01.04.2017

TansaniaEin Mädchen gegen neun Kühe

Bei einem Stamm im Norden des Landes dürfen Frauen traditionell Frauen heiraten. Nun erfährt der Brauch eine Renaissance. Aber ist er auch ein Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt? Von Bartholomäus Grill und Adriane Ohanesian (Fotos)
Veronica ist erst sieben Tage alt, ein winziger Säugling, noch ziemlich schwach, aber kerngesund. "Und hübsch", sagt Esther. Sie sitzt im Halbdunkel ihrer Lehmhütte und schaut verzückt auf das Neugeborene, das gerade an der Brust seiner Mutter Joyce trinkt. Es ist das zweite Kind, das ihr die junge Ehefrau geschenkt hat, nach Elindi, einem zweijährigen Jungen.
"Pass auf, dass euch die Mzungus das Baby nicht wegnehmen", ruft ein kleines Mädchen durch die offene Hüttentür. Die Mzungus, die Weißen, die zu Besuch in dem kleinen tansanischen Dorf Kewanga sind und seltsame Fragen stellen.
Wir wollen wissen, wie das ist, wenn in einer von Männern beherrschten Kultur Frauen Frauen heiraten. Wenn sie das uralte Recht ihrer Volksgruppe, der Kuria, auf gleichgeschlechtliche Ehen nutzen. Denn solche Lebensgemeinschaften sind in Afrika eigentlich verpönt, sie gelten als "unafrikanisch". In Tansania, Uganda und zahlreichen anderen Ländern wird Homosexualität sogar als Verbrechen geahndet. Wer sich als schwul oder lesbisch outet, wird verfemt, verfolgt, eingesperrt. Oder vom Mob totgeschlagen.
Aber Esther Gabriel, 47, und Joyce Wambura, 23, sind nicht lesbisch. Sie haben keinen Sex miteinander, obwohl sie das Bett teilen. Und dennoch sind die beiden seit drei Jahren miteinander verheiratet, so wie die Männer und Frauen in der Nachbarschaft.
"Wir sind glücklich", schwärmt Joyce, sie ist die Tochter eines Bauern. "Es hätte uns nichts Besseres passieren können", sagt Esther, ihre maskulin wirkende Gattin. Sie wünscht sich acht Kinder von Joyce, die Väter wollen sie gemeinsam auswählen.
Ein überliefertes Stammesritual der Kuria erlaubt weibliche Eheschließungen, wenn Frauen verwitwet sind, von ihren Männern verlassen wurden oder wie Esther Gabriel keine männlichen Nachkommen haben. Angeblich schützt sie der Lebensbund mit anderen Frauen vor dem Zugriff der Männer auf ihr Eigentum, auf ihre Hütten, ihr Land, das Vieh, die Kleider und Kochgeräte. Und auf die Kinder, die nach dem Tod ihrer Ehemänner üblicherweise deren Sippe an sich reißt.
"Nyumba ntobhu" heißt dieses Ritual in der Sprache der Kuria, "Haus der Armen". Rund 700 000 Menschen zählen zu diesem kleinen Volk, sie leben in der Region Mara im Norden Tansanias, am Rande der weltberühmten Serengeti. Nach Angaben der Stammesältesten sollen bereits in 10 bis 15 Prozent der Haushalte weibliche Ehepaare leben. Lokale Medien berichten von einer regelrechten Renaissance dieses Brauchtums, und westliche Frauenmagazine feiern es als alternative Lebensform, die nicht nur die Rechte der Frauen stärke, sondern auch das Risiko von Kinderheiraten, weiblicher Genitalverstümmelung, häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch reduziere. "Eine emanzipatorische Tradition, die eine moderne Wiedergeburt erlebt", schrieb im vergangenen Jahr die US-amerikanische Ausgabe der "Marie Claire".
