01.04.2017

KarrierenAls der Frieden ausbrach

50 Jahre lang kämpfte die kolumbianische Farc-Guerilla für eine linke Revolution, nun gibt sie die Waffen ab. Der Staat will die Kämpfer zu braven Bürgern umerziehen. Viele von ihnen fürchten das mehr als den Krieg. Von Juan Moreno
Jeden Morgen, Schlag zehn, beginnt der Generator zu dröhnen, damit das Internet auch im Dschungel ankommt, hier, bei den Farc-Rebellen, die keine mehr sind. Jemand vom Staat hat eine Satellitenschüssel aufgebaut, man will diese Leute ins Hier und Jetzt holen. Es sind Krieger, die jahre- und jahrzehntelang abgeschottet gelebt haben, ohne Netz, ohne Telefon, fast wie ein Stamm von Ureinwohnern – allerdings unter Dauerbeschuss und umgeben von Sprengfallen und Minenfeldern.
Das kleine Licht am Satellitenempfänger blinkt. Facebook, Twitter, YouTube und all die anderen Herrlichkeiten erreichen die Urwaldlichtung, es gibt WLAN hier. Natürlich passiert, was immer passiert, die Leute sind sofort angefixt. Vor einem Monat wussten sie nicht, was Google ist. Sie waren eine Volksarmee, die bei 34 Grad Celsius Hitze und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit ihrer Arbeit nachging.
Nun, da der Frieden ausgebrochen ist, hat man ihnen militärische Übungen verboten. Sie liegen in ihren Holzverschlägen, viele mit Mobiltelefon in der Hand, das sie kürzlich vom Staat bekommen haben, gebrauchte Modelle. Auch Handys waren in ihrem alten Leben natürlich tabu, der Feind hätte sie orten können. Nun starren sie auf die Displays der Geräte und lernen, wie man ein Rihanna-Video "liked". Wie man auf Facebook Freunde gewinnt, die man nicht kennt. Das sind ihre ersten Schritte zurück in die Gegenwart.
Es ist ein seltsames Experiment, das Kolumbien sich da vorgenommen hat. Eine verwegene Friedensmission, an deren Ende das Land kein Schlachthaus mehr sein soll. Eine Art Domestizierung ist geplant: Aus wilden Kriegern sollen vernünftige Bürger werden.
Überall im Land werden jetzt deshalb Farc-Lager zu Umerziehungscamps aufgerüstet. Dieses hier, im Süden des Landes und unweit der ecuadorianischen Grenze gelegen, ist etwa so groß wie ein Fußballfeld. Gut 80 Kämpfer sind hier. Ehemalige Sprengstoffprofis, Scharfschützen, Aufklärungsexperten, Folterspezialisten der Guerilla. Sie alle haben seit ihrer Kindheit gegen die Regierung gekämpft, als Mitglieder der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, kurz: Farc. Es sind Männer und Frauen wie Willington Ortíz, Cazika Atahualpa oder Edwin Cano, die vor Kurzem noch Terroristen waren. Natürlich ist das ein Problem. Kann man aus einer Bande marxistisch-leninistischer Staatsfeinde, die ihr Leben lang von der Regierung gejagt wurde, brave kolumbianische Spießer machen?
Erst mal wurden professionelle Helfer in den Dschungel geschickt, das ist nie verkehrt. Im Guerillacamp aus Plastikplanen und Bretterbuden wimmelt es jetzt von Ärzten, Pflegern, Lehrern, Psychologen, Sozialarbeitern. Die Kämpfer lernen, dass es für den Frieden mindestens so viele Leute braucht wie für den Krieg.
Die Ärzte untersuchen die Männer und Frauen in einem kleinen, grünen Zelt unter mächtigen Gummibäumen. Sie finden Bandscheibenvorfälle, Rückenprobleme, Arthrosen, Rheuma, Typhus, kaputte Bänder und Malaria und fragen sich nach jedem Patienten, wie solche Wracks überhaupt kämpfen konnten. Die Psychologen sind zum Reden gekommen und sitzen am Ende mit lauter Fragen da. Wie kann man mit 14 Jahren in den Dschungelkrieg ziehen und mit 50 immer noch mitmachen, ohne längst durchgedreht zu sein?
Wie ein Urvolk werden sie studiert. Ein unentdecktes Kriegervolk aus dem Amazonasbecken.
