08.04.2017

SyrienAssad und die toten Babys

Das Regime setzt erneut Chemiewaffen gegen die Rebellen ein. Die grauenvollen Bilder erschüttern die Welt – und sogar US-Präsident Donald Trump. Ist doch noch eine Intervention des Westens im mörderischen Konflikt denkbar?
Am Tag nachdem über 50 Kinder, Frauen und Männer in Syrien gestorben waren, vermutlich durch das Nervengift Sarin, klang Donald Trump ein wenig, als habe er zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, Präsident zu sein.
"Die Welt ist ein Durcheinander, ich habe ein Durcheinander geerbt, und ich werde es beheben", so brach es aus ihm heraus, bei einer Pressekonferenz mit dem jordanischen König. Er klang, als habe er mit so komplizierten Problemen wie Syrien nicht gerechnet. Und vielleicht hat er das ja auch wirklich nicht.
Trump hatte die jüngsten Horrorbilder aus Syrien gesehen, in seinem Büro, im Fernsehen. Sie zeigten Kinder und Erwachsene in der Kleinstadt Chan Scheichun nach einem Angriff durch die Luftwaffe von Diktator Baschar al-Assad. Zuckend lagen sie am Boden, manche dann leblos, mit starren Pupillen.
Es waren Leichenberge zu sehen, übereinandergestapelte winzige Körper, aus denen jedes Leben entwichen war. Gespenstische, grausame Bilder, die um die Welt gingen. Viele westlichen Regierungen haben keine Zweifel daran, dass Assads Militärs die Bewohner von Chan Scheichun mit Chemiewaffen angriffen.
Die Bilder haben den US-Präsidenten offenbar tief erschüttert. "Wenn man unschuldige Kinder tötet, unschuldige Babys, kleine Babys, mit einem so tödlichen Gas", sagte Trump, "das überschreitet viele, viele Linien, mehr als nur eine rote Linie." Da wirkte er schon, als überlege er, militärisch in Syrien einzugreifen. Am Donnerstag zeigte sich, dass die Planungen vorangehen: Trump bestätigte gegenüber mehreren Kongressabgeordneten, er erwäge militärische Vergeltung, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Verteidigungsminister James Mattis sollte den Präsidenten detailliert über die militärischen Optionen unterrichten.
Pressesprecher Sean Spicer gab bekannt, Trump habe mit mehreren Staatschefs über eine "Schutzzone" für Zivilisten in Syrien gesprochen habe – eine Forderung, die Hillary Clinton im Wahlkampf erhoben hatte und die Trump damals als zu gefährlich zurückwies.
Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet Trump einen Militärschlag gegen das Assad-Regime anordnen sollte. Trump, der im Wahlkampf davon sprach, zusammen mit Russland und Assad den "Islamischen Staat" bekämpfen zu wollen und sich gegen "regime change" aussprach. Trump, der seinen Vorgänger Barack Obama mindestens 14-mal per Twitter beschwor, nicht in Syrien einzugreifen.
Nach den Bildern der toten Kinder von Chan Scheichun sagte Trump: "Meine Haltung in Bezug auf Syrien und Assad hat sich sehr geändert." Und seine Uno-Botschafterin Nikki Haley, die vergangene Woche noch gesagt hatte, Assad loszuwerden sei keine Priorität mehr für die USA, zeigte bei der Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrats am Mittwoch groß ausgedruckte Fotos. Sie drohte: Wenn die Uno es nicht schaffe, kollektiv zu handeln, dann gebe es "im Leben jeder Nation einen Moment, in dem sie selbst zur Tat schreiten muss".
Ist das die Macht der Bilder? Können sie den Kurs einer Regierung und eines Präsidenten in einem Augenblick so dramatisch verändern?
Denn ganz überraschend ist es ja nicht, was in Chan Scheichun geschah. Schließlich hat Baschar al-Assads Regime nicht nur Hunderttausende Zivilisten durch Fassbomben, Beschuss und Folter getötet, sondern auch immer wieder Chemiekampfstoffe eingesetzt, wenn auch schon lange nicht mehr auf so furchtbare Weise wie an diesem Dienstag gegen 6.40 Uhr.
