15.04.2017

ZukunftAlchemie des ewigen Lebens

Mit Blutextrakten, Wunderpillen und Tinkturen versuchen Forscher, das Alter zu überlisten. Zugrunde liegt ein Traum, der so alt ist wie die Menschheit: den Tod zu besiegen und Unsterblichkeit zu erlangen. Besonders anfällig sind Internetmilliardäre.
Seit je fällt es dem Menschen schwer, den Tod zu akzeptieren. Wie unerträglich muss es da erst erscheinen, dass auch der Stellvertreter Jesu Christi sterblich ist. Gibt es keinen Weg, den Tod zu überwinden?, fragte sich der Legende nach im Jahr 1492 der Leibarzt von Papst Innozenz VIII., als dieser von schwerer Krankheit gezeichnet im Bett lag.
Der Mediziner besann sich auf eine Lehre, der zufolge dem Saft in den Adern eine geheime Lebenskraft innewohne. Drei zehnjährige Knaben ließ er zur Ader und reichte deren Blut dem siechen Innozenz. Keiner der drei Jungen überlebte die Prozedur; der Papst starb wenig später.
Mehr als ein halbes Jahrtausend ist seit jenem vergeblichen Versuch verstrichen, den Tod zu überlisten. Nun hat es den Anschein, als sei die Idee des päpstlichen Leibarztes in anderer Gestalt wiedergeboren: Aufs Neue haben sich Wissenschaftler daran gemacht, im Blut nach dem Jugendelixier zu suchen.
Heute werden nicht mehr Kinder, sondern Versuchstiere für solch blutige Experimente herangezogen. Als Erfolg versprechend gilt vor allem ein Verfahren namens Parabiose. Die Forscher nähen dabei junge und alte Mäuse aneinander.
Vor der Operation werden die Tiere wochenlang aneinander gewöhnt, der Eingriff selbst geschieht unter sterilen Bedingungen. Der Mäusechirurg entfernt bei beiden Tieren eine dünne Hautschicht und tackert die zwei Stellen sodann zusammen. Um zu verhindern, dass die Mäuse die Naht aufreißen, werden je ein Vorder- und ein Hinterbein zusammengeschnallt.
Im Verlauf der Wundheilung wachsen die Äderchen beider Mäuse zusammen. Fortan strömt das Blut, gepumpt von zwei Herzen, durch den Doppelkörper. Die verwachsenen Tiere fressen zusammen, sie schlafen zusammen, und sie humpeln zusammen durch den Käfig.
Die Wissenschaftler aber gehen vor allem einer Frage nach: Altern sie nun auch zusammen?
Gerontologen interessieren sich für parabiotische Mäuse, seitdem sie entdeckt haben, dass junge Tiere dabei auf ältere wie eine Verjüngungskur wirken: Das jugendliche Blut, das durch ihre Adern pulst, lässt ihr Fell glänzender, ihre Muskeln straffer, ihr Herz kräftiger werden – ja sogar das Lernvermögen steigert sich plötzlich wieder auf jugendfrisches Niveau. Im Blut junger Mäuse scheint folglich ein Wundermittel zu schwimmen, das die Lebensuhr rückwärts laufen lässt. Es ist wenig erstaunlich, dass dies die Forscher in Verzückung versetzt.
Schon glauben einige Wissenschaftler, die Jungbrunnenessenz im Blut identifiziert zu haben. Alternsforscher an der Harvard-Universität haben einen Wachstumsfaktor namens GDF 11 in Verdacht, ihre Kollegen an der Universität von Kalifornien in Berkeley dagegen schreiben dem Liebeshormon Oxytocin die verjüngende Wirkung zu.
