25.03.2017

RassismusIst der Türkenwitz wieder salonfähig, Herr Kayı?

Der deutsch-türkische Bühnenkünstler Murat Kayı, 42, über den Zusammenhang von Humor und Fremdenfeindlichkeit
SPIEGEL: Kennen Sie den schon? Ein Krokodil fragt: Wer bin ich? Antwort: Großes Maul, kurze Beine, Lederjacke – ein Türke!
Kay ı : Ein Franzose, ein Russe, ein Deutscher und ein Türke sitzen in einem abstürzenden Flugzeug. Der Pilot fordert sie auf, unnötigen Ballast abzuwerfen. Der Franzose schmeißt eine Tüte Baguettes aus der Tür, der Russe einen Koffer voll Wodkaflaschen. Der Türke dreht sich zum Deutschen und sagt: "Mach jetzt bloß keinen Scheiß!"
SPIEGEL: Der erste Witz gehört zu jenen, die gerade vermehrt in sozialen Netzwerken geteilt werden. Ist der Türkenwitz wieder salonfähig?
Kay ı : Ich kenne den Salon als einen Ort des Geistes. Das Zuhause solcher Witze ist aber eher der Büroflur oder das Internet. Und dort ging der Türkenwitz immer. Neu ist, dass die Witzeerzähler sich selbst in eine Opferhaltung begeben. Als würde ihnen irgendjemand die Witze verbieten wollen. Als gehörte der Türkenwitz neuerdings zum Widerstand.
SPIEGEL: Wie finden Sie das?
Kay ı : Für mich ist der Witz als solcher meistens gar nicht so interessant. Interessanter ist, wer ihn wem erzählt. Wenn ihn sich zwei Leute erzählen, um sich über eine Gruppe lustig zu machen, zu der sie nicht gehören, dann handelt es sich dabei um einen Code. Sie vergewissern sich somit, dass sie zum gleichen Stamm gehören. Das ändert sich, sobald jemand aus der Gruppe dabei ist, um die es geht.
SPIEGEL: Was ändert sich?
Kay ı : Im besten Fall wird der Witz zum Zeichen von Unbefangenheit, Toleranz und Gleichberechtigung. Ich glaube, dass jeder das Recht hat, in einem Witz verarscht zu werden. Ich bin in den Siebzigern in Deutschland aufgewachsen, mit dem Begriff Kümmeltürke. Meine Mutter hat noch still darunter gelitten. Meine Generation hat angefangen, selbst Türkenwitze zu erzählen. Und damit das Machtgefüge geändert.
SPIEGEL: Wo erzählen Sie am liebsten Türkenwitze?
Kay ı : In Runden, die mir zu gesittet und zu angestrengt liberal sind. Irgendwann ist mir klar geworden, dass man selbst im Kleinen vielleicht nicht kontrollieren kann, wann man zum Opfer wird. Aber man kann kontrollieren, ob man ein Opfer bleibt.
Von mke,

DER SPIEGEL 13/2017
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