01.04.2017

VersicherungenAufmarsch bei der Allianz

Konzernchef Oliver Bäte hat viele Mitarbeiter gegen sich aufgebracht. Jetzt verschreckt er seine Führungskräfte mit einer Militärübung.
Es ist Mittwoch, später Nachmittag im Allianz-Auditorium in München. Oliver Bäte, umstrittener Chef des größten europäischen Versicherungsunternehmens, hat gerade zur Lage des Konzerns geredet.
Im gedämpft beleuchteten Auditorium sitzen rund 200 internationale Führungskräfte des Unternehmens. Teils gespannt, teils gelangweilt verfolgen sie Bätes energischen Auftritt.
Viele von ihnen haben eine klare Erwartung, was in den nächsten drei Tagen auf sie zukommt: endlose Vorträge über die neue Strategie, Workshops zur Digitalisierung, Friedensappelle und die Aufforderung, die teils offenen, teils verdeckten Angriffe auf den Vorstandsvorsitzenden, seine brachiale "Erneuerungs"-Strategie und seine eigenwillige Führungskultur einzustellen.
Doch dann kommt alles anders. Gegen 17 Uhr – Bäte hatte kurz zuvor über Vereinfachung von Prozessen im Unternehmen referiert – stürmen in Tarnanzüge gekleidete US-Militärs die Bühne. Auf den riesigen Videoleinwänden, wo kurz zuvor noch das blaue Allianz-Logo flimmerte, erscheinen Militärhubschrauber, Jagdbomber, Landkarten und Militärabzeichen.
Afterburner (Nachbrenner) heißt die in US-Unternehmen recht bekannte Coaching-Truppe aus ehemaligen Kampfpiloten und Mitgliedern von Spezialeinheiten des amerikanischen Militärs wie den legendären Navy Seals. Es gehe, erfahren die verdutzten Führungskräfte, um "Decision Making", das Einüben von schnellen und transparenten Entscheidungsabläufen nach Vorbild des US-Militärs.
Generali und Zurich, die beiden Konkurrenten, hätten sich zusammengeschlossen, schreit ein Teamleiter, während hinter ihm auf der Leinwand Videos von Bombenabwürfen zu sehen sind. Die militärische Lage sei ernst: Ein abgeschossener Kampfjetpilot der Allianz sei über Zurich-Generali-Gebiet abgestürzt. Er müsse befreit werden.
In kleinen Gruppen wird deshalb der Kampfeinsatz geplant, unterbrochen von einer Notfallübung, bei der die Topmanager sogar unter die Tische kriechen müssen. Die Ausbilder mit martialisch klingenden Namen wie "Thor" schnarren dazu im Kasernenton: "Wer einen Fehler macht, ist tot."
Das sei ein erniedrigendes und absurdes Theater für einen deutschen Konzern, murren einige Manager. Doch offenen Widerstand gegen Bätes ungewöhnliche Team-Building-Maßnahme wagt zunächst keiner.
Tatsächlich herrscht nicht nur an diesem Nachmittag Krieg in der Allianz. Seit Wochen liefern sich Kritiker und Unterstützer Bätes erbitterte Grabenkämpfe. In dem 127 Jahre alten und stockkonservativen Versicherungskonzern wird durchgestochen und fintiert, aufgewiegelt und intrigiert.
Innerhalb von knapp zwei Jahren hat Bäte, 52, den Konzern in Aufruhr versetzt und viele gegen sich aufgebracht. Er habe einen schlafenden Riesen wachgerüttelt, sagen seine Unterstützer; ein glänzend laufendes Unternehmen ins Chaos gestürzt, warnen die Gegner.
An beiden Lesarten ist etwas dran. "Bäte agiert in einem völlig anderen Umfeld als seine Vorgänger", verteidigt ihn ein langjähriger Mitarbeiter. Niedrigzinsen zehren am klassischen Versicherungsgeschäft, die Digitalisierung stellt althergebrachte Abläufe, Vertriebskanäle und ganze Produktlinien infrage.
