzen genauso gut auf Kisuaheli abhalten?
Gauger: Natürlich. Prinzipiell ist das kein Problem. Manche Sprachen sind terminologisch nicht so ausgebaut. Was aber die leichte Erlernbarkeit angeht, wäre das Spanische am geeignetsten. Es hat eine ziemlich genaue Übereinstimmung zwischen Schriftbild und Aussprache, die im Englischen nun wirklich nicht existiert, und eine einfache Grammatik.
SPIEGEL: Welche Sprache ist die schönste?
Gauger: Jeder hält die eigene für die schönste, richtigste und normalste. Wir nennen das muttersprachliche Selbsttäuschung. Vielleicht ist die Ausgewogenheit von Konsonanten und Vokalen ein Kriterium. Dann stünde das Italienische an erster Stelle.
SPIEGEL: Auf Italienisch klingen sogar Flüche noch wie Arien. Deutsch hat keinen Belcanto-Bonus. In unzähligen Talkshows über Inzest und Piercing-Erfahrungen triumphiert das Vulgärvokabular. Wird die Sprache dadurch nicht letztlich flacher?
Gauger: Auf jeden Fall einheitlicher. Talkshows waren aber immer schon Schimpfarenen. Denken Sie nur an die legendären Auftritte von Klaus Kinski. Die Vulgärsprache sickert nun aber langsam in höhere soziale Schichten ein.
SPIEGEL: Ein Bundeskanzler, der öffentlich "Scheiße" sagt, ist akzeptabel?
Gauger: Ich denke schon. Helmut Schmidt hat das Wort einmal im Bundestag gebraucht. Er wurde nicht gerügt. Er war und ist ja ein Meister der Rede, der genau wusste, wann man was sagen kann. Im Gegensatz zum Choleriker Herbert Wehner. Es gibt noch so eine exkrementelle Stelle bei Schmidt. Über Franz Josef Strauß sagte er: Der rede mal so, mal so - "wie der Bulle pisst". Das hatte er sich genau überlegt.
SPIEGEL: Wenn wir über alles reden können, bleibt nichts ungesagt, oder?
Gauger: Doch, aber sicher. Das Religiöse und der Tod. Früher genierte man sich, über Sexualität zu sprechen. Man sprach aber offen über persönliche Glaubensfragen. Heute ist es umgekehrt. Und in der Vergangenheit sprach man über den Tod, heute aber nicht mehr. Die sprachlichen Tabus, die es früher gab, sind inzwischen inhaltliche Tabus. Wir haben jetzt eine Sprache für alles, könnten also über alles sprechen. Aber beim Glauben und beim Sterben schweigen wir.
INTERVIEW: JOACHIM KRONSBEIN
* Hans-Martin Gauger: "Sprache und Sexualität". Erschienen in "Merkur", Nr. 598, 1/99. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 44/1999
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