22.04.2017

JournalismusSchrei nach Liebe

Auf keine Zeitung prügelt Donald Trump so gern ein wie auf die „New York Times“. Geschadet hat ihr das nicht, im Gegenteil. Porträt einer Redaktion zwischen Erschöpfung und Euphorie. Von Isabell Hülsen
Es ist vormittags, halb elf, und Maggie Haberman sieht aus, als läge der Arbeitstag schon hinter ihr. Sie ist blass, die Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gerafft, Schatten liegen um ihre Augen. Haberman ist ein Arbeitstier, aber selbst sie ist "müde, einfach nur noch müde".
Die 43-Jährige ist Reporterin bei der "New York Times". Sie hat drei Kinder. Und Donald Trump. Seit sechs Uhr früh ist sie an diesem Tag im Einsatz. Ein halbes Dutzend Tweets hat sie schon geschrieben, ihre aktuelle Story ist seit ein paar Stunden online. Jetzt, auf dem Weg durch die Lobby zum Fahrstuhl, weichen ihre Augen und ihre Finger nicht vom Smartphone. Twitter, Facebook, E-Mail. Haberman liest, schreibt und redet gleichzeitig.
Haberman gehört in diesen Tagen zu den Stars der "New York Times". Sie kennt Trump schon lange und persönlich, sie hat seinen Wahlkampf begleitet und gehofft, dass es danach ruhiger wird – weil Hillary Clinton kommt. Stattdessen hat ihr Arbeitstag jetzt oft 20 Stunden, 130 Tweets und einen neuen Sinn. "Wir sind alle erschöpft", sagt sie, "aber das hier ist die Geschichte unseres Lebens."
Wofür sie sich aufreiben? Wofür es Journalisten braucht? Donald Trump liefert ihnen jeden Tag eine Antwort. Für die 1300 Redakteure der "Times" ist dieser Präsident ein Albtraum und ein Traum zugleich.
Morgens wacht Haberman mit dem Präsidenten auf. Sie hat, wie viele Kollegen, einen Twitter-Alarm auf ihrem Handy eingerichtet. Wenn er die "New York Times" mal wieder als "Fake News" beschimpft, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie ins Schwarze getroffen haben: mit exklusiven Geschichten, mit Fakten. Oder auch nur mit Details.
Zusammen mit einem Kollegen hat Haberman Anfang Februar einen Artikel über die ersten zwei Wochen der Trump-Regierung geschrieben, über das Chaos im Weißen Haus, den Frust der Mitarbeiter und einen einsamen Präsidenten, der abends im Bademantel fernsieht. Kaum ein Artikel hat Trump mehr in Rage versetzt. Sein Sprecher Sean Spicer keifte danach, die "Times" lüge. Der Präsident besitze gar keinen Bademantel. Trump selbst twitterte: Die "failing ,New York Times'", die scheiternde "Times", erfinde Fakten und Quellen. Fake News eben. Haberman kennt das schon. Es ist der neue, normale Umgangston zwischen der Regierung und der vielleicht bedeutendsten Zeitung der Welt.
Auf kein Medium hat sich Trump so eingeschossen wie auf die "New York Times". Seit seiner Kandidatur im Sommer 2015 hat er gut 70 Tweets darauf verwendet, das Blatt als "bösartig" und "unehrlich" zu diffamieren, eine "sterbende" Zeitung, die "nichts verstanden" habe, "irrelevant", "niedergehend", "lachhaft", "schwindende Nutzer und Leser", ein "Feind des amerikanischen Volkes".
Die Redaktion selbst zählt die Attacken laufend mit. Sie hat die Tweets sogar schon abgedruckt. Jeder einzelne ist ein Ehrenabzeichen, ein Beleg für die Relevanz der Zeitung und dafür, dass Trump sie liest – und ernst nimmt.
Vor vier Wochen, als seine Gesundheitsreform scheiterte und Trump wie der Kaiser ohne Kleider dastand, rief er aus dem Oval Office genau zwei Reporter an, um ihnen seine Sicht auf die Wahrheit zu verkaufen. Eine davon war Haberman.