Nyumba ntobhu – ein Modell für Afrika, wo Mädchen und Frauen oft nur wie Gebärmaschinen behandelt werden und in der Gesellschaft nichts zu sagen haben? Schön, wenn es so wäre. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Semeni Mahendi kommt vom Einkaufen aus dem einzigen Laden im Dorf Nyarwana zurück. Die stämmige junge Frau balanciert einen Sack Maismehl auf dem Kopf, 30 Kilo schwer. Sie trägt einen türkisgrünen Wickelrock, auf ihrem zerschlissenen T-Shirt steht "In Love with Summer" – verliebt in den Sommer. Ihr abgelegenes Elternhaus ist nur über einen zerklüfteten Feldweg zu erreichen, der zu einem Kraal führt: vier Rundhütten, durch einen dichten Naturzaun aus Stachelgewächsen vor wilden Tieren geschützt. Und vor der gewalttätigen Frau, der Semeni vor vier Jahren angetraut wurde. Damals war sie erst 17 Jahre alt.
Semeni nennt ihre ältere Ehepartnerin Mabiara, Schwiegermutter. "Sie war böse und eifersüchtig. Sie hat mir verboten, mit anderen Leuten zu reden. Ich musste ständig schuften und manchmal zur Strafe auf dem kalten Lehmboden schlafen", erzählt Semeni. "Sie hat mich oft mit einem Stock geschlagen und sogar Steine nach mir geworfen." Vor einem Monat ist Semeni aus dem Haus ihrer Peinigerin weggelaufen, heim zu den Eltern. "Ich lasse dich nie gehen", rief ihr die jähzornige Alte nach.
"Wenn sie da nicht rauskommt, ist ihr Leben vorbei", sagt Ghati Mahendi, die Mutter von Semeni. Sie zeigt Verständnis für die Flucht ihrer Tochter, denn deren Partnerin sei zur Diktatorin geworden. Aber warum hat Ghati dem unseligen Ehevertrag überhaupt zugestimmt? "Weil wir arm sind. Wir brauchten die Rinder", antwortet sie und zeigt auf die Kühe, die rings um das Gehöft angepflockt sind und grasen. Neun Stück hat der Vater als Brautpreis für Semeni erhalten. Nun stellt sich die Frage, wie viele Kühe er der Frau zurückgeben muss, denn einen Teil der Herde habe seine Tochter in den vier Ehejahren ja bereits "abgearbeitet". Darüber wird demnächst der Dorfrat entscheiden, ein Gremium, in dem ausschließlich alte Männer sitzen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie der Trennung zustimmen werden. Damit würden die Regeln verletzt, über deren Einhaltung sie streng wachen.
Ein dreijähriger Junge hüpft splitternackt auf dem sauber gefegten Innenhof des Kraals herum. Ibrahim, Semenis Sohn. Ein alter Mann, bestellt von der "Schwiegermutter", hatte ihn gezeugt. So läuft das in allen Frauenehen: Die jüngere Partnerin kann sich verschiedene Sexualpartner nehmen, um Nachwuchs zu bekommen, die biologischen Väter haben allerdings kein Anrecht auf die Kinder. Sie "gehören" nach Stammessitte der älteren Ehefrau und ihrem Clan.
Semeni hat sich geschworen, Ibrahim nie wieder herzugeben. Aber mehr will sie nicht sagen und sich auch nicht fotografieren lassen. Sie habe Angst vor der Rache der boshaften Mabiara, sagt sie, und am Ende könne der Dorfrat gegen sie entscheiden. Zwar könnte sie noch eine Zivilklage einreichen; sie hätte gute Aussichten zu gewinnen, denn das tansanische Gesetz erkennt Frauenehen nicht an. Doch in den rückständigen Dörfern sind die Traditionen stärker als die Staatsmacht, und Semeni lehnt den juristischen Weg schon allein deswegen ab, weil sie sich damit ins soziale Abseits stellen würde. Außerdem: Wer will schon eine Frau heiraten, die von einer Frau geschieden wurde?
Elizabeth Wamburi kennt die Notlage, in der sich junge Frauen wie Semeni befinden. Sie war erst 13 Jahre alt, als sie zwangsverheiratet wurde, auch in ihrem Fall brauchte die bettelarme Familie Kühe. Der Vater war froh, die behinderte Tochter loszuwerden, einen Mann hätte sie ohnehin nicht gefunden. Sie war als Kleinkind an Kinderlähmung erkrankt und musste fortan mit einem Klumpfuß und einem Buckel leben. Trotz ihrer Behinderung gebar sie 13 Kinder von verschiedenen Männern, 7 überlebten, 4 Jungen und 3 Mädchen. Irgendwie brachte Elizabeth die Kinder allein durch, ihre Partnerin starb vor zehn Jahren – und sie fühlte sich wie befreit. "Ich war nur ihr Arbeitstier", sagt Elizabeth.
