01.11.1999

POP„Was heißt hier modern?“

Die Musiker David Crosby, Stephen Stills und Neil Young über die Kraft ihrer Musik, den Fall der Berliner Mauer und die neue Crosby-Stills-Nash-&-Young-CD „Looking Forward“
Die sporadische Zusammenarbeit der Amerikaner Crosby, 58, Stills, 54, und des Briten Graham Nash, 57, mit dem Kanadier Young, 53, begründete die Legende einer "Supergruppe des Folkrock" ("Rolling Stone"). Von Januar an will das Quartett gemeinsam durch die USA und möglicherweise auch durch Europa touren. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Mr. Young, Mr. Crosby, Mr. Stills, in drei Jahrzehnten haben Sie es auf drei gemeinsame Studioalben gebracht, zuletzt zusammen auf Konzerttour waren Sie 1974. Sind Crosby, Stills, Nash & Young eine Band oder mehr ein loser Hippie-Herrenclub?
Crosby: Also, nun passen Sie mal gut auf und merken sich genau, was wir Ihnen sagen. Wir verkünden das seit Ewigkeiten und tun das hier noch dieses eine Mal: Als wir anfingen, haben wir unsere eigenen Namen benutzt, weil wir parallel Solokarrieren und andere Projekte verfolgen wollten. Wir haben es verdammt noch mal von Anfang an jedem erzählt. Und als wir es dann tatsächlich getan haben, schrien alle: "Sie haben sich getrennt!" Und jedes Mal, wenn wir uns wieder zusammengetan haben, brüllten die Leute: "Wiedervereinigung!" Einfach alles, was wir gesagt haben, wurde ignoriert.
Stills: Was?
Young: Achten Sie nicht auf ihn. Er hört nur das, was er hören will.
SPIEGEL: Warum war es Ihnen unmöglich, längere Zeit in einer Band zusammenzubleiben wie tausende andere Musiker auch?
Stills: (singt) Inquisition! Inquisition!
Crosby: Weil es einfach langweilig ist. Ich möchte nicht ständig das Gleiche machen. Man kann künstlerisch nicht wachsen, wenn man ständig mit denselben Partnern arbeitet.
SPIEGEL: Wie Sie sich künstlerisch allein verwirklichen, interessiert aber deutlich weniger Menschen, als wenn Sie zu viert antreten. Frustriert das die Künstlerseele?
Crosby: Zu viert verkaufen wir tatsächlich zehnmal so viel wie jeder von uns allein - mal abgesehen von Neil Young. Aber das ist in Ordnung und kein Problem. Wir sind alle längst gut versorgt. Was wir hier tun, tun wir aus Spaß. Nicht weil eine Plattenfirma oder die Steuer uns zwingt.
SPIEGEL: Ihre Platte wurde seit langem immer wieder angekündigt ...
Young: Sehen Sie? Sehen Sie? Aber nicht von uns. Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum wir Ihnen nicht erzählen können, was wir in Zukunft machen wollen. Denn wer weiß, ob wir es uns nicht anders überlegen?
Stills: Wir tun nur, was wir wollen. Ich wollte noch was sagen, hab aber vergessen, was ...
Young: ... tja, das ist mir noch nie passiert.
SPIEGEL: Sie vier sind als Egozentriker bekannt. War es sehr anstrengend, sich auf die zwölf Stücke des neuen Albums zu einigen?
Crosby: Egozentriker? Wir sind vier Brüder. Und ab und zu streiten wir mal, genauso wie andere Brüder auch. Aber die Presse stürzt sich nur auf die negativen Geschichten. So wie: "Drei Nonnen von Planierraupe überfahren - Bilder um 11 Uhr!" Das lieben die.
Young: Um allen Streit unter Brüdern zu vermeiden, hatten wir im Studio eine Tabelle an der Wand hängen. Da waren alle Songs aufgeführt und unsere Initialen. Und wer meinte, dass ein Stück auf der Platte sein müsste, machte einfach einen Haken.