Sechs Tage später war die "Times" wieder eine "Schande für die Medienwelt". Trump drohte ihr via Twitter, das Presserecht zu verschärfen. Nur um Haberman vor zwei Wochen erneut zum exklusiven Interview im Weißen Haus zu empfangen.
So geht es die ganze Zeit. Trump und die "Times", das ist eine innige Hassliebe und eine merkwürdig ambivalente noch dazu. Der Präsident hasst die "Times" – und will doch von ihr geliebt werden. Die "Times" lässt an Trump kein gutes Haar – dabei gibt ausgerechnet er der Zeitung gerade die Chance auf eine digitale Zukunft.
Mit Trump ist es wie mit einem Kind, das beißt und kratzt, weil es sich nach Liebe sehnt. Aber der Job der "Times" ist es nicht, den Präsidenten zu preisen. "Die Wahrheit ist unparteiisch", sagt Haberman.
Trumps nächste Twitter-Attacke wird deshalb nicht lange auf sich warten lassen. Die Angriffe des Präsidenten aber sind das Beste, was der Redaktion passieren kann: Mit jedem neuen Tweet steigen die Abo-Zahlen. Über eine viertel Million neue Digital-Abos hat die "Times" im letzten Quartal 2016 verkauft. "Trump Bump" nennen sie das hier.
Der Präsident hat damit, ungewollt, auch eine Frage beantwortet, die die "Times" seit Jahren umtreibt: Was muss die 165 Jahre alte "Gray Lady" tun, um in der flatterigen digitalen Medienwelt zu überleben? Der digitale Abo-Boom hat der Redaktion eine versöhnliche Antwort geliefert: Sie müssen keine Wassermelonen auf Facebook explodieren lassen, um im Netz Erfolg zu haben, und auch keinen luftigen "25 Dinge, die Sie immer schon wissen wollten"-Journalismus betreiben.
"Es sind unsere großen, harten Geschichten, die die Leser in Massen anziehen. Das feuert die Redakteure hier an", sagt Dean Baquet. Er ist seit drei Jahren Chefredakteur der "New York Times". Der 60-Jährige ist der erste Schwarze an der Spitze der Zeitung. Als Schuljunge schrubbte er jeden Morgen den Fußboden im elterlichen Restaurant in New Orleans – heute führt er eine Zeitung, die als das Sinnbild der New Yorker Elite schlechthin gilt.
Sein kleines Eckbüro liegt am Rande des Newsrooms im dritten Stock, auf dem Schreibtisch herrscht eine wohlsortierte Unordnung aus Büchern und Zetteln. Baquet schnappt sich schnell eine Dose Sprudel aus der Minibar und sinkt in sein schwarzes Ledersofa. Eine sanfte, distinguierte Erscheinung ist er: lilafarbenes Einstecktuch im dunklen Anzug, glatt polierte Schuhe, eine warme, fröhliche Stimme.
Nichts, sagt Baquet, habe die Redaktion so motiviert wie Donald Trump. "Die Größe und Tragweite dieser Geschichte ist einzigartig. Und wir sind dafür einzigartig gut aufgestellt." Ein Präsident, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ist ein Reflextest auf die Kraft der Redaktion. Mit 1300 Journalisten ist die "New York Times" eine der größten Nachrichtenmaschinen der Welt, die "Washington Post" etwa kommt nur auf gut halb so viele Redakteure. Fünf Millionen Dollar hat der Verlag nach der Wahl spendiert, um weitere Journalisten in Washington einzustellen, vor allem solche, die investigativ recherchieren. "Wir begleiten Donald Trump mit der Härte, die seinem Amt angemessen ist", sagt Baquet. "Und das ärgert ihn."
Mit kritischer Berichterstattung allein aber lässt sich Trumps Wut auf die "Times" nicht erklären. Auch CNN und die "Washington Post" gehen mit dem Präsidenten nicht zimperlich um. Und selbst das sonst so Republikaner-freundliche "Wall Street Journal" schrieb vor Kurzem, Trump hänge an der Unwahrheit "wie ein Besoffener an einer leeren Gin-Flasche". Und doch: Trumps Lieblingsfeind bleibt die "Times".