Zehn Enkelkinder haben sich an diesem Morgen um die Feuerstelle vor ihrer Hütte in der Siedlung Komaswa versammelt, der Bauch der jüngsten aufgedunsen, ein Zeichen für Mangelernährung. Elizabeth teilt Kekse aus, kocht Ubukima, Maisbrei, füttert die Hühner und Enten, putzt die Rotznasen ihrer Enkel, schrubbt sie der Reihe nach in einer Plastikwanne ab, streift den Mädchen saubere Kleider über. Heute ist Sonntag, gleich geht's zum Gottesdienst.
Die schmächtige, hinkende Frau ist mit ihren vielleicht 60 Jahren noch immer das Kraftzentrum der 20-köpfigen Großfamilie. Ihr genaues Alter weiß sie nicht, sie sei gegen Ende der Kolonialzeit auf die Welt gekommen, irgendwann in den späten Fünfzigerjahren. Elizabeth Wamburi ist eine von Millionen und Abermillionen Afrikanerinnen, die das Auskommen ihrer Familie sichern.
Es sind die namenlosen Frauen, die frühmorgens zur Arbeit hinaus auf die Felder ziehen, oft mit einem Säugling auf dem Rücken und zwei Kindern am Rocksaum. Die in der Gluthitze des Mittags in endlosen Schlangen stehen und auf Medikamente warten. Die nachmittags Getreide dreschen oder Hirse mahlen oder Mais stampfen und abends Wasserkanister schleppen und Brennholz sammeln. Nebenbei ziehen sie die Kinder groß. Kochen und waschen. Pflegen die Alten und Kranken. Verdienen durch Gelegenheitsjobs das Schulgeld für ihre Kinder.
Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen bauen Afrikanerinnen rund 70 Prozent der Nahrungsmittel des Kontinents an. Sie investieren 90 Prozent ihres Einkommens in die Versorgung der Angehörigen und die Ausbildung der Kinder. Ohne ihre Lebensleistung wäre es um Afrika noch viel schlechter bestellt.
Und was machen die Männer? "Die sitzen meistens unterm Palaverbaum und trinken", sagt Elizabeth. Oder sie spazieren mit plärrenden Transitorradios herum, wie ihr ältester Sohn, der das Gespräch mit den Fremden sichtlich missbilligt. Wird sich an dieser Ungleichheit je etwas ändern? "Nein", sagt Elizabeth, "alles wird so bleiben, solange wir keine Rechte haben und nichts besitzen dürfen. Aber wenn Frauen frei entscheiden könnten, hätten wir eine bessere Gesellschaft."
Elizabeth Wamburi konnte nicht frei entscheiden. Sie wurde gegen ihren Willen an eine ältere, kinderlose Matrone verkauft, um für diese Nachwuchs zu produzieren. Doch bei aller Mühsal hat sie ihr frohsinniges Wesen bewahrt. Und ihre Lebensklugheit, obwohl sie nie eine Schule besuchen durfte. Unter günstigeren Umständen hätte es eine Frau wie sie vermutlich weit bringen können. Krankenschwester wollte sie werden. "Ich verstand als junges Mädchen nicht, was mit mir geschah", sagt sie, "heute weiß ich, dass ich nur ein Tauschgut war."
Die Mehrzahl der viehzüchtenden Kuria lebt in Armut, deshalb sind junge Mädchen wertvolle Handelsobjekte; ihre Verheiratung bringt einen Brautpreis von 10 bis 20 Rindern. Eine Kuh kostet durchschnittlich 500 000 Tansania-Schilling, gut 200 Euro. Das ist sehr viel Geld für einen mittellosen Familienvater, und es spielt auf dem Heiratsmarkt keine Rolle, ob die Tochter an einen männlichen oder weiblichen Bewerber verscherbelt wird.