Noch ist weitgehend unklar, was sich während der wundersamen Wandlung im Mäusekörper tut. Dennoch hat die Biotech-Firma Alkahest im kalifornischen Menlo Park bereits mit den ersten Tests begonnen: Sie appliziert 18 Alzheimerkranken das Blutplasma junger Spender, in der Hoffnung, dass so ihr Gedächtnis wiederkehrt. Mit dem Ziel, in einer Studie mögliche Anti-Aging-Wirkungen zu untersuchen, bietet ein Start-up mit dem verheißungsvollen Namen Ambrosia sogar Gesunden eine solche Blutplasmakur an. Allerdings verlangt das Unternehmen dafür 8000 Dollar, was zu einer hitzigen Debatte in der Gemeinde der Alternsforscher geführt hat.
Die müssen sich ohnehin um ihr Image sorgen. Jugendliches Blut, Liebeshormone, gruselige Mäuseexperimente – all das klingt, als wäre es der Fantasie eines Alchemisten entsprungen. "Die Leute auf den Konferenzen munkeln schon von Vampiren", sagt Alternsforscher Tony Wyss-Corey, einer der Gründer der Firma Alkahest. Denn war nicht auch in der Legende des Grafen Dracula das Blut junger Frauen ein Lebenselixier der Untoten?
Es macht die Sache nicht appetitlicher, dass Forscher des Kölner Max-Planck-Instituts für die Biologie des Alterns nun auch jugendfrischen Exkrementen die Kraft der Verjüngung zuschreiben. Sie fütterten Fische mit dem Kot jüngerer Artgenossen. Die Lebensspanne der Tiere verlängerte sich daraufhin um verblüffende 40 Prozent. Das Jugendstimulans, so vermuten die Wissenschaftler, entstamme den im Darm der Jungfische siedelnden Bakterien.
Dass in Blut oder Kot womöglich Verjüngungskraft schlummert, mag die bizarrste Verheißung der Alternsforscher sein; doch ist sie beileibe nicht die einzige. Viele Ansätze werden in den Labors verfolgt, und wie die Parabiose, so rufen auch andere ein leichtes Schaudern hervor.
So sind die Nacktmulle zu großen Stars des Forschungszweigs geworden: hässliche Kreaturen mit plumpem Leib, schrumpeliger Haut und zwei monströsen Nagezähnen. Die Wissenschaftler interessieren sich für diese Ungeheuer, weil sie bis zu 30 Jahre alt werden können – und damit rund zehnmal so alt wie Maus, Hamster oder andere Nagetiere. Als wären sie schon vor ihrem Exitus in den Hades hinabgestiegen, scheinen die Nacktmulle, fast blind in der Finsternis ihrer unterirdischen Bauten, dem Ziel urlangen Lebens erstaunlich nahe gekommen zu sein.
Dieses Ziel versuchen die Forscher nun auch bei anderen Spezies zu erreichen. Schon haben sie das Leben von Fruchtfliegen, Zebrafischen und Labormäusen mithilfe von Hormonen, Genspritzen und anderen Tricks beträchtlich verlängert. Bei Fadenwürmern gelang es ihnen sogar, die Lebensspanne gentechnisch zu verzehnfachen.
Das besondere Interesse der Wissenschaftler aber gilt der Spezies Mensch. Erkenntnisse versprechen sie sich hier vor allem von jenen Fällen, in denen der Alternsprozess von der Norm abweicht. So altern Kinder mit der sogenannten Progerie im Eiltempo. Schon als Teenager weist ihr Körper viele der Symptome des Greisenalters auf. Noch erstaunlicher ist die Krankheitsgeschichte jener fünf Mädchen, die der britische Gerontologe Richard Walker untersucht. Ein Erbleiden führt bei ihnen dazu, dass sich ihr Körper dem Alternsprozess verweigert. Selbst als Zehnjährige sehen sie noch aus wie Babys, auch geistig verharren sie auf Kleinkindniveau. Walker glaubt deshalb, dass ihr Genom das Geheimnis ewiger Jugend enthalten könnte.