Baquet hat dafür eine eigene Erklärung, und vielleicht kann nur er das sagen, ohne überheblich zu klingen. "Donald Trump ist in Queens aufgewachsen und dann nach Manhattan gezogen. Er ist nicht in der Elite dieser Stadt groß geworden, aber er möchte von ihr anerkannt werden. Und die ,Times' ist nun einmal Teil der Elite dieser Stadt."
Die Anerkennung aber, die Trump von seiner Heimatzeitung erwartete, blieb sie ihm stets schuldig. Trump und die "Times", das ist deshalb auch die lange Geschichte einer enttäuschten Liebe.
Wenn man ihr nachspüren will, ist man bei Paul Goldberger an der richtigen Adresse. Der frühere Architekturkritiker der "New York Times" wohnt in einem Apartment an der Upper West Side, mit Blick in den Central Park. Chaiselongue am Fenster, Orchideen in Blüte, ein Flügel im Wohnzimmer und ein Arbeitszimmer voller Bücher. Goldberger verkörpert alles, was Trump schon deshalb verachtet, weil er es nicht besitzt: Stil, Eleganz, Intellekt.
25 Jahre lang hat Goldberger für die "Times" gearbeitet, für seine Architekturkritiken hat er einen Pulitzerpreis gewonnen. Als Trump 1987 sein Buch "The Art of the Deal" veröffentlichte und sich darin als New Yorks größten Immobilienentwickler bejubelte, schrieb Goldberger danach: Der Trump Tower verkörpere die ganze Gier und den Glitter und die Oberflächlichkeit der Trump-Welt, in der Geld mit Geschmack verwechselt werde.
Trump schrieb einen wütenden Brief an die Redaktion, wie er es oft tat, in Prä-Twitter-Zeiten. Goldberger habe keinerlei Geschmack. Der Journalist sei das Gespött der New Yorker Immobilienszene und überhaupt: Goldbergers Bücher seien nicht annähernd so erfolgreich wie seine, weil sie "unnötig und langweilig" seien. Trumps "größte Enttäuschung" aber sei die "New York Times", die es Goldberger gestatte, zu schreiben. Trump lud den Journalisten ein paarmal in seinen Mar-a-Lago-Club ein, doch Goldberger lehnte ab. Einmal ging er mit Trump mittags einen Burger essen. Trump umschmeichelte ihn als "wichtigsten Kritiker", brillanten Schreiber, die ganze Litanei der Komplimente. "Als er merkte, dass er uns nicht kaufen kann, dass er nicht kontrollieren kann, was ich schreibe", sagt Goldberger, "war ich der dümmste Idiot der Welt."
Das hielt Trump nicht davon ab, zwei nette Zeilen, die Goldberger über den Trump Tower geschrieben hatte, auf ein Werbeposter zu drucken und in der Lobby aufzuhängen – mit der Signatur der "New York Times" darauf, als höchster Instanz, deren Urteil in den besseren Kreisen der Stadt etwas zählt.
Von seiner Heimatzeitung erwartete Trump Dankbarkeit. New York lag in den Siebzigerjahren am Boden, die Kriminalität war hoch. Wer konnte, verließ den dreckigen Moloch. Es war Trump, der als Erster wieder investierte und baute – und dafür mit Steuernachlässen und Sondergenehmigungen belohnt wurde. Während Stadtväter und Boulevardblätter wie die "New York Post" dem Immobilieninvestor zu Füßen lagen, blieb er für die "Times" ein reicher Clown, eine Witzfigur, die in ihrem übergroßen Ego gefangen ist.
Zu seiner Enttäuschung mag beigetragen haben, dass Trump über Jahre teure Anzeigen in der Zeitung schaltete, um seine Luxusapartments und Bürohäuser zu verkaufen. Bei den Lesern der "New York Times" saß das Geld der Stadt, nicht bei den Käufern der Klatschblätter.