Der Morgendunst hatte sich noch nicht verzogen, als zwei Su-22-Jets der syrischen Luftwaffe über Chan Scheichun auftauchten. Die meisten Menschen schliefen noch, als es kurz darauf vier Explosionen gab – drei große und eine kleine. In einem Video sieht man zwei riesige graue Staubsäulen über der Stadt und etwas entfernt davon eine kleinere weiße Wolke. Es war diese kleine Wolke, die rasend schnell alle Menschen in ihrem Umkreis tötete.
Es dauerte kostbare, tödliche Minuten, bis die Bewohner begriffen, dass Gift auf sie abgeworfen worden war. Den ersten Rettern, die schließlich mit Gasmasken in die Umgebung des Einschlagskraters kamen, bot sich ein schrecklicher Anblick: Einige Opfer hatten versucht zu entkommen, sie waren in Unterwäsche auf die Straße gerannt und dort erstickt, andere lagen leblos in Hauseingängen. Für manche waren die wenigen Schutzkeller zur Todesfalle geworden.
Die Überlebenden rangen um Luft, ihre Pupillen waren verengt, sie konnten kaum sehen. Es waren die gleichen Symptome wie beim durch spätere Bodenproben belegten Sarin-Angriff auf mehrere Vorstädte von Damaskus im August 2013.
"Es gab Dutzend um Dutzend Ohnmächtige, Röchelnde kamen hier an, denen lief der Speichel aus dem Mund; Kinder, Männer, Frauen, Alte. Die starben uns einfach so weg, ohne äußerliche Wunden, und wir wussten erst gar nicht, was wir tun sollten", erzählt Fadi Othman, einer der Krankenpfleger. "Die ersten 50 Patienten haben wir noch mit bloßen Händen angefasst."
Fünf Krankenschwestern und ein Arzt zeigten rasch die gleichen Symptome wie die Verletzten. "Erst anschließend haben wir Einweghandschuhe angezogen", fährt Othman fort, "dann haben wir die Patienten mit Wasser abgespült, sie aufgefordert, sich auszuziehen und ihre kontaminierte Kleidung draußen zu lassen."
Bald sei der ganze Hof vor dem Eingang voller Verletzter und Sterbender gewesen. "Da waren 400, 500 Menschen. Wir haben dann die Ambulanz gebeten, sie woanders hinzubringen. Wir haben drinnen höchstens Platz für 50 Patienten, und unser unterirdisches Krankenhaus füllte sich rasch mit den giftigen Dämpfen von der Kleidung und Haut der Patienten." So berichtet es der Krankenpfleger am Telefon.
Behandeln lassen sich die Symptome eines Sarin-Angriffs durch Atropin, das die tödliche Wirkung auf das Nervensystem hemmt. Doch Atropin ist in den Rebellengebieten rar; auch weil in den Tagen zuvor alle wichtigen Krankenhäuser in Chan Scheichun sowie in den Nachbarstädten der Provinzen Idlib und Hama durch Luftangriffe schwer beschädigt oder zerstört worden waren.
"Die Opfer sterben uns unter den Händen weg", sagte am Tag des Angriffs ein verzweifelter Rettungssanitäter in Chan Scheichun: "Wir haben nicht genug Atropin, die einzige Rettung ist der Transport in die Türkei, aber bis dahin schaffen es viele nicht." Mindestens 86 Menschen starben bis Donnerstagabend.
Als wäre der Angriff mit Chemiewaffen nicht schon furchtbar genug, wurde die Klinik von Chan Scheichun ab Dienstagmittag auch noch bombardiert. Weil sie im Untergrund lag, war sie vor den meisten Bomben und Raketen geschützt, nicht aber vor den schweren bunkerbrechenden Bomben, die in den vergangenen Monaten immer wieder von der russischen Luftwaffe eingesetzt wurden, meist abgeworfen von Bombern des Typs Su-34, über die Assads Armee nicht verfügt.
Und genau zwei solche Su-34 sollen laut Zeugenangaben am Dienstagmittag eine Attacke auf das Krankenhaus und das benachbarte Zentrum des Zivilschutzes in Chan Scheichun geflogen haben. "Wir waren gerade im OP, einen solch massiven Angriff habe ich noch nie erlebt", erzählt Mohammed Diab, der diensthabende Arzt. Viele Geräte wurden zerstört, die Mediziner mussten sich einen Weg aus dem Krankenhaus heraus graben.