In der Gerontologie geht es aber längst um mehr als Kuriositäten. Das Ziel sind vielmehr handfeste Interventionen. Und diese scheinen plötzlich in Reichweite zu kommen. Was jahrelang bloße Grundlagenforschung war, steht unvermittelt an der Schwelle zur klinischen Praxis: Eine Vorhut von Wissenschaftlern hat den Sieg über den Tod ins Visier genommen.
Demnächst soll die erste klinische Studie starten, deren Ziel die Verlängerung des menschlichen Lebens ist. Das Team des New Yorker Alternsforschers Nir Barzilai will rund 3000 gesunden Männern und Frauen im Alter zwischen 65 und 79 Jahren Metformin-Pillen verabreichen.
Medizinern ist der Wirkstoff vertraut, denn schon seit Jahrzehnten ist er eines der gebräuchlichen Diabetesmittel. Weil sich bei Zuckerkranken die Hinweise darauf häuften, dass das Medikament ihnen auch Schutz vor Herzinfarkten, Schlaganfällen, Demenzerkrankungen und sogar vor Krebs zu gewähren scheint, will Barzilai es nun als Mittel gegen das Alter an sich testen.
Er muss dafür radikal mit Gepflogenheiten der Arzneimittelentwicklung brechen. Denn normalerweise wird in einer klinischen Studie stets nur die Wirksamkeit eines Mittels gegen ein wohldefiniertes Leiden untersucht. Barzilai aber will feststellen, ob Metformin die Gesundheit der Probanden insgesamt aufrechterhält. Sein Kollege Jay Olshansky von der Universität von Illinois in Chicago ist begeistert. Das Leben pharmakologisch zu verlängern sei in den Bereich des Machbaren gerückt: "Es ist plausibel, es ist möglich", sagt Olshansky. "Und es wäre die bedeutendste medizinische Intervention der Moderne."
Anderen geht selbst das noch nicht schnell genug. Sie wollen die langwierige Zulassungsprozedur der Arzneimittelbehörde FDA umgehen. So flog Elizabeth Parrish, die Chefin der in Seattle ansässigen Biotech-Firma Bioviva, nach Kolumbien, um sich dort ohne Zustimmung der FDA selbst die von ihrer Firma entwickelte Genspritze gegen das Alter setzen zu lassen. Der Biologe Leonard Guarente vom Massachusetts Institute of Technology entschied sich unterdes, seine Pille gegen das Altern nicht als Medikament, sondern als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt zu bringen. Seit vorigem Jahr bietet die Firma mit dem Heil versprechenden Namen Elysium Health "Basis"-Kapseln zum Preis von 50 Dollar pro Monatsdosis an – mit dem ausdrücklichen Segen von sechs Nobelpreisträgern, wie das Unternehmen werbewirksam auf seiner Website verkündet.
Warum nur überbieten sich die Forscher mit ihren oftmals unhaltbaren Heilsversprechen? Woher kommt die Besessenheit, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen – und damit letztlich einen Kampf aufzunehmen, den der Mensch wohl nie wird gewinnen können?
Gewiss, vordergründig gelten die Bemühungen der Wissenschaftler dem Versuch, die Gebrechen des Alters zu lindern; und dies ist zweifellos ein Feld, auf dem sich Erfolge erzielen lassen. Tatsächlich aber geht es vielen um mehr: In den meisten Projekten der Alternsforscher kommt mehr oder weniger explizit die Sehnsucht zum Ausdruck, das Alter an sich besiegen zu können.
Die einen bekennen sich ganz offen zu diesem Ziel. Besonders lautstark und radikal tut sich hier der britische Bioinformatiker Aubrey de Grey hervor, ein exzentrischer Visionär von hagerer Gestalt mit langem Zauselbart und rotbraunem Zopf im Nacken. Ungeniert verkündet er, der erste Mensch, der seinen 1000. Geburtstag erleben werde, sei vermutlich heute schon geboren.
