25.03.2017

SommermärchenSöldner der Wahrheit

Was ist der Bericht wert, mit dem sich der Deutsche Fußball-Bund gegen den Verdacht einer gekauften Weltmeisterschaft sträubt? Wohl nicht viel. Ein Dokument enthüllt einen Deal aus den Tagen der WM-Vergabe.
Sommermärchen-Affäre? Ja, war da mal was? Neulich hielt DFB-Vize Rainer Koch einen Vortrag in Köln; es ging um Bestechung im Sport. Wer aber neue Einsichten erwartet hatte, Einsichten in den Fall WM 2006 und Einsicht bei Koch, der hörte – nichts. Alles längst aufgearbeitet, abgearbeitet, verarbeitet. Eine Anwaltskanzlei habe doch gründlich gesucht, aber bekanntlich keinen Beweis für ein gekauftes Sommermärchen gefunden, meinte Koch.
Die Sonntagsrede an einem Samstag fügte sich liturgisch streng in die Messe der Scheinheiligkeit ein, mit der die neue DFB-Führung die WM-Äffäre abzuhaken gedenkt. Korruption? Wie? Wo? Nicht bei uns. Immer wieder kommt dabei der Hinweis auf den Bericht der Kanzlei Freshfields, Schild und Schwert. Sie hatte von der neuen DFB-Spitze den Auftrag, die WM-Vergabe zu prüfen, und lieferte vor einem Jahr ein Traumergebnis ab: genug um zu erklären, warum die alten DFB-Chefs um Wolfgang Niersbach wegmussten. Aber zu wenig, um Deutschland als Schmiergeldverteiler zu entlarven und damit die schönen Hoffnungen auf ein neues Märchen kaputt zu machen: eine Europameisterschaft 2024 in Deutschland, für die sich der DFB gerade bewirbt.
Jetzt aber könnte dem DFB die 380-Seiten-Verteidigung ein gutes Stück um die Ohren fliegen. Ein Vertragsentwurf ist aufgetaucht, aus dem Jahr 2000, dem Jahr der WM-Vergabe. Er stammt aus dem versunkenen Reich des toten Medientycoons Leo Kirch und spricht: erstens für eine gekaufte WM. Und zweitens: Bände, dass der Freshfields-Report blinde Flecken hat.
Eigentlich sollten die Anwälte nämlich alle "Anhaltspunkte für einen möglicherweise erfolgten Stimmenkauf" nennen – so ihr Arbeitsauftrag. Mit dem neuen Papier wird deutlich, dass davon keine Rede sein kann. Schon einmal, 2003, war ein Vertrag aus dem Kirch-Imperium an die Öffentlichkeit gekommen. Schon jener Kontrakt hatte streng nach Schmiergeld gerochen – Geld für korrupte Fifa-Männer im Entscheidungskomitee. Im Freshfields-Report war er trotzdem mit keinem Wort erwähnt worden. Jetzt zeigt der neue Fund, wie explosiv der ganze Vorgang wirklich war – und dass damals offenbar noch weit mehr Geld in dunkle Kanäle floss als bisher bekannt.
Am 6. Juni 2000, genau einen Monat vor der WM-Vergabe in Zürich, setzte ein enger Kirch-Vertrauter ein Memo auf. Kirchs Münchner Konzern hatte damals die Fernsehrechte für das Turnier 2006 bereits erworben und wusste genau, was er wollte: eine WM in Deutschland. Wenn dagegen Südafrika, der härteste Konkurrent, den Zuschlag bekäme, würde das Kirch beim Weiterverkauf der Rechte ein paar Hundert Millionen Mark kosten. So hatten es seine Leute ausgerechnet.