Diab befürchtet, dass die Zerstörung der Kliniken nur der erste Teil eines größeren Plans ist. "Erst werden alle Behandlungsmöglichkeiten in den Provinzen Idlib und Hama zerstört. Dann werden die Zivilisten in den Dörfern angegriffen. Mit der Folge, dass die Kämpfer, die ja von hier sind, sich darum kümmern müssen, ihre Familien zu retten und sich zurückziehen."
Mit dieser Strategie könnte die syrische Armee versuchen, die beiden Provinzen, wichtige Rückzugsgebiete der Rebellen, einzunehmen. Dass Assad nun wieder Chemiewaffen einsetzt, dürfte als Botschaft des Schreckens an die Bevölkerung gemeint sein – mit dem Ziel, möglichst viele Menschen in die Flucht zu schlagen.
Doch wie immer streitet der Hauptverdächtige alle Schuld ab. Schon nach dem ersten großen Sarin-Angriff von 2013 mit etwa tausend Toten sagte Assad im SPIEGEL-Gespräch: "Wir haben keine Chemiewaffen eingesetzt. Das ist falsch." Fast wortgleich weist die syrische Führung auch diesmal die Schuld weit von sich, assistiert vom russischen Verteidigungsministerium.
Armeesprecher Igor Konaschenkow behauptete, die syrischen Piloten hätten am Dienstagmittag "ein großes Waffenlager der Terroristen" am Ostrand von Chan Scheichun getroffen. Auf dessen Gelände, so der Sprecher, "befanden sich Werkstätten zur Herstellung von Sprengsätzen, die mit Giftstoffen gefüllt wurden" – um dann in den Irak zum IS geliefert zu werden.
Nur erklärte er nicht, warum Kämpfer in der Nordwestprovinz Idlib Chemiewaffen für ihre Gegner im weit entfernten Irak herstellen sollten und warum die massenhaften Vergiftungserscheinungen schon Stunden zuvor am Morgen gemeldet worden waren. Hinzu kommt: Die Anti-Assad-Rebellen haben bisher – im Gegensatz zum IS – wohl nie Chemiewaffen eingesetzt. Ein Reporter des britischen "Guardian", der zur Absturzstelle gefahren war, berichtet, dort habe es keinerlei Hinweise auf Waffenlager gegeben, nur zwei halb zerstörte, leere Getreidesilos.
Bis zum Donnerstag war nicht endgültig erwiesen, welches Gift verwendet worden war. Doch auch die Weltgesundheitsorganisation WHO beschrieb die Symptome mancher Patienten als typisch für Nervenkampfstoffe – zu denen auch Sarin gehört.
Sollte es sich um Sarin handeln, wäre das russisch-syrische Narrativ noch unglaubwürdiger: Der flüssige Kampfstoff ist viel komplizierter herzustellen als Chlorgas und instabil; er wird meist kurz vor dem Einsatz aus zwei Komponenten gemischt. Eine davon ist hochexplosiv und hätte einen gewaltigen Feuerball erzeugt, wenn sie von einer Bombe getroffen worden wäre. Von einem solchen war am Dienstagmorgen nichts zu sehen. Die russischen Äußerungen wirken deshalb eher wie die Aufräumarbeiten für Moskaus syrischen Schützling.
Nach dem Sarin-Angriff von 2013 gab es keine Zweifel mehr, dass Assad bereit ist, Chemiewaffen gegen sein Volk einzusetzen. Ebenfalls klar ist seitdem, dass die Weltgemeinschaft dies hinnehmen wird.
Am 20. August 2012 hatte Obama gesagt: "Wir haben deutlich gemacht, dass für uns eine rote Linie überschritten ist, wenn eine ganze Menge chemischer Waffen bewegt oder eingesetzt wird." Fast genau auf den Tag ein Jahr später starben rund tausend Menschen in mehreren Vororten von Damaskus an den Folgen von Sarin. Doch dann zauderte Obama: Erst kündigte er ein unilaterales Vorgehen an, dann wollte er den Kongress um Zustimmung bitten. Schließlich boten die USA und Russland Assad einen Deal an: Es werde keine Angriffe geben, dafür müsse das Land alle Chemiewaffen abgeben. Unter der Schirmherrschaft der Uno und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, kurz OPCW, wurden 1300 Tonnen der Waffen vernichtet.