Deswegen hält Elizabeth Wamburi nichts vom Brauchtum des Nyumba ntobhu, auch dabei drehe sich alles ums Geschäftliche: Mädchen gegen Tiere. "Dann lebst du mit einer Frau unter einem Dach, und es geht zu wie in jeder Paarbeziehung hier: Der eine herrscht, du musst dienen." Frauenehen, sagt sie, seien wie viele Traditionen nichts anderes als ein Gefängnis.
Auf dem Weg ins nächste Dorf winkt eine hochschwangere Frau. Die Wehen haben eingesetzt, sie kann nicht mehr auf dem Motorradtaxi fahren und bittet darum, zur 15 Kilometer entfernten Krankenstation mitgenommen zu werden. Dort wird an diesem glutheißen Märztag ihr viertes Kind geboren werden.
Tansania hat eine der höchsten Geburtenraten der Welt, das Bevölkerungswachstum beträgt über drei Prozent per annum. Das bedeutet: Schon in 20 Jahren wird das Land doppelt so viele Einwohner haben wie heute, weit über 100 Millionen. "Auch Frauenehen erhöhen die Zahl der Geburten", erklärt die Journalistin Beldina Nyakeke. "Denn am Ende läuft es immer aufs Gleiche hinaus: Kinder, mehr Kinder, um fürs Alter vorzusorgen. Vom Kindersegen verspricht man sich Wohlstand und Sicherheit." Nyakeke berichtet für die nationale Tageszeitung "The Citizen" aus der Region, oft über Frauenthemen. Vor drei Jahren deckte sie einen besonders krassen Fall auf: Eine Greisin nötigte ihre minderjährige Ehepartnerin zum Geschlechtsverkehr mit zahllosen Männern, um viele Kinder zu bekommen; tatsächlich aber hielt sie ihre Lebensgefährtin unter dem Schutzmantel der Frauenehe als Prostituierte.
Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2013 erleident fast die Hälfte der tansanischen Frauen physische Gewalt. "Das gehört zur traditionellen Kultur", sagt Nyakeke. "Die Männer glauben, dass sie sich nur dann Respekt verschaffen können, wenn sie ihre Frauen schlagen." Weil in gleichgeschlechtlichen Ehen ähnliche Machtverhältnisse herrschen, sieht sie keinerlei Vorteile in diesen Lebensgemeinschaften. Auch das freizügige Sexleben sei ein Mythos, denn die jungen Frauen, die mit Partnern ihrer Wahl schlafen dürfen, würden dabei nichts fühlen – sie wurden schon in jungen Jahren ihres Lustempfindens beraubt.
Im Siedlungsgebiet der Kuria sind nach amtlichen Erhebungen 38 Prozent der Frauen beschnitten. Vielerorts müssen Mädchen schon mit acht Jahren in einer Zeremonie die genitale Verstümmelung über sich ergehen lassen. Die Beschneiderin, Omsali genannt, entfernt mit einer Rasierklinge, einer Glasscherbe oder einem scharfen Messer die Klitoris und Teile der äußeren und inneren Schamlippen. Dieses barbarische Ritual, vererbt in einer jahrhundertealten patriarchalischen Tradition, soll weibliche Promiskuität verhindern. Umgekehrt halten die Männer die Vielweiberei für eine Art Naturrecht, das ihnen seit Menschengedenken zusteht.
Alle Formen der Verstümmelung weiblicher Geschlechtsorgane sind zwar strafbar, gebildete, städtisch geprägte Frauen kämpfen für die Abschaffung dieser Grausamkeiten, doch auf dem Land werden sie weiterhin ausgeübt. Eine katholische Gemeindeschwester aus der Provinzhauptstadt Musoma, die selbst beschnitten wurde, berichtet, dass jedes Jahr, wenn die "Beschneidungssaison" anbricht, Hunderte Mädchen in Angst aus den Dörfern in ein Auffangzentrum ihrer Kirche fliehen würden.
Auch Ghati Gechoka wurde verstümmelt, aber mit einem weißen Reporter will sie nicht darüber reden, es ist ihr peinlich. Die 44-Jährige lebt in ehelicher Gemeinschaft mit ihrer 20 Jahre älteren Partnerin Ulita Nyanokwe in Tarime, dem Verwaltungszentrum des gleichnamigen Bezirks. Sie hausen in zwei Hütten, der Vorplatz ist vermüllt, zwischen den gelben Blüten, die von den Kassiabäumen rieseln, liegen leere Flaschen, Plastikfetzen, kaputtes Geschirr. In einer Ecke klafft ein Erdloch. Die Toilette.
Ghati schenkte ihrer Partnerin in zwölf Ehejahren sechs Mädchen, eines ist gestorben. Natürlich hätte sie lieber einen Mann geheiratet, sagt sie, mit einem weißen Brautkleid und einer ordentlichen Hochzeitsfeier. Aber es hielt keiner um ihre Hand an. Verbrennungsnarben haben ihr Gesicht entstellt. Jahrelang wurde sie vom Leben herumgeschubst, irgendwann landete sie als "Sonderangebot" im Wert von zehn Kühen bei Ulita. Sie sagt: "Es ist eine schlechte Tradition, aber ich hatte keine Wahl."
Sie nehme Ulita wie einen Mann wahr, die "Schwiegermutter" sei der Chef, sagt Ghati. Ihr Hauptauftrag heißt: gebären, gebären und nochmals gebären. Früher habe ihr die alte Frau bei der Arbeit noch geholfen, aber mittlerweile werde sie immer fauler und hocke nur noch herum. An diesem Abend sitzt Ulita griesgrämig auf der Türschwelle ihrer Hütte und kratzt mit einem Bambusstock im Staub herum.
Und so muss Ghati die Mädchenschar allein versorgen. Sie verkauft manchmal ein Bündel Brennholz und erhält Sozialhilfe, umgerechnet 13 Euro im Monat. Das Grundstück, auf dem ihre Hütten stehen, gehört dem Straßenbauamt, sie können jederzeit vertrieben werden. "Wir können nicht mal ein Haus bauen, das dürfen nur die Männer", sagt Ghati.
An manchen Tagen fühlt sie sich von der Last der Armut erdrückt. Rhobi, 12, die älteste Tochter, hat schon die Sorgenmiene ihrer Mutter. Sie kann nur unregelmäßig zur Schule gehen, weil sie im Haushalt mitarbeiten muss, putzen, waschen, auf die kleinen Geschwister aufpassen. Und gelegentlich ihre Mutter vor den Männern schützen, die gern um das Gehöft streunen. "Ich vermisse einen Vater", klagt Rhobi. Sie weiß nicht, wer sie gezeugt hat, und leidet unter dem zweifelhaften Leumund ihrer Familie. "In der Schule rufen sie mir manchmal Hurenkind nach."
Die Mädchen und die Alte sind hungrig, aber heute werde es nichts zu essen geben, sagt Ghati. "Ich habe nicht mal Maisbrei."
Ihr Los ist bedrückend, es zeigt, dass tansanische Frauenehen nur in Ausnahmefällen eine bessere Alternative sind. Die Partnerinnen schaffen sich zwar eine gemeinsame Zuflucht, aber sie teilen ein Leben in Armut am Rande der Gesellschaft. Ghati nimmt das schicksalsergeben hin, immerhin werde sie nicht verprügelt, sagt sie. Doch eine Sache hat sie sich ganz fest vorgenommen: "Ich werde meine Töchter niemals zwingen, eine Frau zu heiraten."
Mail: bartholomaeus.grill@spiegel.de
"Ich verstand als 13-Jährige nicht, was mit mir geschah. Heute weiß ich, dass ich nur ein Tauschgut war."
Ghati schenkte ihrer Partnerin in zwölf Ehejahren sechs Mädchen. Ihr Auftrag heißt: gebären und nochmals gebären.

Über den Autor

Bartholomäus Grill, 62, wohnhaft in Kapstadt, ist seit 25 Jahren Afrikakorrespondent, erst für "Die Zeit", "Weltwoche" (Zürich) und "Profil" (Wien), seit 2013 für den SPIEGEL. Er war afrikapolitischer Berater von Bundespräsident Horst Köhler und hat eine Reihe von Büchern über den Kontinent geschrieben, darunter den Bestseller "Ach, Afrika".
Von Bartholomäus Grill

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