15.04.2017

EssayVerdammte Ewigkeit

Warum wir den Tod brauchen, um unser Leben gut zu leben Von Nils Minkmar
Wir sind weit gekommen. Schon sind die ersten Kinder mit drei biologischen Elternteilen geboren worden. Mit wenigen Gesten können wir Bilder von Toten aufrufen, können Michael Jackson oder Amy Winehouse singend und tanzend bewundern, jünger und frischer als wir selbst. Bluttransfusionen, Kernspintomografien, Organtransplantationen, all das sind Praktiken, die zur Routine jedes Uniklinikums gehören. Vom Sofa aus bestellen wir Waren aus China und erlauben uns einen mittleren Wutanfall, wenn sie nicht binnen kürzester Frist unbeschädigt zur Wohnungstür gebracht werden. Wir halten es für eine Zumutung, wenn im Zug keine Internetverbindung zustande kommt oder im Wald ein Funkloch klafft. Bald gehorchen uns Geschwader von Drohnen, um Brötchen vom Bäcker zu holen, die Katze vom Baum oder rund um die Uhr über den Kindern zu schweben.
Wir überwinden Grenzen, die für alle Menschen, die vor uns diesen Planeten bewohnten, so unabänderlich schienen wie der Lauf der Sterne und der Wechsel der Jahreszeiten. Über Jahrhunderte hätten auch vernünftige Vorfahren für solche Phänomene nur einen einzigen Begriff verwendet: Zauberei. Wir nennen es Alltag.
Warum also sollten wir die wenigen Grenzen akzeptieren, die uns noch einengen? Warum kombinieren wir nicht unsere gewaltige Rechenpower mit virtuosem Genom-Editieren und überwinden noch die letzte Grenze, den Tod? Er steht jedem vor Augen. Manchmal bedrohlich nahe, dann wieder undeutlich fern, verborgen im Nebel dessen, was wir alles nicht wissen. Wer grübelt, wenn er einer Beerdigung beiwohnt, nicht über das Rätsel des Todes? Und wie oft möchte man sich nicht fügen, sondern ballt die Faust in der Tasche, vor Wut.
Der Himmel, also die Vorstellung eines erlösten Lebens in göttlicher Obhut, hat keine Konjunktur mehr – das Paradies scheint nur noch in der Werbung zu existieren. Und wenn einer sich danach sehnt, dann oft genug im Kontext einer furchtbaren irdischen Tat, um mit spektakulären Verbrechen eine Art Eintrittskarte zu kaufen.
Man hat schon immer mit dem Tod gehadert. Jede neue Apparatur, jedes neue Verfahren wurde auch mal darauf getestet, wie es in Bezug auf das Drama des Todes eingesetzt werden könnte. Half der Magnetismus bei der Kontaktaufnahme mit bestimmten Seelen oder hielt diese Kraft länger lebendig? Als Daguerreotypien im 19. Jahrhundert in Gebrauch kamen, ließen trauernde Eltern Porträts ihrer verstorbenen Kinder anfertigen, im Stile der ersten Familienporträts. Als könnte eine Abbildung der Leiche die Trauer lindern.
Davor war man bereits in der Lage, durch Stromstöße die Leichen oder Gliedmaßen von Tieren zu Bewegungen zu reizen. Mary Shelley hat das im Sommer 1816 weitergedacht; ihr "Frankenstein" ist bis heute nicht als Buch über geglückte Experimente bekannt, sondern als früher Horrorroman: weil das Herumdoktern an Kadavern, das Zusammenfügen hybrider Wesen und die elektrische Stimulation von organischem Gewebe sich nicht beherrschen lassen. Seit Frankenstein wissen wir: Solche Versuche verändern auch den, der sie unternimmt.
Nicht immer wurde das in der Moderne so wachträumend und romantisch zögernd beschrieben wie bei Mary Shelley. Ganz im Gegenteil: Radikal moderne Bewegungen nutzten einen emphatischen Totenkult, um die Gesellschaft fundamental zu erschüttern und das deutlich zu machen, um das Versprechen – oder wie wir heute wissen: die Drohung – eines neuen Menschen so zu demonstrieren, dass es auch noch der Letzte kapiert.
