15.11.1999

KUBAScharmützel im Park

Die Zuckerernte fiel besser aus als im Vorjahr, Touristen bringen begehrte Dollar: Fidel Castros Regime gibt sich selbstbewusster denn je - und geht hart gegen Dissidenten vor.
Erwartungsvoll betraten die zwei Regimegegner am Mittwochmorgen den Parque Dolores in Lawton, einem Stadtteil von Havanna. Verabredet war ein Treffen mit Gesinnungsgenossen. Stattdessen empfing sie eine große Menschenmenge. Es gab Musik; hunderte Anwohner, darunter auffallend viele kräftige Männer und uniformierte Oberschüler, tanzten in der Grünanlage.
Die "spontane" Party war gründlich geplant. In der Nacht zuvor waren die wichtigsten Mitglieder der Lawton-Gruppe, die für die Freilassung politischer Gefangener demonstrieren wollte, verhaftet worden. Dann hatten Beamte der Staatssicherheit Posten bezogen. Als die Dissidenten dennoch sprechen wollten, hagelte es Schläge - Kubas berüchtigte Brigaden zum schnellen Eingreifen verhinderten, ähnlich wie Mielkes Schlägertrupps in der Untergangsphase der DDR, den aufkeimenden Protest. Die Demonstranten wurden in Autos gezerrt und weggefahren.
Das Vorstadt-Scharmützel offenbarte die angespannte Stimmung in Havanna. Anfang dieser Woche empfängt Kubas Fidel Castro Staats- und Regierungschefs aus Lateinamerika, Spanien und Portugal zur Iberoamerikanischen Gipfelkonferenz. Und da war der Comandante en Jefe keineswegs bereit, sich von "Mikrogrüppchen" die Show stehlen zu lassen.
Bei seinem jüngsten Fernsehauftritt richtete der Máximo Líder heftige Attacken gegen die Interessenvertretung der USA in Havanna. Deren Diplomaten hätten einige ihrer "Söldner" angestachelt, einen Gegengipfel zu organisieren.
Erstmals nannte Castro, 73, auch seine Gegner beim Namen. Besonders hart griff er den Erzbischof von Santiago, Pedro Meurice, an. Priester seiner Diözese hatten in einem Arbeitspapier die Regierung als "totalitär" bezeichnet. Überdies missfällt den Gastgebern, dass einige Regierungschefs, etwa Spaniens José María Aznar, Regimegegner und Verwandte politischer Häftlinge während ihres Aufenthalts in Havanna empfangen möchten.
Unmittelbar vor Eintreffen der ausländischen Gäste wollten sich erstmals Vertreter von etwa 60 Dissidentengruppen versammeln. Eine Erklärung sollte ihren Wunsch nach einem "friedlichen Weg zur Demokratie" dokumentieren.
Doch sintflutartige Regenfälle machten die Straßen schwer passierbar, und Castros Polizei hatte in der Nacht etwa 30 Aktivisten verhaftet oder in ihrer Wohnung festgehalten. So fanden sich am Freitagmorgen an die 20 Dissidenten in einem Haus am Rande der Hauptstadt ein. Für den wohl prominentesten Oppositionellen der Insel, Elizardo Sánchez, war das Treffen dennoch ein Erfolg: "Jetzt erfahren die Menschen hier, dass es uns wirklich gibt."
Sein Mitstreiter, der katholische Regimegegner Osvaldo Payá, glaubt gar, die Zeit sei reif für größere Straßendemonstrationen. Doch da täuscht er sich wohl.
Denn 40 Jahre nachdem "los barbudos" (die Bärtigen) den Diktator Batista stürzten und die Macht ergriffen, gibt sich das Revolutionsregime selbstsicher wie lange nicht mehr. "Heute ist ein Trauertag für alle, die glaubten, wir würden fallen wie die Mauer von Berlin vor zehn Jahren", spottete Außenminister Felipe Pérez Roque.
Der untersetzte Mann mit den tiefen Schatten unter den Augen war sieben Jahre lang Castros Privatsekretär. Im Mai setzte der Comandante ihn überraschend an die Stelle von Roberto Robaina. "Robertico", 43, lange der potenzielle Kronprinz, hatte mit seinen Gesprächspartnern in den USA und Europa offenbar zu nachgiebig verhandelt.
Den Verdacht, ein Schwächling zu sein, lässt der neue Star in der Staatsführung gar nicht erst aufkommen. Pérez Roque, 34, liebt markige Worte. "Jeden Tag geht es uns besser", sagt der einstige Elektroingenieur, "Wandel wird''s hier nicht geben."
Tatsächlich zeigt die Wirtschaftsentwicklung nach den Jahren der Krise, die dem Zusammenbruch des großen Protektors Sowjetunion folgten, leichte Besserung. Im ersten Halbjahr 1999 lag die Zuwachsquote bei 6,1 Prozent. Aber selbst bei einem jährlichen Wachstum von 7 Prozent wäre dann erst 2005 wieder der Stand von 1989 erreicht.
Immerhin: Die Zuckerernte stieg im Vergleich zum vorigen Jahr um 500 000 Tonnen. Und vor allem: 1,7 Millionen Touristen, darunter 220 000 Deutsche, bringen in diesem Jahr hunderte Millionen der begehrten Dollar ins Land.
Carlos Lage, 48, Vizepräsident des Staatsrats und Castros rechte Hand, lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass Hoffnungen auf eine weitere wirtschaftliche oder gar politische Öffnung Utopie bleiben: "In 15 Jahren werden wir ein noch stärkeres sozialistisches System haben", ob nun die Amerikaner das Embargo aufheben oder nicht. In der spanischen Zeitung "El País" warnte der Spitzenfunktionär: "Wir fördern nicht den Privatbesitz, sondern das staatliche Eigentum."
Doch der Socialismo Tropical überlebte vor allem dank einiger kapitalistischer Reformen, die Castro unter dem Druck der Krise zuließ. Ausländische Investoren wurden angelockt. Sie gründeten inzwischen 345 Joint Ventures mit staatlichen Firmen, vor allem im Tourismussektor.
Die einschneidendsten Veränderungen für die an gleiche Löhne und Staatsversorgung gewöhnten elf Millionen Kubaner brachte 1993 die Legalisierung des Dollarbesitzes sowie die Zulassung "selbständiger Arbeit". Diese ideologische Abirrung
schuf in Castros sozialistischer Mustergesellschaft ein Zweiklassensystem.
Nahezu jeden Abend sind die Tische des Paladar "La Guarida" im verfallenden Zentrum von Havanna besetzt. Ausländische Diplomaten reißen sich ebenso um die wenigen Plätze wie kubanische Yuppies mit Dollarquellen. Zu Musik der in Europa gefeierten Opas vom Buena Vista Social Club kann man hier gegen Dollar nahezu alles speisen - außer Hummer, der nur bei der staatlichen Gastronomie im Angebot ist.
Enrique Núñez, 31, eröffnete das Restaurant in der Wohnung seiner Eltern, die in einem verkommenen Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert liegt. Den prächtigen Marmoraufgang schmückt ein Gedicht des Máximo Líder: "Fürs Vaterland sterben heißt leben."
Hier drehte der Regisseur Tomás Gutierrez Alea 1993 den Film "Erdbeer und Schokolade". Touristen, die den Schauplatz des Kultstreifens sehen wollten, brachten Núñez auf die Idee, am Drehort Essen zu servieren. Jetzt ist er einer der erfolgreichsten Selbständigen in Castros Reich.
Die Ärztin Alina Pérez Martínez, 28, war noch nie bei Núñez zu Gast. Sie kann sich in der Mittagspause nur selten ein Erfrischungsgetränk leisten. Die allein erziehende Mutter eines zweijährigen Jungen arbeitet in einer Familienarztpraxis im ehemals großbürgerlichen Viertel Vedado und betreut dort die 761 ihr zugeteilten Bewohner der Umgebung. Dafür verdient sie 400 Pesos im Monat, 20 Dollar.
In ihrer Freizeit arbeitet die junge Mutter noch gratis in einem Informationszentrum über Sexualkrankheiten. Für sie ist der unentgeltliche Zugang zu Schulen und Gesundheitsversorgung die größte Errungenschaft der Revolution. Dafür ist sie bereit, Opfer zu bringen.
Doch solches Engagement teilen nur noch wenige der nach 1959 Geborenen, die schon 63 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Viele fragen sich, wozu sie studieren sollen, wenn sie dann zu einem Mangelleben verurteilt sind. Ein Taxifahrer verdient an einem Tag mehr als ein Akademiker im Monat. Die monatlichen Marken der Libreta für die subventionierten Grundnahrungsmittel reichen gerade mal zehn Tage.
Wer zu jener Hälfte der Kubaner gehört, die keine Verwandten in den USA hat, wer nicht selbständig ist oder bei einem ausländischen Unternehmen arbeitet, dem fehlt es an Alltagsgütern wie Seife oder Milch, und er muss weitgehend auf Fleisch verzichten.
Deshalb suchen viele junge Kubaner ihr Glück in der Visa-Abteilung der US-Vertretung, die jährlich 20 000 Inselbewohnern die Einreise in das gelobte Land des Kapitalismus erlaubt. Verliert Castros Revolution ihre Erben?
So weit ist es noch nicht. Schon 1960 wurden auf Kuba die Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) gegründet. Wie in einem Blockwartsystem überwachen sie die Bewohner ganzer Straßenzüge. Mit diesen Komitees gelingt es Castro, auch heute noch Menschen für die Ideale der Revolution zu begeistern.
Yadisney Vidal, 16, ist Kubas jüngste CDR-Präsidentin. Sie lebt in der Gemeinde Las Lajas, eine Autostunde vom Zentrum Havannas entfernt. Die Studentin, die Anwältin werden will, ist ihrem Idol Fidel Castro bereits persönlich begegnet. Das war auf dem letzten CDR-Kongress, als Yadisney in einer Rede gefordert hatte, die Jugend müsse mehr Verantwortung übernehmen.
"Fidel ließ mich rufen und umarmte mich", sagt Yadisney Vidal. "Ich musste weinen." Ohne auch nur einen Millimeter von der Parteilinie abzuweichen, hält es Yadisney für selbstverständlich, den Revolutionshelden nachzueifern. Denn schließlich wolle man sie eines Tages "ersetzen können".
Doch das dürfte noch eine Weile dauern. In Castros Reich zeigt niemand den Wunsch zurückzutreten, schon gar nicht der Revolutionsführer selbst. Und auch Kränkeln gibt es nicht.
Gleich nach dem Gipfel möchte er das noch einmal unter Beweis stellen. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez plant, mit seinen Baseball-Nationalspielern gegen Castros Auswahl anzutreten. Da will auch der Comandante mit zumindest einem großen Wurf seine Fitness demonstrieren. HELENE ZUBER
* In Havanna am vergangenen Mittwoch.
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 46/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUBA:
Scharmützel im Park

  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug
  • Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?
  • "Exosuit": Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug