01.04.2017

ForensikRohes Fleisch

Hat die amerikanische Krimiautorin Patricia Cornwell den Serienmörder Jack the Ripper final enttarnt – oder sich in eine Obsession gesteigert?
Patricia Cornwell könnte entspannt und sorglos leben, die amerikanische Schriftstellerin ist enorm erfolgreich, ihre Kriminalromane verkauften sich weltweit rund hundert Millionen Mal. Wenn da nicht dieser Mann wäre. Dieser Mann, der sich in Cornwells Leben gedrängt hat. Der ihre Gedanken gefangen genommen hat, in ihre Gefühlswelt hineinregiert.
Es geht um einen Maler, Bohemien durch und durch, der vor Witz sprüht und einen teuflischen Charme besitzt. Aber er sei auch "zutiefst selbstbezogen und narzisstisch", sagt Cornwell, und sie gesteht: "Ich habe ihn gehasst."
Der Mann, der die Schriftstellerin zu solch stürmischer Emotion bewegt, heißt Walter Sickert und ist seit 75 Jahren tot. Für Kunstkenner ist Sickert ein Maler, der den Übergang vom Impressionismus zur Moderne verkörpert. Für Cornwell ist Sickert: Jack the Ripper.
Aber Cornwell sieht in Sickert mehr als jene Version des Rippers, die beinahe jeder kennt: ein Monstrum, das im Sommer 1888 aus dem Nichts auftauchte, um im Londoner Stadtteil Whitechapel von August bis November fünf Prostituierte auf bestialische Weise zu ermorden; und das dann genauso schnell wieder in der Versenkung verschwand.
Nach Cornwells Meinung tötete der Ripper viel mehr Menschen als bisher bekannt. Er sei mit der Zeit "immer geschickter geworden in der Ausführung seiner lüsternen und brutalen Raserei", mutmaßt die Autorin. Neben Frauen seien auch Kinder unter sein Messer geraten. "Vielleicht tötete er 20 Menschen, möglicherweise auch mehr."
Doch während in den finsteren Gassen Englands einer der blutrünstigsten Serientäter der Neuzeit herangewachsen sei, habe die Polizei "nach fünf Morden einfach aufgehört zu zählen", meint Cornwell.
Daher sei es auch nie gelungen, Walter Sickert auf die Spur zu kommen, der erst im Alter von 82 Jahren starb – und noch wer weiß wie lange dem Morden frönte, wie Cornwell glaubt. "Es gibt niemanden mehr, der ihn zur Rechenschaft ziehen kann", verkündet die Autorin. "Außer mir."
Nach anderthalb Jahrzehnten intensiver Ermittlungen glaubt Cornwell nun, den Maler endgültig als Ungeheuer entlarvt zu haben(*). Sie wendete Millionen ihres Privatvermögens auf, konsultierte Forensiker und Kunstexperten. Hat Sickert in seinen Gemälden grausame Details der Schlitzer-Morde verarbeitet? Benutzte der Künstler gar das gleiche Briefpapier wie der Ripper?
Inzwischen stellt sich jedoch mit gleicher Berechtigung die Frage, ob die Romanautorin tatsächlich eine der rätselhaftesten Mordserien aller Zeiten aufgeklärt hat – oder ob sie nicht vielmehr im Zuge der obsessiven Beschäftigung mit Sickert in eine Art Wahn abgeglitten ist.
Schon ihre Grundannahme mutet verwegen an: Eine Operation an seinem Genital habe Sickert als Kind schwer verstümmelt. Geschlagen mit einem "Loch im Penis", wie Cornwell diagnostiziert, sei der in München geborene Maler nie zu Sexualkontakten in der Lage gewesen. Die daraus resultierende Frustration habe den jungen Mann in einen manischen Frauenhasser und Mörder verwandelt, psychologisiert die Schriftstellerin weiter.
Sickert habe weder lieben noch Mitleid empfinden können, "er muss ein erbärmliches Dasein geführt haben", folgert Cornwell. Nur mag ihr bei dieser kühnen Annahme kaum ein Experte folgen.
Der Sickert-Biograf Matthew Sturgis ist regelrecht entsetzt über die vermeintlichen Erkenntnisse der Erfolgsautorin. "Dass keiner seiner Freunde, Ehefrauen, Kollegen, Geliebten – oder Biografen – je auf die Idee kam, dass er ein mörderischer Wahnsinniger gewesen sein könnte, macht überhaupt keinen Eindruck auf sie", konstatiert Sturgis. Auch der Umstand, dass Sickert zumindest ein Kind gezeugt und mit zahllosen Frauen geschlafen habe, bringe Cornwell offenbar nicht von ihrer wunderlichen Penisfixierung ab.
Bedenklicher noch: Laut Sturgis urlaubte Sickert mit seiner Familie in der Normandie, als ein Großteil der Morde begangen wurde. Aber nicht einmal von diesem Alibi lässt sich Cornwell beirren. Das Ganze sei eine fixe Idee, die umso beherrschender werde, je weniger Beweise sie finde, urteilt Sturgis.
Womöglich geht Cornwell in ihrem Feldzug dem pinselnden Exzentriker schlicht auf den Leim. Sickert äußerte etwa gegenüber seiner Freundin Lady Hamilton, er habe überhaupt keine Hemmungen, "zu töten und rohes Fleisch zu essen". Ein Indiz für das krankhafte Gemüt des Künstlers? Wohl kaum. "Sickert hat es geliebt, Leute zu überraschen und zu schockieren", befindet Sturgis.
Denkbar, dass sich der Maler zu einem besonders groben Schabernack hinreißen ließ und einen oder sogar mehrere jener Hunderten Bekennerbriefe schrieb, die bei Scotland Yard wegen der Ripper-Morde eingingen. Es habe sich unter Kriminalisten allerdings als Faustregel bewährt, sagt Sturgis, "dass Bekenner selten morden und Mörder sich selten bekennen".
Sturgis ist indes überzeugt, dass Provokateur Sickert beides sehr genossen hätte: sowohl die postume Rufschädigung als auch den daraus folgenden frischen Ruhm.

Mail: frank.thadeusz@spiegel.de
* Patricia Cornwell: "Ripper: The Secret Life of Walter Sickert". Thomas & Mercer; 570 Seiten; ca. 23,50 Euro.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 14/2017
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