2010 gab sich Trump sogar für eine Werbekampagne der "Times" her. In einer Anzeige ließ er sich mit den Worten zitieren: "Es ist bekannt, dass ich jeden Morgen als Erstes die ,New York Times' lese". Sie habe die "richtigen Zielgruppen für unsere Projekte" und habe ihm geholfen, "die weltbekannte Marke Trump aufzubauen".
Die Redakteure der "Times" beeindruckte die Schmeichelei wenig. Bei den Boulevardblättern aber fand Trump Gehör. Seine Hochzeiten, seine Scheidungen, sein Reichtum – für die "New York Post" und die "New York Daily News" war Trump ein Star. Er rief die Redakteure an, lieferte Themen, Zitate, Fotos – alles wurde abgedruckt. Unter den Reportern der wichtigsten Klatschseite der Stadt, der Seite sechs der "New York Post", trug Trump den Spitznamen "President of Page Six".
"Trump hat die Boulevardblätter faktisch kontrolliert, er konnte bestimmen, wie die Story läuft, weil er ihnen Zugang gab. Das hat er bei der ,Times' nie bekommen", sagt Jim Rutenberg.
Rutenberg ist Medienredakteur der "New York Times". Er begann seine Karriere bei den Klatschblättern und kam mit Trump gut aus, bis er 2002 für die "Times" eine Geschichte über die fallenden TV-Quoten für Trumps Misswahlen schrieb. Trumps Agent rief an, Trump saß im Raum und brüllte: Er sei ein "Dreckskerl". "Ich hatte nur die korrekten Zahlen wiedergegeben, mehr nicht", sagt Rutenberg.
Fast alle "Times"-Redakteure, die je mit Trump zu tun hatten, haben schon Post von ihm bekommen: Kopien ihrer Artikel, auf die er Kommentare kritzelte: "Armselige Berichterstattung" oder, neben dem Foto einer Kolumnistin, "Hundegesicht".
Als Rutenberg im vergangenen Jahr die legendäre Medienkolumne der "Times" übernahm, war er erstaunt, dass Trump wieder mit ihm redete. Rutenberg hatte plötzlich ein anderes Problem: Selbst kleine Details, die er bei Trumps Sprecher erfragte, wollte der Präsidentschaftskandidat plötzlich lieber selbst beantworten. "Ich sagte nein, nein, das ist wirklich nicht nötig", erzählt Rutenberg. "Ich wusste, wenn er erst mal loslegt, übernimmt er meine Kolumne."
Die verkorkste Hassliebe zwischen dem Präsidenten und der "Times" gipfelte Ende November in einem Treffen in New York. Trump, frisch gewählt, hatte eingewilligt, sich 75 Minuten lang den Fragen der "Times" zu stellen, Chefredakteur Baquet und sogar Verleger Arthur Sulzberger sollten dabei sein.
Noch morgens früh twitterte Trump wütend, er habe das Treffen mit der "failing ,New York Times'" abgesagt, die Zeitung habe die Regeln für das Gespräch geändert: "Not nice". Das stimmte nicht. Und sechs Stunden später kam er doch. Versöhnlich, schmeichelnd, charmant sei er gewesen, sagen Redakteure, die dabei waren. Als Trump das "Times"-Gebäude an der 8th Avenue verließ, lobte er die Zeitung als "Juwel für Amerika und die Welt".
Gleich darauf schrieb das Blatt in einem Kommentar, für Trump gelte, was Ronald Reagan über die Sowjetunion gesagt habe: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. "Das ist der richtige Ansatz für den Umgang mit Mr Trump. Ausgenommen, leider: das Vertrauen." In Trumps Ohren musste das wie eine Kriegserklärung klingen.
Seither schlägt sich die Redaktion mit der Frage herum, was es heißt, über einen Präsidenten fair zu berichten, der glaubt, Frauen "an die Muschi fassen" zu können. "Wenn mir jemand erklärt, wie man darüber ausgewogen berichtet – ich wüsste es gern", sagt Rutenberg.
"Without fear or favor", furchtlos und unparteiisch, lautet das Credo der "Times" seit 1896. Was aber bedeutet das angesichts des neuen Wahnsinns im Weißen Haus?