Seitdem sind Kriegsverbrechen in Syrien zur Normalität geworden, die keinen Aufschrei mehr verursachen. Angriffe auf Schulen, Bomben auf Krankenhäuser, das Aushungern von Städten, systematische Vertreibungen: All das kann das Regime ungestraft machen. Es kann sogar wieder Chemiewaffen einsetzen, die es eigentlich gar nicht mehr haben dürfte.
Die Zweifel daran, dass Assad damals sein gesamtes Arsenal aufgegeben hat, gibt es nicht erst seit Chan Scheichun. In vertraulichen Berichten hat die OPCW in der Vergangenheit mehrfach bemängelt, dass ihre wenigen Inspektionen in Syrien immer wieder undeklarierte Kampfstoffe aufgespürt hätten. Im Mai sagte ein desertierter Armee-Oberst in einem Fernsehinterview, chemische Kampfstoffe seien in der Saikal-Luftwaffenbasis versteckt worden.
Die OPCW und Ärzteorganisationen zählen, je nach Beleglage, zwischen 2011 und 2016 genau 161 Chemiewaffenangriffe. Seit Frühjahr 2014 hat das Regime immer wieder Chlorgas vor allem von Hubschraubern aus abgeworfen. Der SPIEGEL hat dies für mehrere Angriffe schon im April 2014 belegt; die OPCW bestätigte es in einem späteren Untersuchungsbericht ebenfalls. Das Allerweltsmittel Chlor lässt sich nicht verbieten – aber der Einsatz von Chlorgas als Waffe ist untersagt.
"Es ist nicht so, dass wir all dem tatenlos zusehen", so einer der führenden Experten der OPCW. "Hinter verschlossenen Türen kracht es gewaltig zwischen den Delegationen der Russen und Syrer auf der einen sowie Europäern und Amerikanern auf der anderen Seite. Aber am Ende scheitern alle Bemühungen an der Frage: Wer ist willens, diesem Regime militärisch Einhalt zu gebieten? Niemand."
Alle Versuche, Syrien im Uno-Sicherheitsrat zur Verantwortung zu ziehen, werden stets durch ein Veto Russlands blockiert. Der Resolutionsentwurf, den Frankreich, Großbritannien und die USA am Mittwoch vorlegten, war vorauseilend milde gehalten: Sanktionen wurden gar nicht erst verlangt, es ging auch nicht um die Schuldfrage, sondern lediglich um die Forderung, den Teams der OPCW Zugang zu den Flugplänen und Stützpunkten der syrischen Luftwaffe zu gewähren. Trotzdem scheiterte er am Einspruch Moskaus.
Der russische Uno-Vizebotschafter Wladimir Safronkow hielt eine Wutrede voller Behauptungen und Schuldzuweisungen, mit dem Ziel, dass am Ende eben doch ein Zweifel an der Schuld Assads bleibt. Es ist wenig verwunderlich, dass Russland die Beweise hartnäckig leugnet. Ein Chemiewaffenangriff des Regimes wirft nicht nur auf Russlands Syrieneinsatz ein schlechtes Licht, er bedroht auch Wladimir Putins diplomatische Erfolge. Vielleicht sagte deshalb Putins Sprecher am Donnerstag zweideutig: Man unterstütze Assad "nicht bedingungslos".
Es hat Jahre gedauert, bis sowohl die USA als auch die Türkei auf Moskaus Linie eingeschwenkt sind, wonach Assads Abgang keine Vorbedingung für eine Friedensregelung in Syrien ist. Russische Soldaten haben Assad bei der Rückeroberung Ost-Aleppos geholfen, damit hat Moskau bewiesen, dass es seine militärischen und diplomatischen Waffen wirkungsvoll einsetzen kann – während Washington und der Westen zuschauen. Bis zu dieser Woche sah es so aus, als würde Putin mit seinem riskanten Spiel durchkommen.
Nun scheint ausgerechnet Assad diese Pläne zu durchkreuzen. Denn die Belege für einen Chemiewaffenangriff des Regimes sind erdrückend. Und es gibt – außer den Videos und Bildern der Opfer, den übereinstimmenden Aussagen Überlebender sowie der noch bevorstehenden Auswertung von Bodenproben – ein zusätzliches Indiz: einen Mitschnitt des Funkverkehrs der syrischen Piloten mit dem Tower.