Das Wichtigste aber ist der Unterricht. Bäume wurden gerodet und mit Macheten und einer alten Kettensäge eine wandlose Aula gezimmert, vollgestellt mit Schultischen und passenden Stühlen. Auf dem Lehrplan stehen: das kolumbianische Wahlsystem. Die beste Art, Kartoffeln zu ziehen. Fotografieren für Magazine. Verhütungsmethoden. Und, auch sehr wichtig: Was ist Netflix?
Wenn sie nicht im Internet surfen, sitzen die Guerilleros in der Aula. Vorn redet gerade eine junge Agrarexpertin mit Rastafrisur und erklärt die faszinierende Welt des Ackerbaus. "Wenn das hier in einigen Monaten vorbei ist, werdet ihr eure Waffen abgeben und vielleicht eine Selbstversorgerkommune gründen", kündigt die Dozentin an. Es klingt wie ein Plan, den sich Claudia Roth ausgedacht hat. Aber es ist der einzige, den Kolumbien hat.
An einem sonnigen Septembertag des vorigen Jahres wurde der Frieden besiegelt. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und der Anführer der Farc, Timoleón Jiménez, standen auf einer Bühne in Cartagena. Beide Männer hatten sich ein weißes Hemd angezogen. Sie gaben sich die Hand und hielten einen Vertrag hoch. Der Krieg war nach mehr als fünf Jahrzehnten vorbei, und niemand hatte gewonnen. Er kullerte einfach aus, wie ein Glücksrad.
Der eine, Präsident Santos, erhielt daraufhin den Friedensnobelpreis. Als Verteidigungsminister hatte er jahrelang Bomben über dem Urwald abwerfen lassen. Dem anderen, Jiménez, legen Staatsanwälte mehr als hundert Morde zur Last.
Seit 1966 haben sich der kolumbianische Staat und die Farc bekriegt, es war der längste Guerillakrieg Lateinamerikas. Ein zermürbender Kampf, entfesselt geführt. Sein wahres Grauen deuten die Zahlen nur an: Mehr als fünf Millionen Menschen wurden vertrieben, 200 000 starben, Zehntausende verschwanden oder wurden entführt. Viele Parteien wüteten im Land – die Farc, das Militär, die von der Rechten finanzierten Paramilitärs, die rivalisierenden Drogenkartelle, sonstige Kriminelle.
Vorbei. Jetzt soll Frieden sein und Vergebung. Das Abkommen sieht vor, dass die knapp 7000 Farc-Kämpfer die Waffen abgeben, ein paar Hundert haben das schon getan, bis zum Juni sollen alle Waffen übergeben sein. Präsident Santos versprach großzügige Amnestien, politische Teilhabe, Rückkehrhilfen. Farc-Chef Jiménez beteuerte, dass man auch "den Geist und die Herzen entwaffnen" werde. Es gab überhaupt viele Versprechen. Eine Landreform soll es bald geben, Friedenstribunale, eine Wahrheitskommission. Aus den Farc soll eine reguläre, langweilige Partei werden. Die ehemaligen Rebellen sollen sesshaft werden, politisch mitwirken, womöglich gewählt werden und in Parlamenten sitzen. Natürlich applaudierte die Welt. Jeder mag Happy Ends.

Boris ist auch nur ein Mensch
Boris Forero, kürzlich 50 geworden, mit dem Gesicht und dem haarlosen Schädel eines Preisboxers, sitzt an einem frühlingshaften Montagmorgen in Bogotá, und ihm ist nicht nach Happy End. Er trägt einen mäßig sitzenden schwarzen Anzug, um ihn herum eilen livrierte Kellner. Er ist als Redner bei einer Veranstaltung der ACR eingeladen, der Agencia Colombiana para la Reintegración. Die staatliche Agentur kümmert sich um die Wiedereingliederung der ehemaligen Farc-Kämpfer. Sie hat zu einem Empfang in ein edles Hotel geladen.
Boris war früher bei den Farc. Er ist vor Jahren desertiert und hat soeben auf der Bühne von seinen Erfahrungen erzählt. "Wenn Sie nur eines mitnehmen", hat er dem Publikum zugerufen, "dann bitte, dass auch wir Menschen sind."
