25.03.2017

UmweltTempo! Tempo! Tempo!

Ein hochkarätiges Expertengremium fordert, die Verkehrswende zu beschleunigen.
Christian Hochfeld weiß, dass es nicht reicht, gute Ideen zu haben. Wer etwas bewegen will, muss sie auch durchsetzen. Deshalb hat der Geschäftsführer der "Agora Verkehrswende" Manager und Gewerkschafter, Regierungsvertreter und Wissenschaftler in den Beirat seiner Denkfabrik geholt. Mit seinen über 30 Mitgliedern ist das Gremium so etwas wie der institutionalisierte gesellschaftliche Konsens.
Umso erstaunlicher ist, was jene Runde bei ihrem jüngsten Treffen am 14. Februar billigend zur Kenntnis genommen hat – und was Hochfeld demnächst der Öffentlichkeit vorstellen will. Die Studie "Mit der Verkehrswende die Mobilität von morgen sichern" umfasst gut 90 Seiten. Es geht um den Erfolg der Klimapolitik und die Zukunft des wichtigsten deutschen Wirtschaftszweigs, der Automobilindustrie. Die Warnung ist eindeutig: "Ohne Verkehrswende ist der Autostandort Deutschland gefährdet."
Die Studie wird für erhebliche Aufmerksamkeit sorgen. Schließlich hat sie einen einflussreichen Vorläufer: Die inzwischen fünf Jahre alte Schwester der Verkehrswende, die "Agora Energiewende", hat die Blaupause für den Umbau des deutschen Stromsektors geliefert: den langfristigen Abschied von Kohle und Atom, ohne dass die Lichter ausgehen.
Wenn Deutschland die Pariser Klimaziele erreichen wolle, so lautet eine weitere These des Berichts, müsse der Energie- nun die Verkehrswende folgen. Der Grund liegt auf der Hand: Während Industrie und Haushalte in den vergangenen 25 Jahren deutlich Energie eingespart haben, verbrauchen Autos, Busse oder Flugzeuge heute rund zehn Prozent mehr. Um den Trend zu brechen, so schreiben die Wende-Architekten, erfordere dies "entschlossenes politisches Handeln".
Zwölf Thesen haben die Wissenschaftler der Denkfabrik zusammengestellt. Und mindestens ebenso viele drängende Fragen aufgeworfen. Hochfeld, gelernter Ingenieur, befasst sich seit 20 Jahren mit Mobilität, er hat das Mediationsverfahren im Streit um die Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens begleitet und sich jahrelang in China mit Verkehrsthemen beschäftigt.
Hochfeld glaubt nicht an eine Welt, in der sich mit Zehnpunkteplänen alle Probleme lösen lassen. Schnelle, einfache Antworten gibt es in seiner Expertenrunde deshalb nicht. Trotzdem lautet die Kernbotschaft des Gremiums: Tempo! Tempo! Tempo! In jedem Fall wird die Zeit knapp: "Je länger mit dem Umsteuern gezögert wird, während anderswo der Umbau bereits stattfindet, desto größer wird der Rückstand und desto weniger Zeit bleibt, um den unausweichlichen Strukturwandel zu bewältigen."
So halten es Hochfelds Experten für unabdingbar, den Umstieg auf Elektroautos zu beschleunigen. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 sechs Millionen Batteriefahrzeuge auf die Straße zu bringen, werde "vermutlich nicht ausreichen", um die Klimavorgaben zu erreichen. Um den E-Auto-Absatz zu steigern, denkt Hochfelds Gremium deshalb über schärfere CO²-Grenzwerte für Benzin- und Diesel-Pkw, Elektroautoquoten wie in China sowie den schnelleren Ausbau von öffentlichen wie privaten Ladestationen im ganzen Land nach.
Die Deutschen sollen jedoch nicht nur sauberere Autos fahren, sie sollen auch häufiger auf Bus und Bahn, aufs Fahrrad und auf Carsharing-Autos umsteigen. Von einer "Mobilitätswende" per Smartphone ist die Rede, das sie künftig durch ein vernetztes Angebot von Pkw-Alternativen in den Innenstädten lotst. Der stark wachsende Lieferverkehr soll durch eine Bündelung der Warenströme vor dem Stadtgebiet eingedämmt, der nach wie vor schwerfällige öffentliche Nahverkehr auf dem Land durch flexiblere "Rufbussysteme" verbessert werden.
Zugleich kritisieren die Experten die zahlreichen Staatshilfen, die heute das Autofahren verbilligen, von den Steuervorteilen für Dienstwagenkäufer bis zu den Privilegien für Dieselfahrzeuge. Höhere Parkgebühren sowie mehr Fußgänger- und Radfahrzonen sollen den Deutschen das Autofahren zusätzlich erschweren.
Der Bundesverkehrswegeplan, mit dem die Regierung heute den Bau neuer Straßen vorbereitet, soll durch ein "Verkehrswendekonzept 2030" ersetzt werden. Ziel: weniger Autos statt mehr. Nicht weniger Mobilität, aber eine andere. Soll die Verkehrswende gelingen, heißt es in der Studie, verlange dies "Millionen Menschen die Änderung ihres Alltagsverhaltens ab, den Abschied von Gewohnheiten, die zuweilen zu Ritualen geronnen sind".
Der Report liefert viele brauchbare Hinweise. Doch zugleich offenbart das Papier, wie komplex die Materie ist. Viele Fragen werfen die Autoren nur auf – ohne Antworten mitzuliefern.
So prognostizieren sie, dass für den vollständigen Umstieg auf Elektroautos mindestens dreimal so viel regenerativer Strom gebraucht werde wie heute. Nur: Wo soll der produziert werden, da sich schon heute kaum Flächen für neue Wind- oder Solarparks finden lassen? Wie lässt sich verhindern, dass das Zukunftsgeschäft mit selbstfahrenden Fahrzeugen zu mehr statt zu weniger Fahrten führt? Wer finanziert die über 40 000 öffentlichen Ladestationen, die allein bis zum Jahr 2020 nötig sein werden? Oder woher kommt der Ersatz für jene 40 Milliarden Euro, die über die Energiesteuer derzeit jährlich in den Bundeshaushalt fließen?
Vordenker Hochfeld ahnt um die Widerstände, die sich gegen das Projekt aufbauen werden: "Die Verkehrswende kann nur gelingen, wenn eine Mehrheit einsieht, dass es den Wandel braucht."
Von Sven Böll und Horand Knaup

DER SPIEGEL 13/2017
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