Zum Selbstschutz hören die Rebellen seit 2013 an zig Orten den Funkverkehr der syrischen Piloten und ihrer Basen ab. Sie verfolgen, welche Flugzeuge wann von welchem Flughafen aus starten, was den Piloten durchgegeben wird, welchen Kurs sie nehmen. Über Funkgeräte werden dann Rebellen, Krankenhäuser und andere bevorzugte Bombenziele gewarnt. Auch am Dienstagmorgen hörte ein Posten die Funksprüche zwischen Einsatzführung und Piloten mit, als die beiden Suchoi-Jets vom Militärflughafen Schairat bei Homs aufstiegen: "Um 6.26 Uhr meldete sich der Tower beim befehlshabenden Piloten", gab der diensthabende Mithörer dem SPIEGEL zu Protokoll, "der die Kennung Quds 1 hat. Normalerweise kommt nur die knappe Frage, ob er bereit sei, dann der Einsatzbefehl. Das Seltsame diesmal war, dass der Tower nachfragte, ob alle Bedingungen wirklich erfüllt seien und dass er dies noch einmal überprüfen solle."
"Ich höre seit vier Jahren mit", so der Funküberwacher, "ich kenne die Routine-Abläufe. Aber das hier war keine Routine." Einen Teil des Funkverkehrs konnte er mitschneiden, die Aufnahme liegt dem SPIEGEL vor. Er gab auch Alarm – bei den Falschen. Er alarmierte die Frontlinie, wo Assads Truppen seit Wochen unter Druck stehen. Doch die giftige Fracht ging über Chan Scheichun nieder.
Allzu unerwartet war der Angriff nicht. Schon am 30. März gab es im Ort Latamne einen kleinen, aber ungewöhnlichen Zwischenfall: Diesmal wurde nicht Chlorgas abgeworfen, sondern eine weit giftigere Substanz. Es gab keine Toten, aber Verletzte, die ähnliche Symptome zeigten wie Sarin-Opfer. Und was bemerkenswert ist: Auch dieser Pilot hatte, wie von Rebellen schon am 30. März bekannt gegeben wurde, die Kennung "Quds 1".
Die wenigen Experten, die den Angriff wahrnahmen, wunderten sich: Warum sollte Assads Militärführung Sarin einsetzen, dessen Spuren im Körper wie im Boden länger nachweisbar sind als Chlorgas? Fünf Tage später zeigte sich: Es war wohl ein Test, um auszuloten, wie die Welt reagiert. Sie reagierte nicht.
Es mussten erst 86 Menschen durch den Angriff in Chan Scheichun sterben, bis es eine Reaktion gab. Solch ein Angriff dürfe "nicht ohne Konsequenzen bleiben", so Außenminister Sigmar Gabriel. "Kein Kriegsverbrecher darf sich sicher fühlen." Dabei ist Konsequenzlosigkeit genau das, was diesen Krieg so lange andauern lässt. Bislang galt das Mantra: Es kann keine militärische Lösung geben.
Nun ist die öffentliche Empörung wieder groß – und Donald Trump denkt sehr laut über ein militärisches Eingreifen nach. Was das genau bedeutet, ist unklar. Trump verfügt über eingeschränkte Optionen. Die am wenigsten riskante Strafmaßnahme wäre es wohl, Assads Militärbasen aus der Luft anzugreifen, etwa mit Marschflugkörpern, und auf diese Weise seine Luftwaffe teilweise auszuschalten.
Aber wenn Trump tatsächlich eine Flugverbotszone oder Schutzzone für Zivilisten durchsetzen will, lässt sich dies wohl kaum nur aus der Luft bewerkstelligen. Dazu wäre vermutlich eine bedeutende Zahl von Bodentruppen nötig, es bedeutete eine massive militärische und logistische Operation.