Rutenberg hat dazu einen viel gelesenen und oft missverstandenen Artikel geschrieben, der die Ratlosigkeit auf den Punkt brachte: Trump als Gefahr für das Land zu beschreiben, als Demagogen, bei dem man Angst haben müsse, ob man ihm die Atomwaffen anvertrauen könne, sei für Redakteure ungewohntes Terrain und mit normalen journalistischen Standards für ausgewogene Berichterstattung schwer zu vereinen. Aber, fragte Rutenberg: "Gelten normale Standards noch?"
Rechtskonservative Medien von Breitbart bis Fox News lasen darin eine Anleitung, den Präsidenten unfair zu behandeln. Es passte gut in das Bild von der "Times" als links-intellektueller Echokammer, die sich von der Realität im Land abgekoppelt hat. Die so sehr auf Hillary Clinton gesetzt hatte, dass sie bis kurz vor der Wahl noch schrieb, die Chance für Clinton liege bei 85 Prozent. Von vielen Lesern, nicht nur aus dem Trump-Lager, wurde die Zeitung dafür kritisiert. Auch die Redaktion hat danach viel diskutiert, ob und, wenn ja, warum sie die Trump-Wähler nicht ernst genug genommen habe.
Doch seit Trump im Amt wütet, sind die Selbstzweifel in den Hintergrund getreten. "Dieser Präsident dehnt die Wahrheit weiter, als wir es je erlebt haben", sagt Rutenberg. "Wir müssen uns an die Fakten halten. Und wenn die Fakten etwas ergeben, was aus Trumps Sicht unfair ist, dann ist es so." Nach Trumps Amtsantritt hat die "Times" extra eine Redakteurin eingestellt, die laufend den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen prüft. Ihre Rubrik heißt "Fact Check": Was ist falsch, was nur irreführend? Wofür gibt es Beweise, wofür nicht?
Wann die Unwahrheiten des Präsidenten zur "Lüge" gereichen, darf allerdings nur Chefredakteur Baquet entscheiden. Mit dem Wort tut sich die Zeitung aus gutem Grund schwer: Lüge setzt eine Absicht voraus, in Trumps Kopf aber können sie schlecht recherchieren. "Das Wort Lüge sollte keine normale Erscheinung auf unseren Seiten sein", sagt Baquet. Aber Ausgewogenheit? "Kann nicht unser Ziel sein", sagt er. Was hieße das auch? "Wenn wir 25 Leute zitieren, die gegen Trump sind, müssen wir 25 finden, die für ihn sind? Das wäre falsch." Offenheit und Fairness seien das Ziel.
Während Baquet redet, läuft Arthur Sulzberger an der Glastür vorbei. "Arthur?", ruft Baquet durch die Scheibe. Der Verleger schiebt die Tür auf, einen angeknabberten Apfel in der linken, einen Stapel Papier in der rechten Hand. Ein kleiner, jovialer Herr in blau-weißem Hemd. Er will bloß wissen, womit sie morgen aufmachen: mit dem FBI-Chef, der bestätigt, Trumps Russland-Connection zu prüfen? Oder mit dem Geheimdienst, der keine Belege für Trumps Vorwurf hat, Obama habe ihn abhören lassen? Die Auswahl an diesem Tag heißt: Wahnsinn oder Irrsinn. Worüber die Redakteurin aus Deutschland denn schreibe, fragt Sulzberger. Über Trump und die "Times". Sulzberger seufzt: "Oh, boy."
Mit dem 65-Jährigen steht die vierte Familiengeneration an der Spitze der "Times". Während Verlegerdynastien wie die Grahams und die Bancrofts ihre strauchelnden Zeitungen verkauften, blieben die Sulzbergers der "Times" treu, trotz aller wirtschaftlichen Fährnisse.