Crosby: Ein Problem war, dass Neil nur unter seinen Songs Haken gemacht hat.
Young: Na ja!
Crosby: Ein anderes Problem war, dass ich nur für meine Songs gestimmt habe ... Hey, das war nur ein Scherz! Ein Witz. Kapiert?
Stills: Du musst dir das Publikum für deine Scherze sorgfältiger aussuchen, Crosby.
Crosby: Ja? Echt?
SPIEGEL: Um den Stil kann es in den vergangenen 30 Jahren kaum Zank gegeben haben. Ihr milder Country-Rock hat sich bis heute als resistent gegen alles Moderne erwiesen.
Stills: Hey, wir machen einfach unser Zeug und scheren uns einen Teufel um die anderen.
Crosby: Und was heißt hier bitte schön "modern"? Egal, wie laut sie werden und welche merkwürdigen Akkorde sie spielen, alle diese Bands spielen doch nur immer verfluchten Rock'n'Roll. Ich habe auch wieder angefangen, Radio zu hören. Die guten Songs sind dünn gesät, aber es sind immer wieder welche dabei. Ich liebe dieses Latin-Zeug, das bringt sogar mich zum Tanzen. Aber ich weiß auch, dass guter Rock'n'Roll, so wie unserer, so gut wie eh und je klingt. Unser Harmoniegesang ist richtig frisch und lebendig. Wir kennen auch die ganze moderne Technik und wissen trotzdem, wie man erstklassig Gitarre spielt. Wir werden sogar immer besser.
SPIEGEL: Ganz ignorieren können Sie trotzdem nicht, dass wir inzwischen am Ende der neunziger Jahre angelangt sind. Das Radio hat stark an Bedeutung verloren. Werden Sie ein Video für MTV machen?
Stills: Video?
Young: Videoclips.
Stills: Was ist damit?
Young: Danach fragen sie.
Crosby: Ach ja, wir werden einen prächtigen Videoclip aufnehmen.
Stills: Ich finde, das Video sollte eine Gruppe von nackten Mädchen zeigen.
SPIEGEL: Gab es nicht schon zu Ihrem gemeinsamen Song "American Dream" Ende der Achtziger einen Videoclip?
Young: Ja, aber auf Videos sind wir echt mies. Wir wissen, was Videos sind, sind aber keine von diesen Videobands.
Crosby: Wir könnten ein Video machen mit Strichmännchen, die Spielzeugeisenbahn fahren.
Stills: Nein, keine Eisenbahn. Die schlagen sich einfach eine Zeit lang die Köpfe ein, und dann spielen sie wieder als Band zusammen, die Strichmännchen.
SPIEGEL: Ihre Plattenfirma hat Ihr Werk ursprünglich für August angekündigt - könnten die Leute dort an das 30-jährige Jubiläum von Woodstock gedacht haben?
Stills: Was für eine energische Frage.
Young: Da müssen Sie die Plattenfirma fragen, ich weiß nicht, was die sich gedacht hat.
SPIEGEL: Aber Sie haben die Woodstock-Neuauflage in diesem Jahr verfolgt? Immerhin haben Sie dort 1969 gespielt, und Ihr Debütalbum "Déjà vu" gilt als Soundtrack der so genannten Woodstock-Generation. Von Ihren Idealen ist dem Festival nicht viel erhalten ...
Crosby: Stopp! Stopp! Hören Sie auf, das W-Wort zu benutzen. Pfui! Das W-Wort ist böse.
SPIEGEL: Keine Antworten zum W-Wort?
Young: Wir haben abgestimmt darüber und einhellig beschlossen, jede Woodstock ...
Crosby: Aus! Pfui.
Young: ... jede Woodstock-Debatte abzulehnen. Das alte Woodstock ist wirklich zu alt, und das neue hat gestunken. Nächste Frage bitte.
