22.04.2017

NRWMärchenstunde

„Kein Kind zurücklassen“, versprach die Regierung und gab Milliarden Euro für Bildung aus. Was hat's gebracht? Zu Besuch an einem sozialdemokratischen Lieblingsort: einer Gesamtschule.
Die Referendarin schaltet ihr Handy ein. "Ihr könnt den Kopf beim Zuhören auf den Tisch legen", sagt sie, dann erklingt die Stimme eines Erzählers aus dem Lautsprecher. Der Lehrplan im Fach Deutsch sieht in der fünften Klasse Märchen vor. Das vom Froschkönig erzählt von der Gefahr, verkannt zu werden, und von einer Elite, die ihr Versprechen nicht hält.
Die Schüler der Gesamtschule Wanne-Eickel stammen aus der Türkei, Russland, Albanien, Marokko, dem Libanon, Serbien, Polen, Syrien und Deutschland. Und so unterschiedlich ihre Lebensgeschichten sind: Oft spielt in ihren Elternhäusern Schule kaum eine Rolle. Es sind Kinder darunter, die Cola und Chips in den Unterricht mitbringen, aber keine Stifte; Mädchen, deren muslimische Familien ihnen das Schwimmen untersagen; Jungen, die tagelang dasselbe T-Shirt tragen.
Mehr als 40 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund, viele leben mit Eltern und Geschwistern von den Bezügen aus Hartz IV. "Standorttyp fünf" heißt das in der Sprache des Schulministeriums. Brennpunkt wäre ein anderes Wort.
"#NRWir machen Schule", steht auf Plakaten, mit denen sich die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen um eine neue Amtszeit bewirbt. An Parolen mangelt es auch in diesem Wahlkampf nicht. "Chancen geben, Kinder fördern", steuert der grüne Koalitionspartner bei. Die CDU wirbt mit "Mehr Lehrer, weniger Unterrichtsausfall", die AfD mit "Ohne Bildung ist alles nichts". Und Die Linke ballt die rechte Faust für "Hannelores vergessene Kinder und Schulen".
Ökonomen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen und des Instituts der deutschen Wirtschaft bescheinigen NRW, das den Strukturwandel zu bewältigen hat, Stagnation. Da muss eine Gesellschaft, das ist die brisante Botschaft hinter den matten Parolen, auf Wissen und Kompetenzen ihrer Kinder setzen.
Das ist die Hoffnung, aber die Realität ist nicht nur in der Gesamtschule Wanne-Eickel eine andere. Viele Schüler "laufen am Limit", so sagt es die Klassenlehrerin, und so urteilen zahlreiche Lehrer in dieser Region: Trotz Ganztagsunterrichts und eines zusätzlichen Fachs "Sprache", trotz Theaterspiels, Instrumentenkunde und naturwissenschaftlicher Experimente sind viele Kinder am Ende der Schulzeit nur unzureichend für das Leben gewappnet.
"Kein Kind zurücklassen" lautet Krafts Motto, die Leitlinie ihrer Politik der vergangenen Jahre. Es ist das alte sozialdemokratische Versprechen von Chancengleichheit und Gerechtigkeit: Über den Werdegang soll nicht Herkunft oder Einkommen der Eltern, sondern das Talent des Kindes entscheiden – und das gelte es mit allen Mitteln zu fördern.
"Kekiz" begann 2012 in 18 Städten und Gemeinden mit acht Millionen Euro für frühe Hilfen und "Präventionsketten", in denen sich die Ämter vernetzen sollten; später kamen 22 weitere Kommunen hinzu. Gleichzeitig startete "Kaoa", "kein Abschluss ohne Anschluss", um den Übergang von der Schule in den Beruf zu ermöglichen und zu verhindern, dass immer mehr Jugendliche in öffentlich geförderten Maßnahmen feststeckten. Ab der achten Klasse fragen "Potenzialanalysen" Neigungen und Interessen ab. Regelmäßig besuchen Talentscouts der Hochschulen höhere Jahrgänge und erklären, was ein Studium ist und wie es sich finanzieren ließe.
Mehr als 200 Milliarden Euro habe sie seit 2010 in Kinder, Bildung und Familien investiert, erklärt Kraft, sie habe Kitaplätze geschaffen und die Inklusion auf den Weg gebracht – also dafür gesorgt, dass Jungen und Mädchen mit besonderem Förderungsbedarf in Regelschulen mitlernen.
Tatsächlich sind die Erfolge, deren sich ihre Regierung rühmt, recht überschaubar. In keinem Bundesland besuchen, gemessen an der Gesamtzahl, weniger Kleinkinder eine Kita als in Nordrhein-Westfalen. 52 Bürgermeister reichten Klage ein, weil sie die bewilligten Gelder für die Inklusion als unzureichend ansehen. Und jedes fünfte Kind lebt in Armut.
Die soziale Kluft sei in Nordrhein-Westfalen und vor allem im Ruhrgebiet besonders groß, so lautet das Ergebnis mehrerer Studien. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht von einer "armutspolitischen Problemregion".