Bäte trat an mit dem Ziel, die Allianz zu modernisieren, solange die Gewinne noch üppig fließen, erhöhte das Tempo und den Druck, machte ehrgeizige Renditevorgaben, verlangte niedrigere Kosten und zugleich höhere Gewinne.
So etwas löst in jedem Konzern Widerstände aus. Auch gegen Bätes Vorgänger Michael Diekmann gingen Mitarbeiter auf die Barrikaden, als er 2006 die Vertriebsorganisation um- und Stellen abbaute.
Bei Bäte kommt allerdings erschwerend hinzu, dass der ehemalige McKinsey-Mann mit neuen Methoden und persönlicher Exzentrik provoziert. Auftritte mit dem umstrittenen Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer, rote Schuhe auf der Hauptversammlung, ein Interview im Duz-Modus mit dem YouTuber Tilo Jung – die einen finden das erfrischend und offen, die anderen eitel, anbiedernd und unpassend.
Und doch geht es um mehr als den üblichen Widerstand modernisierungsunwilliger Querulanten. Insider werfen Bäte vor, er fahre mit einem Küchenkabinett von Vertrauten teils am Vorstand vorbei. Zudem überfordere er mit sprunghaften Vorgaben nicht nur die Organisation, sondern mache auch handfeste Fehler.
So soll Bäte eine mögliche Übernahme der italienischen Generali oder von Teilen des Konkurrenten vermasselt haben, obwohl er mehrfach signalisiert hatte, die Allianz wolle auch durch Zukäufe wachsen. Zu überheblich sei er in Gesprächen mit den Italienern aufgetreten. Mittlerweile hat Bäte seine Übernahmepläne insgesamt relativiert.
Die Misstöne in dem Prachtbau am Englischen Garten in der Münchner Königinstraße werden immer lauter, je näher das Comeback von Bätes Vorgänger Diekmann rückt. Mitte März beschloss der Aufsichtsrat seinen Einzug in das Kontrollgremium, Anfang Mai soll er zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt werden.
Diekmann sei unglücklich mit Bätes Kurs, wurde kolportiert, er wolle ihn womöglich sogar absetzen, auch Teile des Aufsichtsrats stünden nicht mehr hinter dem Neuen.
Dass es im Aufsichtsrat ebenfalls rumort, ist richtig. Allerdings heißt es in Diekmanns Umfeld auch, der habe kein Interesse, Bäte zu entmachten, und stehe hinter dessen Agenda. Schließlich sei es Diekmann gewesen, der Bäte über Jahre aufgebaut und als Nachfolger durchgesetzt habe. Vielmehr dürfte er versuchen, den Konzern zu befrieden und die Reihen zu schließen. Auch Bäte hatte zuletzt versöhnliche Töne angeschlagen und zu mehr Gemeinsamkeit aufgerufen.
Das aber war vor dem Aufmarsch der US-Militärs im Auditorium. Seitdem sind die Diskussionen um die Führungsqualitäten Bätes wieder voll entbrannt. Einige Teilnehmer äußerten so massive Kritik an der Veranstaltung, dass die Allianz inzwischen offen Fehler einräumt. Weil das gewählte Szenario einzelnen Teilnehmern "geschmacklich und kulturell nicht so gut gefiel", heißt es in einer Stellungnahme beschwichtigend, werde man die Übung so nicht noch einmal durchführen.
Den Schaden hat das Unternehmen dennoch. Denn wenn es das Militärbündnis von Generali und Zurich auch nur in der irren Inszenierung der von Bäte engagierten Managermotivatoren gibt: Die Konkurrenz dürfte an den Kriegszuständen bei der Allianz ihre helle Freude haben.

"Die Lage ist ernst. Ein Kampfjetpilot wurde über Zurich-GeneraliGebiet abgeschossen."

* Im Allianz-Auditorium in München.
Von Frank Dohmen und Martin Hesse

DER SPIEGEL 14/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Versicherungen:
Aufmarsch bei der Allianz

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik