29.04.2017

LeitkulturIm Totenschiff

Alexander Osang erklärt, warum sich Deutsche im Ausland fürchten.
Ich weiß nicht, wer die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes schreibt, könnte mir aber vorstellen, dass es ein Kollege ist, den sie nie rauslassen. Er sitzt in einem Berliner Büro, Kalender, Atlas, rückenschonender Stuhl, durch das Oberlicht zum Flur sickert ein beruhigender Neonschein, der Beamte vergleicht von seinem Schreibtisch aus die Welt mit Deutschland. Die Welt wirkt wild, roh, sie ist ein einziger Dschungel.
In seinen Ausführungen zu Ecuador folgt schon im zweiten Satz die Warnung: "Besuchern sollte allerdings bewusst sein, dass die Gefährdung durch Kriminalität deutlich höher als in Deutschland ist."
Vor ein paar Tagen saß ich auf dem Busbahnhof einer ecuadorianischen Kleinstadt am Rande des Regenwaldes und wartete auf einen Nachtbus, der mich nach Kolumbien bringen sollte. Ich trug eine Hose aus speziell gewirktem Tuch, die ich bei "Camp4" in der Karl-Marx-Allee gekauft hatte, wo man sich auf alle Abenteuer der Welt vorbereiten kann. Die Verkäuferin hatte erklärt, wie schwer es die tropische Mücke hat, durch diese Hose zu stechen. Zur Sicherheit empfahl sie Mückenspray, das man zusätzlich von außen auf die Hose sprüht. Ich nahm es, zusammen mit der Sherpa-Jacke, den leichten, aber festen Schuhen und dem Hightech-Rucksack. Im Spiegel sah ich aus wie einer der deutschen Krieger, die man überall auf der Welt trifft. Für den Fall, dass es eine Mücke doch durch die Spezialhose schaffen sollte, kreisten in meiner Blutbahn alle möglichen Impfstoffe, die mir meine Hausärztin nach Konsultation mit dem Tropeninstitut gespritzt hatte. Mein Impfausweis sieht aus wie der von Professor Grzimek.
Im Regenwald habe ich dann erfahren, dass es dort seit Jahrzehnten keine Malaria gab, es gab nicht mal Mücken.
Ich saß auf dem Busbahnhof und las eine E-Mail meiner Frau, die mich aus Berlin über die Guerilla-Situation im kolumbianischen Grenzgebiet informierte. Sie schrieb über die Farc inzwischen wie über alte Bekannte. Sie habe im SPIEGEL alles darüber gelesen, sagte sie. "Guter Text." Sie hatte mich auch über die Überflutungen im kolumbianischen Regenwald auf dem Laufenden gehalten. Im Anhang der Mail befand sich eine Mitteilung des Auswärtigen Amtes.
"Der Fahrstil in Ecuador entspricht nicht den in Mitteleuropa üblichen Standards. Insbesondere Busse sind sehr häufig in schwere Unfälle verwickelt. Besonders Fahrten in der Nacht sind mit einem erhöhten Risiko verbunden."
Es war kurz vor zehn. Ich checkte die Busstrecke auf Google, sie führte acht Stunden durchs Gebirge, immer dicht an der gefährlichen kolumbianischen Grenzlinie entlang, und löste sich irgendwann auf. Google Maps gestand, dass es keine verlässlichen Werte liefern könne. Aufgrund widriger meteorologischer Umstände. In diesem Moment konnte ich mir vorstellen, für immer auf dem kleinen Busbahnhof zu bleiben. Meine Tochter, die mich auf der Reise begleitete, sah mich mitleidig an. Seit Wochen belächelte sie meine Wasserflasche, die ich zum Zähneputzen benutze.
"Ich denke, du warst in Afghanistan", sagte sie.
Ich dachte kurz über die unterschiedlichen Mentalitäten von Journalisten und Touristen sowie über das Alter nach. Dann rief uns eine Stimme ins Totenschiff. Die Klimaanlage funktionierte nicht, und es waren etwa zwanzig Leute mehr im Bus, als es Sitze gab, unter anderem der Dicke, der neben meinem Sitz im Gang stand und mir die Nacht über seinen Hintern ins Gesicht drückte. Der Fahrstil entsprach nicht den in Mitteleuropa üblichen Standards, dazu war die Straße zu schlecht. Der Bus quälte sich wie ein Esel durch die Berge. Ab und zu hielt er, alle Männer mussten aussteigen. Nur ich nicht. Die Männer liefen schläfrig an einer Soldatenstreife vorbei und stiegen dann wieder ein. Es sah einstudiert aus. Ich hatte im Halbschlaf das Gefühl, dass sie es für mich machten. Für das Auswärtige Amt. Dass es zum Service gehörte. Zum Image, das der deutsche Reisende hier erwartet.
Mir fielen die Polizistinnen in Cuzco ein, die aussahen, als wären sie für eine sexy Cop-Serie gecastet worden. Models in engen Uniformen, die lässig an Motorrädern lehnten oder im Verkehr standen und pfiffen. Sie stellen die für uns auf. Als ich am Ostersonntag in der Kathedrale von Bogotá die Messe besuchte, waren etwa zehnmal so viele Polizisten wie Ministranten in der Kirche.
Was war zuerst da, die Angst oder die Polizei? Irgendwann kommt es darauf nicht mehr an.
Als ich den Todesbus im Morgengrauen an der Grenze verließ, glaubte ich, der Überlebende eines Wunders zu sein. Auf dem Weg in den Norden Kolumbiens, an die Grenze zu Panama, von der man sich laut Auswärtigem Amt fernhalten soll, las ich in einer deutschen Eilmeldung, dass der Freund von Arturo Vidals Schwester in Santiago de Chile erschossen worden war. Arturo Vidal ist Fußballer beim FC Bayern, seine Schwester lebt in Chile, und bei dem Freund handelt es sich um einen Exfreund. Je mehr man las, desto mehr verlor sich der Zusammenhang zwischen Deutschland und der südamerikanischen Gefahr, und dennoch hatte ich irgendwie den Eindruck, die Kugel habe mich gerade so verfehlt. Ich freute mich auf die Lufthansa-Maschine, die mich in ein paar Tagen nach Hause bringen würde.
Das bewirken die Reisewarnungen am Ende. Zu Hause ist es doch am schönsten.
"Von Gegenwehr bei Überfällen ist in jedem Fall abzuraten", schreibt das Auswärtige Amt.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 18/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Leitkultur:
Im Totenschiff

Video 01:06

Auftritt in Iowa Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"

  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Neue SPD-Spitze macht Ansage an GroKo: Mehr Klima, mehr Mindestlohn" Video 01:19
    Neue SPD-Spitze macht Ansage an GroKo: "Mehr Klima, mehr Mindestlohn"
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Erster Filmtrailer: James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben" Video 02:41
    Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Generalstreik in Frankreich: Schwarzer Donnerstag legt Paris lahm" Video 01:20
    Generalstreik in Frankreich: "Schwarzer Donnerstag" legt Paris lahm
  • Video "Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump" Video 00:46
    Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"