Ein Symbol dieser Versuche ist noch zu besichtigen: der balsamierte Leichnam des Gründers der Sowjetunion, Lenin. Er ruht bis heute in seinem Mausoleum an der Mauer des Kreml. Ganze Generationen von Wissenschaftlern waren seit seinem Tod 1924 damit beschäftigt, seinem Aussehen eine gegenwärtige, wie lebendige Qualität zu verleihen. Die Struktur des Körpers sollte beibehalten werden, das Fettgewebe wurde nach und nach ersetzt, die Haut immer wieder mit einer speziellen Lösung getränkt. Den Sowjetführern, insbesondere Stalin, ging es darum, dass Lenin seine Gestalt bewahre, seinen Teint und den Eindruck von Frische – als ruhte er bloß.
Auch Ho Chi Minh, Kim Il Sung und Kim Jong Il wurden solchen Behandlungen unterzogen – wie könnte man deutlicher zeigen, dass große Männer die Geschichte in völlig neue Bahnen lenken können, als mit der Ausstellung ihrer stets frischen Leichname? Und wie mächtig müssen dann erst die Ideen, Lehren und Prinzipien der Toten sein? Die Symbolik solch einer Inszenierung transportiert, wie jede Grenzverschiebung zwischen Diesseits und Jenseits, immer auch eine höchst irdische, eine politische Botschaft.
Jeder stirbt – diese Erkenntnis ist nicht nur der Beginn aller Philosophie, sie steht auch am Ursprung von Familie, Gesellschaft und der Kultur. Dass wir auf eine gewisse Art zu leben haben, dass es wichtig ist, für Kinder und Partner zu sorgen, Vorsorge zu treffen, Schutz zu organisieren, dass wir Werte entwickeln und uns nach ihnen richten werden – all diese Überlegungen werden nur im Wissen um den stets möglichen eigenen Tod zu Verbindlichkeiten. Erst die Möglichkeit des Todes, der Schrecken, der uns in die Glieder fährt, wenn jemand plötzlich stirbt, verwandelt unsere vagen Tagträume darüber, wie man leben soll, in eine To-do-Liste. Die Brutalität und Anarchie des Todes führt dialektisch zur Erfindung von Institutionen, zur Formulierung von Werten – so werden wir zu sozialen Wesen, die vorsorgen, die Geschichten erzählen und Rituale erfinden, um zu trauern, sich zu erinnern.
Die bürgerliche Gesellschaft ist so entstanden. Einer der zentralen Texte dazu stammt von Herodot. Sein Protagonist ist der Vater der athenischen Verfassung, der weise Solon. Der noch heute sprichwörtliche Krösus hatte ihn durch seine Paläste und Gärten führen lassen und ihm in frühem Donald-Trump-Stil sein ganzes Bling-Bling präsentiert. Dann stellte er dem berühmten Gesetzesmacher eine Frage, die diesen in die Bredouille brachte: Ob er, Solon, der so weit gereist sei, einen Menschen getroffen habe, der unter allen anderen der glücklichste war? Krösus fragte das, bemerkt Herodot, in der Absicht, selbst als der glücklichste genannt zu werden.
Solon, und das war nun die Bredouille, war einerseits der Gast des Krösus, wurde verwöhnt und wollte sich andererseits aber nicht einschleimen. Er dachte nach und gab eine sachliche Antwort: Er nannte Tellos, einen Bürger Athens. In heutigen Begriffen einen Nobody – der noch dazu nicht mehr am Leben war. Macht, Geld und Ruhm waren es nicht, die diesen Tellos auszeichneten, aber was dann? Krösus staunt, zwischen amüsiert und eifersüchtig, und hakt nach. Solon entwirft dann in wenigen Sätzen das bis heute wirksame Programm bürgerlicher Tugenden samt passendem sozialem Glücksbegriff: Tellos lebte in der Blüte seiner Stadt, hatte eine Frau, ein Auskommen, gelungene Kinder. Besonders aber wurde das Leben des Tellos durch den Tod: Er griff in eine Schlacht dergestalt ein, dass seine Heimat, Athen, den Sieg davontrug. Dabei kam er ums Leben, und die Stadt bestattete ihn auf öffentliche Kosten und ließ ihm große Ehre zuteilwerden. Damit skizziert Solon das bürgerliche Ideal der Mäßigung, das zu Geld und Macht des Despoten eine Alternative entwirft. Der Tod wird genutzt, um dem Leben einen sozialen Sinn zu geben.
Die Vorstellung des medizinisch ermöglichten ewigen Lebens ist das umgekehrte Projekt: den Menschen in eine permanente Gegenwart zu befördern. Es ist der paradoxe Wunsch danach, den Menschen von der einen Qualität zu befreien, die uns erst zu Menschen macht, nämlich dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Ein Wesen, das nie endet, wäre kein Mensch mehr, denn die Unvollkommenheit, die Zerbrechlichkeit, die historische Bedingtheit sind unsere konstitutiven Merkmale. Dass wir Grenzen erfahren, ist der Kern menschlicher Erfahrung.
Über was würde man unter tausendjährigen Quasi-Mumien reden, die noch einmal tausend Jahre Langeweile vor sich haben? Wie freut man sich über das fünfhundertste eigene Kind, und was empfindet man beim Jawort der dreihundertsten Ehe? In Wahrheit werfen uns solche Gedankenspiele schnell auf das zurück, wovon sie abzulenken suchen. Wir sind Wesen, die nach einer Perfektion streben, die uns nicht gegeben ist. Darum versuchen jedes Jahr Sportler, sich als Ironmen und -women zu beweisen, als wäre nicht die verführerische Weichheit und Wärme unserer organischen Materie unser hervorstechendstes Merkmal. Darum optimieren sich gesunde und glückliche Menschen immer weiter, halten Diät, kaufen Wundercremes, buchen Trainingsstunden und Seminare – es geht immer noch besser. Und selbst wer schon reich, berühmt und den ganzen Tag von Lobhudlern umgeben ist, könnte versuchen, sich wie in Don DeLillos Meisterwerk "Null K" tiefkühlen zu lassen, um sich vor irdischer Vergänglichkeit zu schützen – das perfekte Leben endet als Tiefkühlware.
Die erhoffte Befreiung von den letzten irdischen Grenzen wird nicht gelingen, denn die Dauer des Lebens verändert nicht seine Qualität, nicht, wie wir es empfinden. Das Alter, die Zahl der schon gelebten und die unbekannte Zahl der noch zu lebenden Jahre sind nur wenige unter vielen Faktoren, die die Conditio humana bestimmen. Wer es sich auf der Erde in siebzig Jahren nicht nett macht, dem werden auch achthundert weitere Jahre voller Nachbarschaftsklagen, Ehezwist und Meckern über seine unzulänglichen Kollegen nicht weiterhelfen.
Selbst als attraktive Alte mit XXL-Lebenserwartung werden wir uns im Dunkeln mit dem Zeh am Bett stoßen und vor Liebeskummer weinen. Wir werden auch dann noch vielfältig beschränkt und von schwankender Klarheit sein. Das Ende des Lebens mag in weiter Ferne sein, aber das Rätsel bleibt ungelöst, der Schock der Geburt unberührt. Was mache ich hier? – die existenzialistische Grundfrage – wird auch dann nicht weniger drängend, wenn man die Lebensdauer einer Riesenschildkröte erwarten darf. Daran, dass wir Mängelwesen sind und auf Erden irgendwie nur halb zu Hause, dass wir Kleidung, Nahrung, Wasser und Gesellschaft brauchen, dass wir immer nur die Hälfte verstehen und mindestens so viel zerstören, wie wir errichten, wird nichts besser, wenn wir open end leben. Nach wie vor werden sich Menschen die Haare raufen wegen der Zumutungen dieses seltsamen Lebens. Genau in der Verzweiflung über erneutes Misslingen – wieder entlassen, wieder verlassen, wieder verloren – sind wir nah an der Ewigkeit: Der Ärger über die irdische Beschränktheit und unsere ganz private Bescheuertheit vereint uns Menschen durch alle Zeiten.
Es ist mitnichten so, dass der Tod die einzige Grenze wäre, die wir vor uns haben. Dafür gibt es genug zu forschen, zu organisieren, zu verbessern, denn Kinder sterben noch an Hunger, an längst bekannten, nur unzulänglich behandelten Infektionen und ganz gewöhnlichen Kriegen und Verbrechen. Und auch wenn die medizinische Spitzenforschung, die sich einer effizienteren Bekämpfung von Krebs und anderen lobenswerten Zielen widmet, im Namen eines fortschrittsoptimistischen Humanismus unbedingt zu unterstützen ist, bleibt ein Ziel ebenso wichtig: das Leben, in das man, ohne danach verlangen zu können, geboren wurde, zu seinem eigenen zu machen. Es wirklich zu leben und sich – so gut es geht – daran zu freuen. Denn in solcher Lebensfreude, in Euphorie und Zufriedenheit, findet wiederum der Tod seine Grenze. ■
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 16/2017
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