Die Klassenlehrerin hat den Unterricht der Referendarin im Hintergrund verfolgt. Schnelle Methodenwechsel, moderne Medien, individuelle Förderpläne und Arbeitsblätter für jedes Kind – so sieht das Werkzeug moderner Pädagogik aus, das an den Universitäten gelehrt wird. Im Alltag scheitere die Theorie oft schon an der Ausstattung der Schulen, urteilen die beiden Frauen. Die Referendarin hat den Bluetooth-Lautsprecher für die Märchenstunde und die Packpapierrollen für die Gruppenarbeit von zu Hause mitgebracht. Von manchen Tafeln in den Klassenräumen bröckelt der Belag.
"Aber vor allem fehlt Personal", sagt die Klassenlehrerin. Stephanie Otto weist auf den Plan an der Wand, für manche Stunden sind zwei Pädagogen eingetragen. "In Wahrheit lässt sich das so oft nicht einhalten", sagt sie. Zu ihren Kollegen zählen auch zwei Sonderpädagogen und zwei Sozialpädagogen. "Bei einer Schule dieser Art und insgesamt fast 1200 Kindern? Viel zu wenig." Allein zu ihrer Klasse gehören zwei Flüchtlinge und zwei Förderschüler.
In der sozialdemokratischen Bildungspolitik spielen Gesamtschulen eine Schlüsselrolle. 1978 beschloss die damalige Landesregierung, sie flächendeckend in Nordrhein-Westfalen einzuführen. 3,6 Millionen Unterschriften eines Volksbegehrens verhinderten die Pläne, das Ideal einer Schule für alle aber wirkte fort: Starke und schwache Kinder lernen voneinander, die einen Sozialkompetenz, die anderen Wissen und Methoden. Doch in den meisten Gesamtschulen zählen die Leistungsstarken schon lange zu einer kleinen Minderheit.
In Wanne-Eickel beginnen in der Abiturklasse jedes Jahr nur etwa 70 Jungen und Mädchen, zu den Prüfungen zugelassen wurden in diesem Frühling noch 52. Und egal ob Abitur, Haupt- oder Realschulabschluss: Die wenigsten finden gleich im Anschluss an die Schulzeit eine Lehrstelle. Statt in einen Beruf wechseln die meisten in ein Berufskolleg, wo weitere Schuljahre sie auf das Arbeitsleben vorbereiten sollen. Oft jahrelang, häufig vergebens: 14 Prozent Arbeitslosigkeit in der Nachbarstadt Gelsenkirchen, 10 Prozent im nahe gelegenen Bochum, fast 13 Prozent in Herne, der Stadt, zu der Wanne-Eickel gehört. Schreiben die Schüler Bewerbungen, bekommen sie selten eine Antwort.
Otto besuchte früher selbst eine Gesamtschule, nach dem Studium entschied sie sich bewusst wieder dafür. Sie mag die Schüler, deren oft unverstellte Art, und sie schätzt den Sinn ihrer Arbeit. Nun ist sie zum zweiten Mal schwanger, ihre Kinder möchte sie trotz toller Kollegen nicht in eine gewöhnliche Gesamtschule schicken. "Das Gleichgewicht fehlt", sagt Otto. Am Ende gehe es neben dem Leistungsniveau ja um Werte. "Ich wüsste nicht, ob ich meine Kinder ausreichend stärken könnte, um zu verhindern, dass sie in eine Schieflage geraten."
Termin bei der Schulleiterin. Katharina Rodermund sitzt am Ende eines langen Flurs vor einem vollen Schreibtisch. An der Wand hängt ein weißes Ohr aus Pappmaschee, groß wie ein Unterarm. Während einer Projektarbeit haben Schüler darauf Wörter und Sätze geschrieben, die sie nicht mehr hören wollen.
Du bist schlecht.
Sechs.
You are too late.
Hurensohn.
Was dieses Schimpfwort auslöse, könne man sich kaum vorstellen, sagt die Direktorin. Selbst Fünftklässler formierten sich dann manchmal in Gruppen und gingen aufeinander los. "Dabei kennen einige nicht einmal die Bedeutung des Wortes. Aber sie wissen, dass es beleidigt."
Natürlich erlebe sie immer wieder Jungen und Mädchen, die über ihre Grenzen hinauswachsen, sagt die Direktorin, engagierte, höfliche Kinder. In den unteren Jahrgängen haben Schüler, auch die Jungs mit glänzendem Gel im Haar und dicker Silberkette, einmal aufgeschrieben, was ihnen wichtig ist: "Nicht kloppen. Nicht mobbing", "Nicht ärgern wegen Heimat und Ort und Hautfarbe".
Aber so unabhängig von der Herkunft, wie viele Politiker es gern behaupteten, sei der Schulerfolg keineswegs, sagt die Lehrerin. "Wenn Eltern einsehen, dass Bildung dabei hilft, das Leben zu meistern, gelingt es uns in der Regel, die Kinder auf einen guten Weg zu bringen. Dann spielen auch Sprachprobleme oder ein Migrationshintergrund kaum noch eine Rolle." Doch zahlreiche Kinder lernten zu Hause eine andere Haltung kennen: dass es in der Schule genauso ungerecht zugehe wie im Leben und alle Mühe vergebens sei. Und dass Unterricht nur den Anfang einer endlosen Schleife des Scheiterns bedeute.
Auf der Hälfte der Schüler laste das Erbe des Elternhauses. "Perspektivlosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Enttäuschungen, Verlorenheit", sagt Rodermund, "solche Prägungen können wir kaum mehr korrigieren."
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 17/2017
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