Also tat Kirch, was Kirch konnte, um Wahlmänner im Fifa-Exekutivkomitee auf Deutschlands Seite zu ziehen: Geld lockermachen. Wie und wohin er zahlen sollte, das sagte ihm Fedor Radmann, Mitglied im deutschen Bewerbungskomitee und rechte Hand von Bewerbungschef Franz Beckenbauer. Das Memo fasste ein Treffen vom selben Tag zwischen Radmann und dem Kirch-Vertrauten zusammen, der das Protokoll schrieb. Um vier geplante Freundschaftsspiele von Bayern München ging es darin, alle in Ländern, aus denen Fifa-Entscheider kamen. Und um Fernsehrechte für diese Spiele, die Kirch zu absurd hohen Preisen einkaufte. Das Geld aus Deutschland landete bei den Heimatverbänden der Funktionäre, ein Teil möglicherweise in deren Taschen, auch wenn das alle bis heute bestreiten.
Vorher aber, in Punkt eins des Memos, wird noch ein besonders merkwürdiger Millionendeal beschrieben: ein Beratervertrag zwischen KirchMedia und einem Libanesen namens Elias Zaccour. Zaccour habe den Vertrag schon unterschrieben, heißt es im Memo.
Offiziell sah der Vertrag zwischen Kirch und Zaccour vor, dass der Libanese der Kirch-Gruppe gute Ratschläge im Geschäft mit Filmrechten geben sollte. Vom Film hatte Zaccour allerdings, so weit ersichtlich, nicht die geringste Ahnung – jedenfalls weit weniger als Kirch selbst. Auch WM-Lobbyist Radmann, der den Deal einfädelte, hatte mit dem Filmgeschäft nichts zu tun. Wofür also der Vertrag?
Zaccour war bekannt für seine Leidenschaft für Rennpferde und noch mehr dafür, dass er exzellente Kontakte hatte – zu Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees. Etwa zu Ricardo Teixeira, dem Brasilianer, zu Jack Warner aus Trinidad und Tobago und zu Mohamed Bin Hammam aus Katar. Alle drei gelten heute als notorisch korrupt, Warner und Bin Hammam sind inzwischen von der Fifa lebenslang gesperrt worden.
Noch am 6. Juni zeichnete die Kirch-Gruppe den Vertrag gegen. Er war mit einer Million Dollar für Zaccour dotiert, zahlbar in vier Raten über vier Jahre, die letzte am 30. Juni 2003.
Die Enthüllung aus dem Jahr 2003, drei Jahre vor dem Anpfiff in Deutschland, ging in der allgemeinen Begeisterung über die deutsche WM weitgehend unter. Für Freshfields hätte das im Jahr 2015, mit der gebotenen Nüchternheit, ein starker Hinweis auf korrupte Praktiken sein können, nach denen die Anwälte angeblich so emsig suchten. Doch im Bericht steht dazu nichts. Nur der lapidare Hinweis, dass man mit Zaccour und Kirch-Vertrauten gern gesprochen hätte. Leider seien Zaccour und Kirch tot, andere wollten nicht reden.
Der neu aufgetauchte Vertrag zündet nun die zweite Stufe in der Sache. Demnach forderte WM-Macher Radmann kurz nach dem ersten gleich den nächsten Beratervertrag bei Kirch an. Wieder mit Pferde- und Fifa-Freund Zaccour. Am 23. Juni 2000, nur 13 Tage vor der WM-Entscheidung in Zürich, ging der Vertragsentwurf von Kirch an Radmann heraus. Darin heißt es nun aber, Zaccour bekomme von Kirch nicht eine, sondern zwei Millionen Dollar. Vor allem steht da: Die erste Million sei schon gezahlt worden, auf ein Zaccour-Konto in Luxemburg. Die zweite Million habe zehn Arbeitstage, nachdem Zaccour sie anfordere, auf dasselbe Konto einzugehen. Zehn Arbeitstage: Das war frühestens am 7. Juli, dem Tag nach der Wahl.
