08.11.1999

Die Spur des Gefährten

Ein seltsamer Pfotenabdruck in der Chauvet-Höhle gibt Rätsel auf. Muss die Geschichte des Hundes neu geschrieben werden?
Tief in der Höhle von Chauvet studierte Michel-Alain Garcia, Prähistoriker aus Paris, vorletzte Woche Tierfährten, über die sich der Calcitpanzer der Jahrtausende gelegt hatte. Er fand vor allem die Abdrücke vom Bären, aber auch die vom Löwen, vom Wolf und vom Hund.
Vom Hund? Garcia konnte es kaum fassen. Doch die Konturen im Höhlenboden sind eindeutig: Die Hundepfote unterscheidet sich von der des Wolfs vor allem in der Position der Zehen. Der Abdruck, vermutlich rund 25 000 Jahre alt, ist hervorragend erhalten, sogar die Krallen des Tieres haben Spuren hinterlassen.
Zweifel an der Identität des prähistorischen Tiers beseitigte Garcia in der Jugendherberge, die den Erforschern der Chauvet-Höhle als Stützpunkt dient. Er fotografierte die Fährte eines zufällig vorüberlaufenden Schäferhundes - sie war fast identisch mit derjenigen aus der Höhle.
"Ich habe hier einen Wolf aus der Vorzeit", sagt Garcia so vorsichtig wie ratlos, "der aussieht wie ein Hund."
Die Vorsicht des Forschers ist verständlich. Denn er weiß: Falls er Recht behalten sollte, müsste die Geschichte des Hundes umgeschrieben werden. Der Hund gilt zwar als ältester Freund des Menschen, doch bislang nehmen die Forscher an, dass die Wurzeln dieser Freundschaft nur 10 000 bis 14 000 Jahre zurückreichen. Erst als Menschen sesshaft wurden, so die Theorie, fingen sie an, Wölfe zu zähmen und später immer neue Varianten zu züchten - ob als Gefährte, Schoßtier, Jagdhelfer, Hüter von Vieh oder als wandelnde Fleischreserve.
Archäologische Funde bestätigten bisher die Theorie der späten Domestikation. Die Höhlenmaler von Chauvet zeichneten zwar Hyänen und Raubkatzen, ein Hund jedoch findet sich nicht in ihrer Galerie. Erst aus den vergangenen 14 000 Jahren finden sich eindeutig identifizierbare Hundeknochen in der Nähe menschlicher Siedlungen. Wölfe hingegen sind den Urmenschen seit 400 000 Jahren nah.
In dieses Bild passt Garcias Vorzeit-Pfote überhaupt nicht - in das der Genetiker aber schon. Vor zwei Jahren haben US-Forscher die Geburtsstunde des Hundes weit vordatiert: Schon vor 135 000 Jahren hätten Menschen angefangen, Wölfe zu domestizieren. Diesen Schluss jedenfalls ziehen Carles Vilà und Robert Wayne aus einem Erbgutvergleich an 162 Wölfen und 140 Hunden.
Der Mensch hätte nach diesem Szenario Wölfe aufgegabelt, kaum dass er aus Afrika in den Nahen Osten kam. Mensch und Hund eroberten dann gemeinsam die Welt, gleichsam beim Gassigehen.
Keinen Zweifel lassen die Genstudien im Übrigen daran, dass alle Hunderassen, ob handtaschengroßer Chihuahua oder bulimischer Windhund, vom Wolf abstammen. Kojoten und Schakale haben sich entgegen anderen Vermutungen genetisch nicht eingebracht.

DER SPIEGEL 45/1999
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