Bei anderen tritt der Traum vom ewigen Leben versteckter zutage – indem sie das Alter zur behandelbaren Krankheit erklären. Das Altern beginnt in ihrer Vorstellung, wenn das erste Härchen ergraut und die erste Runzel gebildet ist. Es ist dies der Anfang eines Prozesses, der Teil des menschlichen Lebens ist und irgendwann unweigerlich in den Tod mündet. Wer meint, diesen Prozess stoppen zu können, der verspricht implizit ewige Jugend und die Überwindung des Todes.
Deutlich macht dies eine Rechnung des Hedgefonds-Managers Joon Yun aus dem kalifornischen Silicon Valley, der einen Eine-Million-Dollar-Preis ausgelobt hat für das Erreichen des Ziels, "den Code des Lebens zu knacken und das Altern zu heilen": Bei einem gesunden 25-Jährigen, so rechnet Yun vor, liege die Wahrscheinlichkeit, dass er vor seinem 26. Geburtstag stirbt, bei etwa 0,1 Prozent. Wenn es nun gelänge, die Sterblichkeit auf diesem Niveau zu stabilisieren, würden Menschen im Schnitt an die 1000 Jahre alt werden.
Es ist kein Zufall, dass diese Überlegung im Silicon Valley geboren wurde. Denn nirgendwo grassiert die Sehnsucht, Unsterblichkeit zu erlangen, so sehr wie in der von Technikeuphorie beherrschten kalifornischen IT-Branche. Google-Mitgründer Sergey Brin hob 2013 einen Biotech-Ableger namens Calico aus der Taufe, dessen Ziel eine Therapie des Alterns ist. Calicos Versprechen, den Menschen ein "gesünderes und längeres Leben" zu schenken, nimmt sich noch geradezu bescheiden aus.
Larry Ellison, der Gründer von Oracle, verkündete, dass der Tod ihn "sehr wütend" mache – und spendete fast eine halbe Milliarde Dollar für die Unsterblichkeitsforschung, um seinem Ärger Luft zu machen. Der deutschstämmige PayPal-Mitgründer Peter Thiel, der dank einer Paläodiät und einem sorgfältig ausgetüftelten Regime von Wachstumshormonen 120 zu werden hofft, hält mit seinen großzügigen Millionenspritzen die Stiftung des Anti-Altern-Propheten de Grey am Leben.
Es scheint, als fördere die Erfahrung, dass in der virtuellen Welt der Computer dem Möglichen keine Grenzen gesetzt sind, den Glauben daran, dass auch das reale Leben grenzenlos sei. "Wenn Sie Ihre Milliarden in einem Industriezweig gemacht haben, der auf der präzisen Kontrolle von Nullen und Einsen beruht, warum sollten Sie dann nicht glauben, diese Kontrolle auch auf Atome und Moleküle ausdehnen zu können?", meint der Technikhistoriker Patrick McCray von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara.
So kommt es, dass gerade Zukunftsmacher Brin, Ellison, Thiel und viele andere IT-Milliardäre besonders anfällig für einen Traum sind, der vermutlich so alt wie die Menschheit ist.
Zwar vermag niemand mit Gewissheit zu sagen, wann sich im Homo sapiens erstmals das Bedürfnis oder gar die Zuversicht regte, dem Tod entrinnen zu können. Doch spricht vieles dafür, dass diese Hoffnung dem Bewusstsein des Todes selbst entsprang: Kaum dass der Mensch seiner eigenen Endlichkeit gewärtig wurde, suchte er diesen unerträglichen Gedanken mit Jenseitsfantasien zu betäuben.
Und der Mensch war dieses Trostes offenbar zutiefst bedürftig. Warum sonst sollte jede Kultur dieser Welt ihre eigene Variante ewigen Lebens ersonnen haben – obwohl dies doch aller menschlichen Erfahrung widerspricht?