Der Niedergang von Print hat die "Times" in den letzten zehn Jahren 650 Millionen Dollar Anzeigenerlöse gekostet. Allein die Gehälter aber verschlingen jedes Jahr über 600 Millionen Dollar. 2009 kämpfte der Verlag, hoch verschuldet, ums Überleben. Die Sulzbergers verkauften das neue, von Stararchitekt Renzo Piano entworfene Verlagshaus und anderes Vermögen. 17 Prozent ihrer Anteile veräußerten sie später an den mexikanischen Milliardär Carlos Slim. Auch die Redaktion musste sparen – doch während andere Verleger ihre Redaktionen kurz und klein schlugen, war für Sulzberger klar: Die "Times" überlebt nur, wenn sie ihre Qualität erhält.
Das zahlt sich nun aus. Doch Trump hat klargemacht, dass die "Times" nicht bloß eine Existenzberechtigung hat, sondern auch eine Pflicht, für ihr Überleben in der digitalen Welt zu sorgen: Ob die amerikanische Demokratie einen Präsidenten wie Trump unversehrt übersteht, hängt auch davon ab, ob es Medien wie die "Times" weiter gibt, die ihn zur Rechenschaft ziehen. Es ist kurios: Ausgerechnet der Präsident, der twitterte, jemand solle die "New York Times""in Würde sterben lassen", hat die Redaktion angespornt, für ihr digitales Überleben zu kämpfen.
Vor drei Jahren gelangte der interne "Innovation Report" der Zeitung versehentlich an die Öffentlichkeit. Das 97 Seiten starke Papier, verfasst von einem Team um Sulzbergers Sohn und designierten Nachfolger, den 36-jährigen Arthur Gregg Sulzberger, war eine schonungslose Bestandsaufnahme: Die "Times" hinke der Konkurrenz technologisch hinterher, die Redaktion sei zu langsam, noch immer zu sehr auf die gedruckte Zeitung fixiert. Sulzberger junior entließ die Redaktion mit einer Warnung: Wenn die "Times" sich nicht radikal wandle, verspiele sie ihren journalistischen Vorteil an digitale Wettbewerber wie BuzzFeed oder Huffington Post.
Das saß. Ausgerechnet die "Times", die mit ihrem Bezahlmodell im Netz branchenweit als Vorbild gilt, stand plötzlich da, als habe sie die letzten Jahre einfach verschlafen. Die wachsende Macht von Onlinekonkurrenten, die einbrechenden Werbeerlöse, der ständige Druck, gleichzeitig zu sparen und immer neue, digitale Ideen auf den Markt zu werfen, haben am Selbstbewusstsein der Redaktion genagt. Was, fragten sich viele, ist die Rolle der "Times" in der digitalen Welt? Wie soll die "Times" aus seriösem Journalismus ein digitales Geschäftsmodell machen? "Wir waren verunsichert", gibt Chefredakteur Baquet zu. An der täglichen Konferenz am Nachmittag lässt sich ablesen, wie weit die "Times" seither gekommen ist. Um halb fünf versammelt Baquet seine gut 20 Ressortchefs im Raum "Page One" – eine Reminiszenz: Die Seite eins der gedruckten "Times" war jahrzehntelang die wichtigste Nachrichtenseite der USA. Sie definierte, was das Land bewegt.
Über die gedruckte Zeitung wird in der Konferenz heute kein Wort mehr verloren, es geht einzig um die Homepage: Welche Geschichten gehen heute Abend, welche morgen früh auf die Website, was steht ganz oben, was unten? Manches davon wird erst ein oder zwei Tage später in die gedruckte Ausgabe wandern. Um die kümmert sich ein kleines eigenes Team. Noch lesen gut eine Million Abonnenten die "Times" auf Papier, die legendäre Sonntagsausgabe inbegriffen. 1,6 Millionen haben ein digitales Abo. Doch die Abläufe und Zwänge von Print sollen nicht länger den Takt angeben, der Zukunft im Weg stehen.