Das Publikum besteht aus Vertretern von Unternehmen und Behörden; Anzugsträger, nicht die erste Garde. Vermutlich bestand der Chef darauf, dass sie vorbeischauen. Es sind Leute, die die Agentur davon überzeugen möchte, ehemaligen Ex-Farc-Leuten einen Job zu geben. Kolumbianer sind ein sehr höfliches Volk, viele versprechen wortreich, darüber nachzudenken. Etwas später, beim Buffet, diskutieren einige über die Frage, wie man jemanden feuert, der eine Kalaschnikow blind zusammenbauen kann.
Boris war fast 20 Jahre lang bei den Farc. Lange gekämpft, mehrmals angeschossen, bis er nicht mehr wusste, warum er eingetreten war. Vor elf Jahren kehrte er zurück in die Zivilisation und studierte Psychologie. Heute spricht er gelegentlich für die Agentur mit Farc-Deserteuren. Seine Aufgabe ist es, ihnen zu erklären, was Freiheit ist und was Frieden bedeutet. Er müsste wissen, ob die Verwandlung möglich ist. Die Zähmung der Wilden.
"Gar nichts weiß ich. Außer, dass diese armen Teufel keine Ahnung haben, was sie hier erwartet und wie verdammt schwer es wird. Die Guerilla prägt dich. Der Krieg ist dein ganzes Leben. Von dem Moment an, an dem ich beschloss aufzuhören, vergingen fünf Jahre, bis ich wirklich ging. Die Farc sind ein seltsamer Haufen, aber das Einzige im Leben eines Guerillero, was einer Familie ähnelt."
Vor allem waren die Farc ein Sammelbecken: Aufrichtig Überzeugte kämpften neben langsam Korrumpierten und zutiefst Kriminellen. Die Mehrheit stellten aber seit je die Verzweifelten, die Verlorenen, für die das Rebellenleben noch die beste von vielen schlechten Möglichkeiten war. Leute wie Edwin Cano.

Edwin ist noch nicht so weit
Edwin ist ein schüchterner Kerl. Er liegt in seinem Verschlag und verschickt Smileys an die drei Nummern, die er gespeichert hat. Er ist 30 Jahre alt, und als ihn ein Sozialarbeiter gestern fragte, was er werden wolle, antwortete er, dass in der Aula jemand über Fotografie geredet habe. Das habe ihn interessiert. "Aber ob ich Fotograf werde, entscheide ja nicht ich. Das macht die Partei."
Edwin hat den entscheidenden Punkt nicht verstanden: Der Frieden sieht vor, dass die Farc verschwinden, dass die Kämpfer frei sein werden. Bedeutet: dass jeder selbst entscheidet, ob er Fotograf, Fliesenleger oder Nackttänzer wird. Vor allem bedeutet es, dass es den meisten egal sein wird, was aus Edwin wird. Auch der Partei.
Edwin ist noch nicht so weit. Sein ganzes Leben hat sich die Guerilla um ihn gekümmert. Er war 13, als er eintrat. Die Guerilla brachte ihm Lesen und Schreiben bei. Sie fütterte ihn, gab ihm Kleidung, ließ sein Gesicht zusammenflicken, als eine Mine es zerfetzte. Edwins Eltern waren Landarbeiter, die ihren Sohn nicht ernähren konnten und fortschickten. Darum ist er hier.
Es ist kurz vor Mittag, Boris Forero sitzt noch immer im Nobelhotel, die Konferenz ist vorbei. Er hat heute nichts mehr vor, morgen eigentlich auch nicht. Ein guter Moment, um von früher zu erzählen. "Das Leben im Farc-Kollektiv bedeutet, dass viele Entscheidungen für einen getroffen werden. Fehler haben Konsequenzen, die Konsequenzen kennt man, man erduldet sie, dann geht es weiter. Das hat etwas Beruhigendes. Es ist nicht kompliziert."
Seit Boris nicht mehr kämpft, hat er Ticks. Seine Hände stehen nicht still, er reibt die Finger, greift sich ins Gesicht. "Jeder hat Narben. Manche sieht man, andere nicht." Boris hat beides. Seine Arme und der Rücken sehen aus, als hätte jemand Stücke mit einem Küchenmesser rausgeschnitten, die Folgen einer Splitterbombe.