Die Details unterscheiden sich: Muslime lassen die Seelen der Verstorbenen eine Reise in die Glückseligkeit antreten; Buddhisten schlüpfen nach dem Tod einfach in neue Körper; Christen werden ins Reich Gottes aufgenommen, um dann zum Tag des Jüngsten Gerichts, gekleidet in ihren alten Körper, wiederaufzuerstehen. Den Religionen aber ist gemein, dass sie die augenscheinliche Tatsache verleugnen, dass das Leben mit dem Tod endet.
Menschen haben viel Aufwand betrieben, um die Illusion vom Widerruf des Todes aufrechtzuerhalten. Monumentale Pyramiden in Ägypten und Mexiko haben sie mit der Kraft ihrer Hände aufgetürmt, unzählige Totentempel und -städte errichtet – und all dies nur, um den Glauben daran zu stärken, dass ein Fortbestehen nach dem Tode möglich sei. Ein erheblicher Teil allen kulturellen Schaffens gilt diesem größten menschlichen Selbstbetrug.
Da erscheint es nur folgerichtig, dass auch das älteste überlieferte Stück der Menschheitsliteratur diesem Thema gewidmet ist. Das mehr als 4000 Jahre alte Gilgamesch-Epos schildert, wie der machtvolle König Gilgamesch in Verzweiflung verfällt, als sein Freund Enkidu an einer Krankheit stirbt. Nie mehr kann er fortan vergessen, dass auch ihn dieses Schicksal erwartet. Bis ans Ende der Welt reist er, um von seinem Urahn Uta-napischti das Geheimnis der Unsterblichkeit zu erfahren. Der jedoch überzeugt Gilgamesch, dass er nicht einmal den kleinen Bruder des Todes, den Schlaf, zu bezwingen vermag.
Die Aufklärung bedeutete eine Zäsur im Verhältnis des Menschen zum Tod. Erstmals bewährte sich ein Welterklärungsmodell, das ohne Götter und übernatürliche Kräfte auskam. Die moderne Wissenschaft begreift den Menschen als Organismus, der im Tod sein Ende findet. Für ein Jenseits ist in diesem Weltbild kein Platz.
Doch nun zeigt sich: Auch die vermeintlich so rational denkenden Wissenschaftler sind oftmals nicht bereit, ganz auf Unsterblichkeitsfantasien zu verzichten – nur dass sie, weil das Jenseits für sie abgeschafft ist, gezwungen sind, den Traum vom ewigen Leben ins Diesseits zu verpflanzen. Zwei unterschiedliche Visionen halten die Hoffnung wach, dass die Unsterblichkeit auf Erden möglich sein könnte.
Die eine wird besonders von Computervisionären propagiert. Sie finden sich mit der Vergänglichkeit des Körpers ab und setzen stattdessen darauf, das geistige Ich von seiner sterblichen Hülle zu befreien. Die Grundidee: Es gelte, den Inhalt des Gehirns auszulesen und im Computer hochzuladen. Das "Mind uploading" kommt dem Aufstieg der Seele in den digitalen Himmel gleich.
Googles Cheffuturist Ray Kurzweil hat sogar ausgerechnet, wie lange es noch dauern wird, bis die Technik des Hirnhochladens ausgereift ist. Das Ergebnis gibt dem heute 69-Jährigen durchaus Hoffnung, selbst noch die Wiederauferstehung im Computer zu erleben. Seiner Hochrechnung zufolge müsste Kurzweil bis zum Jahr 2045 durchhalten; er wäre dann 97.
Die zweite Variante angeblich wissenschaftlich begründeter Unsterblichkeit besteht in der Vorstellung, den Körper dauerhaft gegen den Verfall zu wappnen. Und weil der einfachste Weg, biologisches Gewebe zu konservieren, darin besteht, es einzufrieren, bieten die sogenannten Kryoniker ihrer Kundschaft an, sie unmittelbar nach dem Tod in flüssigem Stickstoff zu verwahren.