"Wir beginnen mit Trump", sagt Baquet. Lachen im Raum. Einer der Ressortleiter fragt: "Darf ich eine dumme Frage stellen? Warum bleibt Trump bei seiner Behauptung, Obama habe ihn abgehört? Ist er dumm? Lügt er? Ist das Taktik?" Eine Diskussion beginnt. Baquet regt an, der Frage in einem Artikel nachzugehen, weil sie auch Leser umtreibt. Hat der Investigativkollege dazu nichts herausgefunden? Sie frotzeln, die Stimmung ist ausgelassen. "Habt ihr Alkohol getrunken?", fragt Baquet die Washingtoner Bürochefin in der Telefonleitung. Noch irgendetwas zu Trump? "Nein, nur Normales."
Trump und die Digitalisierung – zusammen sei das "der perfekte Sturm", sagt Baquet. Trump habe der Zeitung einen gigantischen Zuwachs an Digital-Abonnenten beschert, aber: "Das erhöht den Druck auf uns, ihnen eine digitale Zeitung zu liefern, für die diese Leser bleiben. Wir müssen uns noch schneller verändern."
Für die Redaktion heißt das: noch ein Facebook-Live-Video drehen, ein Interview für den Podcast geben, schreiben, twittern. Die sechs Trump-Reporter in Washington arbeiten jetzt im Schichtdienst, um jederzeit online zu schreiben, wenn der Präsident für Nachrichten sorgt. Die Frühschicht übernimmt Trump ab sechs Uhr morgens, die Spätschicht kümmert sich bis weit in den Abend hinein. "Wenn der Präsident um 6.30 Uhr twittert, können wir uns keine Abläufe erlauben, bei denen erst um zehn Uhr ein Text online steht", sagt Baquet.
Im Januar hat er der Redaktion eröffnet, dass es trotz der Investitionen für Trump Einschnitte im Budget und Entlassungen geben wird. Wie viele, ist noch nicht klar, doch in die Euphorie und Energie mischt sich deshalb auch Angst vor dem, was kommt.
"Wir können die Zukunft nicht absagen, nur weil wir gerade eine große Story haben", sagt Geschäftsführer Mark Thompson. Trotz des Massenansturms digitaler Abonnenten ist der Gewinn zuletzt geschrumpft. Die Anzeigenerlöse aus der gedruckten Zeitung sanken schneller, als die Onlineeinnahmen stiegen. Zum digitalen Kulturwandel bei der "Times" gehört es, sich keine Illusionen mehr zu machen: Die gedruckte Zeitung wird irgendwann nicht mehr rentabel sein. Auf Anzeigen, egal, ob auf Papier oder im Netz, darf man nicht mehr bauen. Das Geld aus den Online-Abos muss dann reichen, um diese mächtige Redaktion zu finanzieren.
Welcher Weg vor ihr liegt, lässt sich an zwei Zahlen ermessen: Bis 2020 sollen die Digitalerlöse von 500 auf 800 Millionen Dollar im Jahr steigen. Bisher liegen die Kosten der Nachrichtenmaschine "Times" jedes Jahr bei 1,4 Milliarden Dollar.
Trump aber hat der Redaktion zumindest eine Gewissheit gegeben: "Egal, wie sehr wir uns verändern, es gibt Dinge, die wir nicht ändern sollten und müssen. Was zählt, ist noch immer guter, harter Journalismus", sagt Baquet.
Vor ein paar Wochen hat die "Times", trotz der kostenlosen Werbung durch den Präsidenten, eine eigene Anzeigenkampagne gestartet. "Wahrheit. Die Alternative ist eine Lüge", lautet einer der Slogans.
Eines der Plakate hängt in einem Bushäuschen an der Fifth Avenue. Es steht gleich neben dem Trump Tower.

Ob die Unwahrheiten des Präsidenten eine "Lüge" genannt werden, darf nur der Chefredakteur entscheiden.

Über die Autorin

Isabell Hülsen, Jahrgang 1973, begann ihre Laufbahn bei der "Financial Times Deutschland" und wechselte 2007 in das Wirtschaftsressort des SPIEGEL. Ihr besonderes Interesse gilt Medienthemen, vor allem der Frage, wie sich seriöser Journalismus in der digitalen Welt finanzieren lässt. Mail: Isabell.Huelsen@spiegel.de, Twitter: @spiegelin
Von Isabell Hülsen

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