Im Wahlkampf hatte Trump sich eindeutig gegen solche Pläne ausgesprochen und vor einem "Dritten Weltkrieg" gewarnt. Und tatsächlich besteht selbst bei einem begrenzten Militärschlag die Gefahr einer Konfrontation der US-Luftwaffe mit russischen Jets und Flugabwehrstellungen. Vor vier Jahren, als Trump so eindringlich vor einem Eingreifen warnte, war die Lage dafür wesentlich günstiger: Russland war im Land nicht aktiv, es gab auch noch eine große Zahl von moderaten Rebellen. Für viele Beobachter ist überraschend und auch ein wenig unheimlich, wie schnell Trump nun seine Meinung geändert hat.
Auch der türkische Justizminister Bekir Bozdağ sagt: "Wir haben keine Zweifel, dass das Assad-Regime Chemiewaffen eingesetzt hat." Viele Überlebende des Chemiewaffenangriffs werden mittlerweile in türkischen Kliniken behandelt, nach Auskunft des Gesundheitsministeriums mehr als 50 Patienten. Der Katastrophenschutz hat an der Grenze Zelte aufgebaut, wo Opfer versorgt und desinfiziert werden.
Im Universitätsklinikum der Stadt Antakya im Südosten der Türkei liegt Obai Alsafar, fünf Jahre alt. Er trägt eine Atemmaske um Mund und Nase. Seine Augen sind glasig, doch er ist ansprechbar. Obai erzählt, dass er schlief, als die Jets angriffen. Als die Bomben einschlugen, stürmte er mit seinen Eltern ins Freie. Plötzlich, sagt er, sei ihm schwindlig geworden. Seine Muskeln verkrampften sich, er stürzte zu Boden, wurde ohnmächtig. Ein Krankenwagen brachte ihn über die Grenze.
Die Ärzte in Antakya erzählen, Obai sei in sehr schlechtem Zustand gewesen, als er eingeliefert wurde. Schaum rann aus seinem Mund. "Vieles deutet auf Sarin hin", sagt einer der Ärzte. "Aber wir können es nicht mit letzter Gewissheit sagen." Der Junge erholt sich langsam, während seine Blutproben jetzt auf dem Weg nach Ankara sind – gerichtsfeste Indizien für die Grausamkeit des syrischen Regimes.
Drei weitere verstorbene Opfer wurden in der Stadt Adana von türkischen Medizinern sowie Vertretern der OPCW obduziert. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden Kampfstoffe gefunden. Alle Proben sollen später nach Den Haag geschickt werden, zum Internationalen Strafgerichtshof. Dort wird sich Baschar al-Assad vielleicht eines Tages verantworten müssen. Oder auch nicht.

Christian Esch, Maximilian Popp, Jan Puhl, Christoph Reuter, Mathieu von Rohr, Christoph Scheuermann, Christoph Sydow


Aktualisierung

Trumps Militärschlag gegen Assads Luftwaffe – und die Folgen

Kurz nach Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe, um 2.40 Uhr deutscher Zeit, ordnete Präsident Donald Trump einen Militärschlag gegen den Luftwaffenstützpunkt Schairat an – von dort aus waren am Dienstag die beiden Su-22-Jets aufgestiegen, die den mutmaßlichen Chemiewaffen-Angriff auf die Kleinstadt Chan Scheichun ausführten.Die Kriegsschiffe „USS Porter“ und „USS Ross“ im Mittelmeer feuerten 59 Tomahawk-Marschflugkörper ab, sie sollten syrische Jets, Luftschutzbunker, Aufklärungsstationen, Munitionslager und die Luftabwehr treffen. Der Flugplatz Schairat ist eine der zentralen Basen des Regimes, auch russische Truppen sind dort stationiert. Sie wurden laut US-Angaben vorab informiert, zudem seien die Teile der Basis, in denen Russen stationiert sind, nicht ins Visier genommen worden.Das genaue Ausmaß der Zerstörung war unklar: Das russische Fernsehen sendete Aufnahmen aus dem Inneren des Stützpunktes, die einige eingestürzte Gebäude und beschädigte Hangars zeigten; es waren aber auch intakte Jets zu sehen. Laut russischem Fernsehen seien neun Maschinen zerstört worden. Nach syrischen Regierungsangaben kamen mindestens fünf Menschen ums Leben. Bei den Toten handle es sich um drei Armeeangehörige und zwei Zivilisten – es wurden aber auch andere