204 Körper lagern bereits in den Kühltanks der beiden amerikanischen Kryonikfirmen Cryonics Institute und Alcor, weitere werden beim russischen Anbieter KrioRus verwahrt. Blut und Gewebsflüssigkeit wurden bei den "Patienten", wie Leichname hier heißen, durch ein Gemisch aus Äthylenglykol und Dimethylsulfoxid ausgetauscht. Durch das schnelle Abkühlen auf tiefe Temperaturen verglasen Organe und Gewebe, statt scharfkantige Kristalle zu bilden, welche unweigerlich die Zellen zerstören würden.
Aber natürlich ist es nicht das Leben im ewigen Eis, wonach die Kunden der Kryoniker streben. Wer sich gegen Vorauszahlung von 28 000 Dollar in flüssigen Stickstoff versenken lässt, der hofft auf spätere Wiederauferstehung. Dereinst, so sagt es der mit Cryonics Institute oder Alcor abgeschlossene Vertrag, werde der Körper aufgetaut, um ein zweites, diesmal hoffentlich dauerhaftes Leben anzutreten. Voraussetzung dafür ist, dass die Wissenschaft bis dahin das Ärgernis des Alterns aus der Welt geschafft hat.
Erst Mitte November wurde der Fall einer 14-jährigen Britin bekannt, deren Körper nunmehr im Kältetank schwimmt. Vor Gericht hatte sie sich das Recht erstritten, sich nach ihrem Krebstod einfrieren zu lassen, in der vagen Hoffnung, "dass es in Zukunft eine Heilung meines Krebses geben wird und sie mich aufwecken werden".
Wahrscheinlicher allerdings ist, dass sie der eisigen Gruft niemals entkommt. Denn vieles spricht dafür, dass das Alter prinzipiell unheilbar ist und die Unsterblichkeit ein bloßer Traum bleiben wird. Zudem verkennt, wer das Alter abschaffen will, dass es sich dabei um eine der großen Errungenschaften in der Geschichte des Lebens handelt.
Ewige Jugend muss nicht erst erfunden werden. In der Natur gibt es sie längst, und das seit Milliarden Jahren. Unsterblichkeit ist gleichsam der Urzustand, in dem das Leben geboren wurde. Denn primitive Einzeller bringen, wenn sie sich teilen, immer aufs Neue Nachkommen hervor, die ebenso jung und frisch sind wie sie selbst.
Sogar mit der Entstehung der ersten vielzelligen Wesen war noch nicht automatisch die Erfindung des Alterns verbunden. Das zeigt ein Langzeitexperiment am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Seit zehn Jahren umhegen die Wissenschaftler dort in Aquarien Süßwasserpolypen ("Hydra"), knapp einen Zentimeter lange, stecknadeldünne Tierchen mit transparenten Tentakeln. Im Laufe der Zeit hat der Stammpolyp Hydra 1 mehr als 30 000 Nachkommen durch ungeschlechtliche Vermehrung hervorgebracht. Das Schicksal von 1800 von ihnen haben die Forscher detailliert verfolgt.
Insbesondere haben Biodemograf Ralf Schaible und seine Mitarbeiter sorgfältig alle Todesfälle protokolliert. Was er dabei herausfand: Die Sterblichkeit blieb über all die Jahre hin unverändert. "Hydra altert nicht", konstatiert Schaible.
Erst höhere Lebensformen schlossen jenen Generationsvertrag ab, der sich Alter nennt: Die Älteren treten seither nach einer von biologischen Prozessen vorausbestimmten Lebensspanne ab, um den Jüngeren Platz zu machen. Würde der Mensch diesen Kontrakt aufkündigen, käme es bald zum Krieg der Generationen: Die Jugend würde rebellieren gegen die Allgegenwart der unsterblichen Greise.
