22.04.2017

So gesehenAuf der Flucht

Horst Mahler schreibt noch einmal Geschichte.
Sein Strafverteidiger Otto Schily wurde später Bundesinnenminister, sein Kanzleikollege Christian Ströbele eine Galionsfigur der Grünen – Horst Mahler aber wandelte sich vom Apo-Aktivisten zum RAF-Mitglied und später zum Antisemiten und verurteilten Holocaust-Leugner. Seine früheren Mitstreiter marschierten vom linken Rand ins Zentrum der Gesellschaft, bis an die Spitze der Republik. Mahler ist immer draußen geblieben. Sein Leben ist geprägt von der Auflehnung gegen das System – und der Hybris, es mit ihm aufnehmen zu können. Es ist daher konsequent, dass der nun über 80 Jahre alte Staatsfeind die Haftverschonung, die ihm wegen schwerer Krankheit gewährt wurde, dazu nutzte, wieder antisemitische Reden zu schwingen. Es ist ebenso konsequent, dass Mahler deshalb wieder zur Haft antreten sollte. Dem Knast hat er sich nun durch Flucht entzogen, er sucht Asyl "in einem souveränen Staat", teilte er per YouTube-Video mit. Sollte er dort ein WLAN vorfinden, wird er sich gewiss wieder melden – die Frage ist nur, wie: als konvertierter IS-Propagandist aus dem Terrorkalifat? Als Verfechter der Juche-Ideologie aus Nordkorea? Oder per Selfie mit dem grauschnauzrigen Hitler, der, die Kenner wissen das, in der Antarktis auf seine Rückkehr wartet?
Alles ist möglich, sofern Mahler auf seiner womöglich letzten großen Fahrt nicht als erster Mensch von der Kante der Erdscheibe purzelt. Wobei: Damit hätte diese deutsche Randfigur dann doch noch Geschichte geschrieben.
Von Stefan Kuzmany

DER SPIEGEL 17/2017
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