29.04.2017

Interview„Uns stand die Welt offen“

Der Forscher Rainer Bölling über den Streber Karl Marx – und über heutige Abiturienten
Bölling, 72, war Geschichtslehrer in Erkrath bei Düsseldorf und schrieb das Buch "Kleine Geschichte des Abiturs".
SPIEGEL: Herr Bölling, Sie haben 1964 Abitur gemacht, vor mehr als 50 Jahren. Würden Sie mit heutigen Abiturienten tauschen wollen?
Bölling: Von den Anforderungen her hätte ich wahrscheinlich kein Problem. Wir mussten damals deutlich mehr leisten als die Abiturienten von heute.
SPIEGEL: Was denn?
Bölling: Es gab vier schriftliche Prüfungen; Griechisch, Latein, Deutsch und Mathe. Dazu eine Pflichtprüfung in Sport. Wählen konnten wir nicht, die Wahl hatten die Eltern für uns getroffen beim Wechsel aufs Gymnasium. Ich war auf einem Altsprachlichen Gymnasium, deshalb musste ich in Latein und Altgriechisch ran.
SPIEGEL: Wie liefen die Prüfungen ab?
Bölling: In den alten Sprachen mussten wir übersetzen, ohne Wörterbuch. Die Texte bekamen wir diktiert. Wer das griechische Original falsch notierte, hatte schon das erste Problem. Wich man zu sehr von den Vornoten ab, musste man ins Mündliche. Das lief so: Ich kam morgens in die Schule – und hatte keine Ahnung, in welchem Fach ich geprüft werden würde. In Mathe hatte ich zwar damit gerechnet. Aber als dann noch der Lateinlehrer kam und mich holte, war das eine böse Überraschung. Das waren knallharte Prüfungen. Aber 1964 machten auch nicht einmal zehn Prozent eines Jahrgangs Abitur.
SPIEGEL: Deshalb mussten Sie aber wahrscheinlich nicht darum bangen, einen Numerus clausus zu erreichen.
Bölling: Das gab es damals nicht. Wer das Abitur geschafft hatte, dem stand die Welt offen. Der konnte alles werden.
SPIEGEL: Es wird oft behauptet, das Abitur sei leichter geworden. Stimmt das?
Bölling: Es folgt eher einer Wellenbewegung. Vor knapp 200 Jahren war das Abitur extrem anspruchsvoll, vor allem im altsprachlichen Bereich. Das schafften nur absolute Überflieger. Karl Marx, Abi-Jahrgang 1835, war einer von ihnen.
SPIEGEL: Was musste Marx leisten?
Bölling: Er musste sieben schriftliche Prüfungen in einer Woche ablegen, darunter eine mathematische Arbeit, Übersetzungen ins Französische und ins Lateinische und eine Übersetzung vom Griechischen ins Deutsche. Außerdem verfasste er einen Aufsatz auf Latein – der war stilistisch richtig gut. Einen Monat später folgten die mündlichen Prüfungen: in Latein, Griechisch, Französisch, Mathematik, Physik, Geschichte und Religion. Das ist das härteste Abitur, das ich kenne.
SPIEGEL: Es gab auch Zeiten, in denen das Abitur deutlich leichter zu bekommen war.
Bölling: Während der beiden Weltkriege wurde es regelrecht verschenkt. Die jungen Leute sollten an die Front, das Abitur wurde zur Farce. Im Zweiten Weltkrieg reichte es oftmals schon, wenn Abiturienten zu einem sprachlich passablen Lobgesang auf den Führer fähig waren. Phasenweise wurden die Prüfungen sogar ganz ausgesetzt – was dazu führte, dass manche nach dem Krieg noch mal Abitur machen mussten, weil das NS-Notabitur nicht anerkannt wurde. Vicco von Bülow, Loriot, war einer von ihnen.
SPIEGEL: Wie ging es weiter?
Bölling: Nach der Oberstufenreform 1972 wurden die Standards wieder gesenkt. Man setzte weniger auf die Kernfächer, sondern auf Wahlfreiheit. Das verleitete allerdings zur Dünnbrettbohrerei. Ich hatte Schüler, die ohne das Prüfungsfach Sport nie durchs Abi gekommen wären. Deshalb drehte man die Reform in den Neunziger- und frühen Zweitausenderjahren Schritt für Schritt wieder zurück.
SPIEGEL: An welchem Punkt des Zyklus befinden wir uns heute?
Bölling: Seit gut zehn Jahren sinken die Anforderungen wieder.
SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Bölling: Den einen klaren wissenschaftlichen Beweis gibt es nicht, aber eine ganze Reihe von Hinweisen. Zum Beispiel das Experiment des Didaktikprofessors Hans Peter Klein. Er hat Elftklässler eines G9-Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen Aufgaben aus dem Mathe-Abitur lösen lassen. Das Ergebnis: Nur 2 von 22 Schülern scheiterten – obwohl sie den Stoff noch gar nicht hatten.
SPIEGEL: Wie kann das sein?
Bölling: Weil es heute im Abitur kaum noch um Wissen geht, sondern darum, die Aufgabenstellung gründlich zu lesen und das beigelegte Material in Bezug dazu wiederzugeben. Schüler sollen keine Fakten mehr pauken, sondern lernen, schnell und situationsbedingt Wissen zu verarbeiten.
SPIEGEL: Andererseits beklagen Abiturienten, die Schule bereite nicht aufs Leben vor – weil sie zu viel unnützes Wissen anhäuften. Als eine Kölner Abiturientin vor zwei Jahren twitterte, sie wisse nichts über Versicherungen und Steuern, könne aber in vier Sprachen eine Gedichtanalyse verfassen, erhielt sie viel Zustimmung.
Bölling: Das war schon sehr polemisch. Wenn sie wirklich vier Sprachen so gut beherrscht, dass sie darin eine Gedichtanalyse schreiben kann, hat sie etwas sehr Wichtiges aus der Schule mitgenommen. Ich rate davon ab, noch stärker auf Anwendung zu setzen. Die moderne Kompetenzorientierung suggeriert doch ohnehin schon, dass Faktenwissen unwichtig ist.
SPIEGEL: Wobei nicht alles Wissen, das früher vermittelt wurde, sinnvoll war.
Bölling: Das mag sein – Zahlenreihen in Geschichte zum Beispiel. Niemand muss Jahreszahlen herunterbeten können. Ein gewisses Orientierungswissen ist allerdings unabdingbar. Wenn jemand meint, vom deutschen Kaiserreich zu erzählen, und ich merke "Oh, das ist Mittelalter", das darf nicht sein. Bei Sprachen hingegen finde ich es regelrecht fahrlässig, wenn Schüler sich vor allem auf Wörterbücher und Apps verlassen, statt Vokabeln zu lernen. Wer kein Vokabular besitzt, kann keine Fremdsprachen sprechen.

"Es geht kaum noch um Wissen, sondern darum, die Aufgabenstellung gründlich zu lesen."

Interview: Miriam Olbrisch
Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 18/2017
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