Klüger ist es da, sich mit der Unabänderlichkeit der eigenen Sterblichkeit zu versöhnen. Über Jahrhunderte hin mahnten Philosophen, dass nur derjenige Glück auf Erden werde erlangen können, der Frieden schließe mit dem Tod, statt ihn zu verleugnen oder gegen ihn aufzubegehren.
Ein solcher Frieden, so lehrte Epikur schon im dritten vorchristlichen Jahrhundert, sei durchaus möglich. Denn letztlich verliere der Tod für jene allen Schrecken, die begriffen, dass er für uns Menschen gar nicht existiere: "Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr." Erst diese Erkenntnis mache das "vergängliche Leben köstlich".
Gut 1800 Jahre später mahnte Michel de Montaigne die Menschen, sich dem Tod zu stellen. Allzu sehr neige das Volk dazu, ihn zu verleugnen: "Die Menschen, sie kommen, sie gehen, sie schlendern, sie tanzen – und vom Tod hat keiner etwas gehört." Tatsächlich aber helfe es nichts, "wenn wir den Blick ohne Unterlass wie in Feindesland hierhin und dorthin wenden". Der Tod hänge "stets über uns wie des Tantalus Felsen".
Folglich komme es darauf an, dem Tod mutig entgegenzutreten: "Pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn!", ruft Montaigne seinen Lesern zu. Nur wer gelernt habe zu sterben, sei fähig, das Leben zu genießen.
Die Unsterblichkeit hingegen sei keineswegs erstrebenswert. Montaigne graust vor der Vorstellung, dass das Leben nie ein Ende nähme. Saturn, den Gott der Zeit und der Dauer, lässt er deshalb zu den Menschen sagen: "Hättet ihr nicht den Tod, ihr würdet mich unablässig verfluchen, dass ich ihn euch vorenthalten habe."
Was indes weder Epikur noch Montaigne wussten: dass verborgen im Innern des Menschen das Unterbewusste regiert. Man mag sich noch so sehr mühen, dem Tod mit vernünftigen Argumenten seinen Schrecken zu nehmen, die unbewussten Ängste wird man so nicht beschwichtigen können. "Tief unter der Oberfläche des Bewusstseins rumort ständig diese Panik", sagt Sheldon Solomon.
Mit einer Serie raffinierter Experimente hat der Psychologe vom Skidmore College in Saratoga Springs das heimliche Wirken der Angst vor dem Tod sichtbar gemacht. Wieder und wieder zeigte sich dabei: Wenn Menschen auch nur beiläufig an die eigene Sterblichkeit erinnert werden, verändert dies die Art ihres Handelns. Sie halten mehr an ihrem eigenen Wertesystem fest und grenzen Fremde verstärkt aus.
Wie aber lässt sich dieser unterschwelligen Angst begegnen? Wie kann man sie besänftigen oder zähmen? Es ist schwierig, Einfluss aufs Unterbewusste zu nehmen, gerade weil es bewussten Interventionen nicht zugänglich ist. Solomon empfiehlt, das Selbstwertgefühl zu stärken, weil das den wirksamsten Schutz vor Anfechtungen und Ängsten des Unterbewussten biete. Bei vielen Menschen ist jedoch das Ich sehr fragil. Außerdem kann selbst eine gehörige Portion Selbstbestätigung die unbewusste Todesangst allenfalls lindern, besiegen kann sie sie nicht.
Doch die Psychologen haben auch Trost zu bieten: Die Natur, so fanden sie heraus, scheint die Seele mit einer Art Hornhaut ausgestattet zu haben, die Schutz vor der Todesangst bietet. Diesen Schluss lassen besonders die Befunde der Alternsforscherin Laura Carstensen von der Stanford-Universität zu. Sie verfolgte, wie sich die allgemeine Lebenszufriedenheit von Menschen im Verlauf ihres Lebens wandelt. Zu ihrer Verblüffung stellte sie fest: Sie nimmt zu. Zwar lässt die Kraft nach, die Glieder werden mürbe, und die alltäglichen Verrichtungen kosten mehr Zeit; doch all das macht die Menschen offenbar nicht verzagter, sondern im Gegenteil, ihr Lebensmut wächst.