Den Krieg muss man sich wie einen Motor vorstellen, er braucht irgendeinen Treibstoff, um zu laufen. Hass ist gut geeignet, verliert mit den Jahren aber an Kraft. Wirklich langlebig macht einen Krieg nur Geld. Der Krieg gegen die Farc mag vorbei sein, der Drogenkrieg wird weitergehen, solange die Nachfrage der kokainsüchtigen US-Amerikaner und der kaum weniger süchtigen Europäer anhält.
Die Farc nannten sich zwar Freiheitskämpfer und wickelten ihr Gewissen in rote Ideale. In Wahrheit waren sie eines der größten Drogenkartelle des Planeten. Etwa 60 Prozent des kolumbianischen Drogengeschäfts sollen sie kontrolliert haben. Die EU führte sie lange als Terrororganisation. Eine, die etwa eine Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr machte.
Wenn die Farc dieses Geld wirklich nicht mehr wollen, findet sich mit Sicherheit jemand, der übernimmt. Seit geraumer Zeit desertieren Farc-Kämpfer, die nichts von einem Leben als Busfahrer, arbeitsloser Fotograf oder Maniokbauer mit Dorfvorsteherperspektive halten. Mexikanische Kartelle sind auch in Kolumbien aktiv, sie winken nicht mit dem "Kommunistischen Manifest", sondern mit Dollarbündeln.
Es gibt noch andere alternative Arbeitgeber im Dschungel, die sogenannte Nationale Befreiungsarmee etwa, ELN genannt, was für Ejército de Liberación Nacional steht, eine Art kleine Schwester der Farc. Auch mit ihr verhandelt die Regierung, bisher ohne Erfolg, dafür im Bewusstsein, dass die ELN die freien Farc-Gebiete besetzen könnte und dass Farc-Leute, die keine Lust auf Legalität haben, bei der ELN eine neue Heimat finden könnten.
Das kolumbianische Kokageschäft jedenfalls hat unter dem Frieden nicht gelitten, im Gegenteil. Noch nie hat Kolumbien so viel Kokain produziert. Experten schätzen, dass seit 2015 das Angebot um ein Drittel gestiegen ist. 710 Tonnen pro Jahr, so viel wie nie zuvor. 188 000 Hektar Kolumbiens sind derzeit mit Kokafeldern bestellt, eine Fläche, zweimal so groß wie Berlin, die sich seit 2012 verdoppelt hat.

Willington versteht den Hass
Es ist kurz nach Mitternacht im Camp. Der Generator wird ausgestellt, einige der Brüllaffen scheinen den Krach zu vermissen, sie kreischen in die Nacht hinein. Unter den Planen gehen die Handydisplays aus. Willington Ortíz macht seine Taschenlampe an und schmiert sein Gewehr.
Er ist Unteroffizier bei den Farc, bald 50 Jahre alt. Ein stiller, kranker Mann mit sehr nervösen Augen. Seine Bandscheiben sind kaputt, dem Keuchhusten nimmt man 30 Jahre Regenwald sofort ab. Am Bettende springt ein Äffchen herum. Sein Haustier. "Ihr Zivilisten habt doch auch Haustiere, richtig?", fragt Willington.
Natürlich konnte es nicht so weitergehen, sagt Willington müde. Natürlich hasste er die Bombardements der Regierungstruppen. Die Hubschrauber über den Baumwipfeln, während er im Schlamm steckte und wartete. Die dauernden Gewaltmärsche mit 60 Kilogramm auf dem Rücken. Zum Guerillakrieg gehöre, dass der Feind nie wissen darf, wo man ist. Willington leidet darunter, dass er nie tief schläft. Andererseits: Gute Schläfer sterben früh, weil sie die Gefahr nicht kommen hören.
"Dass alle tot sind, das ist das Schlimmste." Die Kameraden, seine Eltern, die er mit 17 das letzte Mal sah, seine Ausbilder, Fidel Castro, die Revolution.
Für die meisten Kolumbianer sind Leute wie Willington Ortíz Terroristen. Mörder. Willington versteht das. Er hat viele Soldaten erschossen und ihre Gewehre für die Farc erbeutet. Diese M16 beispielsweise, die er täglich reinigt. Die toten Soldaten haben Eltern, Geschwister und Kinder. Willington weiß, dass viele Menschen gute Gründe haben, ihn zu hassen. Er fragt sich aber schon lange, warum man Leute wie ihn "Terroristen" nennt, seine alten Feinde von der Armee jedoch "Soldaten"? Wird der Krieg der Armen nicht immer und überall Terrorismus genannt? Und der Terrorismus der Reichen Krieg?