Zahlen genannt.Der US-Angriff kam trotz Donald Trumps Warnungen überraschend, er war in seinem Umfang jedoch begrenzt – es handelt sich um einen weitgehend symbolischen Vergeltungsschlag, der wenig an den grundlegenden Kräfteverhältnissen im Konflikt ändert. Doch Trump zeigt Assad damit klare Grenzen auf: Der Gebrauch von Chemiewaffen bleibt nicht ungestraft. Die „rote Linie“, die Barack Obama gezogen hatte, die er aber 2013 nicht durchsetzte, hat Trump nun mit militärischen Mitteln für alle Welt sichtbar bekräftigt.Die große Frage für die kommenden Tage und Wochen lautet nun, was daraus folgt: ob Trump nur einen schnellen militärischen Erfolg suchte oder eine grundlegend neue Strategie im Konflikt einschlägt. US-Außenminister Rex Tillerson hatte zuvor von einer „neuen internationalen Anstrengung“ gesprochen, die unternommen werden müsse, um das Regime von Baschar al-Assad abzusetzen und für einen „Übergang“ zu sorgen.Ob das gelingen kann, hängt nicht zuletzt von Russland ab, das auch nach dem Angriff von Chan Scheichun weiter an Assad festhält. Während die europäischen und arabischen Verbündeten Amerikas den amerikanischen Luftschlag begrüßten, verurteilten ihn Assads Schutzmächte Russland und Iran. Doch die Reaktion aus Moskau fiel erstaunlich milde aus: Zwar ließ Präsident Wladimir Putin den Angriff über seinen Sprecher verurteilen. Er halte ihn „für eine Aggression gegen einen souveränen Staat und einen Bruch des Völkerrechts, und zwar unter falschem Vorwand“, sagte er. Außerdem „suspendierte“ Moskau ein Abkommen, das Zusammenstöße im Luftraum über Syrien verhindern soll, kündigte es aber nicht auf. In der Nacht waren die russischen Luftabwehrstellungen, die eigentlich „Tomahawk“-Marschflugkörper hätten abschießen können, nicht aktiv geworden.Die Statements aus Moskau ließen zwar auf Enttäuschung über Trump schließen, aber auch keinen Willen zur Eskalation erkennen. Das Treffen von US-Außenminister Tillerson und seinem russischen Gegenüber Sergej Lawrow, das am Mittwoch in Moskau stattfindet, könnte einen Hinweis darauf geben, wie es in Syrien weitergeht – und ob Moskau bereit sein könnte, sich an einer internationalen Lösung zu beteiligen.Als Trump seinen Militärschlag befahl, befand er sich in seinem Luxusresort Mar-a-Lago in Florida, zusammen mit seinem Gast, dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping. Von ihm verlangt Trump mehr Unterstützung bei der Lösung eines anderen geopolitischen Problems: der nordkoreanischen Atombombe. Ganz nebenbei erhielt Xi eine Demonstration, dass Trump zu handeln gewillt ist.Auch innenpolitisch verschafft der Schlag Trump Entlastung: Die nicht enden wollenden Skandale und Untersuchungen bezüglich der möglichen Zusammenarbeit von Mitgliedern seines Wahlkampfteams mit Moskau werden zumindest kurzfristig von den Nachrichten über den Militärschlag überlagert. Es wird interessant sein, die Auswirkungen auf seine bisher rekordtiefen Zustimmungswerte zu sehen.Auch den Verdacht, dass er in Wahrheit ein Kandidat Moskaus sei und den Makel, dass er auch mit russischer Hilfe an die Macht kam, hat er mit dem Schlag ein wenig zerstreuen können. Der Präsident hat aus dem Bauch gehandelt – und innerhalb weniger Tage die Außenpolitik umgewälzt, die er selbst formuliert hatte. Mit solchen fundamentalen Kehrtwenden scheint Trump kein Problem zu haben.Die Frage für die Zukunft lautet nun, ob Trump das plötzliche Lob, das er selbst von politischen Gegnern für sein entschlossenes militärisches Handeln erhält, dazu verleiten könnte, Ähnliches bald wieder zu tun.
Mathieu von Rohr

Stand: Freitag, 17.30 Uhr

Lesen Sie auch auf Seite 86

Rex Tillerson – US-Außenminister ohne Macht

DER SPIEGEL 15/2017
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