Wie aus dem Papier hervorgeht, hatten Kirch, Radmann und Zaccour damit den Zahlungsplan aus dem ersten, gerade mal zwei Wochen alten Vertrag offenbar über den Haufen geworfen. Statt Zaccour für seine angebliche Arbeit jedes Jahr Geld zu zahlen, wie es bei einem echten Beratervertrag normal gewesen wäre, hatte Kirch ihm demnach noch vor der WM-Vergabe die Million auf einen Schlag gegeben. Und damit nicht genug: Zaccour hatte offenbar noch größeren Geldbedarf, äußerst dringend: die zweite Million, zahlbar nach der Sitzung des Exekutivkomitees.
Eine Dankeschön-Million? Dass die zweite Million geflossen ist, lässt sich zwar nicht belegen. Aber allein die Zusage einer solchen Summe kurz vor der WM-Entscheidung, noch dazu als 100-Prozent-Vorschuss auf eine Leistung, die offiziell erst über die folgenden vier Jahre erbracht werden sollte, noch dazu auf einem Feld, auf dem Zaccour sich nicht auskannte, für das alles gibt es wohl nur eine plausible Erklärung: dass Zaccour damit umgehend Wahlmänner kaufen sollte.
Aber wen? Zaccour selbst hat im Jahr 2013, kurz vor seinem Tod, der "Süddeutschen Zeitung" einen Fingerzeig gegeben. Jack Warner, der Mann aus Trinidad, habe für Deutschland gestimmt, sagte Zaccour.
Warum war sich Zaccour so sicher? Weil er wusste, wen er mit dem Geld von Kirch bezahlt hat? Warner hat jeden Verdacht, korrupt gewesen zu sein, trotz erdrückender Indizien bestritten. Der damalige Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn ließ ausrichten, ihm sei "ein 17 Jahre zurückliegender Vorgang nicht mehr erinnerlich". Radmann wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Dokument äußern.
Der neue Vertrag ist schon die dritte Spur zu einem gekauften deutschen Sommermärchen. Nur vier Tage vor der Entscheidung im Jahr 2000 hatte Bewerbungschef Beckenbauer dem schmierigen Jack Warner einen Zehn-Millionen-Mark-Vertrag zugeschanzt. Zum Teil sollte das Geld an Warners Verband gehen, zum Teil aber über WM-Freitickets auch direkt in sein Portemonnaie.
DFB-Vize Koch will das heute nicht als Stimmenkauf gelten lassen. Die Deutschen hätten den Vertrag später platzen lassen; er sei doch nie erfüllt worden. Aber: Das konnte Warner schließlich nicht ahnen, als er in Zürich sein Kreuzchen machte. Außerdem hatte ihn der DFB mit mehr als 40 000 Mark bei einer Lustreise nach München ausgehalten, und Teile des Warner-Vertrags wurden durchaus erfüllt.
Ungeklärt ist bis heute auch, was mit jenen ominösen 6,7 Millionen Euro passiert ist, auf die der SPIEGEL am Anfang der WM-Affäre im Jahr 2015 gestoßen war. Das Geld hatten die WM-Macher zwei Jahre nach der Züricher Entscheidung an den Wahlmann Bin Hammam aus Katar durchgeschoben.
Drei Spuren – die eine, Zaccour, taucht gar nicht im Freshfields-Bericht auf; die beiden anderen reichten den Anwälten nicht aus, um zumindest von einem wahrscheinlichen Stimmenkauf zu sprechen. Das wirft erneut die Frage auf: Hat Freshfields ein Gefälligkeitsgutachten abgeliefert?
Rund neun Millionen Euro soll die Kanzlei bisher vom DFB kassiert haben – etwa so viel, wie der Verband im ganzen Jahr 2015 zum Beispiel für den Frauenfußball ausgegeben hat. Dafür standen die Anwälte von Anfang an unter Verdacht, Söldner der Wahrheit zu sein, die bei allem auch stets an ihren Auftraggeber denken.