Willington Ortíz ist wegen eines Mädchens den Farc beigetreten. Damals, er war 17, wartete die Kaffeeplantage seines Vaters unweit von Cali auf ihn. Er hieß auch noch anders, Alex Vargas nämlich, Willington Ortíz ist sein "nom de guerre", den er im Dschungel erhielt. Das Mädchen, das er kennengelernt hatte, machte sich nichts aus Kaffee. Es sprach vom Klassenkampf, von einem gerechten Kolumbien, von den Farc. Einer Volksarmee, die Kolumbianer entführte und Pablo Escobar half, Amerika mit Kokain zu fluten, um Geld für die "revolución" zu sammeln.
Willington verstand nicht viel von Volksbefreiung, aber er liebte es, wie sich die Lippen der jungen Frau spitzten, wenn sie "revolución" sagte. Er trat mit ihr in die Guerilla ein.
33 Jahre ist das jetzt her. Von den hundert Rekruten, die mit Willington anfingen und bald mehr als Kameraden waren, lebe nur noch er, sagt Willington. Willingtons Freundin wurde nach ein paar Wochen von einer Bombe in Stücke gerissen. Es hat nicht lange gedauert, bis er einen guten Grund für den Krieg hatte.
Willington sitzt vor einem Computer und klappt ihn wütend zu. Am Nachmittag hatte ihm jemand erklärt, was Facebook ist. Das Netz macht ihn fertig. "Da stehen ja Lügen. In diesem Facebook." Er hat viele Falschmeldungen über die Farc gelesen. Die Motivation, seine M16 abzugeben, ist nicht gestiegen, seit er online ist.
Willington Ortíz überlegt, in die Partei einzutreten, die es bald geben wird. Er ist aber nicht der Einzige, dem das ziemlich heikel erscheint. Seit Jahren werden in Kolumbien Umweltschützer, Menschenrechtler und Bauernvertreter ermordet. Eine linke Agrarreform, wie sie versprochen wurde und die eine gerechtere Verteilung des Landbesitzes bringen soll, kann man in diesem Land nicht vereinbaren, man bezahlt sie mit Blut. Jeder, der in diesem Camp mit dem Gedanken spielt, in die Politik zu gehen, hat diese Angst: an einer Bushaltestelle oder an einem Rednerpult zu stehen und erschossen zu werden.

Cazika will zu ihren Kindern
Der Frieden hat durchaus sein Gutes, das sehen auch die Guerilleros. Im Camp gibt es jetzt dreimal pro Tag warmes Essen, sonntags Musik. Vormittags revolutionäre Lieder, "Die Internationale", "Hasta siempre comandante", solche Sachen, am Nachmittag übernimmt Shakira.
Cazika Atahualpa, eine hübsche Frau mit dunklen Augen, ist eine der wenigen, die sich auf den Frieden freut. Ihr Mann, Ramiro Durn, ist derzeit "Sekretär für Agitation und Propaganda" der Einheit.
Cazika hat zwei Kinder. Wenn das hier vorbei sei, sagt sie, könne sie zu ihnen gehen. Sie leben jetzt bei Ramiros Eltern. Gerade waren sie zu Besuch. José ist sieben, sie hat ihn nach seiner Geburt sechs Jahre lang nicht gesehen. Das zweite ist erst einige Monate alt. Da war schon abzusehen, dass es die Farc nicht mehr lange geben würde. Im Camp sind derzeit sechs Frauen schwanger.
"Man darf in der Guerilla keine Kinder bekommen. Also behielt ich es für mich. Im sechsten Monat habe ich noch Straßensperren des Militärs angegriffen. Als die Gefährten es merkten, waren sie unglaublich sauer. Sie mussten mich ins Krankenhaus schaffen, weil es eine Frühgeburt war. Auf dem Weg dorthin starben drei Kameraden."
Cazika liegt auf einer Pritsche, während sie das erzählt. Eine Ärztin hat sie untersucht und Typhus diagnostiziert. Sie hat ihr eine Kochsalzlösung über eine Infusionsnadel in den Arm gelegt. Der Beutel hängt an einem Baum.