Carstensen hat auch eine Erklärung für dieses Phänomen. Intuitiv schätze jeder Mensch die Zeit ab, die ihm auf Erden noch bleibe. Und je knapper diese bemessen ist, desto mehr wende sich seine Aufmerksamkeit der Gegenwart zu, glaubt die Forscherin. Statt sich Sorgen um die Zukunft zu machen, leben die Älteren im Hier und Jetzt. Sie interessieren sich nur noch für die engsten Freunde und Verwandten, während die Jungen sich voller Beklommenheit daran machen, neue Beziehungen zu knüpfen. Insofern scheint es, als werde gerade das Wissen um die eigene Endlichkeit, das die Jungen so peinigt, für die Alten zum Trost.
Es kommt also auf die innere Einstellung an, und dies gilt nicht nur für das Verhältnis zum Tod, sondern auch für dasjenige zum Altern. Als Beleg dafür mag ein klassisches Experiment gelten, das Ellen Langer bereits vor 35 Jahren durchgeführt hat.
Die Psychologin der Harvard-Universität lud acht alte Männer in ein ehemaliges Kloster im US-Bundesstaat New Hampshire ein. Der Trip wurde für die über Siebzigjährigen zur Zeitreise. Langer hatte für sie eine Welt eingerichtet, in der alle Spuren der letzten 20 Jahre getilgt waren: Keines der Möbel war jüngeren Datums, an den Wänden hingen nur alte Fotos. Im Fernsehen liefen Schwarz-Weiß-Serien aus den Fünfzigerjahren, die ausliegenden Zeitschriften befassten sich mit Castros Revolution und den ersten Satelliten im All. Auch hatte Langer ihre Probanden angehalten, sich vorzustellen, dass sie wirklich in die Vergangenheit zurückversetzt seien.
Fünf Tage verbrachten die Männer in dieser künstlich geschaffenen Zeitinsel. Dann wurden sie genauestens von der Forscherin untersucht. Die Ergebnisse waren frappierend: Es zeigte sich, dass diese wenigen Tage gereicht hatten, die Greise markant zu verändern. Ihr Griff war kräftiger, ihr Gang aufrechter, ihr Gehör schärfer geworden. Sie sahen genauer, und auch ihr Gedächtnis funktionierte wieder besser.
Ewiges Leben, demnächst für alle? Ein Traum für Gläubige und auch für Forscher – es wird wohl ein Traum bleiben. Ein wenig Jugend aber, so scheint es, lässt sich allein durch den Glauben an sie erlangen.


Mail: johann.grolle@spiegel.de

Als der Mensch seiner Endlichkeit gewärtig wurde, suchte er diesen Gedanken mit Jenseitsfantasien zu betäuben.

Ewige Jugend muss nicht erst erfunden werden. Es gibt sie längst, und das seit Milliarden Jahren.

Über den Autor

Johann Grolle, Jahrgang 1961, ist Korrespondent in Boston, der Welthauptstadt des Geistes. Wie an keinem anderen Ort lässt sich hier verfolgen, wie sich das Weltbild der modernen Wissenschaft formt und verändert. Aus den Labors und Denkerstuben von Harvard und dem MIT berichtet Grolle, der zuvor 18 Jahre lang das Wissenschaftsressort des SPIEGEL geleitet hat.

* Die Aufnahme auf dieser Seite sowie die Bilder auf Seite 15 und 18 (jeweils unten) entstammen dem Fotoband "Prospect of Immortality" von Murray Ballard.
Von Johann Grolle

DER SPIEGEL 16/2017
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