Schon dass Freshfields-Mann Christian Duve, Chefermittler im Sommermärchen, mit dem Leiter des DFB-Präsidialbüros im selben Rotary-Club saß, weckte Argwohn. Kaum hatte Freshfields losgelegt, weigerte sich der frühere DFB-Chef Theo Zwanziger, den Juristen zu helfen. Der Grund: ein altes Mandat von Freshfields in Katar. Aus Mails ging hervor, dass die weltweit verzweigte Kanzlei einem Sportfunktionär behilflich war, Bin Hammam. Die Anwälte ließen jedoch wissen: kein Interessenkonflikt, nichts, was sie an der Aufklärung hindern werde.
Als die Kanzlei im März 2016 ihren Bericht vorlegte, schienen auch zunächst alle Zweifel erledigt: In ein paar Tausend Arbeitsstunden hatten die Juristen Zeugenaussagen gesammelt, Dokumente ausgewertet und vor allem die Spur jener merkwürdigen 6,7 Millionen Euro verfolgt. Fest stand danach immerhin, dass die Summe 2002 an Bin Hammam gegangen war, wofür auch immer.
Die live übertragene Pressekonferenz mit Duve als Pfadfinder durch den Dschungel der deutschen WM-Bewerbung war ein Triumph für Freshfields, auch über die Vorbehalte und Vorhaltungen. Dass das Ergebnis auf den ersten Blick nicht nur gut aussah, sondern auch der neuen DFB-Spitze um Reinhard Grindel und Vize Koch gut gefallen konnte, schadete nicht der Glaubwürdigkeit.
In den vergangenen Monaten häuften sich nun aber die Indizien dafür, dass es die Anwälte mit der Aufklärung doch nicht so genau genommen haben könnten. Da gab es etwa eine verschlüsselte Datei auf einem DFB-Rechner mit dem Namen "Komplex Jack Warner", abgelegt in einem Ordner "Erdbeben" – eine Hinterlassenschaft des gefeuerten Vizegeneralsekretärs Stefan Hans. Erdbeben? Das müsste eigentlich alle elektrisieren.
Doch Freshfields und der Verband gaben sich überraschend wenig Mühe, die Datei zu knacken. Externe Spezialisten dafür anzuheuern sei zu teuer, ließ der DFB wissen; das klang ziemlich fadenscheinig. An die Staatsanwaltschaft schicken mochte man den Fund aber auch erst mal nicht. Im Freshfields-Bericht tauchte der "Erdbeben"-Ordner nur in einer Fußnote auf. Ohne das Alarmwort "Erdbeben".
Erst nach einem geschlagenen Jahr bekamen die Ermittler die Datei in die Finger. Danach dauerte es nur 24 Tage, dann hatten sie das Rätsel gelöst. Nicht dass sich der Aufwand gelohnt hätte; die Datei enthielt nichts Neues für die Strafverfolger. Aber wie die Aufklärer des DFB darum herumgeschlichen waren, sprach nicht für den Willen, alles rigoros aufzudecken – und aufzuschreiben. Nicht mal, dass sich Wolfgang Niersbach in einer Mail selbst als "Mitwisser" der Sommermärchen-Affäre bezeichnet hatte, war den Anwälten eine Zeile im Bericht wert, wie die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich belegte.
Aus heutiger Sicht nützte der Freshfields-Report wohl mehr der neuen DFB-Spitze als der Aufklärung. Sogar bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt ist man auf den Verband schlecht zu sprechen. Schon Anfang 2016 habe er "seine Kooperationsbereitschaft stark eingeschränkt", klagt die Behörde – in einer offiziellen Erklärung. Das Gleiche gelte für Freshfields. Es gibt Staatsanwälte, die glauben, dass der Bericht ihre Arbeit torpediert habe. Der sei eine schöne "Fortbildung für die Beschuldigten" in der WM-Affäre gewesen. Daraus hätten sie früh erfahren, welche Fragen auf sie zukämen. Der Bericht habe "sehr viel kaputt gemacht".
Das sehen Freshfields und die neue DFB-Spitze anders. In der Frankfurter Zentrale möchte man endlich nach vorn schauen. Irgendwann, so bekommt man den Eindruck, soll es offenbar auch mal gut sein mit den schlechten alten Dingen.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 13/2017
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