Cazika ist eine praktische, direkte Frau. Für sie ist die Zukunft ein Geschenk, mit dem sie nie gerechnet hat. In der Guerilla beschäftigt man sich nicht damit. Todgeweihte planen nicht für morgen, es existiert nur der Moment.
Mögen sich zwei, gehen sie zum Vorgesetzten, denn der muss jederzeit wissen, wo seine Untergebenen sind. Ohne seine Genehmigung darf man nichts. Nicht rauchen, nicht einen Mann lieben. Anfangs durfte Cazika ihren Ramiro nachts genau zwei Stunden besuchen. Später bat sie um mehr Stunden. Liebe ist möglich, aber niemand nimmt Rücksicht. Paare, die jahrelang in derselben Einheit waren, wurden durch einen simplen Versetzungsbefehl für immer getrennt.
In einer Welt, sagt Cazika, in der eine schmächtige 17-Jährige mit einem G3 das Feuer aufrechterhält, während die Männer wie Hühner wegrennen, werden die Dinge anders geregelt. Mut hat kein Geschlecht. Noch so eine Kriegsweisheit.
Auch Cazika weiß nicht, was später wird. Nichts hat sie auf die Freiheit vorbereitet. Sie möchte Krankenschwester werden. Ihr Mann Ramiro, ein eloquenter, hochaufgeschossener Kerl, hat vier Semester Jura in Bogotá studiert und war bei den Jungkommunisten, 2001 ging er zu den Farc. Er möchte in der Partei Karriere machen. Seine Eltern haben ein Ferienhaus an der Pazifikküste, von dem er Cazika immer erzählte, wenn sie unter Beschuss waren.
"Ich möchte es sehen", sagt Cazika.

Boris bleibt ein Verräter
Boris Forero in Bogotá wird künftig seltener in schönen Hotels sitzen. Eine feste Stelle als Psychologe hat er nie gefunden, und die Agentur braucht ihn jetzt nicht mehr so oft, sein Profil passt nicht mehr zu den Anforderungen. Für die Deserteure, die in den Jahren vor dem Frieden aus dem Dschungel kamen, war er der ideale Ansprechpartner, er hatte dieselbe Geschichte. Die Exkämpfer aber, die jetzt kommen, sind nicht weggerannt, für sie ist Boris ein Verräter, "die werden nicht mit mir reden". Er hat die Seiten gewechselt. Verräter ist man immer, auch wenn der Krieg vorbei ist.
Boris steht auf und möchte heim. In sein nicht sonderlich gutes Apartment in einer nicht sonderlich guten Gegend Bogotás. Boris hat sich den Frieden anders vorgestellt, nicht so anstrengend. Hier, in der Freiheit, kümmert sich niemand. Man braucht aber Geld zum Leben und einen Job, den man nicht kriegt. Man braucht Geld für Essen, für Strom, für Gas, für Miete, für Kleidung, sogar für den verdammten Müll muss man bezahlen, damit er weggeschafft wird.
Seit Boris in Frieden lebt, vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht an den Krieg denkt. Er will nicht sagen, dass er ihn vermisst, den Krieg, aber er denkt häufig an seine schöne Schlichtheit, seine Klarheit. Im Krieg gibt es Gewissheiten, selbst wenn sie mit dem Tod enden. Schwarz ist schwarz, weiß ist weiß. Der Frieden ist grau.
Der Frieden, den Boris bislang erlebt hat, war auf seine Weise unruhiger als der Krieg, verwirrender. An manchen Tagen sogar härter, sagt Boris. Auch der Frieden ist ein Kampf. Es geht nicht mehr jeden Tag um Leben und Tod, aber es geht darum, was für ein Leben man führt und ob man es für lebenswert hält.
Früher trug Boris Forero ein Gewehr und war wichtig. Er wollte die Welt zu einem besseren Ort machen. Heute sucht er nach einem Job, um überleben zu können. Er – und all die anderen, die kommen werden – sind für viele Kolumbianer nur Freaks aus dem Dschungel, die nicht mal wissen, wer Siri ist. Mehrere Tausend Guerilleros kehren gerade in die Zivilisation zurück. Wilde Kämpfer. Sie haben den Krieg verloren, und viele von ihnen werden auch den Frieden nicht gewinnen. ■
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 14/2017
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