SPIEGEL: Im Titelsong des neuen Albums gibt es diese Zeile "Trying not to use the word 'old'". Heißt das, Sie fühlen sich manchmal oder ständig alt?
Young: Nein, das ist einfach eine beiläufige Bemerkung. Ich habe das Wort bereits in der ersten Strophe verwendet. Es ist ein Witz.
Crosby: Superwitz.
Stills: Was?
Young: Egal.
SPIEGEL: Parallel zum Album haben Sie an einer Fernsehdokumentation über die Geschichte des Protestsongs mitgearbeitet ...
Crosby: ... dem Dokumentarfilm "Stand And Be Counted" über Menschen, die für Dinge eingetreten sind, an die sie glaubten: Bürgerrechtsdemonstrationen gegen den Krieg, Live Aid, Entwicklungshilfe, Amnesty International und so weiter. Wir haben eine Menge gelernt von dem Protestsänger Pete Seeger.
Stills: Mal abgesehen von der Kommunistensache.
Crosby: Das ist nicht lustig, da hört der Spaß auf. Dieser Mann ist ein Nationalheld. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben eine große Tradition des politischen Widerstands und der Bürgerrechtsbewegung, und wir haben versucht, eine Menge Interviews mit einer Menge von Menschen zu führen. Der Film wird auch im deutschen Fernsehen gezeigt werden, und ein Buch kommt auch.
SPIEGEL: Warum die Mühe? Wollen Sie bei einer jungen Generation ein Bewusstsein reaktivieren, das verloren gegangen scheint?
Crosby: Es festhalten, zelebrieren und hoffentlich aufrechterhalten.
SPIEGEL: Stimmt die Geschichte, dass Sie nach dem Fall der Berliner Mauer vor zehn Jahren sofort nach Berlin geflogen sind?
Crosby: Ohne zu zögern. Vor allem, weil ich die Reise auf Stephen Stills' Kreditkarte gebucht habe.
Stills: Ich habe es im Fernsehen mitbekommen und gedrängelt, bis wir im Flugzeug saßen. Wir hatten Hammer und Schraubenzieher dabei und haben uns Teile aus der Mauer herausgeschlagen. Meins liegt nun auf dem Kamin.
Crosby: Peng. Peng. Und sie haben uns erlaubt, vor dem Brandenburger Tor zu spielen. Das hat uns sehr viel bedeutet. Die Mauer war ein Symbol dafür, was am Kalten Krieg alles böse war.
Young: Wir haben den Fall der Mauer als ein Zeichen großartiger Zeiten gesehen. Es war kein Panzer, der sie umgestürzt hat. Es war keine Armee, die sie umgestürzt hat. Es waren Ideen und Ideale, es waren Menschen, die diese Mauer zu Fall gebracht haben.
SPIEGEL: Und wirtschaftliche Faktoren.
Crosby: In Ordnung. Aber es waren Ideologen, die diese Mauer errichtet haben. Und wir sind Idealisten, das ist ein ganz entscheidender Unterschied. Und danke noch mal, Stephen, dass du alles bezahlt hast.
Stills: Verdammt noch mal, ihr schuldet mir Geld. Aber ist auch egal. War ja 'ne gute Sache. Wir sind Optimisten.
SPIEGEL: Was nährt Ihren scheinbar unerschütterlichen Optimismus?
Crosby: Wir waren schon immer so.
Young: Ich war optimistisch. Und ich war zornig.
SPIEGEL: Was macht Sie zornig?
Crosby: Er hasst es, wie ich mich kleide.
Young: Mir gefällt die negative Ausrichtung Ihrer Frage nicht, und ich werde sie nicht beantworten.
Stills: Um welche Frage geht es?
Young: Was mich zornig macht.
Stills: Hab ich schon kapiert, war nur ein Witz.
Young: Aha. Sonst noch etwas?
Crosby: Ende der Schimpfkanonade.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,
WOLFGANG HÖBEL
Von Christoph Dallach und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 44/1999
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DER SPIEGEL 44/1999
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